11. Februar 2017

Krankheit Politik II: Staatsgesundheit

von Lutz Meyer / 22 Kommentare

Die Rede vom kranken Staat ist nicht neu. Das Osmanische Reich galt schon im 19. Jahrhundert als „kranker Mann am Bosporus“ – eine Metapher, die bis heute immer wieder auf Staaten übertragen wird.

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

Zuletzt war Frankreich der kranke Mann Europas (so 2014 die Zeit). Auch die Rede von der Décadence in bezug auf gesamtgesellschaftliche Zustände legt nahe: Nicht nur Menschen, auch vom Menschen geschaffene soziale Systeme können offenbar erkranken. Krankheit meint hier immer das Abweichen von einer umfassenden Funktionalität. Anders als bei den Zuschreibungen psychischer Erkrankungen unter politischen Gegnern schwingt hier kein moralisierender oder ein ähnlich erregter Unterton mit.

Schon J. G. Herder sprach vom kranken Staat, der an der Schwindsucht leide. Als Heilmittel empfahl der Denker „die bittre Wahrheit, die genaue Oekonomie, die arbeitsame Gerechtigkeit“. Natürlich fehlt es auch in der Gegenwart nicht an entsprechenden Diagnosen, wenn etwa André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), sagt, daß die Politik einen kranken Staat geschaffen habe, der sich immer weiter von der Bevölkerung entferne – unter den einst von Herder empfohlenen Arzneien möchte man heute wohl vor allem die „bittre Wahrheit“ als Dauermedikation zur Genesung anempfehlen.

Die Denkvoraussetzung des „kranken Staates“ ist die, daß sowohl Menschen als auch die von ihnen geschaffenen Organisationsformen gleichermaßen lebendige Organismen sind und krank sein können im Sinne eines Defizits, einer Abweichung von der Funktionalität. Den Staat nicht als technokratisches Konstrukt, sondern als lebendigen Organismus zu sehen, ist ein ebenso naheliegender wie faszinierender Gedanke, der allerdings heute und zumal in Deutschland kaum noch gedacht wird. Zu nahe liegt wahrscheinlich die Vorstellung eines „Volkskörpers“ und einer „Volksseele“ (einer unsterblichen womöglich) – das sind Gedanken, die hierzulande bekanntlich als tabu gelten.

Noch ein Gedanke liegt nahe: Wenn Staaten erkranken können, werden sie auch an bestimmten, an sehr konkreten Erkrankungen erkranken. Das Herz eines Staates kann erkranken, seine Seele ebenso, die Potenz kann leiden und das Immunsystem versagen. Betrachtet man die überschießenden Reaktionen des heutigen Staates auf konservative und eigentlich der Staatlichkeit wohlgesinnte Kritiker, könnte man an eine Autoimmunerkrankung denken – der Organismus wendet sich gegen sich selbst.

Legt man das Augenmerk dagegen eher auf das Eindringen dem Staat feindlich gegenüberstehender Elemente in die staatlichen Strukturen mit dem Ziel einer Schwächung dieser (linksextreme Organisationen und Personen werden zu staatlich alimentierten Handlangern), liegt der Vergleich mit einer bösartigen Wucherung nahe. Umgekehrt können heute erstarkende rechte Bewegungen im Sinne einer Aktivierung der Selbstheilungskräfte verstanden werden – die AfD, der Front National, Donald Trump und Geert Wilders wären dann Immunreaktionen des kranken Staates. Solche Immunreaktionen sind mit heftigen Reaktionen verbunden – doch steigt das Fieber, wächst neben der Sorge vor einer Zuspitzung  auch die Hoffnung auf Heilung.

Bei etwas anderer Betrachtung könnte man einen Donald Trump auch als selbstverordnete Arznei verstehen. Ähnliches würde für die AfD gelten können. Doch Arzneien haben bekanntlich Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten, es gibt Wechselwirkungen und Gegenanzeigen. Man muss sich vor Überdosierungen ebenso hüten wie davor, die Einnahme zu verweigern. Vor allem im Falle einer Ablehnung der bittren Medizin könnten eines Tages noch stärkere Mittel nötig werden.

Natürlich kann man solche dem medizinischen Bereich entlehnte Vergleiche auch zu Tode reiten, doch zeitigt diese Methode oft gute Einsichten. Erinnert sei an Über die Linie von Ernst Jünger – eine Schrift aus dem Jahr 1950, die das Problem des europäischen Nihilismus in Gestalt des bösartig gewordenen Staates behandelt und sich in die drei Abschnitte Prognose, Diagnose und Therapie unterteilt.

Einige der von Jünger damals vorgeschlagenen Therapeutika verdienen auch heute noch Aufmerksamkeit. Da ist vor allem der Gang ins Ungesonderte, den Hort und Sitz der inneren Freiheit. Da sind die Furchtlosigkeit gegenüber dem Tod und Eros als der wahre Götterbote – beide geben Sicherheit. Jünger spricht von einer Heilung, die im einzelnen stattfindet. Der Genesung des einzelnen folgt die Genesung der Gemeinschaft und des Ganzen – ein metaphysischer Ansatz, der sich zu jeder Zeit erproben läßt.

