Sezession
12. Oktober 2013

Nachhaltigkeit als frommer Wunsch mit Vorbehalt

Gastbeitrag

Der Ausbruch aus dieser begrenzten Welt einer organischen Ökonomie, die sich mit einer erstaunlichen metabolischen Zähigkeit über 10 000 Jahre erhalten und entwickelt hatte, geschah dann mit verblüffender Plötzlichkeit durch einen sehr kleinen geographischen (Europa) und zeitlichen (18. / 19. Jahrhundert) Spalt auf einem Entwicklungspfad, der energetische Expansion zum ersten Mal nicht negativ sanktionierte, sondern in eine Kaskade verstärkender positiver Rückkopplungen führte.

Zur Illustration: Die Dampfpumpen des frühen 18. Jahrhunderts hatten aufgrund ihres geringen Wirkungsgrades einen sehr großen Brennstoffbedarf. Ihre Konstrukteure zielten deshalb gleich auf den Steinkohlebergbau als einen Anwendungsort, der nicht nur ihre Entwässerungsleistungen gut gebrauchen, sondern auch den Brennstoff für ihren Betrieb bereitstellen konnte. Die Pumpen von Thomas Newcomen breiteten sich im späten 18. Jahrhundert schnell in allen Bergbauregionen Europas aus und sorgten, indem sie größere Teufen ermöglichten, für die Ausweitung der Steinkohleförderung.

Die nun im größeren Maßstab verfügbare Kohle intervenierte ihrerseits mit einem Doppelnutzen als Trennmittel und als Brennstoff in die Eisenverhüttung, was die Voraussetzung für den fulminanten Anbruch der zweite Eisenzeit war, die mit erweiterten metallurgischen Möglichkeiten die Konstruktion der großen, mit gespanntem Dampf arbeitenden Wärmekraftmaschinen erlaubte, die dann auf Räder gestellt als Lokomotiven die aus der Erde gebrochene Energie in die Fläche verteilen konnten.

Keines der eingesetzten technischen Prinzipien war wirklich neu, aber »von dem Rücken der Kohle« gelang in einer dichten Folge von einander verstärkenden Prozeßschritten ganz plötzlich der Absprung aus den solaren Grenzen und der Übergang von einer organischen zu einer mineralischen Ökonomie, die damit aber erstmals unter einen begrenzten zeitlichen Horizont geriet.

Der aber schien äonenweit entfernt zu sein.

Ein Überblick über die zwölftausendjährige Zivilisationsgeschichte ergibt sich das Bild einer harten Konfrontation einer stationären, stabilen agrarischen Formation (auf einer zeitlichen Strecke von 11 800 Jahren) und eines seit 200 Jahren anhaltenden, dynamisch steigenden, atemberaubenden Höhenflugs.

Wenn man von der »Evidenz der Dauer« absieht, muß man entweder fragen, welche Fesseln die Menschheit in der ganzen Welt fast 12 000 Jahre lang ökonomisch am Boden hielten oder aber umgekehrt, welche Kräfte sie in den letzten 200 Jahren in Europa nach oben katapultierten – und daraus abgeleitet: Was ist unter diesen beiden Formen des sozialen Metabolismus der Normal- und was der erklärungsbedürftige Sonderfall?


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.