Sezession
12. Oktober 2013

Nachhaltigkeit als frommer Wunsch mit Vorbehalt

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 56 / Oktober 2013

von Thomas Hoof

Es ist ein überaus merkwürdiger Sachverhalt, daß eine Gesellschaft, deren materielles Funktionsprinzip tatsächlich nur auf dem Verzehr von Beständen beruht, unablässig ihren Willen zur »Nachhaltigkeit« beteuert und damit verbal einem Prinzip huldigt, das Nutzungsentnahmen strikt auf das beschränkt, was pro anno nachwächst.

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Daß diese Gelöbnisse frank und frei und ohne Stottern abgelegt werden, zeigt den Mangel an historischem Sinn und Klarblick. Beides fehlt sowohl den zahlreichen Inhabern eines guten Willens als auch den wenigen eines ökonomischen Lehrstuhls – letzteren jedenfalls dann, wenn sie der marktbeherrschenden neoklassischen Schule ihres Faches anhangen. Dann nämlich ist ihr Blick in beide Richtungen des Zeitpfeils getrübt – nach hinten und nach vorne.

Das resultiert aus einem speziellen Verhängnis: Gerade als es dort mächtig zu brodeln und zu kochen begann (um den Wechsel zum 20. Jahrhundert), machten die Ökonomen den Gegenstandsbereich ihrer Disziplin zu einem Schauplatz »ewiger Gesetze«, und zwar solcher, die man wie die der klassischen Mechanik in Differentialgleichungen ausdrücken kann.

Dort strebten die wirtschaftlichen Kräfte rechnerisch ganz von selbst zu jener zeitlosen Harmonie, in der seit Kepler schon die Himmelskörper tanzen. Es war eine ökonomische Abkehr von einer wechselhaften Wirklichkeit, die weitreichende Folgen auch für das Alltagsbewußtsein hatte:

Die Neoklassik hat nie erklären können, wie es zu der »Industriellen Revolution« des 19. Jahrhunderts kommen konnte. Als exogene Ursache diente ihr der sogenannte »Technische Fortschritt«, den der Himmel plötzlich aus Wolkenbrüchen hatte herabregnen lassen.

Obwohl methodisch also völlig physikalisiert, hatte die ökonomische Orthodoxie nie einen Sinn, geschweige denn einen Blick für den biophysischen Kern der Wirtschaft: Die Produktionsmächtigkeit des mobilisierten Produktionsfaktors »Fossilenergie« rechnet sie mit fünf bis sechs Prozent, weil sie die Grenzproduktivität eines Faktors allein an seinem Preis abliest.

Insofern kommt sie zu dem Schluß, daß ein völliger Ausfall sämtlicher fossilenergetischer Inputs (weltweit 1,4 Mrd. Mannleistungsjahre je Tag) allenfalls eine konjunkturelle Delle von etwa fünf bis sechs Prozent verursachen könnte. Tatsächlich stünde die Weltwirtschaft in diesem Fall auf einen Schlag still. »Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen, kann kein Bürger nichts mehr sehen«, dichtete Erich Mühsam 1907. Die orthodoxen Professoren sind aber schon früher erblindet.

Die Neoklassik unterliegt einem »Substituierbarkeitswahn«: Noch 1978 – sechs Jahre nach dem ersten Bericht des Club of Rome – riefen die amerikanischen Ökonomen H. E. Goeller und A. Weinberg ein »Zeitalter der Substituierbarkeit« aus (The Age of Substitutability, 1978), und Robert Solow erhielt 1987 den Nobelpreis für eine Wachstumstheorie, die unter anderem konstatiert, daß die Erschöpfung von Rohstoffen lediglich ein Ereignis, aber keine Katastrophe sei.

Und wenn die solaren Autoritäten demnächst über die Erde (meinetwegen als einen »Schurkenplaneten«) ein Lichtembargo verhängten, so wäre das nach der neoklassischen Ökonomie eine nur kurze Irritation der Weltwirtschaft, die aber durch Marktanpassungen und Substitutionseffekte alsbald überwunden wäre.

Eine solch souveräne Mißachtung der Wirklichkeit gelingt nur, wenn man sich aus kopfgeborenen Wolkenkuckucksheimen eine ganze Gesetzestafel herunterdeduziert hat und die Wirklichkeit nach deren Vorschriften interpretiert. Genau davor hatten die beiden »Historischen Schulen« der deutschen Volkswirtschaftslehre immer gewarnt. Sie bestanden darauf, daß wirtschaftliche Prozesse aus ihrem zeitlichen und räumlichen Kontext zu betrachten und auch nur so zu verstehen seien.