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

Kommentare (22)

Der_Jürgen
11. Februar 2017 16:35

Wie alle Beiträge von Lutz Meyer regt auch dieser zum Nachdenken an. Eine grundlegende Frage gilt es gleich zu Beginn zu klären:

Wenn eine Staatsform durch eine grundlegend andere ersetzt wird (dies kann auf verschiedenem Wege geschehen: Durch eine Revolution wie 1917 in Russland; durch Wahlen wie 1933 in Deutschland; durch einen Bürgerkrieg wie 1939 in Spanien; urch die Besetzung eines Landes durch siegreiche Feindmächte, die ihm ein neues System aufzwingen, wie 1945 in Deutschland; durch einem rechten oder linken Militärputsch wie 1967 in Griechenland bzw. 1974 in Portugal), stirbt dann der Staat und weicht er einem neuen, oder besteht er einfach unter neuer Führung weiter?

Für zweiteres spricht, dass die neue Führung zwangsläufig einen Grossteil der bestehenden Beamten, Offiziere etc. des alten Regimes übernehmen und sich zumindest in der Anfangsphase weitgehend auf dessen Gesetze stützen wird, da sie das Abgleiten des Landes in die Anarchie vermeiden muss und deshalb nicht tabula rasa machen darf.

Von der Antwort auf diese Frage hängt es ab, ob die von Meyer erwähnten "heute erstarkenden rechten Bewegungen" wirklich auf eine "Aktivierung der Selbstheilkräfte" hinauslaufen. Wer an die Reformierbarkeit des Staatswesens BRD glaubt, wird die AFD gerne in dieser Rolle sehen. Wer glaubt, dass es an der BRD nichts mehr zu retten und nichts mehr zu reformieren gibt und dass nur ein neuer Staat mit einer neuen Ideologie (die natürlich insofern eine alte sein wird, als sie traditionelle Werte wie Heimat, Tradition und Familie wieder in den Mittelpunkt rücken wird) Deutschland retten kann, kann der BRD logischerweise keinen Arzt in der Gestalt der AFD wünschen, sondern nur einen Scharfrichter oder, weniger brutal ausgedrückt, einen Sterbehelfer, der sie - so human wie nur möglich - ins Jenseits befördert.

Allerdings wird man in der AFD-Führungsriege wohl nur wenige Leute finden, die diese Rolle anstreben; die meisten werden auf kosmetische Korrekturen am System hoffen und auf eine Koalition mit der Union, die es ihnen ermöglicht, an den Fleischtöpfen mitzuschmausen. Auch wenn das Fleisch immer fauliger schmeckt...

Nemo Obligatur
11. Februar 2017 19:28

Na, da werden die Metaphern ja regelrecht zu Tode geritten, Herr Meyer. Ich bin ja immer gerne fürs Metaphysische, aber ich vermute, die meisten der hier angebotenen Sprachbilder helfen uns nicht weiter. Was machen wir, wenn der gleich der ganze Staat "krank" ist? Heiße Umschläge, kalte Wickel, zur Ader lassen? Zuallererst brauchen wir sowieso keine Medizin, sondern erst einmal einen vernünftigen Arzt. Die Rezepturen nach Dr. Merkel verschlimmern die Krankheit, soviel steht fest. Aber soll man sich deswegen in die Hände von  Quacksalbern, Teufelsaustreibern und Schlangenölverkäufern begeben? Wenn der Alte Fritz noch leben tät, der wäre - in einer modernisierten Fassung - wohl richtig. Nun ist er aber schon über 200 Jahre unter der Erde. Ebenso der viel beschworene Ernst Jünger. Wen hätten Sie uns denn anzubieten?

 

Tweed
11. Februar 2017 21:00

Richtig: Wenn der Einzelne gesund wird, dann folgt daraus die Genesung der Gemeinschaft.  Wenn A, dann B. Die Logik sagt uns, dass dies äquivalent ist zu: Wenn nicht B, dann nicht A: Wenn die Gemeinschaft krank ist, dann kann auch der Einzelne nicht gesund sein.

Auch das sagt Jünger mit Berufung auf den Schöpfer des Großinquisitors: „Bei Dostojewski wird der Nihilismus wirksam in der Isolation des Einzelnen, in seinem Austritt aus der Gemeinschaft, die im wesentlichen Gemeinde ist“. Eine Gemeinschaft, die von ihren Mitgliedern verlassen wird ist krank: dann ist das Individuum ein isoliertes, liberales, geschlechtsloses Individuum, ein unterschiedsloser Konsument und narzistischer Clown des Anders-Seins. Nicht nur die Selbstverwirklicher und Ich-bin-einfach-anders-Menschen verlassen die „Gemeinde“ unseres Volkes, sondern auch wir verlassen sie. Wer will schon mit solchen Clowns auf der Straße gesehen werden? … Die neue Gemeinschaft ist noch weit entfernt.

Rohmer
11. Februar 2017 22:01

Als Gegner von metaphysischen Konzepten in realpolitischen Umsetzungen sehe ich keinerlei Vorteil darin, die Organismus-Metapher über ein kulturelles Konstrukt wie ein nationalstaatliches Gebilde zu legen. Wo liegt der Vorteil? Hier wird von Krankheit und Gesundung gesprochen in blumigen Bildern, wobei Herr Meyer doch schon in Teil 1 recht anschaulich darlegte, dass "Krank" und "Gesund" keine objektiven Kategorien sind. 

Ich halte es lieber mit Gehlen. Metaphysik ist wichtig, in bestimmten Kontexten nötig, aber bitte nicht da, wo Ideen ins Materielle übergehen. Esoteriker wie Steiner und auch schicksalstrunkene Philosophen wie Hegel muss ich persönlich in der Konzeption eines Staatsaufbaus nicht haben. Als Sinn reicht mir die Tatsache völlig aus, dass ein stabiler Staat mit seinen Institutionen mich vor meinen mangelhaften Volksgenossen schützt und mich in meiner eigenen Mangelhaftigkeit entlastet, wenn es nötig ist.

