01. Oktober 2015

Abwendung

von Götz Kubitschek / 0 Kommentare

PDF der Druckfassung aus Sezession 68 / Oktober 2015

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Der Schriftsteller Botho Strauß hat im Spiegel (41/2015) unter der Überschrift »Der letzte Deutsche« einen kurzen Text zur geistigen Situation unserer Zeit verfaßt. Das Magazin selbst hat versucht, die Bedeutung dieser Äußerungen dadurch zu vergrößern, daß es sie als eine Art Anschlußdenken an den berühmten »Anschwellenden Bocksgesang« von Strauß verkauft. Dieser Essay erschien 1993 im Spiegel und gilt als eine der wirkmächtigsten Einlassungen zur deutschen Lage nach der Wende. Strauß formulierte darin eine ästhetische Opposition zu einem aufgeklärten, den Massenwohlstand voraussetzenden Staatsbürger, »der ohne kulturelle und religiöse Fernerinnerung dahindämmere«. Der Essay wies als einen der Auswege aus der eigenen Verflachung durch »kommunikative Verflüssigung« aller Unterschiede und Hierarchien auf die »Abkehr« als Haltungs- und Denkform hin und gab zu bedenken, daß »die magischen Orte der Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich ist.«

Es war diese Passage in dem für die Neue Rechte Deutschlands so wichtigen Text, die zehn Jahre später den Namen »Sezession« für unser Zeitschriftenprojekt stiftete. Daß es uns dabei weniger um den »Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems« ging und mehr um die Urbarmachung metapolitischen Neulands, ist seit 68 Ausgaben unverkennbar. Diese Einpassung der eigenen Absonderung in den dadurch geschmierteren Ablauf der gesellschaftlichen Verflachung konnte weder der Anspruch von Strauß sein, noch war und ist es der unsere, und wir lasen derlei bei Strauß stets als Absicherungsschleife gegen ein Zuviel an elitärer Selbstzuschreibung.

Wo steht dieser Denker nun, wohin hat er mit seinem neuen Text und der Selbstbezeich- nung eines »letzten Deutschen« seine Koordinaten verschoben? Man kann die Lage – deren Feststellung von Bedeutung ist – als Dilemma beschreiben: Zu leben haben wir alle mit einem denkbar kulturfernen, seiner kulturellen Identität entfremdeten, an den Äußerungsblüten seiner Kulturträger nurmehr mäßig interessierten Volk, und die Frage ist, ob man in der eigenen Absonderung dieses Volk aufgibt oder ob man ihm zugeneigt bleibt, auch heute, auch angesichts seiner rasant ablaufenden Verflachung, Reduzierung und Verrottung.

Strauß urteilt gründlich und hart: »Der Irrtum der Rechten: als gäbe es noch Deutsche und Deutsches außerhalb der oberflächlichsten sozialen Bestimmungen. Jenen Raum der Überlieferung von Herder bis Musil wollte noch niemand retten«. Beides stimmt nicht: Natürlich gibt es noch Deutsche und Deutsches, das weit in die Tiefe reicht und dort wurzelt. Und natürlich gibt es Leser, Autoren, Maler, Komponisten, Produzenten, Verleger, Dirigenten, Mäzene, die das ganze, wunderbare deutsche Erbe nicht nur verwalten und in Erinnerung behalten, sondern in seinem existentiellen Anspruch zu einer oft nicht nur randständigen Geltung bringen: Warum ist denn stets im November die Kreuzkirche in Dresden bis auf den letzten Platz gefüllt, wenn das Deutsche Requiem von Brahms gegeben wird, und zwar fast ausschließlich vor Deutschen, obwohl die Karten nicht teuer sind und für jedermann verfügbar? Kein Mensch applaudiert übrigens, wenn der Kreuzchor dann geendet hat, derlei gibt es noch in Deutschland. Und sogar in der Provinz, in einer kleinen, ausgelaugten, totalzerstörten und häßlich wiederaufgebauten Stadt wie Brandenburg, kann man an einem Sonntagnachmittag hunderte Deutsche in ein Konzert pilgern sehen, mit Werken von Wagner und Bruckner, und es war just dort, daß der Dirigent sich den Applaus ebenfalls verbat, weil diese immer zur Hälfte eitle Bekundung weder in die Kirche, noch zu den sakralen Kompositionen und eigentlich gar nicht zum Ausklingen und Nachhallen der Musik gehöre.

Botho Strauß wählt in seinem Spiegel-Text als »letzter Deutscher« den Weg dessen, der seinen »kulturellen Schmerz« pflegt und als einen besonderen Dienst an jenem (seiner selbst fremdgewordenen) Volk empfindet, das die kulturelle Blüte erst hervorbrachte. Es leidet da jemand stellvertretend, aber tut er es noch zugeneigt?

Wenn nicht, dann pflegt er eine elitäre Form der Verachtung, und diese ist zweifellos eine Versuchung für jeden Intellektuellen. Aber die Zuneigung gehört auf diese Weise nur dem Gewesenen des Volkes, und die Frage ist, ob man sich auf diese Weise abwenden darf von dem überbordenden Häßlichen im Eigenen.

Ich meine: Man darf es nicht, nicht jetzt, nicht in dieser Zeit.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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