Sezession
1. April 2007

Davon haben wir nichts gewußt

Gastbeitrag

Doch schon die Dienstaufsicht im Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS in Oranienburg wußte nichts Genaueres. Am 4. September 1943 richtete der für den KL-Arbeitseinsatz zuständige SS-Obersturmbannführer Maurer eine Anfrage an den (gleichrangigen) Lagerkommandanten Höß, was denn 21.500 einsitzende, nicht arbeitsfähige Juden machten: „Irgend etwas kann hier nicht stimmen!" Wachposten, welche die Juden ins Lager begleiteten, kannten nicht das Los ihrer Transporte, wie Goldhagen festhielt.
Die Opfer wurden fast ausnahmslos beinahe bis zum letzten Atemzug über ihr Schicksal getäuscht, nur Gerüchte über den konkreten Tathergang hörten sogar die Häftlinge, die täglich die „Ausmusterung" für die Gaskammern erlebten; jene im Sonderkommando zur Verbrennung der Leichen waren während des Tötungsvorgangs im Sektionsraum oder Kohlenraum des Krematoriums eingeschlossen.
Die polnische Widerstandsbewegung erfuhr trotz ständiger Kontakte ins Lager und aus dem Lager nichts Zutreffendes über Methoden und Umfang des massenhaften Sterbens im Gas. Die sowjetischen Befreier des Lagers 1945 trafen völlig unvorbereitet auf das zu besetzende Terrain, obwohl die kommunistische Widerstandsgruppe im Lager über hinreichend Kontakte zur Außenwelt verfügte und ein österreichischer Kommunist nach seiner Flucht aus Auschwitz Moskau erreicht hatte. Die UdSSR-Führung gab das Resultat der Feststellungen vor Ort - außer einer märchenhaften Prawda-Reportage - vier Monate lang nicht preis, danach beharrlich mit der Phantasiezahl von mindestens vier Millionen Opfern.
Trotz umfassender geheimdienstlicher Aktivitäten einschließlich der Stationierung eines per Fallschirm abgesetzten Beobachters („Urban") in der Nähe des Lagers, trotz scharfer Luftbildaufnahmen und gelungener Flucht von mehreren hundert Häftlingen gewannen die alliierten Regierungen keine Vorstellung von der auf Erden installierten Hölle. Sie schenkten der Ankündigung des deutschen Informanten Edgar Schulte vom Sommer 1942 ebensowenig Glauben wie 1944 den freilich arg übertriebenen Berichten der Flüchtlinge Vrba und Wetzler: Selbst US-Präsident Roosevelt und Britenpremier Churchill fanden es zunächst schwierig zu akzeptieren, daß jemand solche Greuel in solch großem Ausmaß begangen haben könnte. Bis zu diesem Zeitpunkt, so Filip von Freudiger, ein Repräsentant der Budapester Orthodoxen Jüdischen Gemeinde, hatte „niemand irgendeine Vorstellung von Auschwitz".
Doch eine zutreffende Darstellung lieferte im November 1943 den Zionisten in Budapest ein Mittelsmann, wahrscheinlich war es Oskar Schindler, Trinkpartner von Amon Goeth, dem Kommandanten eines nahe Auschwitz gelegenen Arbeitslagers. Auf die Frage, ob Auschwitz ein Vernichtungslager sei, antwortete er: „Das kann sein für Alte und Kinder. Ich habe auch gehört, daß dort Juden vergast und verbrannt werden." Seiner Meinung nach habe es keinen allgemeinen Befehl zur Judenvernichtung gegeben, sondern: „wahrscheinlich gefährliche oder nutzlose Juden zu vernichten. Sie [die Lager-SS] haben diesen Auftrag mit der Brutalität vollstreckt, an die sie schon zu Hause gewöhnt waren ..." Die Frage, ob die bisher Verschonten eine Chance hätten, das Kriegsende zu überleben, bejahte er prompt: „Vor einigen Wochen [recte: Monaten, nämlich April 1943, F.M.] ist eine Verordnung von Himmler in diesem Sinne ausgegeben worden. Die Tendenz ist sichtbar. Man will die jüdischen Arbeitskräfte schonen." Doch die Lager-SS könne sich „schwer abgewöhnen, täglich einige 10 oder 100 Juden zu erschießen ..."


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