Ist das technokratisch? Oder einfach nur zu langweilig?

Schneekette
11. Februar 2017 22:22

@Rohmer

"Als Sinn reicht mir die Tatsache völlig aus, dass ein stabiler Staat mit seinen Institutionen mich vor meinen mangelhaften Volksgenossen schützt und mich in meiner eigenen Mangelhaftigkeit entlastet, wenn es nötig ist.

Ist das technokratisch? Oder einfach nur zu langweilig?"

Es kommt vielleicht ein bisschen oft das Wort "mich" darin vor.

Heinrich Brück
11. Februar 2017 23:30

Staatsgesundheit mußte die Stadt Wuppertal beweisen. In dieser Stadt wird im Jahre 2018 der erste muslimische Friedhof ohne Liegezeit-Frist eröffnet. Deutscherseits ist nach 20-25 Jahren Schluß, danach muß neu angemietet werden. Wenn eine starke Vertretung einer Gemeinschaft handelt, die ihre Legitimation in Gottes Ewigkeit wurzeln läßt, kann eine gesunde Entscheidung erzwungen werden.

 

Cacatum non est pictum
11. Februar 2017 23:33

@Der_Jürgen

Wenn eine Staatsform durch eine grundlegend andere ersetzt wird (dies kann auf verschiedenem Wege geschehen: Durch eine Revolution wie 1917 in Russland; durch Wahlen wie 1933 in Deutschland; durch einen Bürgerkrieg wie 1939 in Spanien; urch die Besetzung eines Landes durch siegreiche Feindmächte, die ihm ein neues System aufzwingen, wie 1945 in Deutschland; durch einem rechten oder linken Militärputsch wie 1967 in Griechenland bzw. 1974 in Portugal), stirbt dann der Staat und weicht er einem neuen, oder besteht er einfach unter neuer Führung weiter?

Ich möchte an dieser Stelle einen Literaturhinweis platzieren, den ich für elementar wichtig halte: "Superlogen regieren die Welt" von Johannes Rothkranz (bislang erschienen: Band 1 bis 5). Es handelt sich hierbei um eine kommentierte Zusammenfassung des italienischen Buches "Massoni. La scoperta delle Ur-Lodges", verfasst von dem Höchstgradfreimaurer Gioele Magaldi, zusammen mit der Journalistin Laura Maragnani.

Das Buch ist einzigartig und eine derart große politische Sensation, dass es eigentlich in aller Munde sein müsste. Aber selbst im Internet - das ja voll ist von Erwägungen über Verschwörungen und Geheimbünde - findet man nur relativ wenig darüber. Seine Existenz ist bislang erfolgreich totgeschwiegen worden.

Ich möchte hier keine ausschweifenden Inhaltsangaben machen, sondern vor allem den Hintergrund erläutern. Magaldi enthüllt in seinem Buch die Existenz sogenannter Ur-Logen der Freimaurerei, die über allen anderen Hochgradlogen thronen und bis zur Buchveröffentlichung 2014 selbst eingefleischten Kennern der Freimaurerei (so z.B. Johannes Rothkranz, der schon mit zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema hervorgetreten ist) völlig unbekannt waren. In diesen internationalen Ur-Logen versammeln sich Magaldi zufolge nahezu alle (!) politischen Entscheidungsträger weltweit, Diplomaten, hochrangige Geheimdienstler, Wirtschaftsmagnaten, Bankiers usw. Das Buch nennt zahllose Namen, und sie lassen einem schier den Mund offenstehen. In Rothkranz' Zusammenfassung werden auch mehrere politische Ereignisse des 20. Jahrhunderts (russische Revolution, Drittes Reich, Jom-Kippur-Krieg, Mauerfall etc.) unter Zugrundelegung von Archivmaterial der Ur-Logen erläutert.

Die Quintessenz: Es gibt faktisch keine bedeutende politische Entscheidung mehr, die nicht von diesen Höchstgrad-Freimaurerlogen gelenkt ist. Die Festlegungen erfolgen insgeheim. Sie werden auf der "politischen Bühne" (im wahrsten Wortsinn!) nur umgesetzt; teilweise unter Zurschaustellung von Opposition und langem Ringen um Entscheidungen. Es gibt zwar - und dies ist laut Rothkranz eine der wichtigsten Erkenntnisse - innerhalb des Ur-Logen-Spektrums mindestens zwei Fraktionen, die sich teils heftig hinter den Kulissen bekämpfen: eine "neoaristokratische" und eine "liberale". Aber es geht eben alle Macht von diesen Kreisen aus. Der Zugriff der Völker auf ihr politisches Schicksal ist inzwischen weltumspannend Null.

Magaldi hat übrigens vier Logenbrüder als Co-Autoren gewonnen, die er lediglich unter ihren Pseudonymen nennt. Einer davon ("Frater Kronos") charakterisiert sich allerdings selbst so exakt, dass es sich bei ihm nur um Zbigniew Brzezinski handeln kann, wie Rothkranz schlussfolgert. Der Name wird sicher vielen Sezessionisten geläufig sein. Dieser einzigartige Geheimnisverrat innerhalb der Hochgradfreimaurerei hat natürlich einen Grund - die Autoren wollen nach eigenem Bekunden die Weltöffentlichkeit vor einer drastischen "Gangartverschärfung" der radikalsten Ur-Logen warnen, mit der sie und viele andere Logenbrüder nicht einverstanden sind. Wenn wir bedenken, was seit der Veröffentlichung 2014 politisch geschehen ist, erscheint dieses Motiv höchst plausibel. Leider ist bisher keiner der angekündigten italienischen Folgebände erschienen, in denen noch mehr kompromittierendes Material veröffentlicht werden sollte. Die Gründe dafür werden nur Magaldi und seine "Brüder" kennen.

