12. März 2015

Chronik des Bombenkriegs: 12. März 1945 – Das Massaker von Swinemünde

von Benedikt Kaiser / 8 Kommentare

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Swinemünde (heute Świnoujście) auf der Insel Usedom, Kleinstadt an der Mündung der Peene und Vorhafen des pommerschen Stettin, war ab dem späten 19. Jahrhundert für seinen Kanal und preußische Festungsanlagen bekannt. Nach 1933 wurde ein U-Boot-Hafen für die Marine (Torpedoboote) angelegt. Ab Februar 1945 war die Stadt, die 1939 ca. 26 500 Einwohner zählte, Knotenpunkt deutscher Flüchtlingsströme aus den überrannten Ostgebieten.

Täglich kamen tausende Personen an; selbst 900 Gerettete der untergegangenen "Wilhelm Gustloff" wurden nach Swinemünde gebracht. Zehntausende Vertriebene und Flüchtlinge warteten auf ihre Verschiffung nach Dänemark oder Nordwestdeutschland. Dennoch wurde die Stadt von über 650 Bombern heimgesucht.

Hervorzuheben ist, daß die westalliierten Luftstreitkräfte über kaum eine Stadt so gut informiert gewesen sind, wie dies bei Swinemünde der Fall war. Das nahegelegene Peenemünde war V-2-Testgelände und daher im permanenten Fokus. Dementsprechend kannten die Aufklärungseinheiten der US-Amerikaner auch die überquollenden Lager in und um die Stadt, in denen sich Tausende Ostdeutsche, die dem Wüten der Roten Armee entkamen, drängten, und auf den Transfer Richtung Westen warteten, sei es per Bahn, Schiff oder Treck.

Hinzu kamen am 12. März 1945 14 weitere überfüllte Flüchtlingsschiffe, die noch am Kai lagen. Als Fliegeralarm ertönte, versuchten die Menschen, überhastet den Hafen zu verlassen. Das Chaos in Swinemünde wurde dadurch weiter verstärkt. Dann warfen die US-Bomber gegen 12 Uhr aus großer Höhe über 1500 Tonnen Bomben ab (vorwiegend Spreng- und Splitterbomben), insbesondere auf den Bahnhof, den Hafen, den Kurpark. An allen drei markanten Orten waren unzählige Flüchtlinge konzentriert.

Der Angriff auf die Kleinstadt dauert etwa eine Stunde, seine Bilanz war verheerend. Offiziellen Angaben zufolge starben 23 000, inoffiziellen Angaben zufolge gab es jedoch bis zu 28 000 Opfer. Weniger als 2 000 konnten identifiziert werden, denn die Masse der Ermordeten setzte sich aus nicht registrierten Flüchtlingen zusammen: Kinder, Frauen, Greise. Hinzu kam die Wirkung der Sprengbomben, die zahllose Körper zerfetzten und so eine Identifizierung unmöglich machten, sowie die verschiedenen Brandherde. Dennoch vermerkte die amerikanische Luftflotte die Einäscherung der schutzlosen Flüchtlingsstadt lapidar als "Angriff auf Rangierbahnhöfe".

Das "Massaker von Swinemünde" (Jörg Friedrich) wurde vollendet durch Tieffliegerangriffe der US Air Force auf die ankernden Schiffe. Mehrere wurden versenkt; Hunderte weitere Menschen starben. Die Toten, die geborgen werden konnten, wurden auf dem bereits erwähnten Hügel Golm in Massengräbern beerdigt; er ist mit 69 Meter über dem Meeresspiegel der höchste Punkt der Insel Usedom und ist mit bis zu 14 000 Bombentoten eine der größten Gedenkstätten Deutschlands überhaupt. Auf einer privat gestifteten Tafel ist die Gravur zu lesen:
20.000 Opfer des Bombenangriffs am 12. März 1945 auf Swinemünde. Eine Stadt sank in Trümmer. Vergeben, doch nicht vergessen. Wir gedenken der Toten.

Und in der offiziellen Gedenkstätte Golm wird gemahnt:

Golm

Literaturhinweise:
Günter Zemella: Warum mußten Deutschlands Städte sterben? Eine chronologische Dokumentation des Luftkrieges gegen Deutschland 1940-1945, 648 S., 24.90 €  hier bestellen
Björn Schumacher: Die Zerstörung deutscher Städte im Luftkrieg, 344 S., 24,90 € – hier bestellen

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (8)

Altbayer
12. März 2015 09:48
Kurze Anmerkung zu der Rubrik Literaturhinweise:

Es gibt ein lesenswertes Buch zum Luftangriff auf Swinemünde von Helmut Schnatz. Titel: "Der Luftangriff auf Swinemünde. Dokumentation einer Tragödie".
Karl Martell
12. März 2015 13:30
Der Krieg gegen Zivilisten begann schon ganz gezielt im amerikanischen Bürgerkrieg.

