14. Juni 2017

Annotationen zum Sieferle-Skandal

von Gastbeitrag / 16 Kommentare

Das "Skandälchen" um Rolf Peter Sieferles "Finis Germania" hat sich zu einem Erdbeben im deutschen Literaturbetrieb entwickelt. Ein Gastbeitrag von Jan-Andres Schulze.

Am vergangenen Freitag erschien auf der Literaturseite der SZ die Liste »Sachbücher des Monats Juni« des Norddeutschen Rundfunks (NDR) und der Süddeutschen Zeitung. Empfohlen werden darin Bücher der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie angrenzender Gebiete. Die Redaktion liegt bei Andreas Wang (NDR). Auf Platz 9 stand das Buch »Finis Germania« des im Herbst 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. Es ist aus seinem Nachlass zusammengestellt worden und im Verlag Antaios in Schnellroda erschienen. Der Verlag ist Teil der organisatorischen Infrastruktur der extremen Rechten in Deutschland, sein Geschäftsführer Götz Kubitschek zugleich Mitbegründer des in Schnellroda ansässigen "Instituts für Staatspolitik", Redakteur der Zeitschrift Sezession und Redner auf Pegida-Veranstaltungen.

So die SZ. Punkt. Skandal!

Der darauf einsetzende Eiertanz des für die Liste zuständigen NDR liest sich wie folgt:

Die Jury der Sachbuchbestenliste ist ganz und gar nicht glücklich über die Platzierung des Buches von Sieferle auf unserer Liste. Sie ist durch die Akkumulation von Punkten eines Mitglieds der Jury zustande gekommen. Die öffentliche Diskussion hat selbstverständlich auch innerhalb der Jury zu einem heftigen Austausch geführt. Einstimmigkeit herrscht darüber, dass jedes Jurymitglied frei ist, seine Meinung durch die Vergabe von Punkten kundzutun, und niemand ist bereit, einen Eingriff hinzunehmen. Wir akzeptieren jedoch keine Instrumentalisierung dieser Liste durch gezielte Platzierung. In diesem Fall fühlen wir uns verpflichtet, den Juror oder die Jurorin, von dem die Platzierung stammt, zum Rücktritt aufzufordern beziehungsweise ihm seine weitere Mitarbeit zu versagen.

Das verantwortliche Jury-Mitglied, das durch seine Stimmen die Hereinnahme des Buches bewirkte, hat sich nach immensem inquisitorischem Druck - federführend die SZ, deren Redakteur Jens Bisky direkt nach Bekanntwerden der Liste zurücktrat –  nicht nur dazu bekannt (Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel), sondern ist ebenso zurückgetreten.

In diesem Zusammenhang kam mir eine Episode in den Sinn, die Gottfried Benn in seinem Essay »Die neue literarische Saison« von 1931 schildert:

Dieser Problemkreis wurde in einem sehr raffinierten und polemisch fesselnden Vortrag diskutiert, den im Frühjahr dieses Jahres hier bei uns der russische Schriftsteller Tretjakow hielt und dem das ganze literarische Berlin zuhörte. Tretjakow, auch bei uns als Dramatiker bekannt, nach seinem Äußeren und der Art seiner Schilderung ein literarischer Tschekatyp. Der alle Andersgäubigen in Rußland verhört, vernimmt, verurteilt und bestraft […] Tretjakow schilderte, wie in Rußland während der ersten zwei Jahre des Fünfjahresplanes immerhin noch einige psychologische Romane erschienen, denen das Schriftstellerkollektiv auf folgende Weise zu Leibe ging. Ein Roman zum Beispiel stellte dar, wie in einem Haus, das einem Bürger enteignet und für einen höheren Sowjetbeamten requiriert worden war, dieser Sowjetbeamte zu trinken anfing, seinen Dienst vernachlässigte, herunterkam und der alte Hauseigentümer allmählich wieder seine Zimmer okkupierte. Dies war in abendländischer, psychologischer Manier, in herkömmlicher Romanweise, etwas imaginär und gänzlich unpolitisch geschildert. Tretjakow ließ den Autor bei sich erscheinen. »Wo hast du das erlebt, Genosse?« fragte er ihn. »In welcher Stadt, in welcher Straße?« »Ich habe es gar nicht erlebt«, antwortete der Autor, «das ist doch ein Roman«. »Das gilt nicht«, antwortete Tretjakow, »du hast das irgendwo aus der Realität in dich aufgenommen. Warum hast du das nicht der zuständigen Sowjetbehörde gemeldet, daß einer ihrer Beamten infolge Trunkes seinen Dienst unordentlich versah und der Bürger Hausbesitzer wieder seine Räume beziehen konnte?« Wiederum antwortete der Autor: »Ich habe das ja nicht in der Wirklichkeit gesehen, ich habe mir das zusammengeträumt, zusammengereimt, gedichtet, eben einen Roman geschrieben.« Darauf Tretjakow: »Das sind westeuropäische »Indivdualidiotismen«. Du hast verantwortungslos gehandelt, eitel und konterrevolutionär. Dein Buch wird eingestampft und du wanderst in die Fabrik.« Auf diese Weise, schilderte Tretjakow, ist in Rußland jede individualpsychologische Literatur verschwunden, jeder schöngeistige Versuch als lächerlich und bourgeois erledigt, der Schriftsteller als Beruf ist verschwunden, er arbeitet mit in der Fabrik, er arbeitet mit für den sozialen Aufbau, er arbeitet mit am Fünfjahresplan. Und eine ganz neue Art von Literatur ist im Entstehen, von der Tretjakow einige Beispiele mitbrachte und mit großem Stolz vorzeigte. Es waren Bücher, mehr Hefte, jedes von einem Dutzend Fabrikarbeitern unter Führung eines früheren Schriftstellers verfaßt, ihre Titel lauteten zum Beispiel: »Anlage einer Obstplantage in der Nähe der Fabrik«, ferner: »Die Durchlüftung des Eßraums in der Fabrik«, ferner als besonders wichtig von einigen Werkmeistern verfaßt: »Wie schaffen wir das Material noch schneller an die Arbeitsstätten?« Das also ist die neue russische Literatur, die neue Kollektivliteratur, die Literatur des Fünfjahresplans. Die deutsche Literatur saß zu Tretjakows Füßen und klatschte begeistert und enthusiasmiert. Tretjakow wird sich über diesen Beifall sehr gefreut, wahrscheinlich aber auch amüsiert haben, dieser kluge Russe wußte natürlich ganz genau, daß er hier nur einen propagandistischen Abschnitt aus dem neuen russischen Imperialismus entwickelte, während die biederen deutschen Kollegen es als absolute Wahrheit nahmen.

