Sezession
1. April 2016

Autorenporträt J. Philippe Rushton

Gastbeitrag

Einen proflierten Wissenschaftler wie John Philippe Rushton, dessen Arbeiten in Ostasien sehr geschätzt, in Nordamerika scharf angefeindet und in Westeuropa schlicht totgeschwiegen werden, wird man getrost eine schillernde Figur nennen dürfen. Dabei verliefen der persönliche Lebensweg wie die berufliche Laufbahn des umstrittenen Psychologieprofessors in durchaus geordneten Bahnen. Am 3. September 1943 im englischen Bournemouth geboren, emigrierte Rushton im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern zunächst nach Südafrika und später nach Kanada, bevor er als junger Erwachsener nach England zurückkehrte, um ab 1970 an der University of London sowie der London School of Economics Psychologie zu studieren, wo er 1973 mit einer Dissertation über altruistisches Verhalten von Kindern zum philosophiae doctor promovierte. Nach einem Forschungsjahr an der University of Oxford, welches der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern gewidmet war, lehrte Rushton von 1974 bis 1976 an der York University und von 1976 bis 1977 an der University of Toronto als Gastprofessor. 1985 nahm er eine ordentliche Professur an der University of Western Ontario an, und an der University of London erwarb er 1992 den scientiæ doctor. Über die Jahre wirkte Rushton auch als Mitherausgeber der Fachzeitschriften Scientometrics, Developmental Psychology, Population and Environment und Intelligence. Des Weiteren war er Mitglied der amerikanischen, britischen und kanadischen Psychological Associations sowie der John Simon Guggenheim Memorial Foundation. 2002 wurde er zum Präsidenten des Pioneer Fund ernannt, der sich als gemeinnützige Stiftung in der Tradition der angloamerikanischen Eugenik um die Förderung der Erb-, Zwillings- und Intelligenzforschung verdient gemacht hat. Als Rushton am 2. Oktober 2012 in London nach langem Kampf an Krebs verstarb, hinterließ er Hunderte von Aufsätzen und sechs Bücher, von denen das 1995 erschienene Race, Evolution and Behavior ins Deutsche übersetzt wurde.

Es war vor allem dieses sein letztes, eine vorläufge Bilanz aus seiner Lebensarbeit ziehende Buch, welches in Kanada so massive Proteste hervorrief, daß der Transaction-Publishers-Verlag es umgehend wieder einzog. Aber bereits ein 1989 vor der American Association for the Advancement of Science gehaltener Vortrag hatte dazu geführt, daß die Regierung von Ontario Rushtons Entlassung forderte und Ermittlungen wegen Verletzung von »hate crime laws« gegen ihn einleitete. In politischen Karikaturen fand Rushton sich alsbald in Nazi-Uniformen und Ku-Klux-Klan-Kapuzen wieder. Über den »Fall Rushton« zu schreiben, gebietet daher, die massive Bedrohung der westlichen Wissenschaftskultur durch politischen Gesinnungsterror nicht zu verschweigen, der besonders hemmungslos wütet, wo die Rassenfrage berührt oder auch nur der Rassenbegriff genannt wird. Bereits nach dem Untergang des Dritten Reiches und zum Auftakt der Dekolonisierung der Dritten Welt hatte die UNESCO in ihrem 1952 verlautbarten »statement of race« nicht nur der Politik des Rassismus, sondern auch dem Begriff der Rasse selbst den Kampf angesagt. Entsprechend widersprüchlich ging die antirassistische Behauptung der Gleichheit aller Rassen mit der Bestreitung ihrer biologischen Realität einher: Was es nicht geben durfte, sollte dennoch gleich behandelt werden. Zur Durchsetzung dieses paradoxen Konzepts eines »Rassismus ohne Rassen« war freilich eine Ausweitung der Kampfzone ins Reich der Wissenschaft vonnöten. In der Folge wurde nicht nur die biologische Rassenforschung durch eine soziologische Rassismusforschung ersetzt, sondern auch die physische durch eine ethnologische Anthropologie zurückgedrängt, bis sich in den Humanwissenschaften endlich eine mächtige Einheitsfront aus allerlei Milieutheorien gegen humanbiologische Forschung überhaupt gebildet hatte.

