26. März 2015

Dimitrios Kisoudis: Goldgrund Eurasien – eine Rezension

von Benedikt Kaiser / 14 Kommentare

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Dimitrios Kisoudis_Goldgrund Eurasienaus Sezession 65 / April 2015

Eng verknüpft mit »Eurasien« als ideologischem Großraumkonzept, das sich gegen die Hegemonialmacht USA stellt, ist der Name Alexander Dugin. Häufig wird er als »Stichwortgeber« Wladimir Putins interpretiert. Der ehemalige Nationalbolschewist Dugin vereinigt in seinem Theoriegehäuse geopolitische, traditionale und russisch-mystische Elemente. Dimitrios Kisoudis untersucht nun diese eklektizistische Ideologie (Goldgrund Eurasien, hier bestellen), stellt sie kenntnisreich in den Kontext eurasischer Visionen, ist aber spürbar weniger von René Guénon, Karl Haushofer oder russischen Mystikern beeinflußt.

Der Anthropologe argumentiert im »Krieg der Ideen« (Kisoudis) vielmehr im libertären Sinne F. A. von Hayeks und Murray Rothbards. Mit den Ahnherren eines klassischen Marktliberalismus (Hayek) bzw. »Anarchokapitalismus« (Rothbard) will Kisoudis nachweisen, daß schon im Kalten Krieg nicht nur der Sowjetkommunismus, sondern auch der westliche »Kollektivismus mit demokratischem Anstrich« von authentischen Liberalen und Libertären scharf kritisiert worden ist. Die Sowjetunion ist verblichen, die Ost-West-Frontstellung hingegen nicht. In der Ukraine, ohne die Rußland kein eurasisches Reich mehr sei (so Großrusse Alexander Dugin und US-Falke Zbigniew Brzezinski übereinstimmend), werde dies besonders deutlich.

Ohnehin sei mit der Präsidentschaft Putins die Konfliktlinie wieder virulent geworden. Putin begann als Europäer, suchte Nähe und wandte sich – verärgert über EU-Arroganz und die Osterweiterung der NATO – vom Westen ab; er wurde zum Eurasier. Der russische Präsident förderte die Verquickung mit der traditionell staatstragenden orthodoxen Kirche (Moskau: das »Dritte Rom«). Während der Westen seine Traditionen auslösche, gestalte Rußland die seinigen neu. Kisoudis verhehlt nicht, daß seine Sympathie dem geopolitischen Antipoden der Vereinigten Staaten gilt, folgt aber nicht der eurasischen Feindschaft zum Liberalismus.

Die Österreichische Schule jedenfalls zähle nicht zu den postmodernen Auflösungsideologien, sondern zeige seit jeher ein Faible für Überlieferungen. Kisoudis läßt diesen Überlegungen eine idealtypische Liberalismus-Exegese folgen samt hinlänglich bekannter libertärer Kritik am Staatsgeld (»Geldsozialismus«), verknüpft mit einem Plädoyer für die Privatisierung des Währungswesens.

Derartiges hat freilich auch in Rußland keine Perspektive. Doch Kisoudis hält sich daran nicht auf, er schätzt das russische Steuersystem, ein gewisses ökonomisches Laisser-faire, allgemeiner: die russischen Freiheiten. Putins Staatskonzeption ist für ihn kein antiliberaler Entwurf, sondern »autoritärer Liberalismus«. Wirtschaft dürfe fast alles – nur nicht für den Gegner arbeiten. Das berge mehr Selbstbestimmungen für Unternehmer als der westliche Sozialdemokratismus. In dieser Lesart ist der neue Kalte Krieg der »heißkalte« Konflikt zwischen dem autoritär-liberalen Osten und dem postmodern-»geldsozialistischen« Westen. Die Vorzeichen haben sich also gewendet: Der Osten ist nicht mehr sozialistisch, der Westen nicht mehr liberal und marktwirtschaftlich.