Für mich war die Lektüre ein Schock. Ich bin gerade erst dabei, mich neu zu sortieren. Natürlich waberte einiges von dem, was man bei Rothkranz erfährt, schon länger gerüchteweise durchs Internet. Aber hier wird vieles davon aus erster Hand bestätigt. Und leider scheint der Einfluss der "Eliten" in der Realität noch deutlich größer zu sein, als es die leidenschaftlichsten Verschwörungstheoretiker sich je erträumt haben. Die Übersetzung bzw. Zusammenfassung von Rothkranz sollte wirklich jeder hier lesen. Eine Diskussion über politische Gegenstrategien ist ohne Berücksichtigung dieser Erkenntnisse definitiv zum Scheitern verurteilt. Trump, Putin, chinesische Politeliten: Sie alle sitzen in den Gremien der Ur-Logen und kungeln dort mit den vermeintlichen "politischen Gegnern". Wir sollten aufhören uns vorzumachen, dass sie auch nur irgendetwas in unserem Sinne vorantreiben würden. Diese Lektion habe ich in den letzten Tagen gelernt.

Gustav
12. Februar 2017 03:26

Vermutlich wird alles zukünftig noch schlimmer werden, denn die gegensteuernden Kräfte besitzen so gut wie keine Macht.

Unter den Theoretikern gibt es einige, die keinen Hehl aus ihrer Verachtung für die Demokratie machen und über Alternativen nachdenken. Zu ihnen ist Ian Angell zu rechnen, Professor für Informationssysteme, Berater zahlreicher UN- und EU-Einrichtungen. Schon in einem 2000 erschienenen Buch hat er Überlebensstrategien für das Informationszeitalter entwickelt, die nichts mit den üblichen Empfehlungen zu tun haben. Der Grund dafür ist, daß Angell das demokratische System für unbrauchbar hält: die »große politische Frage der kommenden Jahrzehnte ist« seiner Meinung nach, »wie man sozial verträgliche Mittel zur Demontage der Demokratie« finden könne. Der Erfolg der Demokratie in den vergangenen Jahrhunderten habe nicht auf der Überzeugungskraft der Demokratie oder ihrer Funktionstüchtigkeit beruht, sondern darauf, daß ihre Durchsetzung mit der Durchsetzung des Kapitalismus »synchronisiert« war. Der ideologische Überbau, das seien Sentimentalitäten, die nur in Geltung standen, weil sie der Beruhigung der Masse dienten, nützliche Illusionen. Die Masse war notwendig im Industriezeitalter, sie ist es nicht mehr im Informationszeitalter, ihr Versuch, Einfluß zu nehmen, wirkt sich deshalb nur schädlich aus, faktisch handelt es sich um eine »Verschwörung des Mobs gegen die Schöpfer des Wohlstands«, also die produktiven Eliten. Es müßten erst nach und nach alle Bedingungen der Massengesellschaft in Frage gestellt sein - Nation, Gemeinwohl, kollektive Werte und Demokratie -, bevor eine prinzipielle Änderung stattfinden könne. Die werde zu einer ungeheuren Fragmentierung der politischen Landschaft führen, möglicherweise zur Entstehung von kleinen Einheiten, die miteinander um die Informationseliten konkurrierten und ihre Ordnung auf alle möglichen Prinzipien gründeten, aber ganz sicher nicht auf one man - one vote. Was z.B. van Creveld prognostiziert, ist ein Nebeneinander von Staaten oder staatsähnlichen Größen, die in abgestuftem Maß Souveränität besitzen, Gebiete, die wechselnden war lords unterworfen sind und aterritorialen Machtgebilden, die sich um große Konzerne ebenso wie um religiöse Sondergruppen oder mafiose Organisationen bilden können. Nur ausnahmsweise werde es einer zentralen Autorität möglich sein, das Gewaltmonopol zu verteidigen, und in manchen Regionen der Welt werde das Chaos herrschen, ohne Aussicht auf Abhilfe. Was man heute in Europa und Nordamerika als üblichen Standard bürgerlicher Existenz betrachte, dürfte keine Bedeutung mehr haben. Angesichts einer dramatisch gewachsenen Unterschicht und dauernder Bedrohung müßten sich die meisten an den Verlust persönlicher Freiheit gewöhnen und daran, daß sie und ihre Kinder nur als »Vasallen der starken und reichen Gesellschaftsmitglieder« überleben könnten. Schöne neue Welt.

Der_Jürgen
12. Februar 2017 08:38

@Cacatum non est pictum

Danke für den Hinweis auf das Buch, ich werde es lesen.