Ein entscheidender Unterschied zur Situation Benns, so vielleicht ein erster Gedanke, könnte darin liegen, dass unsere »plurale und bunte« Gegenwart eine solche Frontstellung nicht mehr kennt.

Auf der anderen Seite kann man konstatieren, dass sich die »Individualidiotismen« des Homo oeconomicus mit der kollektiven »Revolution« einer globalen Sozial-Nivellierung verbinden konnten. Eine Welt, in der der Mensch und seine Rechte Ausgangspunkt wie Endsieg sein soll.  Ein Zirkel, dem der Global-Egalitarismus als »neuer Zauberer« folgt, indem er den Anfang, das Nichts des »creatio ex nihilo« durch unbegrenzte Umverteilung und globale Hütchenspiele auch als Enzustand herbeizuführen trachtet.

Ob die produktive Zerstörung (Schumpeter) gleichmacht oder die globale Gleichmacherei eine produktive Zerstörung ist, wird zur Frage nach Henne und Ei. Die große Kapital-Rendite wie auch die »gerechte Gesellschaft« liegen in der Zukunft. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Der Raum als Zeitspeicher der Vergangenheit ist nur noch Objekt, Leerstelle für das Benthamsche Panoptikum, in dessen imaginärer Mitte der Investor des Kapitals oder des »gerechten, moralischen Engagements« thront, die Objekte seines Investments beobachtet – die ihn selber nicht beobachten können – und zu seinen Gunsten oder nach seinem hedonistischen Gusto – meist als Altruismus verkleideter Kolonialismus – manipuliert.

In einer global mobilen Gesellschaft muß das Statische oder räumlich Gebundene fremd erscheinen. In der Historie des aufsteigenden Bürgertums war der Adel solch ein Stand (vgl. Georg Simmel: Philosophie des Geldes). Hier beugte man sich strengsten Verhaltensvorschriften, in denen »jeder Augenblick durch ein Gesetz festgelegt« ist, in denen sich wiederum die Besonderheit des Raumes, ihre Kultur materialiserte. Für den Adel ist es dabei »soziale Pflicht, oder richtiger, es ist sein Standesvorrecht, vieles nicht zu dürfen. So herrscht ein Verbot des Handeltreibens, das von den alten Ägyptern her die ganze Geschichte des Adels durchzieht. Für den Adel zählte das antike Ideal der Autonomie, der Selbstgenügsamkeit und der Solidarität. Dem Adels-Stand, der sich als Puffer zwischen herrschender Macht und Masse befindet und den direkten Durchgriff verhindet, steht die Mobilität in Form des »unbegrenzten« sozialen und monetären Aufstieg des Bürgers entgegen.

