Sezession
1. April 2007

Gender ohne Ende

Ellen Kositza

Weininger übrigens sah Emanzipationsbedürftigkeit allein in „dem Anteil M" begründet, den eben jene Frauen in sich trügen. Dorns Interviews mit acht mustergültigen Karrierefrauen wie der allseits gefeierten Moderatorin Charlotte Roche (über deren Faible für harte Pornos) und der antiislamistischen Frauenrechtlerin Seyran Ates (über deren teils sehr private Vorlieben und Probleme) sind weitgehend ohne Neuigkeitswert (paradigmatisch etwa die Frage an die schöne Minenräumerin Vera Bohle: „Gehe ich recht in der Annahme, daß Du schon als Mädchen lieber mit Wasserpistolen als mit Puppen gespielt hast?"), wenn auch unterhaltsam zu lesen. Verzichtbar dagegen das eigene insgesamt sechzigseitige Erfolgsfrau-Entblößungsprogramm, mit dem die telegene Talk-Dame Dorn, die mit vor Männerblut triefenden Splatterkrimis berühmt wurde, ihre Gespräche einrahmt. Daß sie mit siebzehn entjungfert wurde und seither „mit den wenigsten ein zweites mal schlief" - wer will das wissen, und was nutzt dies der von ihr konstatierten „finsteren Lage" der Frauen, die beispielsweise als Leiterinnen von Mordkommissionen immer noch beklagenswert unterrepräsentiert sind? So ist es: Die neuen Anti-Evas verbitten sich das Gejammer um strukturelle Benachteiligung, um eben solche doch wieder und wieder festzustellen. Daher kommt auch Karin Deckenbachs „freche und selbstbewußte" „Abrechnung mit den Zumutungen, denen Frauen heute wieder ausgesetzt sind" reichlich jämmerlich daher. Unglaublich, daß immer noch über neunzig Prozent der Ehefrauen den Namen des Gatten annehmen! Daß es immer noch Frauen gibt, die für ihre Kinder den erlernten Beruf aufgeben, obgleich „die Verhältnisse sie nicht dazu zwingen"! Die hier breiträumig zitierten geistig-emotionalen Beschäftigungsräume cooler selfmade-Ladies sind beredt: Welche Art Sex mit welchem Mann groovt am meisten? Und was tun mit dem „spröden" Mann, der beim ersten date nicht mal knutschen will? Ein Schelm, der hier erneut auf Weininger zurückgreift, der für das Vollweib nur zwei Wege bereithielt: den der Mutter oder den der Dirne. Dabei hat Deckenbach ihrer Kollegin Herman doppelt zu danken: Die Eva-Vorlage dient hier nicht nur dazu, um mit persönlichen Beobachtungen und Bauchgefühlen einen Gegentrend herbeizupalavern, die Autorin füllt ihr redseliges Konvolut zudem seitenlang mit Auszügen aus Hermans Buch.
Neben all dem Müll gibt es auch zwei Neuerscheinungen zum großen Themenkreis der Geschlechterrollen, die an sich keine Gemeinsamkeiten aufweisen, sich aber in zwei Punkten deutlich von den oben besprochenen abheben: a) kommen sie im Titel ganz ohne Rosa-Pink und Dekolleté aus, b) bedeutet ihre Lektüre unbedingten Gewinn.
Zum einen handelt es sich um das schmale Bändchen Gender aus der Feder des journalistisch begnadeten Volker Zastrow. Die beiden Aufsätze Politische Geschlechtsumwandlung und Der kleine Unterschied sind 2006 bereits in der FAZ erschienen. Wer mit dem feministischen Diskurs ein wenig vertraut ist, wird zwar keine wirklich neuen Erkenntnisse gewinnen aus der Darstellung der Sachlage des hochamtlichen gender mainstreamings und der Wiedergabe des brutal gescheiterten Menschenversuchs des amerikanischen Psychiaters John Money, der aus dem genital operativ beschädigten Zwilling Bruce Reimer durch rigide Erziehungsmaßnahmen und Hormongaben Brenda Reimer werden ließ.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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