Sven Jacobsen
12. Februar 2017 08:49

„Vater Staat“ ist die Metapher für das (deutsche) Staatsverständnis des fürsorglich bevormundenden Staates, das immer noch fortwirkt und auf eine lange Tradition zurückblickt. Der Historiker Wolfgang Reinhard schreibt in seiner „Geschichte der Staatsgewalt“, die Deutschen hätten den Schritt vom patriarchalischen zum kontraktuellen Staatsverständnis praktisch nicht getan, und auch der aufgeklärte Absolutismus habe zwar mit Herrschaftsvertragsideen kokettiert, in Wirklichkeit aber die obrigkeitliche Bevormundung gesteigert. Dies habe sich im 19. Jahrhundert mit oder ohne Reformen in der staatlichen Fürsorge fortgesetzt. Nun, es fällt wirklich nicht schwer, diese Einstellung über das 20. Jahrhundert hinweg bis in die Gegenwart nachzuweisen und sowohl bei den Bürgern den Anspruch, dass sich der „Staat“ (nota bene: sprachlich nicht mehr „Vater Staat“) zu kümmern habe, als auch beim Staat selbst den Anspruch festzustellen, die Dinge zu richten.

Allerdings haben sich diese geändert, eine Situation mit widersprüchlichen Tendenzen ist entstanden, die wirklich ungesund ist:

1. Zahlreiche Subinstitutionen zum Staat in Form von Verbänden, Parteien, Lobbygruppen, Vereinen sind entstanden. Sie konkurrieren mit ihm geradezu in der Gestaltung der Gegenwartspolitik und ihre Einflussnahme ist omnipräsent. Auch von supranationaler Seite wird der Staat der Gegenwart transformiert (Stichwort: EU).

2. Obwohl es den modernen Staat, wie er sich in Europa über Jahrhunderte entwickelte und über die europäische Expansion verbreitete, nach Wolfgang Reinhard nicht mehr in der ursprünglichen Form gibt, erfindet sich der bevormundende Staat neu, aber nicht im guten Sinne, auch wenn es so dargestellt wird. Der Staat will scheinbar alles regulieren: Der Sprachgebrauch im Alltag wird reguliert, Haltungen und Einstellungen der Bürger sollen geformt werden, die Handhabe gültiger Gesetze im Alltag kann von der eigentlichen Intention abweichen (Beispiel: Asylrecht).

3. Der Staat, der sich punktuell demonstrativ stark gibt, zeigt gehäuft fundamentale Schwächen (Beispiel: innere Sicherheit). Frustrierte Bürger wenden sich ab; schon die Nichtwähler dokumentieren im Grunde Ablehnung.

4. Die Staatsgesellschaft ist fragmentiert. Parallelgesellschaften, die mehr oder weniger offen dem Staat ihre Ablehnung zeigen, sind entstanden.

5. An die Stelle von Gemeinsinn bzw. Verantwortungsgefühl tritt zunehmend die Einstellung, den Staat auszunutzen. Daraus entstehende Schäden werden mit den vorhandenen Mitteln zwar kompensiert, aber es fehlt eine konsequente Gegenbewegung.

Fazit: Wenn es denn stimmt, dass die Mehrheit der Bürger Ordnung und Zuverlässigkeit wünschen, kommt der Staat nicht umhin, seine eigentlichen Aufgaben konsequent anzupacken.   

Tweed
12. Februar 2017 09:07

Einen nichtbiologischen Gegenstand als einen Organismus zu sehen ist zunächst entweder nur eine Metapher oder will ihn mit dem Organbegriff auf seinen „eigentlichen“ Begriff bringen: als ein Ganzes, dessen Teile funktional und gesetzmäßig zusammenwirken. Für Oswald Spengler ist z.B. eine Kultur ein Organismus, der wächst und wieder vergeht. Hier geht es also um den dem organischen Leben charakteristischen Zyklus von Geburt-Leben-Tod, der in der Verallgemeinerung bereits verblasst ist. Aber Spengler versuchte Kultur überhaupt auf diesen Organbegriff zu bringen, statt diese Metapher als eine unter vielen zu gebrauchen. Eine Metapher ist gleichzeitig ein bestimmter Zugang und eine bestimmte Perspektive auf den untersuchten Gegenstand. Vielleicht ist es vollkommen falsch, den untersuchten Gegenstand mit der Bedeutung der für ihn benutzten Metapher zu identifizieren. Offenbar ist auch der Begriff eines „Konstrukts“ metaphorisch, obwohl er in unseren Ohren so nüchtern und wissenschaftlich klingt. Beim Konstrukt können wir aber gar nicht anders als uns im Hintergrund den Konstrukteur zu denken. Es ist damit die passende Metapher eines schrankenlosen Subjektivismus, der mit apriorischer Zielsicherheit seine Bauklötzchen aufeinandertürmt. Der Konstrukteur ist Akteur und nicht sein Konstrukt. Deshalb können wir uns die Eigendynamik eines Konstrukts wesentlich schwieriger vorstellen als bei einem Organ. Offenbar geht hier also ein Aspekt verloren, oder muss anders und umständlicher erklärt werden. Was konstruiert wurde, kann wieder dekonstruiert und neu konstruiert werden. Dabei wird aber mehr zerstört als nur ein Konstrukt, so wie z.B. bei der Sektion eines lebenden Organismus. Das mit dem Organbegriff Ausdrückbare kann also mit einer anderen Metapher nicht oder nur ungenügend ausgedrückt werden. Jeder Begriff ist voraussetzungsreich, theoriebeladen und ein metaphysischer Zauberhut. Für die Wissenschaftstheorie war diese Erkenntnis zuerst ein Problem, sie vereitelt nämlich die Erkenntnis der absoluten Wahrheit. Vielleicht sind sogar die Mythen erkenntnisreicher als unsere „monistischen“ Wissenschaftsbegriffe. Man denke an die Metapherntürme bei Homer. Sollten wir nicht lieber einen Begriffs-Pluralismus zulassen und eine Zusammenschau riskieren. Was uns vor dem Relativismus schützt ist die Gemeinsamkeit in der Gegenstandserkenntnis, d.h. ihre relative Absolutheit. Man könnte genau das das Eigene nennen, statt von einem vermeintlich "wahren" Wesen zu sprechen, das dann aus sich herausbricht oder sich progressiv ausdrückt und Wirklichkeit wird, egal ob nach der Methode Hegel oder Steiner. Die absolute Wahrheit ist etwas für Esoteriker und linke Utopisten und hat nicht selten die Guillotine im Gepäck.

