Sezession
1. April 2007

Davon haben wir nichts gewußt

Gastbeitrag

Longerich prüft die Reaktion auf den eintägigen NS-Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 - tatsächlich eine Reaktion auf den von US-Juden ausgerufenen Boykott deutscher Waren, die ihrerseits mit Übergriffen auf Juden in Deutschland begründet wurden. Die Schilderung dieser Übergriffe war jedoch maßlos übertrieben, und Longerich kommt zu dem Resultat: „Die Mehrheit der Bevölkerung war offensichtlich nicht bereit, ihr Einkaufsverhalten nach ‚rassenpolitischen‘ Gesichtspunkten auszurichten."
Zum Kristallnacht-Pogrom 1938 - an dem sich die Bevölkerung nicht beteiligt hat - beruft sich Longerich auf das einhellige Urteil der Historiker wie auch der Gestapo und des Propagandaministeriums (sowie der von Longerich nicht zitierten US-Konsuln in mehreren Städten): Mehrheitlich habe die Bevölkerung negativ auf die Ausschreitungen reagiert, hauptsächlich wegen der angerichteten Zerstörungen. Doch selbst Bankier registrierte bei vielen Menschen Schamgefühle, auch Angst sei aufgekommen.
Nach dem mit allgemeiner Besorgnis aufgenommenen Kriegsausbruch spielte die antisemitische Propaganda keine wesentliche Rolle, erst Mitte 1941 geriet das jüdische Thema zur zentralen Frage des Krieges - wohl zur Rechtfertigung des nicht mehr gewinnbaren Zweifrontenkrieges, ein von Longerich nicht erwogener Gesichtspunkt: „Die Juden", repräsentiert durch die wirren Propagandisten Kaufman (später auch Morgenthau) und Ehrenburg wurden hinter beiden Fronten als Kriegstreiber zur Vernichtung aller Deutschen ausgegeben. Longerich stellt fest, daß in der Goebbels-Propaganda gewalttätige Ausschreitungen gegen Juden in Deutschland verschwiegen, antisemitische Übergriffe verharmlost, das wahre Ausmaß der „Kristallnacht" verheimlicht wurden. Die Formeln „Vernichtung und Ausrottung" der Juden wurden propagiert, ohne daß man auch nur andeutete, was das konkret bedeutete.
Weil Hitler beständig eine neue Novemberrevolution wie 1918 und dementsprechend den Einfluß der deutschen Juden („Meckerer und Miesmacher") auf die deutschen Nichtjuden fürchtete, betrieb Goebbels ihre Isolierung und ihre Abschiebung, eben weil sie eine „negative Stimmung erzeugen". Die Verordnung zum Tragen des Davidsterns erging im September 1941, zum Zeitpunkt eines allgemeinen Stimmungseinbruchs. Goebbels konstatierte eine reservierte bis ablehnende Aufnahme, Parteiinstanzen registrierten durch die Kennzeichnung herausgeforderte „Mitleidäußerungen", Longerich die „ganz überwiegend negative Reaktion ... zumindest in Teilen der Bevölkerung".


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