Kisoudis ist in seinem geistreichen und sprachlich virtuosen Essay außerordentlich stark, wo er die Bereiche Politische Theologie und Geopolitik tangiert, in wirtschaftstheoretischer Sicht verliert er sich allzusehr in anarchokapitalistischer Ideologie, dabei werden die Ebenen der Betrachtung teils jäh gewechselt. Deutschland rät er zu einer Neujustierung der Außen- und Handelspolitik in Richtung China und Rußland. Dann folgt einer der gedanklichen Sprünge des Autors: Viele Probleme Deutschlands habe die »postmoderne Ideologie« amerikanischer Provenienz zu verantworten, aus der folge: »Deutschland ist bunt wie nie. Aber bunt sind auch die Zufallsgemälde des Schimpansen Congo.«

Dimitrios Kisoudis: Goldgrund Eurasien. Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom, Waltrop/Leipzig: Manuscriptum 2015. 120 S., 14 €, hier bestellen

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (14)

Gustav Grambauer
26. März 2015 10:31
Was muß das für ein metapolitischer Geisterfahrer sein?!

Die Liberalen sind die allerübelsten Bevormunder: es merkt nur kaum jemand, weil der Gegenstand ihrer Pädagogisierung die "Selbstverantwortung" ist und weil das Mittel dazu ein inzidentes ist: der sogenannte "Markt"; außerdem, weil jedweder Anklang an "Opfer, Gemeinschaft, Allmende und Fürsorge" (Zitat Raskolnikow), den sie gezielt ausrotten wollen, ohnehin im Zeitalter des Hedonismus bei der tonangebenden urbanen Masse verhaßt ist.

Die Russen wissen ganz genau, daß sie die diesbezügliche Schocktherapie der 80er / 90er Jahre

http://de.wikipedia.org/wiki/Schocktherapie_(Wirtschaftspolitik)

maßgeblich der mafiosen Kungelei Gorbatschows mit Frau Thatcher zu verdanken haben, wo bei sich damals in Downing (sic!) Street Bolschewismus und Liberalismus zum Triumphzug des, wie ich ihn nenne, Liberalbolschewismus zusammengefunden haben.

Wenn Sie in Rußland heute die Namen Gorbatschow oder Thatcher auch nur in den Mund nehmen, warten anschließend ein paar Molodziji mit dem Knüppel am Hinterausgang, den Sie nehmen müssen auf Sie.

Dabei kann ich die Russen sehr gut verstehen. Wer noch keine Vorstellung davon hat, was der Liberalismus in Rußland angerichtet hat, der schaue diesen Film:

https://www.youtube.com/watch?v=GVunDtQJ6D4

Und man komme mir nicht mit einer Aufwärmung dieser Diskussion hier, bei der alles gesagt wurde was zu sagen war:

http://www.sezession.de/48912/erfurter-resolution-henkel-blaest-zur-jagd-der-rest-schweigt.html#comment-178237

- G. G.
Thomas Wawerka
26. März 2015 11:04
Den letzten Satz nehme ich in meinen Zitatenschatz auf.
Rumpelstilzchen
26. März 2015 12:29
In der FAZ vom 6.3.15 wird das Buch GOLDGRUND EURASIEN wohlwollend besprochen. ( Tenor : einseitig, aber alles andere als dumm). Immerhin.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/goldgrund-eurasien-von-dimitrios-kisoudis-13466036.html

Kisoudis sieht Eurasien als Gegengewicht gegen die amerikanische Hegemonie. Die Aggression in der Ukraine sieht er bei Amerika, dessen "gesamte politische Kultur er auf Machtstreben und Finanzinteressen reduziert" ( FAZ)
Zum Schluß fragt der Rezensent , ob das abfällige Gerede über Amerikas Großkapital " nicht die schlimmsten Vorurteile antisemitischer Provenienz bedient ? " Ist das des Rezensenten Mutmaßung oder schreibt Kisoudis was antisemitisches gegen das Großkapital ?