Marc_Aurel
12. Februar 2017 13:56

In einer Ausgabe des Simplicissimus von 1927 gab es eine Karikatur deren Aussage sinngemäß war "Alle tragen den Namen, keiner trägt den Geist". Unabhängig davon aus welcher politischen bzw. ideologischen Motivation heraus das Bild entstand, es sagt etwa wichtiges aus: der Staat ist nur eine Hülle, er ist wie ein Schiff, ausgestattet mit Werkzeugen und Geräten, mit viel bedrucktem Papier in seinem Archiven. Das gilt auch für die Medien und für die Wissenschaft, im Grunde für die ganze Gesellschaft, wie in einem postapokalyptischen Szenario, in dem es keine Menschen mehr gibt, liegt alles tot im Raum, ist bloße Infrastruktur.

Entscheidend ist nur eins: wer besetzt die Schlüsselstellungen dieser Infrastruktur, entscheidend ist die Besatzung. Auch der auf dem Papier perfekteste Staat, mit den besten denkbaren Gesetzen zum Schutz seines Wesens, mit Verfassungsgerichten und vielen anderen Schutzmechanismen, wird auf Dauer nicht verhindern, bestenfalls verzögern können, dass er korrumpiert und missbraucht wird, nämlich immer dann, wenn die Bedienmannschaft nach ganz anderen Zielen strebt als seine einstigen Konstrukteure. Man wird immer Wege finde, das geschriebene Wort zu umgehen und Schutzmechanismen, wenn nicht de jure, dann de facto auszuhebeln und ad absurdum zu führen.

Krankt also ein Staat, muss das nicht zwangsläufig auf einen Konstruktionsfehler hindeuten, sondern es kann auch heißen, dass regelmäßig die falschen Leute in Schlüsselstellungen gelangen. In anderen Worten: das Reservoir aus dem sich der Staat (und anderen Teile der Gesellschaft bedienen), ist kontaminiert, aus welchen Gründen auch immer.

Anzumerken ist dabei, das die BRD ein Sonderfall ist, weil hier sowohl die Konstruktion der Infrastruktur, als auch die Regeln nach denen die Besatzung ausgesucht wurde und wird, gewissermaßen unter Androhung von Waffengewalt durch die Siegermächte, vorgegeben und überwacht wurden und werden. Seit 1919 wird Deutschland auf diese Art permanent vergewaltigt, zuerst durch die Siegermächte des ersten Weltkrieges, den es nicht verschuldet hat, dann durch ein Gruppe von Radikalinskis, die in ihm nur einen Transmissionsriemen zur Umsetzung ihres ideologischen Hokuspokus sahen und seit 1945 durch die Siegermächte des 2. Weltkrieges, denen es mit den Jahrzehnten dann gelang das Reservoir mit einer radikalen Schuldkultsekte von umerzogenen, antideutschen, harten Rassisten zu verseuchen, die sich bis heute hier austoben dürfen. Diese lange Geschichte des Missbrauches, macht es auch schwierig, wieder an etwas positives anzuknüpfen, da das zeitlich nahe nicht anknüpfenswert ist und das anknüpfenswerte sehr lang zurückliegt.

Rohmer
12. Februar 2017 14:35

@ Schneekette:

War ja auch aus meiner subjektiven Sicht geschildert. 

Der Gehenkte
12. Februar 2017 19:02

@Cacatum non est pictum

Danke für den Hinweis auf das Buch, ich werde es nicht lesen.

Cacatum non est pictum
12. Februar 2017 21:03

@Der Gehenkte

Danke für den Hinweis auf das Buch, ich werde es nicht lesen.

Schön, dass Sie mir das mitteilen. Wäre gar nicht nötig gewesen.

@Gustav

Was z.B. van Creveld prognostiziert, ist ein Nebeneinander von Staaten oder staatsähnlichen Größen, die in abgestuftem Maß Souveränität besitzen, Gebiete, die wechselnden war lords unterworfen sind und aterritorialen Machtgebilden, die sich um große Konzerne ebenso wie um religiöse Sondergruppen oder mafiose Organisationen bilden können. Nur ausnahmsweise werde es einer zentralen Autorität möglich sein, das Gewaltmonopol zu verteidigen, und in manchen Regionen der Welt werde das Chaos herrschen, ohne Aussicht auf Abhilfe. Was man heute in Europa und Nordamerika als üblichen Standard bürgerlicher Existenz betrachte, dürfte keine Bedeutung mehr haben. Angesichts einer dramatisch gewachsenen Unterschicht und dauernder Bedrohung müßten sich die meisten an den Verlust persönlicher Freiheit gewöhnen und daran, daß sie und ihre Kinder nur als »Vasallen der starken und reichen Gesellschaftsmitglieder« überleben könnten.

