15. Mai 2017

Politische Gewalt in Rom (II): Der bekübelte Konsul

von Johannes Konstantin Poensgen / 4 Kommentare

Als Julius Caesar 59 v. Chr. sein erstes Konsulat antrat, glich die römische Politik einem Wiedergänger. Seit fast einem Jahrhundert rang man nun um die Neuordnung der zum Weltreich gewordenen Stadtrepublik.

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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  • Alle Versuche einer Neuordnung waren entweder im System versandet, oder im Blut versunken.

    Inzwischen spitzte sich einmal mehr eine der seit Jahrzehnten immer sinnloser werdenden politischen Krisen zu. Kurz: Pompeius war Ende 62 v. Chr. siegreich aus dem Krieg gegen den pontischen König Mithridates zurückgekehrt und hatte seine Armeen aufgelöst, wie es das römische Gesetz befahl. Von der Angst vor einem Marsch auf Rom befreit, wie ihn Sulla zweimal unternommen hatte, sahen weite Teile des Senates die Gelegenheit, den „Magnus“ auf ihr eigenes Mittelmaß zurechtzustutzen. Man verweigerte dem Feldherren die Versorgung seiner Veteranen. Zwar gelang es Pompeius zweimal nacheinander einen seiner Anhänger zum Konsul wählen zu lassen, doch die beiden erwiesen sich gegenüber dem Senatsklüngel als vollkommen hilflos.

    Daraufhin schloß Pompeius den berühmten Dreibund mit Crassus und Caesar, nur war damit noch nichts gewonnen. Caesar wurde zum Konsul gewählt, ja, aber warum sollte er sich gegen die altbewährten Obstruktionsmittel der Oligarchie besser durchsetzen, als irgendeiner seiner Vorgänger? Zumal die Gegenseite ebenso einen Konsul hatte und damit alles blockieren konnte. Marcus Calpurnius Bibulus war dafür der rechte Mann. Er ging in die Geschichtsbücher ein, weil er das ganz besondere Pech hatte, in fast jedem seiner Ämter Caesar zum Kollegen zu haben. Er verabscheute den ihm so deutlich überlegenen Rivalen.

    Die Sache ließ sich auch erst einmal nicht gut an. In der ersten Senatssitzung seines Konsulates befleißigte sich Caesar noch eines konzilianten Tonfalls. Inhaltlich war sein Ackergesetz auch um einiges moderater, als die meisten, die seit Tiberius Gracchus die Republik erschüttert hatten. Niemand wurde enteignet und für die Finanzierung war aus der Kriegsbeute auch gesorgt. Sehr zum Ärger seiner Gegner konnte man ihn in seinem Programm nicht angreifen. Man versteifte sich ganz offen auf Fundamentalopposition.

    Reformen ja, die seien auch wichtig, aber nicht jetzt, nicht in diesem Konsulat. Als der jüngere Cato dann auch noch zu einer seiner berüchtigten Dauerreden anhob (nach Sonnenuntergang durfte der Senat keinen Beschluß mehr fassen), verlor Caesar die Nerven und ließ den Querulanten aus dem Senat ins Gefängnis schaffen. Doch er hatte sich mit der Solidarität der Oligarchie verrechnet. Ein Großteil des Senats stand auf und folgte dem abgeführten Dauerredner.

    Caesar hatte eine Propagandapanne wettzumachen und ein Gesetz durchzubringen, das von seinen Gegnern gemäß der Verfassung ohne weiteres blockiert werden konnte. Wie ihm das gelang ist ein einzigartiges Lehrstück darüber, wie man den Gegner erst ins Unrecht setzt, dann gezielt selbst zum minimal notwendigen Rechtsbruch schreitet und ihn gleichzeitig vor aller Augen so demütigt, daß weiterer Widerstand in sich zusammenklappt.

    Im Gedächtnis der Nachwelt ist Caesar als Feldherr und Diktator in Erinnerung geblieben. Für viele scheint es schwer zu schlucken zu sein, daß dieser Mann, der zu den ganz Großen der Geschichte zählt, von Haus aus ein mit allen Abwässern gewaschener Berufspolitiker war. Er wäre verloren gewesen, hätte er dieses Handwerk nicht beherrscht.