Daß auf diesem Wege der ursprünglich als antidiskriminierungspolitischer Kampfbegriff gegen die nationalsozialistische Rassenideologie geschaffene Rassismusbegriff allmählich sein eigenes Diskriminierungspotential entfaltete, mußten schon Lehrer und Freunde Rushtons wie der Verhaltenspsychologe Hans-Jürgen Eysenck und der Erziehungspsychologe Arthur Jensen erfahren, die sich wegen ihrer Forschungen über die Erblichkeit von Intelligenz- und Verhaltensunterschieden persönlichen Angriffen und sogar körperlichen Übergriffen ausgesetzt sahen, obgleich sie öffentlich gegen Rassendiskriminierung eingetreten waren. Ganz wie sie hatte auch der junge Rushton als Milieutheoretiker begonnen, um jedoch schon bald an die Grenzen soziologischer Ursachenforschung zu stoßen. Daraufhin wandte er sich der von Francis Galton begründeten Verhaltensgenetik zu, deren statistische und biometrische Methoden bereits von der Zwillings- und Adoptionsforschung adaptiert worden waren und als »quantitative Genetik« eine mathematische Berechnung des Erblichkeitskoeffzienten der Intelligenz erlaubten. Von hoher Brisanz waren die Ergebnisse der Intelligenzforschung besonders in den Vereinigten Staaten, wo seit 1910 in über 350 vergleichenden Studien erhebliche Leistungsunterschiede zwischen Weißen und Schwarzen festgestellt wurden, die sich auch durch die in den 1960er Jahren eingerichteten staatlichen Förderprogramme für sozial benachteiligte Kinder nicht nachhaltig verringerten. Und in Anbetracht der signifikanten Korrelation zwischen biometrischen Intelligenz- und sozioökonomischen Statusunterschieden, wie sie in ethnosozialen Schichtenbildungen zutage trat, mißtraute nicht nur Rushton dem soziologistischen Standardargument, daß das Fortbestehen einer unverhältnismäßig schwarzen Unterschicht ausschließlich durch Klassenzugehörigkeit und Rassendiskriminierung bedingt sei. So konnten der Psychologe Richard J. Herrnstein und der Politologe Charles Murray in ihrer 1994 erschienenen Großstudie The Bell Curve an 13000 über 13 Jahre verfolgten Lebensverläufen die prognostische Validität von Intelligenztests für den schulischen wie den beruflichen Erfolg demonstrieren: selbst im Ghetto aufgewachsene schwarze Jugendliche mit einem IQ von 120 hatten größere Erfolgsaussichten als aus der Mittelschicht stammende weiße Jugendliche mit einem IQ von 80. Daß im übrigen nicht nur in der mobilen amerikanischen Leistungsgesellschaft, sondern in der globalisierten Weltgesellschaft insgesamt eine »soziale Siebung« von Begabungsunterschieden über Auf- oder Abstieg entscheidet, ergaben wiederum diverse Metastudien des Psychologen Richard Lynn. In IQ and the Wealth of Nations von 2002 und The Global Bell Curve von 2008 wertete Lynn Indikatoren aus nahezu allen Staaten der Welt aus, um angesichts der stark kovariierenden nationalen Intelligenz- und Einkommenskurven das Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Ländern im wesentlichen auf die unterschiedlichen genetischen Dispositionen ihrer Bevölkerungen zurückzuführen.

Vor dem Hintergrund dieser mit der Intelligenzverteilung in oder zwischen Klassen und Nationen befaßten Forschungen, an deren Horizont bereits die großen Rassenkreise aufdämmerten, lag es für Rushton nur nahe, die »Caucasians«, »Asians« und »Blacks«, die in der europäischen Anthropologie nach François Bernier als »Europide«, »Mongolide« und »Negride« bezeichnet werden, endlich direkt in den Blick zu nehmen – gleichviel, ob deren Angehörige als indigene Mehrheiten in ihren Heimatländern oder als migrantische Minderheiten in Einwanderungsländern anderer Kontinente lebten. Hierfür weitete Rushton die zumeist auf die Intelligenz beschränkten Heritabilitätsmessungen auf rund 60 weitere Persönlichkeits- und Verhaltensvariablen aus, indem er Aggregationsanalysen von mehr als 1000 internationalen Studien zu Temperament und Emotionalität, Sozial- und Sexualverhalten, Bindungs- und Familienstabilität sowie Krankheitsanfälligkeit und Lebenserwartung vornahm. Doch so komplex Rushtons Metastudien auch waren, so kompakt ließen sich deren Ergebnisse auf einer kontinuierlichen Skala abbilden: Am einen Ende erzielten Ostasiaten die höchsten und Weiße hohe Mittelwerte für Introvertiertheit und emotionale Stabilität, Altruismus und sexuelle Selbstkontrolle, soziale Anpassungsfähigkeit und Gesetzeskonformität; und am anderen Ende der Skala erreichten Afroamerikaner hohe und Schwarzafrikaner höchste Werte für Extravertiertheit und Psychopathie, Aggressivität und sexuelle Impulsivität, individuelles Dominanzstreben und Delinquenzneigung.