Da sollte man doch lieber bei den Fakten bleiben:
Der US-amerikanische Politologe Georges Friedman meint, dass es seit einem Jahrhundert das US-Hauptziel sei, ein Bündnis Russland/ Deutschland zu verhindern . Guckst Du:

https://m.youtube.com/watch?v=oaL5wCY99l8
Das süffisante Grinsen Friedmans ist schon sehr gruselig.

Die Verbindung von Antisemitismus und Großkapital stellt allerdings indirekt auch immer wieder die Linke oder Blockupy her. Oder warum muß Blockupy auf seiner Seite ( Was ist Blockupy ? ) betonen, "dass man sich als grenzüberschreitende Bewegung ausdrücklich ... gegen Verschwörungstheorien und Antisemitismus richte ."

Über die Verbindung zwischen der Linken und antisemitischen Theorien hat der britische Historiker Paul Johnson erhellendes geschrieben:
" Es blieb Marx vorbehalten, unseligerweise den ökonomischen Antisemitismus der französischen Sozialisten mit dem philosophischen Antisemitismus der deutschen Idealisten zu verschmelzen und eine neue Form der antisemitischen Verschwörungstheorie zu konstruieren, die eine Art geistiger Generalprobe für seine allgemeine Theorie vom Kapital werden sollte. "


Und :
" Die Ursprünge des Marxismus in der antisemitischen Verschwörungstheorie können niemals ganz ausgelöscht werden. Welche Gestalt der Marxismus auch annehmen mag, er wird diesen Makel wie ein Kainszeichen bewahren."

(Paul Johnson in Marxismus und Judentum , 1984)
Simon
26. März 2015 13:29
"Dabei kann ich die Russen sehr gut verstehen. Wer noch keine Vorstellung davon hat, was der Liberalismus in Rußland angerichtet hat."

Das ist ja nun wirklich Käse. Die sowjetische Wirtschaft stand schon Anfang der 80 Jahre vor dem totalen Zusammenbruch. Der Lebensstandard konnte ohne die Kredite aus dem Westen und Lebensmittellieferungen aus Deutschland überhaupt nicht mehr aufrecht erhalten werden. Gorbatschow hat Kohl damals angerufen, weil die UDSSR vor einer Hungersnot stand, darauf hat Kohl , das Landwirtschaftsministerium veranlasst, die deutschen Agrarüberschüsse in die Sowjetunion zu liefern. Das war der erste Schritt zur Wiedervereinigung. Kohl hat den Russen die DDR quasi abgekauft.

Der wirtschaftliche Zusammenbruch Russlands war völlig unvermeidlich. Mit oder ohne Ökonomen aus dem Westen mussten die die Betriebe privatisieren. Oder hätten die einfach so weiter machen sollen wie bisher?

Dass sich das dann irgendwelche Oligarchen unter den Nagel gerissen haben, ist nun wirklich nicht so erstaunlich. Das System vorher war ja schon total korrupt. Seit Iwan dem Schrecklichen wird Russland von einem kleinen Führungskader beherrscht, der einem Volk gutmütiger, aber ziemlich naiver Trunkenbolde gegenübersteht. Dass man nun die Schuld auf den Westen schiebt, das ist auch nichts neues. Das machen die griechischen Brüder ganz genauso. Auch da ist es ja nicht das eigene Verschulden und die Korruption der eigenen Eliten, sondern die bösen Deutschen.
Gustav Grambauer
26. März 2015 15:10
Simon

Will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber sind Sie womöglich der Typus, den ich hier

http://www.sezession.de/48942/blockupy-pegida-vereint-euch.html#comment-178841

vorige Woche charakterisiert habe?!