Wenn die jetzige Entwicklung in Mitteleuropa weiter voranschreitet, könnte das Szenario des Herrn van Creveld irgendwann real werden. Nur sollten wir nicht so tun, als sei das eine göttliche Fügung. Die Veränderungen der letzten Jahrzehnte sind absichtsvoll von außen initiiert worden, und sie trafen auf erstaunlich geringen Widerstand bei den betroffenen Völkern. Was Sie oben beschreiben, klingt wie der feuchte Traum eines NWO-Apologeten - in dem Bild fehlt nur noch die alles ordnende Hand in Form der "Eine-Welt-Regierung", die sich das entstandene Chaos zunutze macht.

Paracelsus
12. Februar 2017 21:48

Das von Lutz Meyer angesprochene Thema Staatsgesundheit ruft geradezu nach den Stichworten „Rudolf Steiner“ und „Dreigliederung“. Es dürfte sich lohnen, diesen Faden einmal genauer zu verfolgen, und die bei @Rohner und @Tweed anklingenden Missverstehensweisen aufzuklären.

Steiners Konzeption macht überhaupt keinen Sinn, wenn man sie als „absolute Wahrheit“, also ein absolutes und festgefügtes System nimmt. Steiner gibt lediglich den Hinweis, dass die Gesellschaft von Menschen gebildet wird. Und da der Mensch nach Steiners Beschreibung selbst eine Dreigliederung (z.B. im funktionalen des Organismus: Nervensystem, Rhythmisches (Atmung/Kreislauf) System, Stoffwechsel-Gliedmassensystem; oder  im Seelischen: Denken, Fühlen, Wollen) aufweist, findet sich diese auch in der Gesellschaft. (z.B. entsprechend: Geistesleben, Rechtsleben, Wirtschaftsleben)  Und wenn man sich das Postulat Steiners, demzufolge im Geistesleben Freiheit, im Rechtsleben Gleichheit und im Wirtschaftsleben Brüderlichkeit leitend wirksam sein und werden sollte, einmal anschaut? – Dann kann man sagen: alles Spintifax. Aber man kann auch sagen: interessant, dies und das spricht mich an, dies und das verstehe ich nicht.

Ich meine, viele der hier im Blog richtig wahrgenommenen und analysierten Pathologien im gesellschaftlichen Leben lassen sich – unter anderem – als Abweichungen von dem Postulat Steiners von einer gesunden Funktionalität im „sozialen Organismus“ beschreiben: ich nenne die Verschiebung des Gleichheitsideals ins Geistesleben: statt den einmaligen Wert des Denkens eines jeden Einzelnen anzuerkennen, erleben wir Gleichmacherei im Denken, Anpassungsdruck, Warnung vor „gefährlichen“ rechten Denkern usw. Von einer Achtung der Freiheit als geistig autonomes Wesen kann jedenfalls nur noch bedingt die Rede sein. Stattdessen wird uns Freiheit als Ideal des Unternehmertums schmackhaft gemacht, wo dort, laut Steiner zumindest, im sozialen Organismus der Geist der brüderlichen Zusammenarbeit entwickelt werden müsste, wenn es gesunderhaltend zugehen soll. – Hierher gehört ein Hinweis auf Michael Beleites‘ Bücher „Umweltresonanz“ und „Landwende“, in denen er die Zusammenarbeit der Individuen/Lebewesen als  entscheidenden Faktor für das Leben nachweist. –  

Überhaupt kann ich das Thema hier nur anreißen, ich vermag es nicht umfassend zu schildern. Wobei wie gesagt zur Grundidee Steiners gehörte, nicht ein „ein für allemal“ gültiges Handlungs-Programm zu geben, sondern eine Funktionalität zu erklären. Damit die Menschen nicht, vergleichsweise gesprochen, weiter versuchen, mit dem Gehirn zu atmen („Gleichheit im Geistesleben“) oder mit dem Darm zu denken (Freiheit im Wirtschaftsleben). Das funktioniert beim menschlichen Organismus nämlich nicht. – Und in der Gesellschaft funktioniert es ? Auch nicht.

Dietrich Stahl
12. Februar 2017 22:47

Ist der Staat krank? Offensichtlich. Die daraus folgende Frage lautet: Wie kann es weitergehen für Deutschland und Europa?

Staat – Reich – Volk. Constantin Frantz schreibt 1870 in seiner Schrift: Die Naturlehre des Staates: „Es ist eine Singularität, ein Gemeinwesen eigener Art, nur mit sich selbst vergleichbar.“

Frantz spricht hier vom Reich, nicht vom Staat. Auf dem Reich, gegründet auf der Einigung der europäischen Stämme durch Karl den Großen, ruhte das Mittelalter. Der Mythos und die Kraft des Reiches schwingen bis heute nach.

„Vor allem bot das Reich Einheit unter Wahrung größtmöglicher Freiheit der einzelnen Völkerschaften.“

Das Reich schrumpfte über die Jahrhunderte hinweg auf die Mitte Europas zu. Wie eine konzentrische Welle, deren Radius sich stetig verkleinerte und zuletzt Mitte des letzten Jahrhunderts noch die Kraft hatte, Land und Leute zu spalten. 1000 Jahre deutscher Geschichte standen unter diesem zentripetalen Bewegungsimpuls.

Kann der Mythos Reich zum Leben erwachen? Heute scheint es so, als habe sich 1989 ein geschichtliches Fenster weit geöffnet. Dieses Fenster wurde zwar mit Hilfe all der Wendehälse und Polit-Prostituierten noch einmal [fast] geschlossen. Doch nicht völlig! Wer genau hinschaute, bemerkte in den Jahren, die folgten, wie das Fenster manchmal klapperte, wenn eine neue Windbö es bewegte.

Im Jahr 2015 begann der Wind wieder spürbarer zu werden. 2016 begann die Angst vor einem Sturm den Mächtigen zu schaffen zu machen.