Ein rassisches Gefälle trat nicht zuletzt bei stark negativ korrelierenden Variablen wie Intelligenz und Delinquenz zutage. Nach der von Rushton zitierten und von der American Psychological Association bestätigten Statistik Lynns von 1991 lauteten die weltweiten IQ-Mittelwerte für Ostasiaten 106, für weiße Europäer und Nordamerikaner 100, für Afroamerikaner 85 und für Schwarzafrikaner 70. In umgekehrter Proportion hierzu standen die in der internationalen Verbrechensstatistik von Interpol registrierten Meßwerte: Von 1983 bis 1986 beliefen sich bei Asiaten, Weißen und Schwarzen pro 100000 die Kriminalitätsraten insgesamt auf 43, 74 und 142 und insbesondere die Vergewaltigungsraten auf 3, 6 und 13. Milieutheoretisch desaströs waren vor allem die feinen Unterschiede, daß Schwarze in »nicht-diskriminierenden« afrikanischen und karibischen Staaten noch niedrigere Intelligenzwerte erreichten als in den »diskriminierenden« Vereinigten Staaten, hier wie dort aber deutlich höhere Kriminalitätsraten aufwiesen als Weiße, während Chinesen, Japaner und Koreaner in asiatischen wie in amerikanischen Staaten allemal die niedrigsten Kriminalitätsraten und die höchsten Intelligenzwerte erzielten. Eine praktische Widerlegung der Ghetto-Theorie, wonach der Verfall schwarzer Wohnviertel wie der Bronx eine unausweichliche Folge von Sklaverei und Rassismus darstelle, erbrachten gerade die arrivierten Einwohner der »Chinatowns« amerikanischer Großstädte, deren verachtete Vorfahren gleichfalls unter sklavenähnlichen Bedingungen gelebt hatten.

Rushton selbst war verblüfft darüber, daß trotz der weltweit gravierenden Unterschiede in den nationalen, sozialen, ökonomischen, kulturellen und demographischen Verhältnissen, unter denen Asiaten, Weiße und Schwarze jeweils lebten, bei zahlreichen stark miteinander korrelierenden Variablenkomplexen hartnäckig immer wieder dieselben rassischen Profile zum Vorschein kamen, welche die Annahme eines Heritabilitätsfaktors unabweisbar machten. Allerdings hat Rushton stets die große genetische Varianz innerhalb der drei Großgruppen betont und vor dem rassistischen Kurzschluß gewarnt, kollektive Durchschnittsmessungen auf Individuen herunterzubrechen. Weit davon entfernt, einen harten Biologismus zu vertreten, schätzte er die Varianzanteile von Umwelteinflüssen und Erbanlagen als ungefähr gleich groß ein. Gerade als moderner Verhaltensgenetiker hielt Rushton die alte Feindschaft zwischen Bio- und Sozialwissenschaften für obsolet, präsentierte ihm das menschliche Verhalten doch eine phänotypische Verdichtung von »nature« und »nurture«. Umso doktrinärer erschienen ihm freilich die kulturalistischen Soziologen, die eine ausschließliche Umweltdetermination ethnischer Differenzen behaupteten und zugleich eine diskurspolizeiliche Inkriminierung des Rassenbegriffs betrieben.