Mit seinem großen Projekt zur Aufklärung des »Europäischen Sonderwegs« hat Rolf Peter Sieferle im letzten Jahrzehnt an diese kontextuale Methodik angeknüpft. Die Ergebnisse liegen in einer elfbändigen Schriftenreihe der Breuninger-Stiftung und einer Reihe von Monographien vor.

Sieferle untersucht darin den Wechsel vom agrarischen Solarenergiesystem zu einem fossilenergetischen mit den für Gegenwartsanalysen entwickelten umweltökonomischen Methoden der Energie- und Materialflußrechnungen. Er bietet dabei viele neue, empirisch tief geschürfte Daten zum »sozialen Metabolismus« auf, also zum gesellschaftlichen Stoffwechsel am Beispiel Österreichs und Englands vor und in der Transformationsphase des solarenergetischen zum fossilenergetischen Regime.

Rekonstruiert wird die solarenergetische Epoche als eine ständige geschickte Handhabung quantitativ gegebener und als Einkommensgröße eindeutig begrenzter Energie- und Materialflüsse. Solarenergie wurde mittelbar genutzt über ein agrikulturelles Arrangement der photosynthetischen Leistungen der Biomasse, über die solar bewirkte Wettermechanik mit ihren Winden, Niederschlägen, Wellen und Strömungen, in die sich intelligente Artefakte (Mühlen-, Segel- und Fördertechniken) sowie listige Nutzungen der Schwerkraft in einfachen Maschinen (Schiefe Ebene, Flaschenzüge, Wellrad, Keil und Kurbel) einklinkten.

Der Erntefaktor mußte stets gleich oder größer zehn sein, weil der primäre Nahrungsenergiebedarf eines Menschen seine physische Leistungsfähigkeit um den Faktor zehn übersteigt. Es gab stets Innovationen, deren Wachstumswirkungen aber über kurz oder lang stets in negativen Rückkopplungen ausgebremst wurden.

Ein Ausbau der Seefahrt etwa durch Übernutzung des einzig verfügbaren Energiespeichers Wald schlug in der nächsten Generation zurück. Wachstum gab es – David Landes berechnet eine jährliche Rate im Promillebereich, wobei die vielen, meist klimatisch bedingten Schrumpfungsphasen darin schon verrechnet sind.

Bis ins 18. Jahrhundert hatte sich also ein in allen kulturellen Großräumen (Europa, Indien, China) sehr ähnliches agrarisches System etabliert, das aber zu diesem Zeitpunkt immerhin schon ein Surplus von etwa 30 bis 40 Prozent erwirtschaftete; ein Mehrprodukt, das nicht nur dem vielgetadelten Saus und Braus der Fürsten anheimfiel, sondern reinvestiert wurde in all das, was auch heute noch den wesentlichen Teil unserer ästhetischen und symbolischen Bestände ausmacht: die Städte, die Dome, Schlösser, Parkanlagen, in Literatur, Musik und Philosophie und schließlich in jene vielgliedrige, bodenfruchtbare Kulturlandschaft, die heute wegen scheinbarer Entbehrlichkeit in immer stärkerem Maße der musealen Fürsorge der Naturschützer überantwortet wird.

Der Ausbruch aus dieser begrenzten Welt einer organischen Ökonomie, die sich mit einer erstaunlichen metabolischen Zähigkeit über 10 000 Jahre erhalten und entwickelt hatte, geschah dann mit verblüffender Plötzlichkeit durch einen sehr kleinen geographischen (Europa) und zeitlichen (18. / 19. Jahrhundert) Spalt auf einem Entwicklungspfad, der energetische Expansion zum ersten Mal nicht negativ sanktionierte, sondern in eine Kaskade verstärkender positiver Rückkopplungen führte.

Zur Illustration: Die Dampfpumpen des frühen 18. Jahrhunderts hatten aufgrund ihres geringen Wirkungsgrades einen sehr großen Brennstoffbedarf. Ihre Konstrukteure zielten deshalb gleich auf den Steinkohlebergbau als einen Anwendungsort, der nicht nur ihre Entwässerungsleistungen gut gebrauchen, sondern auch den Brennstoff für ihren Betrieb bereitstellen konnte. Die Pumpen von Thomas Newcomen breiteten sich im späten 18. Jahrhundert schnell in allen Bergbauregionen Europas aus und sorgten, indem sie größere Teufen ermöglichten, für die Ausweitung der Steinkohleförderung.

