Sezession
1. April 2007

Gender ohne Ende

Ellen Kositza

Altpapier, zweitens: das von „Herrmann Evers" (wie einfallsreich!) wohl binnen eines bierseligen Abends hingesudelte Super Eva! Männer sagen Danke für eine neue Dämlichkeit. Das Witzigkeitsniveau ländlicher Hauptschulparties dürfte höher sein als die fiktiven Porträts der angeblich evakompatiblen neuen Männer, die Evers hier bemüht launig in ihren „angestammten Territorien" vorstellt: im Puff natürlich, im Fitneß-Studio, in der Kneipe. Einzige Frage, die offenbleibt: Wie kann ein Autor, wie ein Verlag so etwas nötig haben? Weininger würde sagen, Geschwätzigkeit - hier gar inhaltslose - sei eine Kategorie der Weiblichkeit. Das gilt auch, zwar um etliche Niveaus höher zu veranlagen, für den Rede- und Schreibdrang, der den Suhrkamp-Hausautor, Radio-DJ und vielgefragten Podiumsdiskutierer Thomas Meinecke antreibt.
Man darf sich ernsthaft fragen, womit sich Meinecke seinen Ruhm verdient hat. Der harmlos-behäbig wirkende zweiundfünfzigjährige Hamburger punktet mit seinen dekonstruktivistischen Kollagen zu Themen der Pop-Sphäre als Jedermannsliebling in der Medienwelt. Seine jüngste Textsammlung zur Genderthematik ist teilweise englisch verfaßt, der Rest gemahnt häufig an halbgare Übersetzungen aus dem Amerikanischen, deren Übersetzung in ein Deutsch für das Normal-Gehirn notwendig, aber eben auch völlig überflüssig wäre. Meinecke: „Als Mae West zur Blütezeit des flachbrüstigen Working Girls die kurvenreiche Diva der 1890er Jahre wiedereinsetzte und zur am eigenen Leib recycelten, resignifizierten, nämlich auch noch um einen dem komplexen afrikanisch-amerikanischen Signifying entlehnten Jive erweiterten Darstellung brachte, war es logisch bereits female Impersonation im Sinn von High camp als schräger Strategie, in der Vergnügen und Kritik zur Deckung gelangten." Es geht, meist affirmativ, habituell mitwisserisch und stets intellektualistisch gespreizt, um Kleintiere in prominenten Männerhintern, um apokryphe Bibelstellen, die Jesus als Schwulen entlarven. Mit seiner Vorliebe für die Struktur der Oberfläche, für Glitter und Tand liefert Meinecke geschliffen-hybriden Intim-Klatsch für akademisch Fortgeschrittene. Um im Slang des Autors zu bleiben: trash.
Reichlich geschwätzig zeigt sich ebenfalls die studierte Philosophin Thea Dorn (Christiane Scherer lehnte ihren Künstlernamen an T. Adorno an) in ihrer Studie über jene Anti-Evas, die sie als „Germanys next Rolemodels" begreift.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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