Die Fremdheit dieses »Standes« kommentiert Emmanuel Joseph Sieyès am Vorabend der Französischen Revolution im Januar 1789 in der Polemik »Qu’est-ce que le Tiers état?«. Der Adel ist »eine Klasse Menschen, die ohne Funktion wie ohne Nutzen ist«, weil sie an ihre Person und ihr Territorium gebundene Privilegien genießt. Das neue sich durchsetzende Modell heißt »Steuerzahlung gegen Freiheit und Mitbestimmung«, mit der sich Bürgertum und König des »unproduktiven Störfalls Adel« entledigen. Wer zahlt, der zählt. Der Bürger wird Staats-Bürger. Und hat dabei die Konsumgesellschaft im Tornister. Indem sich die Identität des Bürgers an der Summe seiner Ausgaben orientiert. Immer nur eine »Ausgabe« von der wahren Identität entfernt. Ich zahle, also bin ich – solvo, ergo sum.

Lat. »solvere« hat ebenso die Bedeutung von »ablösen«, »Anker lichten«. Bindungen, die Arbeit und Investition hemmen, werden hinterfragt. Wähle stets das Nützliche. Also im Rahmen eines Horizontes, der nach dem Sonnenuntergang der Bildung das ewige Morgengrauen der zweckdienlichen Qualifikationen verheißt. Eine Welt, in der Selbstbestimmung gefordert wird, aber nicht außerhalb der geltenden Konsumparadigmen und ihrer Halbwertzeiten auf Erneuerung gefunden werden sollte. Eine Selbstbestimmung also, die gerade das Gegenteil wünscht, nämlich ein nicht bestimmtes Selbst. Das sich seiner Malaise durchaus bewußt ist. Die »Identitären von links« mit ihrer PC-Ideologie sind Ortlose, die ihre Suche nach Identität in eine Opfer-Identität münden lassen, mit der sie nicht selten höchst aggressiv in den Kampf um Ge-räch-tigkeit und geldwerte Aufmerksamkeit ziehen.

Dementsprechend verhält es sich mit dem Thema der Integration. Integration ist nach offiziellen Verlautbarungen in erster Linie Integration in den (globalen) Arbeitsmarkt. Über den disponiblen Rest kann man diskutieren, beispielsweise über eine »Leitkultur«, Geschichte, Tradition, Recht. Integration heißt damit Integration in die Gesetze globaler Vergleichbarkeit und Entkleidung von »Softskills«, die dieser Integration entgegenstehen oder gar »belanglos« sind. Der »Andere« ist dann der »Ähnliche«, wenn er in die globale ökonomische Verfügungsmasse der »freizügigen Körper« integriert ist. Und einerseits seine Identität gegen die Opfer-Ersatzidentität tauscht und damit willfähriges Objekt der »fürsorglichen Belagerung« einer sich altruistisch gebärdenden Moral-Ökonomie wird. Oder andererseits einer den Konsum benötigenden Mode-Identität, einer Dauer-Prothese, fröhnt.

Der gänzlich »Andere«, der diesem »Spiel« des hedonistische Altruismus (»Gutmenschen«) wie auch jenem des altruistischen (»Invisible hand«) Hedonismus nicht beiwohnen möchte, muß zum Hostis generis humanis werden, zum Menschenfeind. »Dein Buch wird eingestampft und du wanderst in die Fabrik«, so Tretjakow. »Rücktritt«, schreit es heute unisono so laut, daß es noch möglichst ins Grab des durch Freitod aus dem Leben geschiedenen Sieferle klingen soll. Rücktritt und Schande, wenn jemand einen »rechtsradikalen Hundertseiter«, so betitelt von FAZ-Hannes Hintermeier, empfehlen sollte und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Werk gar nicht erfolgen soll.

Die deutsche Literatur saß zu Tretjakows Füßen und klatschte begeistert und enthusiasmiert. Tretjakow wird sich über diesen Beifall sehr gefreut, wahrscheinlich aber auch amüsiert haben, dieser kluge Russe wußte natürlich ganz genau, daß er hier nur einen propagandistischen Abschnitt aus dem neuen russischen Imperialismus entwickelte, während die biederen deutschen Kollegen es als absolute Wahrheit nahmen.

Kommentare (16)

Der_Jürgen
14. Juni 2017 10:09

Ich muss gestehen, dass mir der Name Jan-Andres Schulze bisher nichts sagte. Sein Text ist sehr gediegen. Hoffentlich meldet er sich hier auch in Zukunft gelegentlich zu Wort.

Maiordomus
14. Juni 2017 10:42

Der Fall, der es wegen der Skandaldefinierungshoheit der die veröffentlichte Meinung beherrschenden Medien nie zum veritablen öffentlichen Ärgernis  bringen wird, wird wohl noch mehr Leute der im Prinzip immer noch weithin schlafenden Intelligenz im konservativen und mutmasslich sogar im rechtsliberalen Lager, falls es dieses noch gibt, zum Nachdenken und zu gelegentlichen Stellungnahmen veranlassen. Wie ich bei der Debatte im etwas früheren Beitrag von Kositza ausführte, wo unter anderem die kürzliche Überstellung von H.M. von Ungarn nach Deutschland angesprochen wurde (ein ganz anderer Fall als Sieferle), müsste sich der verstorbene und jetzt erst endlich öffentlich diskutierte Gelehrte Sieferle vom intellektuellen Format her vor keinem der Jury-Mitglieder, die nunmehr als kompromittiert gelten können, verstecken. Ich wundere mich, warum sich nicht ein Ludger Lütkehaus, wohl einer der 10 heute bedeutendsten lebenden Denker Deutschlands und als Schopenhauer- und Hebbelkenner frei von Gutmenschenideologie, aus dieser bis auf die Unterhosen blamierten Jury nicht schon aus dem Staub gemacht hat. 