Mit der BüSo will ich nicht in Verbindung gebracht werden, aber hier haben sie einen Film mit großer analytischer Stärke gemacht, der Ihre Argumentation "Der wirtschaftliche Zusammenbruch Russlands war völlig unvermeidlich." in der ganzen Armseligkeit Ihres reduktionistischen Weltbildes erscheinen läßt:

http://www.dailymotion.com/video/x86zwh_die-verpaste-chance-von-1989-der-fa_news

Übrigens ist Belarus auch ohne Neue Seidenstraße nicht zusammengebrochen, bei in den wesentlichen Fragen gleichen Voraussetzungen wie Rußland, aber dafür mit einer Regierung ohne Fünfte-Kolonne-Demokraten ergo Liberale.

Und wenn Sie sagen: "Seit Iwan dem Schrecklichen wird Russland von einem kleinen Führungskader beherrscht, der einem Volk gutmütiger, aber ziemlich naiver Trunkenbolde gegenübersteht.", dann bedanke ich mich in Namen aller slawischen Untermenschen für die Überheblichkeit, merke aber mit Khasin

http://vineyardsaker.de/analyse/die-byzantinische-modernisierung/

an, daß ich auch dies völlig umgekehrt sehe - Führer und Volk in Zyklen vereint gegen die Oligarchie, und zwar genau seit Iwan dem Schrecklichen. Auch hier stelle ich vorsorglich klar, daß ich deshalb noch lange kein Anhänger von Khasin bin.

- G. G.
Gardeleutnant
26. März 2015 18:41
Rumpelstilzchen,

es ist bezeichnend, das die FAZ Kisoudis würdigt, aber das bessere und - vor allem! - massentauglichere Buch von Fasbender verschweigt. Kisoudis mit seinen Anklängen an in der interessierten breiten Öffentlichkeit völlig oder weitgehend unbekannte Topoi läßt sich sehr leicht in die Spinnerecke stellen, wie in der FAZ-Rezension auch zum Teil geschehen. Tenor: klug ja, aber auch seltsam und vielleicht potentiell antisemitisch. (Bizarr bei einem Autor, der sich so weitgehend auf die überwiegend jüdischen Autoren des libertären Denkens stützt.) Fasbenders Buch, das jeder auch mit wenig Vorwissen lesen kann, wird ausgeblendet. Vermutlich bewußt.
Rainer Gebhardt
26. März 2015 19:58
@ Gustav Grambauer
Einspruch! Es spielt keine Rolle, wie lange Gorbatschow bei der Ultraliberalen Thatcher herumgesessen und welche marktliberalen Weisheiten er womöglich in sein sopiskaja tetradka geschrieben hat. Denn was die Liberalen in Russland angeht, die gab es während Gorbatschows Amtszeit so wenig wie zu Zeiten Jelzins. Aber was es gab, waren die Altbolschewisten, die kommunistische Partei, und in der vor allem die kommunistische Nomenklatura. Wie die funktionierte, wie sie schaltete und waltete, darüber erfährt man wenig in Wikipedia, viel aber bei Alexander Sinowjew: „Gähnende Höhen“, „Homo Sovjeticus“, „Lichte Zukunft“. Die Lektüre lohnt sich. Danach verwundert es dann nicht, daß es nicht in „Marktliberalismus“ bewanderte Wirtschaftssubjekte waren, sondern die gut vernetzte Parteinomenklatura, deren brutalste Exponenten sich nun bisnismeni nannten, die das sowjetische Volkvermögen in Privateigentum „umwandelte“. Umwandelte, indem sie es stahl, es sich erpresste, raubte und unter sich aufteilte. Ein Vorgang, dessen Begleitumstände und Folgen nur vergleichbar sind mit den sozialen Katastrophen der ursprünglichen Akkumulation (dem „historischen Scheidungsprozeß von Produzent und Produktionsmittel“ d.i. der gewaltsamen Enteignung der Arbeitsmittel von den eigentlichen Produzenten).
Mit Jelzin (unter dessen Ägide die Botschaft des Moskauer Bürgermeisters "Bereichert Euch!“ zum Evangelium wurde) beginnt ein Mafiakapitalismus, dessen Patrone eben noch als Raionnatschalniks und Parteibonzen ihr Leben fristeten. Noch mal: Keine Marktliberalen waren hier am Werk, sondern die in 70 Jahren Kommunismus zum Sowjetmensch erzogen Wesen aus dem inner circle der Bolschewiki. Und dieser Sowjetmensch ist nach diesen 70 Jahren seelisch und moralisch heruntergekommener als es ein Liberaler im Westen damals je sein konnte.
Thomas Wawerka
26. März 2015 22:46
Das ist eine lehrreiche Diskussion. Ich bin gerade dabei, meine Positionen in der Russland-Frage zu korrigieren, weil ich mit Leuten maile, die Erfahrungen aus erster Hand berichten können.