Kann der Mythos Reich zum Leben erwachen? Das „Europa der Vaterländer“, in dem die von Constantin Frantz beschriebene Einheit der Völker in Freiheit mitschwingt, läßt dies möglich erscheinen.

Eine neue Dynamik hat eingesetzt. Wir müssen uns entscheiden, wohin es gehen soll. Richten wir den neuen zentrifugalen, expandierenden Bewegungsimpuls nach außen in Raum, Zeit und Materie, in Wirtschaft, Macht und Politik oder auf eine Besinnung ganz neuer Art, auf unser gemeinschaftliches und individuelles Aufwachen aus Bevormundung, Beschränkung, Angst, Schuld und innerer Zerrissenheit? Sind wir bereit, die Essenz des Deutschseins zur Entfaltung zu bringen?

RMH
13. Februar 2017 07:06

Eine der "Pathologien" war schon immer das Auseinanderfallen zwischen einem "offiziellen" Staat Deutschland und einem inoffiziellen. Der offizielle stellte alle Angelegenheiten so dar, wie es beliebte und herrschte und der inoffizielle dachte sich seinen eigenen Teil.

In der heutigen "Internetzeit" ist jetzt schwer festzustellen, wer hier noch wo steht, im Offiziellen oder im Inoffiziellen und wer gerade größere Anteile für sich beanspruchen kann (Schlagwort "Wahrnehmungsblase" etc.).

Fest steht für mich persönlich, nach dem vergangenen Wochenende, dass der "offizielle" Staat soeben eine Renaissance der seit mindestens 10 Jahren totgeschriebenen SPD inszeniert und im Kessel Buntes Stil zelebriert, wie noch nie zuvor, nach dem Motto, seht her, die Alternativen sind doch schon längst da und kraftvoll. Auch ohne Verschwörungstheoretiker zu sein, denkt man sich hier recht schnell, dem System scheint es ja ziemlich egal zu sein, wer die Show macht, Hauptsache, die Show geht weiter. Nur der Stil derTruppen am Boden, die, die das grobe machen sollen, wird von Tag zu Tag immer ekelhafter, was die Vermutung nährt, dass das inoffizielle Deutschland wohl zu stark wird. So tritt man kurz vor dem Jahrestag die unschuldigen Opfer von Dresden in einer Art und Weise (Stichwort Hilbert, Stichwort Fans von St. Pauli etc.), die man nie für möglich gehalten hätte - als ob Höcke, der alte Zauberlehrling, in seinem Übermut der Postulierung einer 180 Grad Wende hier das unterste des Hasses auf Deutschland nach oben evoziert hätte ...

Wie auch immer, ich glaube, wir befinden uns gerade in einer massiven Gegenoffensive des sog. "Establishements", wie auch immer man das definieren mag.

Gustav Grambauer
13. Februar 2017 08:17

Dietrich Stahl

"Europa der Vaterländer"

Es ist spannend zu sehen, wie jetzt allerhand Kräfte die Brüssler Zwingburg verlassen und ihre wahre Fratze zeigen. Es sieht so aus, als ob der "nationale" Zug in sehr vielen, aber nicht nicht in allen Ländern Grünes Licht bekommen soll. Seehofer wird genau zu beobachten sein, und vom Norden her setzt Heinsohn für seine britischen Herren in Erwartung der Zerfleischung Deutschlands schon mal in Hamburg den Fuß in die Tür (ich wette, die spekulieren schon mit der ganzen Kette der Hansestädte, googeln Sie z. B. mal "wismar + schweden":

http://www.derhauptstadtbrief.de/cms/117-der-hauptstadtbrief-138/1155-der-brexit-als-signal-des-aufbruchs-zu-einer-neuen-allianz

- G. G.

Maiordomus
13. Februar 2017 09:27

¨@Stahl. Über Constantin Frantz hat seinerzeit der spätere österreichische Bundespräsident und UN-Generalsekretär Kurt Waldheim doktoriert. Die sogenannte organische Staatslehre spielte u.a. auch biem Schweizer Hegel-Schüler Ignaz Paul Vital Troxler eine Rolle. Die Frage ist, wie stark das im 21. Jahrhundert noch bei einer jüngeren Juristengeneration vermittelbar sei.

Valjean72
13. Februar 2017 09:51

@Gustav Grambauer;

"und vom Norden her setzt Heinsohn für seine britischen Herren in Erwartung der Zerfleischung Deutschlands schon mal in Hamburg den Fuß in die Tür"

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Vielen Dank für die Verlinkung des Artikels. Abartig, was sich in manch kranken Gehirnen für deutschfeindliche Phantasien zusammenbrauen!

Dietrich Stahl
13. Februar 2017 10:41

@ Gustav Grambauer

Danke für die Wem-Links. Aufschlußreich. Was kann man von einem Gründer eines Genozid­forschungsinstitut auch anderes erwarten als das „Teile und herrsche“ seiner Herren. Die versuchen weltweit und an vielen Fronten Terrain zu gewinnen oder, wie Sie sagen, sich in Stellung zu bringen. Der AfD Vorstand hat ja gerade beschlossen, Björn Höcke aus der Partei zu schmeißen. Auf Antrag von Frauke Petry. Langsam zweifele ich, ob mein Eindruck von Petry – der war ein guter – nicht von ihrem guten Aussehen beeinflusst war. Vielleicht ist aber der Grund ihres Handelns, dass sie einen Gerd Bastian an ihrer Seite hat.

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