    Auf die erste Senatssitzung folgten zwei Monate immer erneuter Propagandaschlachten und Rededuelle auf dem Forum. Einmal gelang es Caesar seinen Amtskollegen Bibulus so aus er Fassung zu bringen, daß dieser der versammelten Menge entgegenrief: „Ihr werdet euer Gesetz nicht bekommen und wenn ihr es alle wolltet.“ Ich habe diesen Satz erst für caesarische Propaganda gehalten, nach einigen Aussprüchen, die sich unsere Volksvertreter gegenüber dem „Pack“ geleistet haben, neige ich aber dazu ihn für authentisch zu halten. Was geschehen sollte, wenn Bibulus bei dieser Haltung verbliebe, daraus machte Caesar auch bald keinen Hehl mehr. Bei einer anderen Versammlung holte er Crassus und Pompeius auf die Tribüne und verpflichtete zumindest den letzteren, das Gesetz wenn nötig mit Gewalt zu unterstützen.

    Die Optimaten wollten jetzt vor allem Zeit gewinnen. Mit Hilfe dreier Volkstribunen verschob Bibulus die Abstimmung mehrmals. Als Caesar nicht locker ließ, erklärter er kurzerhand alle verbliebenen Comitialtage des Jahres (Tage, an denen ein rechtsgültiger Volksbeschluß verabschiedet werden konnte) zu religiösen Festtagen. Jetzt, nachdem sein Gegner sich schon mit solch einer Absurdität zum Narren gemacht hatte, ließ sich Caesar nicht mehr auf Spielchen ein und beraumte eigenmächtig die Abstimmung an.

    Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

    Kommentare (4)

    Maiordomus
    16. Mai 2017 09:21

    Wer Römische Gechichte kennt, sich über die Grundstrukturen des Machtspiels zumal im Uebergang der Republik zur Diktatur und zur Monarchie jenseits von Gut und Böse die angemessenen Gedanken macht, versteht auf alle Fälle mehr von Politik als herkömmliche Politologen.

    Gotlandfahrer
    16. Mai 2017 09:42

    Ist jetzt die Merkel Caesar, in dem Sinne dass sie über den Mittelmäßigen den Mist ausgekübelt hat um das Gesetz zu brechen, oder ist Merkel Bibulus, weil der Tag kommt, an dem ihr volksundienliches Eliteninteresse durch eine schneidige Tat in die Schranken gewiesen wird? Fragen.

    marodeur
    16. Mai 2017 16:55

    Sehr schöne Episode - spannend und lehrreich geschrieben. Es ist nicht ganz leicht den Bogen in unsere Zeit zu spannen. Geschichte beugt sich schnell dem Zeitgeist. Die Charaktere und Motive werden verzerrt. Wir würden Caesar natürlich gerne in die Reihe der Patrioten aufnehmen. Aber die Vorzeichen haben sich gedreht. @Gotlandfahrer hat Recht, wenn er die Mistkübel heute in den Händen unserer Gegner verortet. Es wäre ein Kunststück, die Strategie umzudrehen. Wir versuchen unsere Feinde mit der Realität zu konfrontieren, um zu zeigen, dass der Kaiser nackt ist. Leider begreift das Volk nicht mehr, dass diese beschämende Nacktheit überhaupt irgend ein Problem darstellt. 

    Vielleicht ist die Lehre aber auch einfach, dass eine gewisse Kaltblütigkeit und gutes Timing in der Politik deutlich wichtiger sind, als gute Inhalte.

    Maiordomus
    16. Mai 2017 19:40

    @Goltand. Merkel mit Caesar zu vergleichen passt etwa so gut wie Hannelore Kraft mit Bismarck oder wenigstens mit Thatcher in Bezug zu setzen. Wer Politik im römischen Vergleich wirklich verstehen will, muss die Discorsi zu Titus Livius von Machiavelli lesen, im Detail oft noch spannender als das Machtlehrbuch über den Fürsten, von dem zwar Merkel durchaus etwas abekupfert hat. Beispielsweise ihre Mahnung, statt die Islamisierung zu fürchten besse mehr in die Kirche zu gehen, ein beeindruckender Zynismus auch mit Funktionalisierung der Religion, wie Machiavelli das schlitzohrig forderte. Nur lässt sich die Grenzöffnung auf keinen Fall mit dem Lehrbuch Machiavellis erklären, es sei denn, es wäre eine bewusste Handlung zugunsten der Eroberermasse gewesen.

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