Simon: Was wäre denn passiert, wenn die Wirtschaft "zusammengebrochen" wäre? Gewirtschaftet wird doch eigentlich immer. Die Leute hätten doch nicht plötzlich aufgehört, ihre Felder zu bestellen und die Hände in den Schoß gelegt. Wie kann denn ein Land mit solchem natürlichen Reichtum plötzlich aushungern? Das müsste doch eine Frage der Verteilung sein. Die Russen hatten das ja schon mal in der Stalin-Ära - haben die nichts daraus gelernt?

G.G.: Dass Gorbatschow eine Hassfigur ist, kann ich bestätigen. Ich hab noch keinen Russen kennengelernt, der ihn für einen Glücksfall hielt. Die Ansichten Russlands und des Westens gehen hier diametral auseinander. Mittlerweile schwant mir, dass er schlicht und einfach naiv war. "Wir hören jetzt auf mit dem kommunistischen Experiment und vertragen uns alle wieder" - so ungefähr muss er sich das wohl gedacht haben. Aber so lief es eben nicht.
Rumpelstilzchen
27. März 2015 10:20
@ Rainer Gebhardt

Interessant, dass Sie auf Alexander Sinowjew hinweisen. Dessen eigenwillige Beurteilung von Gorbatschow findet man da :

http://67329.forumromanum.com/member/forum/forum.php?action=std_show&entryid=1099662084&USER=user_67329&threadid=2
Rainer Gebhardt
27. März 2015 12:22
@ Rumpelstilzchen

Interessant, und für mich damals verblüffend, daß Sinowjew nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einen regelrechten "politischen Kater" bekam und irgendwie ein Kehrtwende hinlegte. Sowohl den Kommunismus wie seine eigenen Bücher darüber schätzte er nun anders ein. Nach eigener Aussage hing das mit seiner Enttäuschung im und über den Westen zusammen, er hielt den Westen für dekadent, und Dekadenz war für Sinowjew nicht nur die Form psych. Verelendung, es war eine Störung im logischen Denken (Sinowjew war ja Logiker/Mathematiker). Unlogisch war für ihn der westliche Komfort, weil der schon vom rein logischen Standpunkt sinnlose Verschwendung sei. Eine Gesellschaft, meinte er mal, in der Menschen Eierschalendurchstecher erfinden und in der es Leute gibt, die sie kaufen, ist reif für die Klapse.

Zum Schluß ein Zitat aus "Gähnende Höhen":

"Die allervorteilhafteste Methode des Karrieremachers...bietet jedoch unter ibanskischen Verhältnissen (Kommunismus) den talentlosen Karrieristen kolossale Vorteile. Selbst der Herr und Gebieter persönlich hat keineswegs deshalb die Macht ergriffen und sein Machtsystem aufgebaut, weil er ein Genie auf seinem schmutzigen Gebiet war, sondern ausschließlich dank der Tatsache, dass er eben gerade auf diesem Gebiet eine völlige Niete war. Er entsprach auch als Persönlichkeit voll und ganz diesem Geschäft. Der Anführer von Ratten kann nicht ein Löwe sein."

Irgendwie erinnert das einen Zustand, denn wir alle gut kennen, oder?
Rainer Gebhardt
27. März 2015 13:36
Zwar nicht ganz on topic, aber im weiteren Sinn die Sprache betreffend, daneben ein Beispiel für die Aktualität Sinowjews.