Seit den 1950er Jahren waren jedoch auch viele Humanbiologen dazu übergegangen, »Rassen« durch »Subspezies«, »Varietäten« oder »Populationen« zu ersetzen, nachdem die auf den abstrakten »Genotyp« fxierte Molekular- und Populationsgenetik ein statistisches »Erbbild« von Bevölkerungen aus deren unterschiedlichen Genfrequenzen errechnen konnte. Damit aber stand das an konkrete »Phänotypen« gebundene Rassenverständnis der physischen Anthropologie, die aus morphologischen und physiologischen Merkmalen von Individuen ein homogenes »Erscheinungsbild« von Großpopulationen herzuleiten suchte, unter dem Verdacht rassistischer Stereotypenbildung. Antirassistisch engagierte und entsprechend vielzitierte Humanbiologen wie Luca Cavalli-Sforza, Stephen Jay Gould oder Richard Lewontin vermeldeten unaufhörlich, die biologischen Unterschiede zwischen den Menschen seien lediglich quantitativer, nicht qualitativer Art und mit 0,1 Prozent so gering, daß die genetischen Distanzen innerhalb einer menschlichen Population diejenige zwischen verschiedenen Populationen bei weitem überstiegen. Doch allmählich stellte sich heraus, daß individuelle Merkmalsvariationen nicht schon durch den genetischen Code festgelegt sind, sondern durch die Genexpression, die Regulation und Aktivierung von Allelen, allererst erzeugt werden und rassische Variationen obendrein durch bestimmte Clusterbildungen von Allelen zustandekommen. Längst wird auch von Kritikern des Rassebegriffs der genetische Varianzanteil von Großgruppen an der Gesamtvarianz der Menschheit auf durchschnittlich 15 Prozent geschätzt, wobei die größte gemessene genetische Distanz zwischen einzelnen ethnischen Gruppen sogar 46 Prozent beträgt.

Mittlerweile kann eine Zuordnung von Individuen zu kleineren Volksgruppen wie zu den großen Rassenkreisen sogar mit einer Treffsicherheit von über 90 Prozent vorgenommen werden. Gleichwohl begnügte sich Rushton bei seinen Erkundungen rassischer Diversität keineswegs mit den fortschreitenden Erkenntnissen der Humangenetik. Vielmehr suchte er diese mit den Ergebnissen embryologischer und evolutionsbiologischer sowie archäologischer und paläontologischer Forschungen abzugleichen, um so zu einem integralen Verständnis von Rassentypen zu gelangen, die sich allein aus einer »Kombination von geographischen, ökologischen und morphologischen Faktoren und Genfrequenzen biochemischer Komponenten« erkennen ließen. Nach der jahrzehntelangen Hegemonie der Populationsgenetik innerhalb der humanbiologischen Disziplinen schien ihm eine Rehabilitierung vor allem der physischen Anthropologie geboten. Schließlich hatten die DNA-Analytiker in der frühen, heroischen Phase des »Human Genome Project« die Gene geradezu fetischisiert und darüber alles Phänomenale bagatellisiert, bis sie gleichsam den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sahen und eigens daran erinnert werden mußten, daß die Evolution nicht nur auf genotypischen Mutationen beruht, sondern als Selektion gerade an phänotypischen Variationen ansetzt, welche aus dem Zusammenspiel von biologischer Ausstattung und ökologischen Anpassungen resultieren. In diesem Sinne berief sich Rushton auf Charles Darwins »Prinzip der Divergenz«, wonach »anfangs kaum merkbare Verschiedenheiten immer weiter zunehmen und die Rassen immer weiter unter sich wie von ihren gemeinsamen Stammeltern abweichen«. Orthodox darwinistisch war denn auch Rushtons Versuch, mithilfe soziobiologischer Modelle die Verzweigung der Stammesgeschichte des Menschen in die Rassengeschichten der Negriden, Europiden und Mongoliden nachzuzeichnen und noch die kognitiven und behavioralen Differenzen ihrer rezenten Formen als Ergebnisse der Evolution vorzuführen.

