Sezession
4. Dezember 2013

Autorenporträt C.S. Lewis

Gastbeitrag

Der entscheidende Fehler des modernen europäischen Denkens war aus Lewis’ Sicht eine einseitige Orientierung an der Vernunft, die letztlich auf ihre eigene Abschaffung hinauslaufe. Die Geltung der Vernunft nämlich sei nicht ableit- oder begründbar, weil auf ihr jede Ableitung oder Begründung basiere. Lewis hielt das in erster Linie denjenigen materialistischen Denkweisen entgegen, die als Realität nur noch das anerkannten, was auf der Basis von physischen Kausalverknüpfungen beschrieben werden könne.

Die damit verbundene Reduzierung der Wirklichkeit auf empirisch Faßbares entziehe sich aber selbst den Boden, weil sie in ihrer Konsequenz die Existenz der im eigenen Erklärungsversuch vorausgesetzten logischen Verknüpfung der Vernunft von Grund und Folge bestreite. Ein Denken, das die Gültigkeit des Denkens in Zweifel ziehe, sei aber nicht nur sinnlos, sondern habe auch fatale selbstzerstörerische Folgen. Der einzige philosophische Ausweg, der dann noch bleibe, sei der Nihilismus.

Für einen heroisch-nihilistischen Realismus, wie er in der Nachfolge Nietzsches bei Europas rechten Intellektuellen populär wurde, äußerte Lewis zwar Verständnis, er hielt die entsprechende Haltung aber für inkonsequent. Die moderne »Barbarei der Reflexion« (Giambattista Vico) sei nämlich weder durch bloße Entscheidung noch durch eine Rückkehr in vormoderne Verhältnisse zu beseitigen, sondern nur durch gegenaufklärerische Grundlagenarbeit. Die Überreflexion sei entstanden als Folge eines Versuchs, gegen den reinen Materialismus den Wert der Subjektivität zu betonen.

Zuerst im Idealismus, dann im Konstruktivismus habe man eine Analyse des menschlichen Innenlebens in Angriff genommen, deren Ergebnis die Behauptung gewesen sei, daß der Erkenntnisapparat des Menschen keinerlei zuverlässige Aussagen über die erfahrene Realität ermögliche. Für Lewis beruhte diese Auffassung auf einem gravierenden Denkfehler: Man habe vergessen, daß jede Erkenntnis aus zwei verschiedenen Akten zusammengesetzt sei, nämlich einem »betrachteten« Objekt und dem dabei »genossenen« Erkenntnisakt selbst. Der Konstruktivismus verwechsle das eine mit dem anderen und tue so, als könnte man das Erkennen von Objekten selbst, in der Innenschau, beobachten.

Sobald aber während eines konkreten Erkenntnisaktes Selbstbeobachtung einsetze, sei das, was sie beobachten wollte, gar nicht mehr da, und übrig blieben nur noch Begleiterscheinungen des Bewußtseinsaktes wie Vorstellungsbilder, Gefühle oder Gehirnströme. Diese könne man natürlich analysieren, das habe aber gar nichts mehr mit dem ursprünglichen Erkenntnisakt zu tun: »It is as if we took out our eyes to look at them.« Es sei nun einmal unmöglich, gleichzeitig Schmerz zu empfinden und die Empfindung von Schmerz zu analysieren, und ebenso unmöglich sei es, die eigene Realitätswahrnehmung zu untersuchen, ohne den Charakter der Wahrnehmung dabei zu ändern. Erkenntnis von Wirklichkeit, so Lewis, sei nur möglich unter der Maßgabe, daß die – notwendig subjektive – Erfahrung uns tatsächlich Aufschluß über die objektive Wirklichkeit gebe.

Lewis hat beide Irrlehren – Materialismus wie Konstruktivismus – in zahlreichen Büchern und Aufsätzen bekämpft. Er richtete sich dabei nicht so sehr an ein philosophisch vorgebildetes Fachpublikum, sondern schrieb für die breite Öffentlichkeit. Ihm gelang es dabei, einen Stil zu entwickeln, der fast ohne Fachbegriffe und ohne Polemik auskam, und statt dessen in ruhigem Ton die Gründe darlegte, die für eine Orientierung an Tradition und gesundem Menschenverstand sprechen. Auch das belletristische Werk ist nicht von diesem Bestreben zu trennen, ja hatte dafür sogar herausgehobene Bedeutung.


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