Schon mal was von Evaluationskompetenz gehört? Nein? Gut, hier die Erklärung: „Evaluationskompetenz ist die Personen zugeschriebene Fähigkeit, dass sie in einem umfassenden Sinne gut qualifiziert sind für die Aufgabe, Rolle oder Profession der Evaluation. Evaluationskompetenz besteht aus einem Set an Wissen, Fertigkeiten und Haltungen, welches eine Person befähigt, eine Evaluation den Evaluationsstandards entsprechend auszuführen.“ (wiki)

Tatsächlich ist Evaluationskompetenz leeres Stroh, das vor allem sekundäre Subjekte in der sekundären Welt dreschen und das sich parodistisch überspitzt so anhört: „Beim Brainsharing mit dem Customer könnte man die Topics, Key Points und Top Issues der High-Level-Performer doch ein wenig easier targeten, um einen Standstill am Point of Sale zu evaden“. Nun könnte man meinen, die derart Qualifizierten fristen ein Nischendasein, aber nichts da: in Wirtschaft Politik und diversen Gesellschaftswissenschaften sind sie weit oben angesiedelt. Das Geschäftsgeheimnis dieses monströsen Auswuchses besteht darin den kommunikativen Leerlauf einer Gesellschaft zu organisieren und in Gang zuhalten. Und nun lese man dazu die entsprechende Passage aus „Gähnende Höhen“:

Gustav Grambauer
27. März 2015 14:29
Die Sowjetnomenklatura war nicht so homogen wie sie sich selbst nach außen darstellte. Sie bestand sogar von Anfang an aus zwei Blöcken, die sich auf Gedeih und Verderb befehdeten. Die ganze Entwicklung läßt sich auf eine Formel herunterbrechen: Die Sowjetarmee (ergo die Sowjetvölker, die sich in ihr ihre Bastion gegen die roten Horden geschaffen hatten) hat in den 80er Jahren gegen die Lubjanka (ergo die Juden / Bolschewiki, also letztere) verloren.

Ich habe dazu einmal auf dem wie ich finde hochkarätigsten deutschsprachigen Portal zur Ukraine-Krise einen Kommentar geschrieben (bitte mit dem Seiten-Sucher meinen Namen suchen):

http://vineyardsaker.de/analyse/russlands-verwundbarkeit-fuer-die-eu-us-sanktionen-und-das-militaerische-vordringen/

Meine These: die Sowjetarmee hätte auf dem Höhepunkt ihrer Macht Chruschtschows Geheimrede zum Anlaß nehmen können, um mit dem Marxismus zu brechen und dem Land eine neue geistige Orientierung geben können. Äußerlich gab es dazu kein Hindernis mehr. Sie konnte es nicht, weil sie GEISTIG (!!!) versklavt bzw. verdorben war und somit selbst keine hatte. Stattdessen hat sie ihre eigenen Hauptfeinde

http://antaios.de/buecher-anderer-verlage/ares-verlag/1251/-juedischer-bolschewismus-.-mythos-und-realitaet

auf dem XX. Parteitag reingewaschen und dem toten Stalin der ganzen Dreck in die Schuhe geschoben.

Die Kernthese von Bieberstein, die auch diejenige von Martin Homann war, ist in der sogenannten "Homann-Affäre" vor lauter Skandal-Gegröle im öffentlichen Bewußtsein völlig untergegangen: er wollte nicht die Juden angreifen sondern den Materialismus, der der eigentliche Verderber ist. Dies galt, wie ich mit meiner Gedankenführung zeigen wollte, für beide Blöcke, also auch für die Streitkräfte, mithin für das gesamte Land. Die Folgen eröffnen eine ganze Tragödie des Niedergangs, in der die fehlende moralische Immunität gegenüber dem Liberalismus (in den Apparaten der beiden Blöcke natürlich, wobei diese inzwischen zu den "Silowiki" veschmolzen sind) nur einer von vielen Gesichtspunkten ist. Rußland lernt gerade unter Schmerzen diese Lektion,

https://www.youtube.com/watch?v=UYouKFYc2jE (leider nur auf Englisch verfügbar),

dem Westen steht sie noch bevor.

