Sezession
1. April 2014

Ambivalenzen männlicher Homosexualität

Gastbeitrag

Die vordergründige Ausleuchtung vermeintlich oder wirklich homophober Manifestationen einer kaum mehr heteronormativen Leitkultur geht mit einer Ausblendung ihrer homophilen Latenzen einher. Wenn der gegenwärtig so inflationär verwendete Ausdruck »Homophobie« gleichwohl etwas Wahres trifft, dann die Furcht vor dem Weiblichen am Manne, wie es exemplarisch am »weibischen« Homosexuellen zum Vorschein kommt. Eine solche Phobie aber wäre richtiger »Heterophobie« zu nennen, denn geflohen wird allemal das »andere« Geschlecht. Diese Flucht vor der Weiblichkeit wiederum verbindet den heterosexuellen mit dem »aktiven« homosexuellen Mann, der eine ebenso notorische Verachtung für sein »passives« Gegenüber aufbringt, zumal dessen unwillkürliche Weiblichkeitsparodie ihrerseits Züge von Selbstverachtung zur Schau trägt.

Da die patriarchalische Zurückdrängung der mythischen Übermacht der Frau zu den Entstehungs- und Erhaltungsbedingungen aller Hochkulturen gehört, kann es weder überraschen, daß Männer- und Knabenliebe sittengeschichtlich allenthalben begegnen, noch daß die maskulinischen Formen männlicher Homosexualität durchweg eher toleriert wurden als die effeminierten. Was insbesondere das untergegangene Abendland betrifft, so brachten ihm dessen Herkunftskulturen diametral entgegengesetzte Stilisierungen und Normierungen homosexuellen Verhaltens ein: Hatte das antike Griechentum einen pädagogischen Eros ausgebildet, der freien Männern die sexuelle Initiation schöner Knaben auferlegte, um sie vor Verweiblichung zu schützen und zu tapferen Kriegern zu erziehen, so ließ das antike Judentum einen perversen Eros hervorbrechen, welcher sich in den Sodomiten und Gomorrhanern verkörperte, zu deren Greueln die Schändung männlicher Engel zählte. Der in der griechischen Kultur im Dienste männlicher Zucht zu sich selbst ndende »klassische« Homosexualitätstypus wurde in der römischen Zivilisation allmählich zurückgedrängt, um im Körperkult der Renaissance ästhetisch wiederaufzuleben und schließlich im Kriegerethos des Faschismus martialisch aufzumarschieren. Und der von der jüdischen Nationalreligion als Unzucht verworfene und seither mit sich selbst zerfallene »romantische« Typus entartete unter der christlichen Weltreligion vollends zum Laster, um in den Pathologien des Fin de siècle dekadent wiederaufzublühen und in der »queeren« Sexualpolitik unserer Tage endlich affirmativ aufzutrumpfen.

Gerade diese gegenstrebigen Tendenzen ihrer einerseits griechisch-römischen, andererseits jüdisch-christlichen Ursprünge aber verliehen der abendländischen Kultur in ihren hohen Zeiten die synthetische Kraft, die verfemte körperliche Homosexualität zu einer vergeistigten Homoerotik zu sublimieren, wie sie sich im mittelalterlichen Ritter- und Klosterwesen und im männerbündischen Forscher- und Erobererdrang der Neuzeit niederschlagen sollte. In der säkularisierten Moderne indessen schien vornehmlich in Deutschland die entchristlichte Männerkultur einer neuheidnischen Wiederbelebung des griechischen Freundschaftsethos dringend zu bedürfen. Nicht nur der »kosmische Kreis« um Stefan George, auch der bodenständigere »Wandervogel« führte die antike Homoerotik als Regenerationskraft gegen zivilisatorische Dekadenz ins Feld. Hans Blüher stellte gegenüber der Frauendomäne Familie die staatsbildende Kraft und kulturstiftende Geistigkeit von Männerbünden heraus, die ursprünglich aus päderastischer Sinnlichkeit erwachsen waren. Aber schon bald sollte die alte religiöse Verfemung der letzteren in biologistischer Verschärfung abermals durchschlagen.

