17. Juni 2017

Das war’s. Diesmal mit: Folgenden, Führenden und Auswitsch

von Ellen Kositza / 19 Kommentare

14. Juni 2017 – Der normale Mensch kennt das: Daß ihn andere nicht leiden können. Es gibt immer Gründe. Als Mensch, der politisch derart im Fokus steht wie wir, ist das noch ein bißchen anders. Man könnte Seiten füllen darüber…

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Viel Feind, viel Ehr, das ist leicht dahergesagt. Grob gesprochen: Es gibt Hasser, die einem egal sind. Andere, die man bemitleidet. Noch mal andere, in deren Haß man sogar ganz gern badet. Und solche, denen man sich gern erklären würde, weil sie offenkundig einem Mißverständnis aufsitzen.

In unserem regionalen Umfeld wohnen keine Leute, die sich gerne/gut artikulieren. Das führt dazu: Man kann schwer abschätzen, was es bedeutet, wenn ein Gruß nicht erwidert wird. Zufall oder Zeichen?

Heute wurde mir eine eher schmerzhafte Sache ins Gedächtnis gerufen. Es gab da eine Lehrerin in der Grundschule unserer Kinder. Wir kannten keine bessere. Dieser Beruf war für sie Berufung. Es herrschte eine Art Totalvertrauen in sie. Es gab auch ein wenig privaten Austausch, so sehr mochten wir sie, und sie mochte unsere Kinder und förderte sie nach Kräften – so tat sie es bei allen Kindern. Ein Segen! Sie war rührend. Sie hatte auch ein Herz für Tiere. Ich erinnere mich noch gut an diese Initiativen, für die sich einsetzte. Die Ideen dafür hatte sie sicher aus bunten Blättchen: Sie setzte sich für malträtierte Tanzbären in Rußland ein und für Streunerkatzen. Unsere Kinder hatte dieses Engagement sehr beeindruckt. Wir haben's unterstützt.Seit längerem ist sie pensioniert. Wenn ich Frau F. in den letzten Jahren zufällig sah, fiel der Gruß knapp aus. Es fehlte die Gelegenheit, nachzufragen.

Vor knapp zwei Jahren dann fand die erste Antifa-Demo in Schnellroda gegen die Akademie des Instituts für Staatspolitik statt. Es marschierte der Schwarze Block der Antifa auf und ein weiteres Dutzend städtischer Bürger, deren Gesichter uns fremd waren. Eine sympathische, bekanntermaßen linke Familie aus unserem Dorf lief damals auch mit, sowie zwei Einzelpersonen aus Schnellroda. Und: Frau F., jene Grundschullehrerin aus dem überübernächsten Nachbarort. War sie's wirklich? Nein! Nein? Doch! Die Demo an sich war für uns damals ein tolles & lustiges Event, aber Frau F. darunter? Sollten wir sie mal ansprechen? Wir taten es nicht. Und zwar, um ihre Nerven zu schonen. Wir liebten sie ja immer noch und trotzdem. Es tat uns so leid.

Heute war ich als Elternvertreterin zur Versetzungskonferenz in der Grundschule geladen. Ich mußte ein paar Minuten im Flur warten. Dort hingen historische Photos aus den Anfängen der Grundschule. Es gibt ein paar Aufnahmen zu den DDRüblichen 1. Mai-Demos. Wen sehe ich, mehrfach? Unsere Frau F. Unterm Schild „Solidarität mit allen Völkern der Sowjetunion“, hinterm Schild „WIR PIONIERE FOLGEN!“. Die Gute, die Folgsame. Ich wär' ihr nie bös. So sind die Menschen. Sie folgen. Oft sogar: die besonders Guten. Oft den Schlechten.

  1. Juni 2017

Meine Tochter trägt ein Kleid, das ich in ihrem Alter auch sehr gern getragen habe. Und noch besser: Ich hab diesen Sommerfummel von meiner Schwiegermutter geerbt. Als ich mal als junge Frau einen Fernsehauftritt hatte, trug ich dieses Kleid. Diese Fernsehsendung hab ich in sehr peinlicher Erinnerung. Mittlerweile kann ich das aber biographisch gut einordnen und drüber lächeln.