Die nun im größeren Maßstab verfügbare Kohle intervenierte ihrerseits mit einem Doppelnutzen als Trennmittel und als Brennstoff in die Eisenverhüttung, was die Voraussetzung für den fulminanten Anbruch der zweite Eisenzeit war, die mit erweiterten metallurgischen Möglichkeiten die Konstruktion der großen, mit gespanntem Dampf arbeitenden Wärmekraftmaschinen erlaubte, die dann auf Räder gestellt als Lokomotiven die aus der Erde gebrochene Energie in die Fläche verteilen konnten.

Keines der eingesetzten technischen Prinzipien war wirklich neu, aber »von dem Rücken der Kohle« gelang in einer dichten Folge von einander verstärkenden Prozeßschritten ganz plötzlich der Absprung aus den solaren Grenzen und der Übergang von einer organischen zu einer mineralischen Ökonomie, die damit aber erstmals unter einen begrenzten zeitlichen Horizont geriet.

Der aber schien äonenweit entfernt zu sein.

Ein Überblick über die zwölftausendjährige Zivilisationsgeschichte ergibt sich das Bild einer harten Konfrontation einer stationären, stabilen agrarischen Formation (auf einer zeitlichen Strecke von 11 800 Jahren) und eines seit 200 Jahren anhaltenden, dynamisch steigenden, atemberaubenden Höhenflugs.

Wenn man von der »Evidenz der Dauer« absieht, muß man entweder fragen, welche Fesseln die Menschheit in der ganzen Welt fast 12 000 Jahre lang ökonomisch am Boden hielten oder aber umgekehrt, welche Kräfte sie in den letzten 200 Jahren in Europa nach oben katapultierten – und daraus abgeleitet: Was ist unter diesen beiden Formen des sozialen Metabolismus der Normal- und was der erklärungsbedürftige Sonderfall?

Die »Moderne« hat ganze Bibliotheken mit meist liebevollen Selbstbetrachtungen gefüllt, dabei aber wenig Interesse an den materiellen Voraussetzungen ihrer selbst an den Tag gelegt. Wo sie auf die genannte Frage antworten müßte, täte sie es in etwa so: Im 18. Jahrhundert trugen die Herren Voltaire, Diderot et al. die Leuchte der Aufklärung in alle Hütten, Werkstätten und Ställe und weckten, wen sie dort antrafen, aus seinem Jahrtausende währenden Halbschlummer.

Diese ist die bei Intellektuellen beliebte Variante, weil sie ihrer Profession auch die Urheberschaft am technischen Fortschritt sichert – ungeachtet des geschichtlichen Faktums, daß es sich bei den tatsächlichen Akteuren der »industriellen Revolution« eben nicht um Mitglieder der Académie française handelte, sondern immer um genial tüftelnde Schmiede, Hüttenleute und Markscheider, die es zu Recht bös’ aufgenommen hätten, wenn jemand aus den aufklärenden Gewerben sie des Unvermögens bezichtigt hätte, »sich ihres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen«.

Ich persönlich bevorzuge bei der Klärung dieser Frage »Normal- oder Sonderfall« deshalb eine metaphorische Nutzung der Physik der Monsterwelle:

Eine Monsterwelle entsteht plötzlich und unvorhersehbar, wenn gleich mehrere, verschiedene, aber schneller laufende Wellen auf stabil und langsamer rollende aufsatteln. Das vergrößerte Gebilde saugt zusätzliche Energie aus der Wellenumgebung an, und der berittene Riese steigt plötzlich steil auf ein Vielfaches seiner Ursprungsgröße hoch, bis der Kamm abbricht und das mächtige, aber instabile und kurzlebige Gebilde in sich zusammenstürzt.

Das Bild erlaubt es übrigens, auch die geistige Vorgeschichte der großen Transformation als sehr langsame Wellen einzubeziehen, die, wie etwa Eric Voegelins »Gnostischer Wahn«, von weit her (hier: aus dem 12. Jahrhundert) kamen und den Wellenberg nur unterfütterten. Damit wäre aber klar: Wir leben, wie Sieferle sagt, in einer historischen Singularität. Deren Ende aber ist mittlerweile im Zeithorizont der heute Lebenden erschienen.