Bereits vor Hitlers Machtergreifung hatte Magnus Hirschfeld, der profilierteste Kopf der ersten deutschen Homosexuellenbewegung, die »sexuelle Inversion« als eine »erbliche Mißbildung« betrachtet und die »Ausjätung schlechter Menschenkeime« durch Zwangskastration befürwortet. Und noch nach der Zerschlagung seines Instituts für Sexualwissenschaft im Juni 1933 riet Hirschfeld dazu, »die Hitlerschen Experimente abzuwarten«, um zu prüfen, ob »die Nationalsozialisten allein aus eugenischen Zwecken handeln«, oder ob sie sich »der Sterilisation bedienen werden, weniger um die ›Rasse aufzuzüchten‹, als um ihre Feinde zu vernichten.« In der eugenisch überspannten Manneszucht der Nationalsozialisten, die allerdings zur konsequenten Ausmerzung der Männerliebe übergingen, sah wiederum Theodor W. Adorno eine in der »approbierten Gestalt des Heterosexuellen« selbst rumorende »verdrängte Homosexualität« am Werk: »Totalität und Homosexualität gehören zusammen«, denn das totalitäre Subjekt »negiert alles, was nicht nach seiner eigenen Art ist«. Unter diesem Gesichtspunkt war für Blüher die »Nacht der langen Messer« von symptomatischer Bedeutung, denn mit der Liquidierung Röhms wurde Hitler vom »Verdränger« zum »Verfolger« der Homosexualität, deren offenes Ausleben das erotische Betriebsgeheimnis des radikalfaschistischen Männerstaates zu verraten drohte. Entsprechend nahm es sich wie posthumer Geheimnisverrat aus, als 1986 Michael Kühnen die Päderastie der nationalsozialistischen Männerelite als ein der »kulturellen Entwicklung der Gemeinschaft« förderliches »natürliches Erbgut« verteidigte und das »Zerrbild vom weiblichen, perversen und unmännlichen Homosexuellen« als »extreme Ausprägung unseres Zerfallzeitalters« verwarf.

Dieses Stereotyp des degenerierten Homosexuellen mit effeminierten Zügen und ästhetischen Neigungen war jedoch weniger das Produkt diskriminierender Fremdzuschreibungen seitens einer vulgärwissenschaftlichen Biopolitik als das Resultat homoerotischer Selbsterkundungen in den Gefilden der Literatur. Eine Vorreiterrolle spielte der Marquis de Sade, der seine polymorph perversen Libertins immer auch als Päderasten agieren ließ. Denn gerade die homosexuelle Sterilität hatte für Sade den Symbolwert einer widergöttlichen Natur, deren Entfesselung eine metaphysische Revolte gegen die fruchtbare Schöpfungsordnung im ganzen bedeutete. In Sades Gefolge erlagen zahlreiche Dichter der europäischen Romantik dem Bann von »Liebe, Tod und Teufel« und reicherten homophiles Erleben mit perversen Bizarrerien und blasphemischen Phantasien an, bevor im Fin de siécle, als die moralische Sanktionierung sexueller Anomalien einer morbiden Faszination gewichen war, diese ästhetisierte Homoerotik sich unverhohlen mit Sadismus und Satanismus verbündete. Charles Baudelaires Diktum »Die einzige und höchste Wollust der Liebe liegt in der Gewißheit, das Böse zu tun«, wurde zum Gesetz all jener »künstlichen Paradiese«, in denen homoerotische Literaten alsbald in Legion residieren sollten.

