Sezession
12. Oktober 2013

Nachhaltigkeit als frommer Wunsch mit Vorbehalt

Gastbeitrag

Die »Moderne« hat ganze Bibliotheken mit meist liebevollen Selbstbetrachtungen gefüllt, dabei aber wenig Interesse an den materiellen Voraussetzungen ihrer selbst an den Tag gelegt. Wo sie auf die genannte Frage antworten müßte, täte sie es in etwa so: Im 18. Jahrhundert trugen die Herren Voltaire, Diderot et al. die Leuchte der Aufklärung in alle Hütten, Werkstätten und Ställe und weckten, wen sie dort antrafen, aus seinem Jahrtausende währenden Halbschlummer.

Diese ist die bei Intellektuellen beliebte Variante, weil sie ihrer Profession auch die Urheberschaft am technischen Fortschritt sichert – ungeachtet des geschichtlichen Faktums, daß es sich bei den tatsächlichen Akteuren der »industriellen Revolution« eben nicht um Mitglieder der Académie française handelte, sondern immer um genial tüftelnde Schmiede, Hüttenleute und Markscheider, die es zu Recht bös’ aufgenommen hätten, wenn jemand aus den aufklärenden Gewerben sie des Unvermögens bezichtigt hätte, »sich ihres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen«.

Ich persönlich bevorzuge bei der Klärung dieser Frage »Normal- oder Sonderfall« deshalb eine metaphorische Nutzung der Physik der Monsterwelle:

Eine Monsterwelle entsteht plötzlich und unvorhersehbar, wenn gleich mehrere, verschiedene, aber schneller laufende Wellen auf stabil und langsamer rollende aufsatteln. Das vergrößerte Gebilde saugt zusätzliche Energie aus der Wellenumgebung an, und der berittene Riese steigt plötzlich steil auf ein Vielfaches seiner Ursprungsgröße hoch, bis der Kamm abbricht und das mächtige, aber instabile und kurzlebige Gebilde in sich zusammenstürzt.

Das Bild erlaubt es übrigens, auch die geistige Vorgeschichte der großen Transformation als sehr langsame Wellen einzubeziehen, die, wie etwa Eric Voegelins »Gnostischer Wahn«, von weit her (hier: aus dem 12. Jahrhundert) kamen und den Wellenberg nur unterfütterten. Damit wäre aber klar: Wir leben, wie Sieferle sagt, in einer historischen Singularität. Deren Ende aber ist mittlerweile im Zeithorizont der heute Lebenden erschienen.

»Peak oil war gestern« ist eine in letzter Zeit vielgelesene Parole, die mit ganz entgegengesetzten Inhalten verbreitet wird. Zum einen sagt sie aus, daß das weltweite Ölfördermaximum vor ein paar Jahren erreicht worden sei. Hintersinn: Von nun an geht’s bergab.

Das ist bei den konventionellen Vorräten unbestritten der Fall. Im entgegengesetzten Sinn sagt sie, daß die These vom Ölfördermaximum von gestern sei, weil neu erschlossene und mit neuen Techniken zu fördernde Vorräte (Tiefseeöl, Polaröl, Erdgas und Erdöl aus Ölschiefer oder Teersanden) die Tür zu weiterem Energieüberfluß aufgestoßen hätten. Hintersinn: Die Party geht weiter.


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