In Übereinstimmung mit der genetischen Stammbaumforschung ging Rushton von der »Single-Origin«-Hypothese aus, derzufolge der moderne Mensch sich vor ca. 200000 Jahren in Afrika entwickelt hatte, bevor sich subsaharische Populationen vor ca. 110000 Jahren abspalteten und in den eurasischen Raum vordrangen, und vor ca. 41000 Jahren eine weitere Spaltung der archaischen Eurasier in europide und mongolide Populationen eintrat. Dieser Übergang der einen Stammesgeschichte in die drei großen Rassengeschichten aber vollzog sich unter den höchst unterschiedlichen klimatischen und ökologischen Bedingungen der jeweiligen Kontinente. Rushton zufolge war es für die Entstehung der rassischen Varietäten von nachhaltiger Bedeutung, daß die nach Eurasien ausgewanderten Populationen in die vor 130000 Jahren angebrochene erste Würm-Eiszeit hineingerieten und die nach Ostasien weitergezogenen Populationen überdies noch der Haupt-Würm-Eiszeit von 40000–10000 v.Chr. ausgesetzt waren. Denn angesichts solcher harten Umweltbedingungen mußten diese Frühformen der Europiden und Mongoliden andere Überlebensstrategien entwickeln als die zurückgelassenen Negriden. Nach dem vornehmlich von Edward O. Wilson verfochtenen populationsökologischen r/K-Konzept verfolgen Populationen mit rascher Individualentwicklung und kurzer Lebensspanne in einer unberechenbaren, aber ressourcenreichen Umwelt die »r«-Strategie, da ihnen eine hohe Fortpflanzungs»rate« bei geringer elterlicher Fürsorge Überlebensvorteile beim Ausbreitungswettbewerb um extensive Lebensraumnutzung verschafft. Ein berechenbarer, in seiner ökologischen Trage»kapazität« aber begrenzter Lebensraum hingegen nötigt Populationen die »K«-Strategie auf, denn im Verdrängungswettbewerb um die intensive Nutzung der knappen Ressourcen ist eine niedrige Geburtenrate bei ausgeprägter Brutpflege auch im Hinblick auf eine langsamere Individualentwicklung und eine längere Lebenserwartung von Vorteil. Um nun diese ursprünglich auf tierliche Spezies zugeschnittene r/K-Theorie auch auf menschliche Subspezies anwenden zu können, mußte Rushton sie allerdings zu einer »differentiellen K-Theorie« abwandeln, welche rassentypischen Abweichungen in Richtung der r-Selektion stets nach Maßgabe der arttypischen K-Selektiertheit des Menschen Rechnung trug. Unter diesem Vorbehalt gab Rushton zu bedenken, daß das heiße Klima in der subsaharischen Savanne unvorhersehbare Dürreperioden und verheerende Krankheitsepidemien mit sich brachte, sodaß die hohen Sterblichkeitsraten afrikanischer Populationen nur durch hohe Geburtenraten kompensiert werden konnten, was wiederum ein »libertäres« und bindungslabiles Paarungsverhalten erforderte. Demgegenüber sahen sich jene in die kalten Regionen abgewanderten Populationen zwar einem schweren Klimaschock ausgesetzt, aber dafür waren nördliche und selbst arktische Winterperioden zumindest insoweit vorhersehbar, daß sich stabile Familienbindungen zur »konservativen« Aufzucht von wenigen Kindern entwickeln konnten.

Der durch die Kolonisierung Eurasiens erzeugte Selektionsdruck wirkte sich Rushton zufolge jedoch nicht nur auf die Ausrichtung der Reproduktionsstrategien aus – er war ebensosehr in Richtung auf höhere Intelligenz am Werk: Für die Behausungssicherung und Ressourcenbeschaffung war die Erfndung von effektiveren Werkzeugen und Waffen vonnöten, und zumal für die überlebenswichtige Ernährungsumstellung von Pflanzen auf pflanzenfressende Tiere mußte sich der afrikanische Sammler zum eurasischen Jäger umrüsten und sein sexuelles Konkurrenz- in soziales Kooperationsverhalten umwandeln, nicht ohne damit eine Rationalisierung der Lebensführung einzuleiten, wie sie für die Entstehung von komplexeren sozialen und kulturellen Institutionen unabdingbar war. Und da diese Selektionsprozesse ganze Variablenkomplexe betrafen, wurde neben den Gehirnfunktionen, welche die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten steuern, auch das Hormonsystem, welches die sexuellen und aggressiven Antriebe reguliert, zur Anpassung gezwungen. Wie schon im Verlauf der Stammesgeschichte der Hominiden die Gehirnentwicklung eine verzögerte Reifung, eine verlängerte Schwangerschaft und eine verringerte Fortpflanzungsrate erforderte, so sollte auch in der frühen Rassengeschichte der Negriden, mehr noch der Europiden und am meisten der Mongoliden die Vergrößerung des Gehirns mit einer Verkleinerung der Genitalien und einer Verringerung der Keimzellen- wie derTestosteronproduktion einhergehen. Nach Rushtons Gesamtbilanz jedenfalls ist die Investition in intellektuelle Potentiale auf Kosten vitaler Potenzen gegangen, und wenn die Evolution diesen »bioenergetischen Kompromiß« gewiß der menschlichen Art als ganzer auferlegt hat, so hat sie doch die menschlichen Rassen mit einer unterschiedlichen Kompromißbereitschaft ausgestattet.

