Sezession
1. April 2007

Davon haben wir nichts gewußt

Gastbeitrag

So konstatierte denn der ehemalige Auschwitz-Häftling und spätere polnische Außenminister Bartoszewski, die Mehrheit der deutschen Bevölkerung habe sich - was immer sie im Krieg über die NS-Verbrechen hatte wissen können - von dem Auschwitzer Massenmord erst durch den Frankfurter Prozeß 1963/64 überzeugen lassen. Longerich sieht das an ders: Als im Frühjahr 1943 die sowjetischen Massenmorde an polnischen Kriegsgefangenen in Katyn bekannt wurden, ordnete Hitler eine Propagandakampagne an, mit der die Schuld an dem Massaker Juden zugeschoben wurde. Konkrete Täter konnten gar nicht benannt werden, es handelte sich um die Obsession, irgendwie steckten hinter allem Bösen „die" Juden, kollektiv. Möglicherweise mußte Hitler einen anderen Schuldigen als Stalin benennen, weil er gerade zu diesem Zeitpunkt, nach der Niederlage von Stalingrad, sich mit Stalin zu arrangieren erwog.
Goebbels schrieb im Reich einen Kommentar, in dem die Juden („Leitartikler, Rundfunksprecher, Bankiers und GPU-Kommissare") als Urheber des Krieges und „Kitt" der feindlichen Koalition bezeichnet wurden, ihr Ziel sei es - unter Berufung auf Kaufmans Sterilisierungs-Phantasien Germany must perish - Deutschland zu vernichten: Als sie diesen Plan faßten, „unterschrieben sie damit ihr eigenes Todesurteil". Die badische Gauzeitung schloß sich an: „Es geht zwischen uns und den Juden darum, wer wen überlebt ... dann dürfen wir das Judentum zwischen uns nicht existieren lassen." Klemperer folgerte aus diesem Artikel: „1. Sie haben angefangen. 2. Unsere Judenvertilgung ist in Deutschland selber gar nicht populär." Im nächsten Artikel dieser Zeitung hieß es, die Juden seien für den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung haftbar zu machen, weshalb „ihre Vernichtung die allein notwendige Sühne für dieses Verbrechen sein kann."
Das reicht Longerich für sein Urteil: „Nach der drastischen Art und Weise, in der im Zuge der Katyn-Kampagne über die Beseitigung der Juden gesprochen wurde, sollte niemand mehr behaupten können, er habe von diesen Vorgängen nichts gewußt." Longerich spekuliert sogar, die Kampagne habe derart „die deutsche Bevölkerung zu Zeugen und Mitwissern des Massenmords an den Juden" machen wollen. Deshalb nennt er das entsprechende Kapitel, wie bereits erwähnt: „Die Endlösung als öffentliches Geheimnis".


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