Sezession
10. Juni 2014

Demokratie in Deutschland – ein doppeltes Spiel

Gastbeitrag

Wie konnte eine Herrschaftsform wie die amerikanische, die wegen des Fehlens völkerrechtlicher Verträge für ihre Herrschaft in Deutschland zunächst einmal keiner parlamentarischen Kontrolle durch den Kongreß unterlag, sich glaubwürdig auf demokratische Prinzipien berufen? Auf welche Weise war ein Anspruch auf »Bildung zur Demokratiefähigkeit« in einem Land zu erheben, dessen Einwohner von den Ausbildern auf ganz undemokratische Weise und auf Dauer eines Teils ihrer elementaren Menschenrechte entledigt wurden? Waren Präsidenten und Premiers, die etwa mit einem Federstrich einen Völkermord in Ostdeutschland billigten, nicht eher ein abschreckendes Beispiel für Demokratiedefizite?

Da eine konsequente Antwort auf diese Fragen die Legitimität der europäischen Nachkriegsordnung in Frage gestellt hätte, bildete sich in Deutschland nach 1945 unter tatkräftiger Förderung der Besatzungsmächte der bereits erwähnte doppelte Demokratiebegriff heraus.

Der »Stunde Null« als einem amerikanischen Konzept der zunächst totalen Zurücksetzung des gesamten gesellschaftlichen Lebens in Deutschland folgte der langsame Neustart ebendieses Lebens, der gerade im Bildungs- und Medienbereich unter umfassender Kontrolle, Zensur und verdeckter wie offener Anregung bestimmter Projekte stattfand. Dabei bestand an vielen Stellen ein erheblicher Widerspruch zwischen dem öffentlich erhobenen Anspruch eines transparent-demokratischen Neubeginns und den in der Praxis vielfach intransparenten Abläufen.

Die Neugründung und Neuformierung von Universitätsdisziplinen wie den »Demokratiewissenschaften« Politikwissenschaft und Soziologie hatten in diesem Rahmen einen politischen Zweck, der von führenden Vertretern des Fachs auch immer wieder betont wurde: Sie sollten verhindern, daß »Bonn wieder Weimar« würde. Die politisch-gesellschaftliche Landschaft in Westdeutschland sollte mit dem Ziel umgestaltet werden, die Westbindung seiner Eliten nachhaltig sicherzustellen.

Es lassen sich im Rahmen dieser Zielsetzung verschiedene Schritte unterscheiden, die sich zeitlich allerdings teilweise überlagerten:

  • Versuch, die alten Eliten zu verbieten;
  • Bildungskontrolle in der Schule nach Inhalt und Personal;
  • Elitenbildung und -übertragung durch Berufsverbote und Remigration;
  • Elitenbildung durch Austauschprogramme;
  • Elitenbildung durch Schaffung von Institutionen / Fachbereichen an den Universitäten.

In diese Neubildungsprogramme zur Einrichtung einer westdeutschen Elite wurden im Prinzip Personen aus allen Einrichtungen des öffentlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens der Bundesrepublik mit einbezogen. Dazu gehörten die kommenden Eliten aus dem ökonomischen Bereich ebenso wie Juristen, Verwaltungsfachkräfte, Journalisten, Politiker, Natur- und Geisteswissenschaftler. Den neugegründeten Sozialwissenschaften fiel im Rahmen dieser Aktivitäten eine Schlüsselrolle zu, da sie den begrifflichen Leitrahmen zu setzen hatten, innerhalb dessen alle Mitglieder der westdeutschen Eliten möglichst denken sollten.


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