Maiordomus
14. Juni 2017 11:57

Die Illustration ganz oben zeigt natürlich Gottfried Benn, nicht Rolf Peter Sieferle. Benn bemühte sich, zum Beispiel in seinem Rundfunkgespräch mit Reinhold Schneider, um ein Argumentationsniveau "jenseits von Gut und Böse" und nannte im Zusammenhang mit dem Vortragsthema "Soll die Dichtung das Leben bessern?" den Begriff "Gott" als ein "Wort, das meinem Stil fremd ist." Eigentlich hat Benn nur einmal in seinem Leben etwas geglaubt, 1933, als er fand, es sei Zeit, "die Wurfschaufel in die Hand zu nehmen", später nie mehr. Er blieb im rechten Lager und auch diesem gegenüber ein Skeptiker. Ich erhielt vor mehr als 50 Jahren eine sechsbändige Ausgabe seiner Werke in Taschenbuchform geschenkt, eine Buchreihe, die mich seither ununterbrochen begleitet hat. Vor 30 Jahren debattierte ich privat mit dem Schriftsteller-Ehepaar Hirsch-Schuder aus der DDR über Benn und warum man diesen Autor in der DDR nicht rezipiere. "Wissen Sie", sagte mir Hirsch, "wir haben etwas gegen den Militarismus". Dagegen ich: "Ich finde den Stechschritt Ihrer Volksarmee militaristischer als jedes Gedicht von Gottfried Benn." Darauf Hirsch: "Nicht der Stechschritt ist militaristisch, die Neutronenbombe ist militaristisch." Mit Gattin Rosmarie Schuder, die mir zwar "Versuchungen auch idealistischer Natur" vorwarf, verstand ich mich besser, sie schrieb historische Romane über Agrippa von Nettesheim, Paracelsus und Serveto, Themen notabene, die im Vergleich zum deutschen Feuilleton der Gegenwart über Jahrhunderte hingehalten haben. Es war in der DDR nicht die schlechteste Idee, aus der Aktualität zu emigrieren, wiewohl dies noch längst nicht Widerstand bedeutete. Die Schuder haben als Mitglieder DDR-Nomenklatura zum Beispiel im schweizerischen Bad Ragaz, wo einst Schelling das Leben aushauchte, mit ihrem VW Golf Urlaub gemacht. Hirsch, von dem es noch ein paar lesenswerte Gerichtsreportagen gibt, profitierte von seiner Doppelfunktion als gegen das "imperialistische" Israel polemisierender Jude und Kommunist aus der Zeit des kommunistischen Widerstandes. Seine Bücher und die von Schuder wurden auch im westdeutschen Feuilleton besprochen ohne dass allfälliges Lob einen Skandal ausgelöst hätte.

Der_Jürgen
14. Juni 2017 12:16

@Maiordomus

So, Ludger Lütkehaus ist "einer der 10 heute bedeutendsten lebenden Denker Deutschlands". Nichts gegen Lütkehaus, aber nach welchen Kriterien beurteilen Sie bloss, wer zu diesen "10 bedeutendsten Denkern" gehört? Kürzlich entschieden Sie, Alain de Benoist sei bestimmt "keiner der 3000 grössten Franzosen". Nach welchen Massstäben stellen Sie Ihre Hitparaden eigentlich auf?

Nach Ihrem Kommentar zu Benoist (dessen Bedeutung übrigens auch meiner Ansicht nach stark übertrieben wird) war ich drauf und dran, Ihnen zu schreiben, gemäss meinen wissenschaftlich unangreifbaren Forschungen belege Benoist tatsächlich nur den 3007. Rang unter den grossen Franzosen; der letzte, der den Sprung unter die ersten 3000 geschafft habe, sei Henri Salvador. Nummer eins sei Asterix, Nummer zwei Napoleon, Nummer drei Edith Piaf, Nummer vier Descartes und Nummer fünf Gustave Flaubert.

Ihre irrationale Argumentation erinnert mich fatal an das (vermutlich Ende der siebziger Jahre) erschienene groteske Buch "The 100 most influential persons in history" von Michael Hart. Der einflussreichste Mensch der Geschichte war für Hart der Prophet Mohammed. Jesus Christus wurde von Newton noch auf Rang drei verwiesen und musste sich mit der Bronzemedaille begnügen.