Auch bei Marcel Proust dünstete die Päderastie noch den biblischen Schwefelgeruch von Sodom und Gomorrha aus. Aber zugleich vermeldete dieser in seiner seismographischen Sensibilität herausragende homoerotische Dichter bereits die zeitgenössische Entwertung aller tradierten Werte, indem er sein romanhaftes Alter ego, den Baron de Charlus, mit der Bemerkung einführte: Früher sei er trotz seines Lasters geduldet worden, neuerdings werde er dafür gefeiert. Eine nochmalige Umwertung solcher Wertliberalisierung kündigte zum Ende des Ersten Weltkrieges Gabriele D’Annunzio an, dessen Fiume-Abenteuer den homoerotischen Dandy zu einem heroischen Pionier des Faschismus werden ließ. Als im Zweiten Weltkrieg dann Frankreich unter nationalsozialistischer Besatzung stand, war für Jean Genet die Stunde gekommen, um gegen ein Juste Milieu, das ihn als Dieb und Päderasten ausgestoßen hatte, einen literarischen Aufstand der Parias zu proben. In seinen von herrlichen Verbrechern und heiligen Tunten bevölkerten Romanen, die er wie Sade im Gefängnis schrieb, betrieb der von Jean-Paul Sartre zum »Saint Genet« Geadelte eine infernalische Sexualisierung des Bösen, die er mit poetischer Magie in dessen blasphemische Sakralisierung zu verwandeln wußte. Sein sexualfaschistisches Coming-out aber feierte Genet im Totenfest, worin er das SS-Massaker von Oradour glorifizierte und den bewunderten Hitler als rächenden Päderasten präsentierte. Mit dieser tabuierten Allianz von Homosexualität und Faschismus sollte es erst Pier Paolo Pasolini wieder aufnehmen. Seine Suche nach einer neuen Unschuld der Erotik mußte der homosexuelle Dichter und Filmemacher aufgeben, als ihm entgegen den rousseauistischen Verheißungen eines zunehmend libertären Italien die sadistische Wahrheit bitter aufstieß, daß eine entfesselte Sexualität unweigerlich zur sadomasochistischen Vernutzung von Leib und Seele führen müsse. In dem Film Die 120 Tage von Sodom, der infolge seiner Ermordung durch den Stricher Pelosi zu seinem künstlerischen Testament wurde, verlegte Pasolini die Sadeschen Orgien und Torturen provozierend in das spätfaschistische Saló; aber insgeheim inszenierte er die mörderische Libertinage seiner päderastischen Herrenmenschen als eine Parabel auf den »neuen Faschismus« einer den Einzelnen totalitär enthumanisierenden und übersexualisierenden Konsumgesellschaft.

Unter den deutschen Gelehrten der alten Schule der »anthropologischen Psychiatrie« war es Viktor Emil von Gebsattel, welcher in der »sexuellen Süchtigkeit« nicht weniger als den »nihilistischen Grundzug der menschlichen Natur« offenbar werden sah. Anders als bei den bloß normabweichenden »Paraphilien« richte sich bei den genuinen »Perversionen« sexualisierte Destruktivität gegen die »normgemäße Liebeswirklichkeit« personalisierter Dauerbeziehungen selbst, die eine anthropologisch elementare Einhegung der anarchischen Sexualität leisteten. Auch dem phänomenologisch geschulten Psychiater Erwin Straus zeigte sich die »Wollust der Perversion« am deutlichsten im »Zerstören, Schänden, Entweihen, kurz dem Deformieren seiner selbst und des Partners«. Vor diesem Hintergrund schätzte schließlich Hans Giese, der Wiederbegründer der deutschen Sexualwissenschaft, die männliche Homosexualität in ihrer autoerotisch-narzißtischen Bindungsschwäche als besonders »riskiert« ein. Obgleich das homosexuelle Verhalten an sich nur eine »abnorme Fehlhaltung« darstelle, nehme es doch häufig eine »perverse Verlaufsform« an, die über den »Verfall an die Sinnlichkeit« zum »süchtigen Erleben« einer am Ende selbstzerstörerischen Sexualität führe.

Für die auch unter Emanzipationsbedingungen unverminderte Gültigkeit dieser Nachkriegsdiagnosen sollte unfreiwillig Hubert Fichte bürgen. Die Antihelden seiner frühen Romane fliehen allesamt vor der Liebe als einer unerträglichen Bedrohung ihrer sexuellen Autonomie und retten sich in promiske Anonymität. Im Versuch über die Pubertät hingegen befreite Fichte sich selbst von seinem erotischen Pädagogen Hans Henny Jahnn, dessen um Sodomie, Inzest und Kastration kreisendes Hauptwerk Perrudja immerhin Görings Lieblingsbuch gewesen war. Immer wieder drängte sich Fichte die trostlose Banalität der Päderastie auf, die bei Genet noch als pathetische Chiffre für das Böse stand. Aber angesichts der enormen Faszination, die dieser anarchofaschistische Genius malignus auf die zweite Homosexuellenbewegung ausgeübt hatte, verkündete Fichte mit trotziger Entschiedenheit »eine gigantische, weltweite Verschwulung« als seinen anarchokommunistischen Traum von Freiheit.