"Sherman hatte die ganz präzise Order: Kill and destroy,
die Parole des jungen Washington im
Unabhängigkeitskrieg. Sie war wörtlich gemeint, und der
»tüchtigste Feldherr der Union« nahm sie auch wörtlich.
Er begann einen mörderischen Verwüstungszug durch
die unschuldigen Städte und Dörfer, der später unter
dem Namen »Anakonda« eine erbärmliche Berühmtheit
erlangte. Wo die Heeresschlange erschien, ließ sie in
einer Breite von hundert Kilometern alles in Schutt und
Asche zurück. Es wurde vernichtet, was man fand,
Häuser, Fabriken, Maschinen, Farmen, Tiere,
Pflanzungen, Getreide, Baumwolle, Zuckerrohr, Straßen
und Brücken. Wenn die Anakonda, die Riesenschlange,
abgezogen war, brannte das Land, und die Viehherden
verfaulten auf den Weiden. Zum erstenmal in der
modernen Geschichte praktizierte Amerika den totalen
Vernichtungswillen.

Moltke, der es ja von Europa aus mit ansah, hatte recht
(obwohl er ein Deutscher ist), wenn er sagte: Das sind
keine Soldaten mehr, das ist eine Bande von entfesselten
Marodeuren. Ich habe mir früher nie erklären können,
wie es zur »Anakonda« kommen konnte. Sie war
unnötig, der Krieg war ja praktisch entschieden. Ich
glaube, seit 1945 weiß ich es: Die »Anakonda« war ihr
erstes Hiroshima."

Joachim Fernau, Halleluja - Die Geschichte der USA
Bernhard
12. März 2015 22:28
Das Buch von Schnatz ist auf keinen Fall zu empfehlen, da er mit für mich nicht nachvollziehbaren, spekulativen Thesen die Opferzahl drastisch herunterrechnet. Schnatz hat auch ein merkwürdiges Buch über Dresden geschrieben, in dem er die Tieffliegerangriffe bestreitet.
Altbayer
13. März 2015 14:45
@ Bernhard:
Das Dresden-Buch kenne ich nicht.
Meier Pirmin
13. März 2015 14:52
Ich hörte im Herbst 1997 an der Universität Zürich Winfried Georg Sebalds Vorlesung zu seinem Luftkrieg-Buch. Von den Recherchen her weniger bedeutend als von der Wiederaufnahme des Themas nach Generationen, nachdem über Jahrzehnte nur die Auschwitz-Opfer zählten. Sebald sprach über "die Unfähigkeit einer ganzen Generation deutscher Autoren, das, was sie gesehen hatten, aufzuzeichnen und einzubringen in unser Gedächtnis". Wichtiger als die Schilderung der realen Verhältnisse sei ihnen die Wiederherstellung ihres eigenen Selbstverständnisses gewesen. Dabei hatte Sebald selber Probleme mit seinem Selbstverständnis, leugnete seinen Vornamen Winfried, indem er sich nur W.G. Sebald nannte. Der Allgäuer bleibt aber einer der ganz wenigen bedeutenden deutschen Autoren einer ansonsten "Null-Epoche" der muttersprachlichen Literatur. Er starb 2001 an den Folgen eines Verkehrsunfalls, hat nach seinem Hinschied in Sachen Rezeption sehr vorwärts gemacht.
Bernhard
13. März 2015 18:52
Schnatz hat im Jahr 2000 "Tiefflieger über Dresden?" veröffentlicht, das nicht nur bei Dresdnern für Empörung gesorgt hat. Es ist doch ein starkes Stück, die Augenzeugenberichte quasi als eine Art der kollektiven oder individuellen Halluzination zu bezeichnen. Man denke nur an den Augenzeugenbericht von Victor Klemperer.

Können Sie vielleicht Schnatz Methode der Schätzung der Opfer in Swinemünde in seinem Buch nachvollziehen? Ist es nicht ein durchsichtiger Versuch die Zahl möglichst zu minimieren? Ich halte mich da lieber an die Schätzungen der Zeitzeugen, der Interessengemeinschaft Golm und der Kriegsgräberfürsorge. Die erscheinen glaubwürdiger.
Karl Martell
14. März 2015 09:51
@ Bernhard

Oft sind ausländische Zeugen ehrlicher als deutsche "Historiker" (ein akademischer Klüngel, dem es in der Regel weniger an Kopf als an
Charakter gebricht).

Die englische Wissenschaftlerin und Autorin Freda Utley, die das zerstörte Nachkriegsdeutschland bereiste und dort im Austausch mit vielen wichtigen Personen der damaligen Zeit stand (unter anderem wiederholt mit Carlo Schmid), berichtete 1949 in ihrem detailreichen Buch „The High Cost of Vegeance“ („Kostspielige Rache“, dt. 1950) in dem Kapitel „Unsere Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ über

„unsere Angriffe auf nicht militärische Ziele wie Dresden, wo wir in einer Nacht mehr als eine Viertelmillion Menschen den gräßlichsten Tod brachten, den man sich nur ausmalen kann, indem wir dieses unverteidigte und von Menschen, die vor dem russischen Vormarsch westwärts flohen, vollgestopfte Kulturzentrum mit Phosphorbomben belegten […] Diese Greueltat gehört zu unseren größten Kriegsverbrechen, weil wir damit demonstrierten, daß Mord an Zivilisten unser Ziel war. Wir machten sogar Jagd mit Maschinengewehren auf Frauen und Kinder, die aus der lodernden Stadt aufs Land hinaus zu fliehen trachteten".
Martin
16. März 2015 16:38
Heute ist der 16.03. - Kommt evtl. auch ein Bericht zu Würzburg?

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