Wie, bitteschön, kann man objektiv beurteilen, ob Beethoven genialer oder weniger genial war als Bach und ob Wagner grösser oder weniger gross war als Mozart? Vollends absurd wird es dann, wenn Sie Äpfel mit Birnen vergleichen und entscheiden müssen, ob Beethoven bedeutender oder weniger bedeutend war als Bismarck oder Gauss oder Goethe oder Schopenhauer.

Als einer der elf intelligentesten Kommentatoren auf diesem Forum müssten Sie, lieber Maiordomus, das doch begreifen.

Seneca
14. Juni 2017 13:40

Die Ohrfeige hat gesessen. Respekt ! Dabei ist dem deutschen Feulletionbetrieb die zunehmend schlechter sitzende Maske noch ein wenig stärker verrutscht. Die immer mehr zum Vorschein  kommende hässliche Fratze des letztlich totalitären Kerns erschrickt aber hilft. Die Analogie zwischen dem Heute und Damals (1931 - Russland) im Beitrag könnte bei Gelegenheit noch etwas stärker nach ähnlichen Windungen und den denkbaren Weiterungen ausgeleuchtet werden. 

Katzbach
14. Juni 2017 13:46

Wie kann man nur so peinlich der untergegangenen „DDR“ nacheifern,  um das jüngste schlechte Beispiel zu bemühen. Haben sie den gar kein  Gew… Gedächtnis? Das war mal wieder ein Schmankerl aus der sonst so trübsinnigen Systempresse. Befürchtungen, dass bald Dürrenmatts Theater in den Schatten gestellt wird, sind durchaus berechtigt.

Maiordomus
14. Juni 2017 15:18

@Katzbach. Falls Sie im Zusammenhang mit der negativ angesprochenen "DDR" das Beispiel meiner weiland Debatte (1983) mit Hirsch und Schuder meinen, übersahen Sie, dass wir heftigst gestritten haben aus Anlass der Unterdrückung der Werke von Gottfried Benn in der einstigen DDR. Mit dem Hinweis auf Benn appelliere ich abermals auf die Konzentration im Hinblick auf den ArtikelJan-Andres Schulze oben. In meinem unmittelbar vorangehenden Beitrag war von geistigem Rang die Rede. Ein solcher kommt Gottfried Benn ohne Zweifel zu. Benn hatte, nicht untalentiert zur Resignation, am Ende mehr Nerven im Hinblick auf das Langfristige als Sieferle, der mehrere bedeutende Bücher zum Tag geschrieben hat, die man alle im Antaios-Verlag bestellen kann. Selber habe ich sogar nachbestellt.

Heinrich Brück
14. Juni 2017 15:27

Die Demokratie ermöglicht die kapitalistischste Niedertracht in Vollendung, und es wird nicht möglich sein, dieses System zu reformieren, die Niedertracht zähmen zu wollen, ohne Abschaffung des Fundaments des Systems, die Demokratie. Damit die heilige Kuh Demokratiedeutung nicht zu Mißverständnissen führt, wurde sie für die Praxis immer mehr als eine Projektion der Theorie zurechtgelogen. Die Erhaltung der Demokratie, nur unter rechten Vorzeichen richtig praktiziert, bleibt ein Taschenspielertrick derselben und kann in der Praxis niemals umgesetzt werden. Demokratische Volksrettung wird es nicht geben.

Leitkultur ist keine Deutsche Kultur. Warum brauchen die Chinesen keine Leitkultur? Vielleicht sind die Chinesen nicht ganz so dumm und freiheitsfeindlich, wie linke Menschenrechtsideologen meistens unterstellen. Die Demokraten behaupten, Freiheit geht nicht ohne Demokratie. Das Gegenteil ist der Fall. Nur in der Demokratie westlicher Art ist die Restkultur reinste Pornographie, dagegen die Freiheit zur Kultur versperrt und durch Leitkultur ersetzt. Nun, Schafzucht wird ja auch nicht aus Gefallen - den Schafen gegenüber - praktiziert, auch wenn die Schafe es glauben.

Bleibt eine Argumentation systemimmanent, kann sie das System nicht ändern. Alle Kritik taugt nur, die Schutzhunde der Herde zu tauschen, wenn die Schafe es denn wollten. Interessant ist es doch erst, seit die weißen Schafe für die schwarzen geopfert werden. Die Hunde haben dem Hirten nicht ins Handwerk gepfuscht, alles streng demokratisch und im Sinne der gemeinsamen Unternehmensideologie. FINIS DEMOCRATIA.

Und in diesem Zusammenhang sind die Wölfe noch das geringste Problem. Zu diesen Wölfen gehört auch die Zeit, auch wenn die selbsternannten Demokratiewächter glauben, die Zeit arbeite für sie. Das neueste taz-Cover soll also die Zukunft der Welt sein? Die Leitkultur? Weltweite Demokratie? Käme einer demokratischen Endlösung gleich.

