Sezession
4. Oktober 2014

Michael Köhlmeiers »Joel Spazierer«

Ellen Kositza

Spazierer ist ein ausgedachter Name. Als Kind hieß er erst András Fülöp, später Andres Philip, kurzzeitig Robert Rosenberger, dann Ernst-Thälmann Koch, kein Tippfehler: Thälmann ist der zweite Teil des Vornamens. »Spazierer« wurde zur Identitätsverschleierung von einem vertrauten linken Pfarrer für gut befunden: »Es ist nicht schlecht, wenn die Leute meinen, es sei ein jüdischer Name. Dann fragen sie nicht. … Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn du das Jüdische mit einem jüdischen Vornamen betonst.«

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Unser Held hat allen Grund, seine Identität zu verhehlen. Er ist ein Mörder und ein Lügner. Angesichts dessen – er hat zusätzlich gedealt, er hat sich prostituiert, hat Ehen und Dutzende Gesetze gebrochen – grenzt es an ein Wunder, daß wir Hunderte Seiten mit ihm hoffen und bangen. Sollen wir Joel Spazierer einen schlechten Menschen nennen? Fiebern wir aus Mitleid mit ihm? Nein, nein. Es ist viel komplizierter.

Als er ein Kind war, in Budapest, holte die Staatssicherheit seine Großeltern, bei denen er aufwuchs. Stalins Schergen, die die Großeltern malträtieren und vergewaltigen (ein Mißverständnis, wie sich herausstellen wird), übersahen András, der nun tagelang in der Wohnung auf sich gestellt war – als Dreijähriger. »Ein Mensch mit drei Jahren fühlt sich nicht als Kind«. Dieser hier fühlte sich als König von Xanten. Die Geschichte war ihm vorgelesen worden. »Ich habe mich nie erwachsener gefühlt als damals, war nie vernünftiger gewesen, nie lebensfähiger – nämlich in der Lage, mich anzupassen. Keine Weinerlichkeit. Keine Angst. Keine Abschweifung. Keine Empathie. Keine Wahrheit, keine Lüge. Ich hätte mir zugetraut, einen Staat zu lenken.«

Die Tiere, die auf seine Decke gestickt sind, werden dem kleinen András lebendig, sie werden ihm über Jahrzehnte helfen. Sie existieren, sie haben Vernunft. Später kehren die Großeltern zurück, auch die blutjunge Mutter und ein sogenannter Vater. Man flieht aus Ungarn nach Wien, doch András bleibt gewissermaßen obdachlos, zumindest haltlos in transzendentaler Hinsicht. Es gibt keine Erziehung, seine Leute haben andere Sorgen und Lüste. Bereits das Kind gerät auf Abwege.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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