»Peak oil war gestern« ist eine in letzter Zeit vielgelesene Parole, die mit ganz entgegengesetzten Inhalten verbreitet wird. Zum einen sagt sie aus, daß das weltweite Ölfördermaximum vor ein paar Jahren erreicht worden sei. Hintersinn: Von nun an geht’s bergab.

Das ist bei den konventionellen Vorräten unbestritten der Fall. Im entgegengesetzten Sinn sagt sie, daß die These vom Ölfördermaximum von gestern sei, weil neu erschlossene und mit neuen Techniken zu fördernde Vorräte (Tiefseeöl, Polaröl, Erdgas und Erdöl aus Ölschiefer oder Teersanden) die Tür zu weiterem Energieüberfluß aufgestoßen hätten. Hintersinn: Die Party geht weiter.

Größter Treiber der wiedererwachenden Euphorie ist der natural gas und shale oil rush in den USA. Die in Montana, Arkansas, North Dakota und Texas erschlossenen oder vermuteten Vorräte unterscheiden sich von konventionellen Vorkommen dadurch, daß sie infolge fehlender Zeit (einige hunderttausend oder auch Millionen Jahre) oder wegen ungeeigneter geologischer Umstände daran gehindert waren, sich förderungsfreundlich in einer Ölblase zu versammeln.

Sie sind sozusagen »unreif« und müssen aus den Gesteinen mit Unmengen von Wasser und herbeigeschafftem Sand herausgesprengt, -gewaschen oder (mit vor Ort errichteten Kohlekraftwerken) -gekocht werden. Bekannt ist der steile Abfall der Förderkurve mit Raten von 60 – 80 Prozent nach dem ersten Jahr. Die Erntefaktoren lassen sich nicht ermitteln, bei Shale Gas herrscht Schweigen, aber für das Hayneswill Shale in Arkansas wurde bekannt, daß der Betreiber Cheasapeake nur in 15 Monaten von zehn Jahren die Förderkosten durch die Erlöse decken konnte.

Das besagt nichts anderes, als daß dort (ebenso wie beim Tiefseeöl) vergleichsweise preiswert gewonnene konventionelle Fossilenergie gegen teuer zu gewinnende unkonventionelle etwa 1:1 getauscht wird.

Die Rechnung mag mit Blick auf steil steigende Energiepreise für die Akteure sogar noch aufgehen, aber dieses Kalkül ließe sich leichter realisieren, wenn die Betreiber die eingesetzte Energie gleich bunkern und so wenigstens darauf verzichten würden, in diesem Nullsummenspiel die amerikanischen Mittelgebirge dem Erdboden gleichzumachen.

Das System kämpft also an allen Fronten in einer verzweifelten Flucht nach vorne und steigert dabei in dramatischer Weise seine Komplexität und seine Instabilität. Nassem Nicholas Taleb, der Autor des Schwarzen Schwans, denkt in seinem neuen Buch Antifragilität darüber nach, wie Strukturen, Institutionen und Prozesse beschaffen sein müssen, die in Streß, Schocks und Katastrophen nicht nur nicht untergehen, sondern gestärkt werden. Erkenntnis: sie müssen nicht etwa nur robust oder resilient sein, sondern »antifragil«.

Das Robuste ist kaum zu beeindrucken, aber auch nicht reaktionsfähig. Das Fragile nimmt Schaden, Totalschaden nicht ausgeschlossen, das Antifragile aber profitiert relativ mehr von Erschütterungen, als es darunter leidet. Es ist offensichtlich, daß die Antifragilität vor allem eine Eigenschaft organischer Systeme ist, morphologischer Ganzheiten, die die Fähigkeit zur Selbstheilung, zur Reaktion, zur Reorganisation und zur Wahrung ihrer Außengrenzen haben.

Es gilt als eine »typisch deutsche« Denkform (»... im Kampfe mit der englisch-mechanistischen Welt-Vertölpelung« – Nietzsche), die Systemeigenschaften des Organischen immer wieder ins Zentrum natur- und sozialphilosphischer Überlegungen zu stellen – von Adam Müller über Edgar Julius Jung bis zu Arthur Koestler.

Koestler wollte mit seiner Holon-Theorie atomistische und holistische Blockaden überwinden, indem er zeigt, daß die Wirklichkeit sich aus hierarchisch verbundenen Einheiten (= Holons) aufbaut, die nicht nur Teil, sondern selbst gleichzeitig »Ganzheit« und »Subganzheit« sind und deshalb janusköpfig die gegensätzlichen Tendenzen zur Selbstbehauptung und Selbsttranszendenz, zur Autonomie und zur Integration zeigen.