Maiordomus
14. Juni 2017 15:27

Sofern Sie sich über die hier zum Teil geführte Debatte um geistigen Rang langweilen, empfehle ich Ihnen die lügenpressekonforme Darstellung von Rolf Peter Sieferles Buch in www.focus.de, Abteilung Kultur, und zwar wegen des Leserinnen- und Leserechos. Dieses ist aus der Sicht des Buches als erfreulich einzuschätzen.

Der Gehenkte
14. Juni 2017 16:21

" Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce." (Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte)

Ist es das, was uns der Autor sagen will?

@ Maiordomus @ Der_Jürgen

Warum so giftig? Natürlich ist die Listenvergabe fraglich, aber Sie, geehrter Jürgen, machen sich dieses "Fehlers" oft genug selbst schuldig, in ihrem Drang immer wieder Foristen nach Kenntnis und Leistung zu beurteilen.

PM hat immerhin insofern recht, als Lütkehaus ein ernsthafter Denker ist, sehr verdient um Schopenhauer und vor allem um Fritz Mauthner, dessen Sprachphilosophie ebenso bedeutend ist wie seine historische Aufarbeitung des Atheismus in vier voluminösen Bänden. Lütkehaus brachte diese Werke wieder ins öffentliche Bewußtsein.

Sein opus magnum aber ist "Nichts" - ein wirklich grandioses Buch, das man vor allem den Überzeugungschristen, die sich immer wieder wundern, wie man als Atheist und/oder Agnostiker denn glücklich leben können, ans Herz legen muß. Lütkehaus stellt dort die "nihilistische" Internationale vor und interpretiert nicht nur bekannte Denker (Nietzsche, Heidegger, Sartre, Camus, Bloch ...) auf originelle Art und Weise, sondern holt einige längst vergessene Philosophen wieder aus der Gruft.

Allen voran Eduard von Hartmann, der wohl letzte originelle Systemdenker der Moderne, den man heute - wenn überhaupt - nur noch für seine "Philosophie des Unbewußten" (womit er Vieles von Freud vorweggenommen hatte). Hartmanns Erkenntnistheorie, Ethik  oder Ästhetik sind ebenso komplex wie seine Religionsphilosophie.

Am erschütterndsten sind freilich die Kapitel zu Philipp Mainländer und Julius Bahnsen, zwei erzpessimistische Denker, die all jenen etwas zu sagen haben müßten, die auch Lichtmesz' "Gott" goutieren konnten. Leider sind die Titel der beiden nahezu unauffindbar ... hätte ich beinahe gesagt, aber eine Kontrolle zeigt, daß man Mainländer zumindest in Auswahl nun doch wieder verfügbar gemacht hat und bei Olms gibt es sogar eine Werkausgabe (wie immer bei Olms unsäglich teuer).

Aus diesen Autoren kann man vielleicht auch lernen, wie ein souveräner Mensch wie Sieferle mit Stolz (so stelle ich mir das vor) aus dem Leben scheiden kann.

Schon von seinen Lektüren her hätte man Lütkehaus auf der konservativen Seite vermutet - er war auch mein Tipp, als die Liste erschien. Kallscheuer hatte ich wegen des Philosophen-Status auch drauf, aber er ist ein Schwätzer, wie "Die Wissenschaft vom Lieben Gott" hinreichend beweist. Philosoph sein heißt heutzutage eben nicht mehr unabhängig sein.

... In meiner Jugend habe ich Rosemarie Schuder verschlungen. Einige ihrer Bücher waren für den jugendlichen Verstand augenöffnend und haben die Geschichtsbahn eröffnet. In der DDR wurden Hirsch-Schuder dann zum Politikum - auch das eine Bezug zu Sieferle - mit ihrem Grundlagenwerk "Der gelbe Fleck. Wurzeln und Geschichte des Judenhaßes in der deutschen Geschichte". Auch dieses Buch kann man heute, trotz einiger Einseitigkeiten, noch lesen. Das Paar war interessant: Hirsch, selbst Jude, berichtete über die Auschwitzprozesse und Schuder, eine bürgerliche Christin, die nie mit dem System anbandelte, vermochte es, Riesenauflagen zu erzielen, weil ihre Texte, besonders der "Paracelsus", "Agrippa" und "Servet" zu kryptisch angelegt waren. Sie entsprach ganz und gar nicht dem sozialistischen Realismus und war doch eine Größe.

 

 

Rohmer
14. Juni 2017 21:12

Eine hilfreiche Vorgehensweise, sich Benns zur Veranschaulichung zu bedienen. Liest man den knappen Briefwechsel zwischen Benn und Ernst Jünger, so finden sich darin diverse lehrreiche Sätze zur einschlägigen Problematik. Auch seinerzeit scheint man schon vor Verstorbenen nicht im Mindesten zurückgeschreckt zu sein mit einer "subalternen Aufmerksamkeit" (Jünger).