Ich erinnere mich – es ist über 20 Jahre her –, wie mich der Moderator vor der Sendung väterlich umarmte: „Ihr erster Dreh? Keine Sorge, wird phantastisch!“ Es sollte um die Neue Rechte gehen, mit mir trat mein damaliger Junge-Freiheit-Mitstreiter Manuel Ochsenreiter auf. (Ich glaub, der war damals nicht mal volljährig.) Ich weiß noch, wie komisch bockig die Tanten in der Maske zu mir waren. Sie fanden erstens mein Kleid, zweitens meine Frisur (einen locker geflochtenen Zopf) unmöglich. Ich hielt das damals tapfer aus und wollte nicht geschminkt werden. Bloß keine Mimikry!

Die erste Frage an mich vor laufender Kamera lautete dann sinngemäß, daß ich doch wohl Antisemitin sei. Damit hatte ich nicht gerechnet, wieso auch? Ich wollte, nein mußte, etwas über Auschwitz sagen. Gewiß nichts Dummes, aber es kam mir vor Aufregung nicht recht über die Lippen. Ich habe eine grobe Erinnerung: Ich erzähle über jüdische Schriftsteller, die ich liebe, und dann: „Auswitsch, pardon, Auswitsch, nein…“

Vollkommen lächerlich! Das VHS- Band, das meine Eltern damals aufgenommen hatten, trägt das ominöse Etikett „Länderjournal“.

Ich hatte nun den seltsamen Drang (hervorgerufen durch das Kleid der Tochter), dieses Dokument meinen Kindern vorzuführen. Habe ein VHS-Spielgerät ausgeliehen. Drauf konnten wir uns nun die Hochzeit meiner Eltern und einen TV-Bericht über mich als Austauschschülerin in Japan ansehen. Die Auswitsch-Kassette hingegen sendete nicht. Da ging nichts voran. Kein Bild, kein Ton, kein Hinweis. Und ich wär wirklich bereit gewesen. Allein um des Kleides willen.

  1. Juni 2017

Klassische Musik wird in unserem Haushalt mittelgroß geschrieben. Es wird soviel geredet, daß die Musik phasenweise leider zu kurz kommt. Immerhin haben sich die Kinder ihr Instrument nach Neigung (das heißt, durch das Hören bestimmter Musikstücke) ausgewählt. Die Kleinste (bislang Blockflötistin) möchte ich eigentlich in Richtung Trompete drängen. Mag ich, haben wir noch nicht. Allerdings hat das Nesthäkchen eine Neigung, die sie mit zwei Schwestern (damals, in dem Alter) teilt: Völlige Obsession von Dirigenten.

Ein richtiges Glotzophon hatten wir nie, aber gelegentlich läuft in der Küche der Rechner, der mir/uns schöne Musikstücke vorspielt. Es sind youtube-Aufnahmen, und die Kleine holt dort gern ihr Glotzbedürfnis nach. Interessant ist für sie immer nur der Dirigent. Ich glaube, sie geht nicht nach Klang. Dafür ist sie zu jung. Sie geht nach Majestät. Sie hat ein enormes Faible für Karajan. Manchmal dirigiert sie heimlich, ahmt dabei dies und das nach; von „Posen“ wird man bei Karajan nicht reden wollen.

Ich wunder mich ein bißchen. Warum sind es die Dirigenten, die faszinieren und nicht die sich ebenfalls hingebenden ersten Geigen, oft mit jähem Ausdruck? Oder die Percussionisten, die ewig ruhen und dann für Aufsehen sorgen? Von den Hörnern nicht zu reden!

Große Tochter: „Klar, der Dirigent als role model. Kenn ich. Liegt im Blut. Herrscherdrang, Bestimmenwollen, alles besser wissen. Der Entscheider sein.“ Oh. Gibt´s da nichts Positives im Dirigierwillen? „Wieso? Ist doch positiv.“

  1. Juni 2017

„Mama, anhalten!“- Wieso denn? „Na, weil… der Baum!“

Aah...! Ich erinnere mich, und zusätzlich erinnert mich die Tochter: „Weißt Du noch, vor ein paar Jahren? Wie Du stinksauer warst, weil sie diesen Baum gefällt haben? Und wie wir im Herbst zum Stumpf hingeradelt sind und Blumen gestreut haben?“

Oh ja, ich weiß das noch. Wenn sich Bäume über einer Straße die Kronen reichen, dann waren das Freunde, die uns Straßennutzer beschützten.