Doch das tatsächliche Coming-out der Schwulen zog einen rapiden Verfall homoerotischer Kreativität nach sich. Schon Rosa von Praunheims für die dritte Homosexuellenbewegung wegweisender Film von 1971, Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, war weniger ein ästhetisches Phänomen als ein politisches Programm. In dem Bestreben, alle Perversität auf die diskriminierende Gesellschaft abzuwälzen, suchten »rosa« Sexualtheorien den Heterosexuellen als ebenso denaturiert und deformiert vorzuführen, wie sich der antidiskriminierungspolitisch korrigierte Homosexuelle selbst nicht mehr sehen wollte. Das menschliche Sexualverhalten wurde so radikal von seinem Generationsvermögen isoliert und damit methodisch sterilisiert, daß die narzißtisch wuchernden Perversionsarten als individuelle Dispositionen verabsolutiert, lebensfähige Beziehungsformen aber als soziale Konstrukte relativiert werden konnten. Was in Frankreich Michel Foucault und in den Vereinigten Staaten Judith Butler in Angriff nahmen, das hat in Deutschland maßgeblich Volkmar Sigusch vorangetrieben, der als homosexueller Wortführer der neuen »kritischen Sexualwissenschaft« auf die normative Kraft der faktischen »Neosexualitäten« setzte und Ehe und Familie zu obsoleten Formen einer »Paläosexualität« herabsetzte.

Über die in »schwulen Lebenswelten« noch heute fortbestehende Aversion gegen sexuell exklusive Dauerbindungen belehrt nicht zuletzt der gern verschwiegene Umstand, daß die so eifrig beworbene »Homoehe« lediglich von zwei Prozent aller Homosexuellen überhaupt angestrebt und von radikalen Queers als Übernahme heterosexueller Zwangsnormen offen bekämpft wird. Dabei stellte Volker Beck unmißverständlich klar, daß gleichgeschlechtlichen Ehepartnern kein sexuelles, sondern lediglich ein soziales Treueversprechen abverlangt würde, nicht ohne eine solche Ehe zu herabgesetztem Preis auch den heteronormalen Zeitgenossen anzuraten. An die glaubwürdigeren Anfänge der Homosexuellenbewegung knüpfte dagegen die »Initiative Queer Nations« an, die 2006 mit ihrem Vorhaben an die Öffentlichkeit trat, das Berliner Institut Magnus Hirschfelds wiederzuerrichten. Nicht nur Homo-, Trans- und Intersexuelle sollten institutionell protegiert werden, sondern auch sadomasochistische Anhänger von »Dominance & Submission« oder »Bondage & Discipline«, um von extravaganteren Fetischistengruppen zu schweigen, die sich nach allen nur erdenklichen Körperöffnungen, Exkrementen und Sekreten diversifizieren.

Aus solcher Statisterie hatte schon Sade das Personal seiner 120 Tage rekrutiert, und so erhebt sich hier höhnisch erneut der Januskopf des »göttlichen Marquis«: Einerseits ein reaktionärer, präfaschistischer Aristokrat, war er andererseits zugleich ein revolutionärer, libertärer Republikaner, der die Französische Revolution in einer auf das grausame Gesetz der Natur gegründeten Sexualrevolution vollenden wollte. Aber auch die radikalfaschistische Revolution von 1933 wollte »dem ›Natürlichen‹ wieder zu seinem Recht verhelfen« und trieb die »Emanzipation des Sexuallebens« und die »Zerstörung der Familie« voran, wie der damalige Exilant Herbert Marcuse beobachtete, der nachmals als Vordenker von 1968 allerdings dasselbe Ziel verfolgte, wobei das in dieser antifaschistischen Revolte mitrevoltierende destruktive Potential vorerst noch hinter einem homophilen Hedonismus verborgen blieb. Die aktuelle Queerpolitik indessen propagiert in exhibitionistischer Freizügkeit und enzyklopädischer Vollständigkeit all jene unzüchtig-überzüchteten Perversionsextreme, in denen Dekadenz und Faschismus sich berühren.

Der einfache Homosexuelle freilich, dem in manchen Ländern noch immer die Todesstrafe droht, trägt weder für die überreizten Aktivitäten der »Schwulenlobby« noch für den von Sigusch angeheizten »Aufstand der Sexualperversen« die Verantwortung. Im Ergebnis aber hat in Deutschland gerade die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung solcher »repressiven Entsublimierung« männlicher Homosexualität ein moralisches Alibi verschafft und damit jene sublimere Homoerotik, die einmal zum kulturellen Reichtum des Abendlandes gehört hatte, zu einem Stück antiquarischer Historie werden lassen.


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