F. Donandt
14. Juni 2017 22:39

Sehr schöner Text und er trifft des Pudels Kern, allerdings heißt es hostis generis humani. Das musste jetzt sein.

Gustav Grambauer
15. Juni 2017 15:27

Maiordomus, der Gehenkte

Die Grande Dame der "Emigration per Zeitsprung" in der DDR war nicht Rosemarie Schuder sondern Jutta Hecker, die wir über die die NDPD- / Verlag-der-Nation-Schiene kannten. In ihrer Präsenz fächerte sich die Weimarer Zeit vom 18. Jahrhundert an auf, sie hatte aber auch unabhängig davon ein unbeschreibliches Charisma voller Güte und Liebenswürdigkeit. Von ihr habe ich im Alter von vielleicht 12, 13, mitten in meiner Liszt-Phase, das erste Mal den Namen Rudolf Steiner vernommen. Bin jetzt noch angerührt wenn ich das schreibe. Neben dem VdN, über dessen Funktion als Dukatenesel auf dem NSW-Markt für die Kriegskasse und die Valuta-Luxusbedürfnisse der NDPD-Führung es viel zu berichten gäbe, der Parteivorsitzende Homann ("HeiHo") hat sogar zu deren Schutz in den "hohlen Zahn des Löwen" (KoKo) hinein geheiratet, hat sie bereits im Verlag am Goetheanum publiziert.

Interessant war auch der von Karl Foerster

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Foerster

begründete Bornimer Kreis. Bei F. war sogar Ulbricht mit seinem Goethe-Faible gern zu Gast, seine Schutzpatronin vor Ort war die Potsdamer OBin Brunhilde Hanke, und er sollte heute noch jedem Potsdamer zumindest durch die Freundschaftsinsel

https://www.freundschaftsinsel-potsdam.de/freundschaftsinsel/

bekannt sein. Als wir nach Ost-Berlin zogen wurden die Rudimente dieses Kreises ein Bezugspunkt für meine Eltern, obwohl der Weg wegen der Mauer sehr weit war, allerdings lebte da F. schon nicht mehr. Wer in den 70er / 80er Jahren mal in Potsdam die Pracht an Frau Hanke zu verdankenden privaten Geschäften, insbesondere Antiquitätengeschäften, gesehen hat, dem war klar, daß in dieser Stadt ein etwas anderer Wind wehte. 

Da wir bei Frauen sind und ich Lappenhöger (sprich: Lobmhöchorr, bitte googeln) Lokalpatriot bin, ist es mir noch ein Anliegen, von antinapoleonischer Seite her Sigrid Damm als Gegenpol zu dem in diesen Tagen inkrimierten Gustav Seibt zu erwähnen. Frau Schuder fanden wir nach kurzem Anlesen uninteressant, zu sehr Umberto-Eco-Stil. Bombastus-Erzeugnisse, die es in jeder Drogerie auch in Ostberlin gab, haben wir mit Vorliebe und im Wissen um den Hintergrund gekauft, aber dorthin keine Kontakte geknüpft.

- G. G.

Der Gehenkte
15. Juni 2017 18:18

Ergänzung:

Der Begriff der "nihilistischen Internationale" ist irreführend - genau besehen ist es eine - und das spricht für sich! - eine "nihilistische Nationale"! Deutsch (mit Ausnahmen natürlich) durch und durch!

Ihr letzter Ausläufer ist übrigens ein SiN-Autor: Frank Lisson. Er hat Mainländer vermutlich mehr zu verdanken, als seine Schriften offiziell zugeben. Man meint stets, in ihm einen Max Stirner Redivivus zu sehen, aber gerade die "Weltverlorenheit" reicht tiefer. Begründungsphilosophisch ist dieses Buch m.E. zum Scheitern verurteilt, die Setzungen alle fraglich, da rein subkjektiv und persönlichen Kränkungen geschuldet, als Wesen einer Stimmung aber nachvollziehbar - wenn auch gerade wenig hilfreich.

@Gustav Grambauer

Jutta Hecker - Sie meinen die Weimarer Heimatschriftstellerin, deren Grab unmittelbar am Eingang der Russisch-Orthodoxen Kirche liegt? Das ist viel Ehr, die sie hier vergeben. Mehr als leichten Genuß und Erinnerung und Goethe-, Schiller-, Steiner-Wonne konnte ich da nie gewinnen. Zur alljährlichen Pilgerfahrt in die geistige Haupststadt des Landes bietet sie sich als Ergänzung an. Persönliche Bekanntschaft hilft sicherlich ...

Ähnlich Sigrid Damm. Der Lenz war noch ein Ereignis. Ihre späten geilen Goethe-Sachen, mit quietschenden Bettferdern, fand ich langweilig. Weiß doch jeder, daß Goethe auf die Vulpius als Weib abfuhr und daß mit der Stein was lief.

Foerster hingegen klingt sehr spannend. Danke!

