Sezession
4. Juni 2014

Simplicius Simplicissimus a dextra

Ellen Kositza

Marcel schreibt unter Krämpfen. Sein Leben jenseits der Redaktionstätigkeit erscheint ihm ähnlich verzwickt. Weshalb zeigt ausgerechnet Agnes Interesse an ihm, diese offensichtlich durch-und-durch linke, dennoch anbetungswürdige Radiofrau? Wieso meldet sich Doreen nicht mehr, das propere Fräulein mit dem gesunden Menschenverstand, das Marcel von seinem Freund und Kollegen Benjamin vermittelt bekam? Benjamin reüssiert munter als Schüler diverser Pick-up-Seminare, wendet seine Aufreißer-Tricks fleißig an und fährt nicht schlecht dabei.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Und dann ist da Eugen. Eugen Rössler, der Ex-Redakteur und alte Schulkamerad, der Marcel einst zum Freigeist vermittelt hatte. Der hat keine Probleme mit Frauen und auch keine mit Bauchgefühlen und Hirnimpulsen, aber offensichtlich mit seinem Namen. Rössler heißt jetzt Rosenbaum, brauchte er einen Neuanfang bei google? Aber warum? Warum ausgerechnet unter einem Namen mit solch »hm … mosaischem« Beiklang? Und warum sind rechte Leser und Denker eigentlich überproportional oft schwul, wie Backhohl, die Freigeist-Edelfeder, unter Verweis auf redaktionsinterne Statistiken verkündet? Oder macht er bloß Witze?

Vielleicht spielen überhaupt alle falsch, vielleicht nimmt keiner die Sache so ernst wie Marcel, der eigentlich keinen Dienstschluß kennt. Marcel versucht jedenfalls nach Kräften, seinen Mann zu stehen. Gegenüber Maman, der immer noch dominanten alleinerziehenden Mutter, gegenüber Agnes, der lieben, verirrten Linken, gegenüber Backhohl, dieser schillernden Eminenz und gegenüber den Objekten seiner Reportagen, hier vor allem die »ziganen Gesellschaften«, die am Ort des Geschehens – Dresden – eine Bleibe gefunden haben.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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