Man merkt es jeder Institution, jedem Sozialverband an, ob diese gegensinnigen Tendenzen jeder Einheit in der Balance und hegelianisch »aufgehoben« sind. Wenn ja, funktioniert die Einheit, wenn nein, zahlt sie den Preis des Abbaus. Die letzten sozialen Großverbände, die in diesem Sinn »funktioniert« haben, waren wahrscheinlich der preußische Staat und das Kaiserreich.

Zum stärksten »Zug der Zeit« gehört genau diese Entmächtigung und funktional-produktive Auskernung der unteren Ebenen. Man könnte von einer allgemeinen Tendenz zur »Dismembration« sprechen, die eben nicht nur Staaten trifft, die in Nordafrika und im Nahen Osten als Hemmnis geopolitischen Generalplänen im Wege stehen und deshalb schlechthin aufgelöst werden sollen, sondern auch als innergesellschaftlicher Prozeß der Auflösung aller intermediären, »organischen« Sozialverbünde wirksam wird.

Auf der materiellen Ebene werden alle produktiven, raumbezogenen Potentiale weggesaugt und auf höherer globaler Ebene neu angeordnet. Die Landwirtschaft, der Urproduzent, war bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein solarenergetisches Relikt in der fossilenergetischen Epoche. Dann wurde auch sie nach der Logik des neuen Energieregimes formiert mit dem Ergebnis, daß selbst in der Urproduktion der Erntefaktor negativ wurde.

Die landwirtschaftlichen Betriebe sind heute ein reiner Kreuzungspunkt globaler Lieferketten, auf denen Hybridsaatgut, Hybridtiere, Dünger, Agrarchemie und Futtermittel heranrauschen. Die züchterische Hybridisierung nimmt ihnen zur Zeit die letzten produktiven Urpotentiale.

Mehr als 50 Prozent der Flächen in Deutschland dienen noch der Landwirtschaft (etwa 18 Mio. ha, davon zwölf Mio. Ackerfläche und sechs Mio. Grünland). Auf knapp einem Fünftel der Ackerfläche stehen Futter- und Energiemais.

Dort, wo auf dem Grünland noch Rinder grasen und auf den Äckern Brotgetreide wächst, predigt der bürokratische Mentor Flächenstillegung und Vertragsnaturschutz und nötigt den Landwirt, seine ansonsten ungenutzten Weiden mit ein paar extensiv gehaltenen, ungemolkenen Mutterkühen zu dekorieren und ansonsten »Landschaftspflege« zu betreiben, indem er die Bildung von Brachen, Vernässungsflächen und Mooren nach Kräften fördert.

Der Bauer schleicht damit als melancholischer Museumswärter durch eine Landschaft, die seine Vorfahren, hart arbeitend, meliorisierend und Werte schaffend als »Kulturlandschaft« erst geformt haben.

Der Naturschutz, soviel wir ihm hinsichtlich des Artenschutzes zu verdanken haben, wirkt in der Landwirtschaft als Werkzeug zur Beseitigung der Landwirtschaft. Fast 7,3 Millionen ha, also 40 Prozent dieser Flächen, stehen mittlerweile als Natura-2000-Gebiete unter Nutzungseinschränkungen, und es gibt immer noch die bürokratische (aber auf immer härteren Widerstand stoßende) Tendenz, große Waldflächen als Nationalparks völlig aus der Nutzung zu nehmen.

Die Höfe als Energieparks, die vom Mais verschonte Feldflur als unfruchtbarer Landschaftspark mit Feldgehölzen, die Wälder als einschlagsfreie Urwälder, das ist der Zielpunkt der derzeitigen Tendenzen. Lebensmittel? Die gibt es beim Discounter. Nicht das »Moralische«, wie bei Friedrich Theodor Vischers A. E., sondern »Das Nötige versteht sich von selbst.«

Diese Nonchalance gegenüber dem Notwendigsten hat ihren Grund in der langen, fast unvermeidlichen Illusion eines auf ewig gesicherten Überflusses, von der auf diesen Seiten die Rede ist. Als Politik ist sie aber fast nur erklärlich, wenn man sie mit den Tagträumen der internationalisierten Technokraten-Eliten konfrontiert. Sie werden von dem politikberatenden Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des in Klimakatastrophendingen allgegenwärtigen Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung im »kleinen Kreis« der wissenschaftlichen Öffentlichkeit mit erstaunlichem Mut zur Indiskretion offenbart:

Ihm schweben ein »Redesign der Erde mittels Geoengineering«, eine gezielte »Umgestaltung der Ökosphäre« und eine »proaktive Kontrolle der planetaren Variabilität« vor. Arbeit, Energie und Stoffströme will er geographisch neu verteilen: Nahrungsmittelanbau in die mediterranen Zonen, erneuerbare Energiegewinnung in die Subtropen, Erholungstourismus in die Tropen. Und das Klima will er nicht nur schützen, sondern durch »wohlüberlegte Injektion von Designer-Treibhausgasen« in die Atmosphäre verbessern. (H. J. Schellnhuber: »Earth System Analysis and the Second Copernican Revolution«. In: Nature. Millennium Supplement to Vol. 402, No. 6761, C19–C23 (1999).

Rolf Peter Sieferle empfand es als »merkwürdiges Paradox, wenn gerade diejenige Gesellschaft, welche die Menschen in zuvor unvorstellbarer Weise an funktionale und ideologische Ketten legt, sich selbst in Begriffen der Autonomie, der Selbstbestimmung und Freiheit« definiert (Rückblick auf die Natur, S. 201).

Der ideologische Niederschlag der oben benannten Tendenzen zum »globalen, produktiv entkernten Dorf« mit dünner feudaler Oberschicht findet sich – vor allem bei den nur noch wiederkäuenden journalistischen Gewerben – in Gestalt einer Sehnsucht nach jener Schafsidylle, die Oswald Spengler 1931 (in Der Mensch und die Technik) malte:

Kein Krieg mehr, kein Unterschied mehr von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, keine Verbrecher und Abenteurer, keine Konflikte infolge von Überlegenheit und Anderssein, kein Haß, keine Rache mehr, nur unendliches Behagen durch alle Jahrtausende.

Jede mentale Störung dieses Herdenidylls setzt ein gereiztes Blöken positiv oder negativ besetzter Interjektionen in Gang: »Freiheit, Selbstbestimmung, Vielfalt, Weltoffenheit, Toleranz, Gleichheit, Respekt, Teilhabe« oder – und dann im Alarmton –: »Rassismus, Fremden- und Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Gewalttätigkeit«.

Frank Böckelmann hat dieses Wortgeklingel jüngst als den dritten Jargon bezeichnet und sich (in einem in Kürze bei Manuscriptum erscheinenden Buch) darüber gewundert, daß Konservative diese krümeligen Reste einer Meinung, die selbst schon gar nicht mehr »gebildet«, sondern nur noch »gehabt« wurde, mit Erbitterung als die anhaltende Diskurshoheit der 68er mißverstehen.

Eigentlich haben die Konservativen im Vergleich zu den sie ehedem bedrängenden Weltanschauungen das beste Los gezogen, und bei der Neige des Tages werden sie im Abendsonnenlicht die Freude des Immer-recht-gehabt-Habens genießen können. Liberalismus und Sozialismus hingegen gibt es nicht mehr, beide haben sich aufgelöst in der reinen Distributivlogik der »Immer schon gefüllten Schüssel«, aus der im petrolisch-schlaraffischen Spätkapitalismus jeder seinen Teil erhält.

John Rawls hat dazu einen moralphilosophischen Rahmen gestiftet: Wo es Unterschiede in der Leistungsfähigkeit und der Anstrengungsbereitschaft gibt, da lagen sie schon in der Wiege und begründen als Gaben der Natur keinerlei weitergehende Ansprüche.

Der Mensch als Gefäß, das Anrecht auf Füllung hat: Auch dieses Lebensgefühl (dem die passende Theorie ja erst nachgeschoben wurde) wird ein Ende haben, wenn der übermächtige Produktionsbeitrag der geschöpften Energien nicht mehr zur Verfügung steht, um zwischen Kapital und Arbeit / Nichtarbeit im angestammten Verhältnis von drei zu sieben predatorisch geteilt zu werden.

Man sollte sich also nicht zergrübeln. Das, was kommt, ist so oder so eine Aufgabe, bei deren Bewältigung – nach Wilhelm Röpke – Optimisten und Fatalisten gleich unnütz nur im Wege stehen.


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