Maiordomus
15. Juni 2017 20:58

@Grambauer/Der Gehenkte. Es gibt nicht nur die grossen Autoren, auch die eher kleinen Heimatschriftstellerinnen und Heimatschriftsteller, die aus Liebe schreiben. Jutta Hecker muss eine solche gewesen sein, habe von ihr bis anhin zwar nichts gelesen, sehe indes, dass Heimatschrifttum nun aber mal auch in der DDR gepflegt sein wollte. Von Schuder las ich sämtliche historischen Romane, bei denen sie, nicht unbedingt sehr kritisch, gelegentlich DDR-Verhältnisse parallelisierte, eher beim Serveto als beim Paracelsusroman. Über alle diese Themen hat im Vergleich zu Schuder dann der Literat Siegfried Wollgast meines Erachtens viel klüger geschrieben, ein grosser Gelehrter, mit dem ich dann auch innerhalb der Bombastus-Gesellschaft Dresden Kontakte pflegte. Zu Jutta Hecker: falls Sie, auch wenn es nicht sehr grosse Literatur war, die Liebe zur alten Weimarer Welt aufrechterhalten hat und dies vermittelbar machte, war dies weit mehr als nichts. Von Sigrid Damm wiederum hatte ich nie eine besonders hohe Meinung, für ihre Arbeitsbedingungen hätte sie besser sein müssen. Jutta Hecker ist weit über eine Generation älter.

Maiordomus
16. Juni 2017 10:10

Wir sollten wieder stärker über die Hauptsache diskutieren, nämlich den von Jan-Andres Schulze angesprochenen sogenannten Sieferle-Skandal. Wenn man das Buch nüchtern durchliest, wirklich brillant geschrieben, wiewohl wie gesagt die früheren Werke von Sieferle voraussetzend, hat sich Sieferle wegen der Nichtakzeptanz des zivilreligiösen Missbrauchs der Verbrechen in Auschwitz, die er im übrigen nicht leugnet, bös in die Nesseln gesetzt. Auf andere Art und Weise hat das soeben die polnische Politikerin Beata Szydlo getan, mit einer aus polnischer Sicht durchaus vernünftigen und als Perspektive verständlichen Rede, dass natürlich Auschwitz auch Folge ungenügender Landesverteidigung und entsprechender Sicherheit in Polen war, eigentlich eine Binsenwahrheit. Das ist, allerdings aus einseitig russischer Perspektive, natürlich auch Putins Meinung, welche er auf der Westerplatte sogar vor Merkel mal vorgetragen hat vor einigen Jahren. Wären sodann Auschwitz und die benachbarten Lager zur Zeit des Weltkrieges schon so wichtig gewesen wie später, dass hier die fast einzigen langfristig zählenden Opfer eingekerkert waren und zum Teil vernichtet worden, das Ende des Spukes wäre wohl schon Monate wenn nicht Jahre vorher machbar gewesen, natürlich ein weites Feld. Darüber muss nicht spekuliert werden. Es war aber schon immer klar, dass man in Polen nicht im Sinne von Holocaust und Shoa Auschwitzgläubig war, sondern stärker von den eigenen Märtyrern ausging, etwa Pater Maximilian Kolbe. von Papst Woityla später heiliggesprochen. Es ist für die Polen ganz normal, dass ihre Opfer, darunter natürlich auch jüdische, im Vordergund standen und stehen, so wie dies für die Israeli normal ist und so wie es von 1945 bis 1955 in Deutschland normal war, an die eigenen Kriegsopfer zuerst zu denken. Dei Holocaustreligion kam erst später auf und setzte voraus, dass man den Erfahrungshintergrund des 2. Weltkrieges zugunsten politischer Erziehung verloren hatte. Noch für Adenauer war klar, dass die sogenannte Wiedergutmachung weniger als zerknirschter Sühneakt zu leisten war, sondern schlicht der amerikanischen Ostküste geschuldet, auch als vertrauensbildende Leistung an die Verbündeten im Kalten Krieg. Die Auschwitzreligion kam erst später auf, wobei das Aussergewöhnliche, wiewohl keineswegs Unvergleichbare der damaligen Verbrechen, wovon Sieferle schreibt, von niemandem, der sich für historische Wahrheit interessiert, geleugnet werden muss. Was nun die Polin ausführt und in der deutschen Ideologiepresse Empörung auslöst, weil die Chefideologen der Lügenpresse sich multiperspektivische Sichtweisen nicht vorstellen können, bestätigt nur, dass Sieferle selbst auch mit dem umstrittensten Kapitel von "Finis Germania" grundsätzlich wohl nicht falsch liegt, aber nun halt leider wie viele vor ihm in ein Wespennest reingestochert hat. Aufgrund der kulturellen Situation in Deutschland wird es jedoch wohl noch mindestens zwei Generationen benötigen, bis das Diskussionsklima sich endlich normalisiert und obsolete Sondergesetze sowie Diskussionsverbote in den Tartarus geschickt werden.

 

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