Dann haben Barbaren diesen einen freundlichen Baum abgesägt. Bestimmt aus sicherheitstechnischen Erwägungen. Sehr deutsch halt. Ich war so wütend. Das war tabula rasa!

Nach unserer Herbstbeerdigung anno dazumal war mir das traurige Baumschicksal entglitten, ich hatte es in mir beerdigt. Und nun: Wie es aussproßt! Meterhoch, bereits verzweigt! Hatte ich übersehen, die drei, vier Jahre zuvor. „Mein Schönstes“ heute.

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Ellen Kositzas Das-war’s-Kolumnen der letzten beiden Jahre sind im Netz nicht mehr auffindbar, sondern zwischen zwei Buchdeckel gepackt:
Das war’s. Diesmal mit Kindern, Küche, Kritik. 224 Seiten, hier bestellen

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (19)

Der Gehenkte
17. Juni 2017 11:02

Lehrerin: Das eine (Antifa-Marsch) aus dem anderen (die DDR-Demos) abzuleiten, ginge natürlich zu weit. Eingeimpfte Folgsamkeit mag durchaus eine Rolle spielen und gerade die ältere Lehrergeneration im Osten - ich kenne einige dieses Typus - hängen mitunter noch an der "guten alten Welt", wo man noch wußte, was gut und schlecht war und wo die ersten Kinder denen der übernächsten Generation noch so sehr ähnelten. Heute hingegen ist der Lehrerberuf für Ältere jedes Jahr eine neue Achterbahn - sie sind es letztlich, die lernen müssen: die rasanten Veränderungen und Moden und natürlich der drastische Niveauabfall und Disziplinverlust.

Diese Menschen haben oft eine Heidenangst von "rechts" und vor "Nazis". Sie sind nie dazu angeregt worden, diese Begriffe zu hinterfragen und lesen bis heute die immer gleichen Parolen. Ich erlebe das immer wieder, wenn Leute sich mit mir unterhalten, mir recht geben müssen und dann erschrocken begreifen: aber das hieße ja, daß ich AfD wählen muß oder daß man rechst ist - und dann wird auf den reset-Knopf gedrückt und man beginnt wieder von vorn. Sie haben die falschen Begriffe und die Begriffe sind tiefer verwurzelt als das unmittelbare persönliche Erleben und sie können tatsächlich nur durch sanftes und aufwendiges immer-wieder-Sprechen gelockert werden.

Baum: Das sind so die persönlichen Näheerlebnisse mit SR. Für mich ist der Baum und sein Umgang damit überhaupt die große und dialektische Metapher des Konservatismus. Nur Konservative können da mitleiden und umgekehrt: wer leidet, ist konservativ.

 

 

Kammerherr
17. Juni 2017 11:59

Herrlich, Ihr Text erinnert mich an meine Anfänge auf der Geige, als ich sieben Jahre alt war. Irgendwann lautete einer meiner vielen temporären Berufswünsche "Generalmusikdirektor". Nun, jetzt habe ich die Erklärung für die frühe Faszination, das "role model"! Aber damals mischte sich noch etwas militärisches hinein: Mein Vater war hoher Offizier bei der NVA, in der Nachbarschaft wohnte der Divisionskommandeur, ein General, manchmal sah ich ihn morgens auf dem Schulweg in in beeindruckender Uniform, vom Chauffeur kurz und knapp mit Meldung begrüßt, in seinen Dienstwagen steigen.

Ab und zu durfte ich bei einer Probe des damaligen "Staatlichen Sinfonieorchesters" zuhören, in die mich der Mann meiner Geigenlehrerin, selbst Kontrabassist, mitnahm. Ich saß im Probenraum immer ganz hinten, hinter der Pauke, und konnte nicht genau verstehen, was der Dirigent sagte, hatte aber schon den Eindruck, daß das alles irgendwie genau befolgt wurde. Direkte Befehle schienen es nicht zu sein, jedenfalls nicht immer. Er versuchte mehr, mit Gesten zu überzeugen, eine Art freundliche, aber unbezweifelbare Autorität, Beispiele dafür gab's dann in meinem späteren Berufsleben als Musiker (inzwischen zur Bratsche gewechselt) noch so einige...