Die »Weißen«, die »Schwarzen« und die »Gelben« selbst sind sich ihrer vitalen, behavioralen und mentalen Unterschiede seit jeher bewußt gewesen; nicht von ungefähr haben sie immer schon Exklusivität und Endogamie gepflegt und ihre Ethnozentrik häufg bis zur Xenophobie getrieben. Unter alldem aber, was man oberflächlich zu Ingredienzen des Rassismus rechnen mag, hat Rushton die Tiefenschicht eines rassischen Altruismus freigelegt. Die soziobiologische Annahme, daß das von Richard Dawkins so genannte »egoistische Gen« sich in größeren Gruppen von »Ähnlichen« effektiver zu reduplizieren vermag als in der kleineren Gruppe bloßer »Verwandter«, brachte bereits Anthropologen wie Pierre von den Berghe, Frank Salter oder Henry Harpending dazu, William Hamiltons Konzept der »Verwandtenselektion« von der Familie auf die Ethnie auszuweiten und genetische Verwandtschaftskoeffzienten auf ethnische und sogar nationale Gemeinschaften hochzurechnen. Aber erst Rushton entwickelte in einer biologisch-kulturellen Koevolutionsperspektive eine umfassende »Theorie der genetischen Ähnlichkeit«, mit welcher er über die Verwandtenselektion hinausgehen und zu einer Rehabilitierung der scheinbar widerlegten »Gruppenselektion« fortschreiten konnte, um noch die ideologischen Konzepte des »Patriotismus« und »Nationalismus« als epigenetisch verstärkte Ausgestaltungen einer genetisch vorgezeichneten Anlage auszuweisen. Mit seiner integralen »Ähnlichkeitstheorie«, welche die anthropologisch universale Präferenz von Klein- wie Großgruppen für das Ähnliche und Eigene gegenüber dem Unähnlichen und Fremden erklären sollte, hat Rushton überdies eine große Lösung für das bereits von Darwin aufgeworfene Problem des Altruismus geboten, das ihn schon in seinen Anfängen beschäftigt hatte. Seit sich aber unter dem Diktat der politischen Korrektheit nach den Sozialwissenschaften großenteils auch die Biowissenschaften dem zivilreligiösen Dogma der natürlichen Gleichheit aller Menschen verschrieben haben, gilt Rushton selbst unter manchen Fachkollegen als pseudowissenschaftlicher Rassenideologe. Freilich entbehrt es nicht der Ironie, daß dieselben aufgeklärten Evolutionisten, die über den religiösen Kreationismus zu spotten lieben, ihrerseits einem fragwürdigen Kreationismus kulturalistischer Art anhängen, indem sie den zeitlichen Geltungshorizont der Evolutionstheorie bei der Abstammung des Menschen enden lassen und die spätere Rassenevolution zu einem selbstkreierten kulturellen Konstrukt fiktionalisieren.

Gegen solchen politisch korrigierten Darwinismus hat Rushton unerschrocken Darwins »gefährliche Idee« des Divergenzprinzips zu Ende gedacht. Wie immer eine künftige Forschung Rushtons Werk beurteilen mag – er selbst hat die Ergebnisse seiner Arbeit stets freimütig zur Diskussion gestellt. Auf plumpe Polemik oder persönliche Beleidigungen aber pflegte er mit der souveränen Gelassenheit eines Gentleman alter Schule zu antworten: »But this is not an argument«.


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