Sezession
1. Februar 2014

Alle Straßen münden in schwarze Verwesung

Gastbeitrag

Das ist eine dumme Frage, und nicht viel besser ist die oben notierte Mitteilung, Trakl habe »über Grodek« ein Gedicht geschrieben. »Grodek« ist sowenig ein Gedicht über dieses galizische Kaff, wie Hölderlins »Heidelberg« eines über einen Studienort wäre. Trakls »Grodek« ist die Summe des ununterbrochenen Gedichts, an dem Trakl sein ganzes Leben lang schrieb und das wie ein Myzel unterhalb seiner Lebensäußerungen sich entlangzieht, um in konkreter Form hier und da, ab und an sich zu zeigen. »Grodek« also:

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sterne
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! Ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Was ist in diesen Versen zu finden? Eine Landschaft, durchaus eine stimmige, harmonische Landschaft, in die nun für eine Zeit der Lärm der Schlacht, die sterbenden Krieger, der Kriegsgott eingebettet sind. Die Achse: Das ist das schreckliche, definitive »Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.« Aber das, was davor und danach geschrieben steht, ist in seinem ganzen Elend so klangvoll ausgesprochen und über Enjambements ineinandergebunden, daß man es nicht anders als gegeben aufnehmen kann; und jeder Versuch, sich gegen dieses Gegebene aufzulehnen, wäre unreif und ein Zeichen von Feigheit. Über die drei letzten Zeilen schließlich hat Franz Fühmann längst das Notwendige gesagt: »Wir müssen gestehn, daß der Schluß dieses Gedichts, der als so schwierig und rätselhaft gilt, uns nie so recht Schwierigkeiten gemacht hat; wir hatten ihn von Anfang an, freilich nie mit dem Anspruch, ihn ganz zu haben. Stolzer – welche Trauer wird hier gesteigert? Wir wissen es nicht; wir wissen nur, daß sie stolzer ist als eine andere Trauer.«

Das kurze Kriegserlebnis, das Trakl zu ertragen hatte, war ihm auf den Leib geschneidert. (Rilke: »Und wie eine Braut kommt jedem das Ding, das er will.«) Was war dieser schlappste aller Freiwilligen doch für ein Mensch, daß er die Kraft aufbrachte, auf den Straßen gen Verwesung, auf denen er sein Leben lang unterwegs war, die durch ihn hindurch führten, noch solche Worte zu finden!


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