Sezession
1. August 2015

Anthony Doerr: Alles Licht das wir nicht sehen, Roman

Ellen Kositza / 1 Kommentar

Vier Menschen mit einem Klunker in der Tasche verstreuen sich in die Weltgeschichte. Ein zutiefst kranker und heilssüchtiger Stabsfeldwebel, der Kristallograph Reinhold von Rumpel (gut: der Name mag ein Fehlgriff sein) forscht fieberhaft nach diesem Diamanten. Ist er bei Marie-Laure, die zuletzt mutterseelenallein auf dem funktechnisch schwer bewehrten Dachboden im Exil, in Saint-Malo kauert, während um sie herum die alte Stadt in Flammen steht?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Auch Funker Hausner hat es zuletzt über Schulpforta und Rußland nach Saint-Malo verschlagen, er liegt verschüttet in einem Keller. Der sprichwörtliche „Funken“ Hoffnung wird bald real. Doch dies ist keine romantische Geschichte und auch kein Abenteuerroman, es ist eine Tragödie zwischen Licht und Schatten, voller Geräusche, Gerüche und Erinnerungen.

Für hartes, trennscharfes Schwarzweiß ist hier wenig Platz. Einer, der Werners Talent entdeckt, ein Nationalsozialist, erklärt dem Knaben: „Kennst du die größte Lehre der Geschichte? Sie lautet, dass die Geschichte am Ende das ist, was die Sieger sagen. Das ist ihre Lehre. Wer gewinnt, entscheidet die Geschichte. Wir handeln in unserem eigenen Interesse. Nenn mir eine Person oder Nation, die das nicht tut. Der Trick ist, dir darüber klar zu werden, worin deine Interessen bestehen.“ Werners kurzes Leben besteht aus zweierlei: Darüber nachzudenken. Und: zu dienen.

Werner ist so hart - und so weich. Darin gleicht ihm die junge Französin. Und von Rumpel, und fast alle, die hier handeln. Doerr, dieser Bild- und Sprachkünstler, hätte gut auf die holzschnittartigen, hollywoodesken Schulpforta-Szenen verzichten können, dergleichen auf den effektheischenden französischen Widerstandsclub der alten französischen Damen.

Andrerseits illustriert genau das den zu berechnenden Punkt des Dreiecks: daß wir alle Kinder unserer Zeit sind.

Anthony Doerr Alles Licht das wir nicht sehen kann man  hier bestellen


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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Kommentare (1)

Arminius Arndt
3. Juli 2015 10:29

Wunderbare Welt des creative writing ...

Ich mag Literatur aus Amerika wirklich, insbesondere, wenn sie mir Geschichten von dort erzählt, aber immer wenn sie in Europa zu spielen scheint, bekomme ich einen Alp des Klischees und der Karteikartensammlungen, auf die man sich seine Ideen zu den Personen und Städten des zu schreibenden Buches aufschreibt (Schulpforta und Funktechnik? Da hätte ich eher an anderes Gedacht, natürlich Saint- Malo, warum nicht irgendein belangloses Kaff in der Etappe?), genauso wie ich Pynchon´s Enden der Parabel aus diesen Gründen irgendwann einmal weg gelegt habe, so muss ich auf ähnliches bei diesem Buch aufgrund dieser Rezession schließen. Na gut, wenn es mal als preiswerteres Taschenbuch erscheint, dann werde ich es mir vermutlich als Urlaubslektüre holen, denn eines muss man den aktuellen Autoren jenseits des großen Teiches lassen: Sie beherrschen ihr Handwerk!

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