Sezession
1. April 2007

Entwicklungspsychologie als Schlüssel

Gastbeitrag

Oesterdiekhoff zitiert als Beleg für die große Rolle der Erziehung ältere IQUntersuchungen, die für noch traditionell lebende Chinesen und Japaner einen niedrigen IQ auswiesen, und Adoptionsstudien, die bei in weißen Mittelschichtfamilien aufgewachsenen schwarzen Kindern einen überdurchschnittlichen IQ fanden. Lynn beruft sich auf Studien, wonach südafrikanische Schüler und indische Studenten auch nach langjährigem Schulbesuch nur einen mäßigen IQ zeigen, sowie auf Adoptionsstudien, nach denen der IQ der Adoptierten dem ihrer ethnischen Herkunftsgruppe ähnlicher ist als dem ihrer Adoptiveltern. Letztere Adoptionsstudien scheinen gegenüber denen mit positiverem Adoptionseffekt zahlenmäßig zu überwiegen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß beide Autoren bevorzugt solche Untersuchungsergebnisse zitieren, die ihre Theorien bestätigen. Offensichtlich gibt es beides, Nichtwestler, die bei entsprechender Ausbildung westliches Niveau erreichen, und solche, die es trotz Förderung eben nicht erreichen. Welches Phänomen von beiden das signifikantere ist und welche Faktoren hier wirksam sind, ist noch völlig offen. Stellen die erfolgreichen Nichtwestler genetische Siebungsgruppen ihrer Populationen dar, heimische Eliten, die schon einen Aufstiegsprozeß innerhalb ihrer Kultur hinter sich haben? Sind bei den Nichterfolgreichen trotz Förderung immer noch retardierende Einflüsse ihrer Kultur und sozialen Stellung wirksam? Ausschließen kann man beides sicher nicht. Auf jeden Fall zeigen die Befunde Oesterdierkhoffs, daß man die hohe Heritabilität der IQ-Unterschiede innerhalb von Populationen nicht so ohne weiteres auf die Unterschiede zwischen den Rassen und Völkern übertragen kann.
Die von Oesterdiekhoff zusammengestellten Befunde stellen eine eindrückliche Warnung vor einer naiven Verallgemeinerung europäischer Denkmuster dar. Stärker noch als die IQ-Untersuchungen machen die entwicklungspsychologischen Daten deutlich, wie weit die Realität der meisten außereuropäischen Kulturen von jenen verharmlosenden Multikultur-Vorstellungen entfernt ist, die in kulturellen Unterschieden lediglich folkloristische Äußerlichkeiten sehen wollen. Das weitgehende Fehlen formal-operationalen Denkens dürfte auch der Grund für das Fehlschlagen so vieler Demokratisierungs- und Entwicklungshilfeprojekte in der „Dritten Welt" sein. Politisch legen die kognitionspsychologischen Erkenntnisse meines Erachtens vor allem zwei Schlußfolgerungen nahe: Erstens müssen die Gefahren einer ungesteuerten Einwanderung deutlich gemacht werden, und zweitens die Notwendigkeit konsequenter Schulbildung, insbesondere schon im Vor- und Grundschulalter.


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