Zu Ihrem letzten Satz: lassen Sie sich nicht täuschen, die russischen Oligarchen sind nur auf eine weniger zivilisierte, weniger glattpolierte Art verdorben als etwa der Bilderberger-Klüngel. Der satanische Ur-Grund ist derselbe.

- G. G.
Czernitz
27. März 2015 16:19
Nicht alle Religionen, aber doch diejenigen, die uns heute am meisten quälen, sind aus einer Demütigung entstanden: Das Judentum aus der Demütigung der babylonischen Gefangenschaft, das Christentum aus der demütigenden Kreuzigung seines Stifters, die Sunna aus der demütigenden Vertreibung seines Stifters aus Mekka, die Schia aus der demütigenden Niederlage bei Kerbala ...

Diese Reihe, die einer Gesetzmäßigkeit ähnelt, ließe sich fortsetzen mit den Pseudoreligionen, zum Beispiel mit dem Eurasismus des verwirrten Verwirrers Alexander Dugin. Der Eurasismus ist ein Reflex auf die mongolische Despotie, unter die Rußland von 1242 bis 1462 geriet. Jede spätere russische Despotie, ob zaristische, kommunistische oder putinsche, reflektiert die alte mongolische Despotie. Völker können offensichtlich Demütigungen leichter verarbeiten, wenn sie ihnen einen Sinn geben durch religiöse Erhöhung. Und sie können dabei bleiben. Kein Europäer hat vergleichbare, jahrhundertelange Despotie erfahren. Ein gesunder Europäer fällt weder vor einem Dugin noch vor einem Putin auf die Knie. Er wird nicht mitmachen bei der Vermüllung russischer Flüsse oder der Verschmutzung der Tundra durch absichtliche Öl-Unfälle. Er muß nicht die Mülltonnen russischer Kliniken verantworten, die bis zum Rand gefüllt sind mit abgetriebenen Föten. Er muß sich weder russischer Religion noch russischer Ideologie unterwerfen. Er muß auch nicht solche Bücher lesen.
Wifried Bielski
31. März 2015 10:27
Sonderlich originell ist Kisoudis Weltbild ja nicht. Wenn ich dem glauben darf, was die Rezensenten von der FAZ und der Sezession zusammenfassen, hat man das so oder so ähnlich schon dutzende Male gelsen/gehört: Beispielsweise die Entkoppelung des Dollars vom Golddepot oder New York als Zionist Occupied Government.
Im Übrigen kommt der Hass auf New York nicht von ungefähr. Im Hass auf die Weltstadt werden Ressentiments angesprochen, die von grundlegender Bedeutung für den Antisemitismus sind: Für Kisoudis ist New York Versinnbildlichung einer kosmopolitischen und komplexen Sozialordnung, als ultimativer Ort des jüdischen Intellekts, der Dekadenz und Ausschweifung sowie der Sphäre der Zirkulation, also der als abstrakt wahrgenommenen Seite des Kapitals. New York wird von Kisoudis als Inbegriff und vollendeter Ausdruck einer verhassten und als jüdisch imaginierten westlichen Urbanität wahrgenommen.
Hier steht Kisoudis in einer Tradition mit Rainer Rupp in der Jungen Welt, dem Schreiberling Jakob Augstein im Spiegel und im Freitag sowie dem ehemaligen Mitglied des Waffen-SDS Horst Mahler in seinen unveröffentlichten Knasttagebüchern.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass, weil sich die Verhältnisse als undurchschaubar und irrational erweisen und dieser Zustand für den Alltagsverstand kaum zu ertragen ist, Kisoudis versucht, ihnen unter Rückgriff aufs Religiöse doch noch Sinn zu verleihen.

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