Jedenfalls danke für Ihren Artikel, Frau Kositza, ich lese Sie immer sehr, sehr gern!

Tobias aus DD
17. Juni 2017 12:58

Herzlichen Dank für die erfrischende Samstagmittag Lektüre!

Raskolnikow
17. Juni 2017 12:58

Liebe Frau Kositza!

Ein venezolanischer Offizier, den ich während einer Militärmesse in Kubinka traf, wir mochten uns vom ersten Augenblick, stieß mich, gelegentlich eines Gesprächs über Musik, auf den Konduktor des Simon-Bolivar-Jugendorchesters. Die Venezolaner sind, was klassische Musik anbelangt, für unser primitives Zeitalter ungewöhnlich gebildet und selbst unter Jugendlichen ist eine Musikbegeisterung zu spüren, die außerordnetlich genannt zu werden verdient.

Ich gestand meinem südamerikanischen Freunde jene Leidenschaft, die ich offenbar mit Ihren Töchtern teile, Frau Kositza: Wenn ich z.B. allein in der Halle des Bergkönigs bin und alles ob der ohrenzerberstenden Lautstärke zerbirst, tanze ich nicht heimlich, wie eine junge Putzmacherin, sondern dirigiere...

Lassen Sie sich und Ihrer Tochter His Craziness Gustavo Dudamel nicht entgehen!

https://www.youtube.com/watch?v=vHqtJH2f1Yk

¡Vamos, Directores!

R.

Franz Bettinger
17. Juni 2017 13:58

Liebe Frau Kositza. Die Geschichte mit der Schullehrerin hat mich berührt. Ich erlebte Ähnliches. Vielleicht ist Folgendes nicht der Rede wert, dann löschen Sie es. Vielleicht erklärt der nachstehende Briefwechsel mit einer (ehemaligen?) Freundin aber auch, was uns gerade geschieht.

Liebe B, nun wende ich mich an dich. Niemand von der 'august league of Gentlemen pioneer paddlers', wie John die österreichische Herren-Gruppe respektvoll nennt, antwortet mehr auf meine Emails, und das schon seit langem. Muss ich das Schlimmste annehmen? Oder nur das Zweit-Schlimmste? Ich hoffe, es ist nur das Dritt-Schlimmste: Dass man mich aus polit. Gründen genullt hat. Das passiert hin und wieder. Ich weiß nicht, wie die Stimmung in Salzburg ist, aber durch meinen Freundeskreis geht ein Riss. Ach, durch ganz Deutschland. Es ist Zeit zum Bekenntnis, so oder so, und die Leute tun's auch, so oder so. Ich hoffe, es geht euch beiden gut und dass du mir antwortest, wenigstens kurz. Ansonsten gebe ich einfach auf. Herzlichst, Franz

Lieber Franz, entschuldige ... Ich kenne Deine politische Einstellung zu wenig. W erzählt mir von Zeit zu Zeit und da stehe ich auf seiner Seite. Die Menschen-ausschließende Weltanschauung ist nicht meine. Aber wir können gern darüber reden, wenn Du wieder einmal in Österreich bist. Herzlich, B

Liebe B, ich schicke dir und W hier eine meiner Rundmails, von denen seit 212 Tagen täglich eine an ca. 80 Freunde rausgeht. Ich hoffe, euch damit nicht zu belästigen; wenn doch, ist die Mail ja schnell gelöscht. Du brauchst nicht zu antworten. Ich weiß, wie schwer das fallen kann, wenn man am anderen Ufer wohnt. Ich wollte dir nur kurz mitteilen, mit was ich mich seit 1 1/2 Jahren intensivst beschäftige. ... Herzlich, F

Lieber Franz, herzlichen Dank für Deine Zeilen und den Rundbrief. Ich hoffe, nicht Gefahr zu laufen, mit jenen, deren politische Ansicht ich nicht teile, auch keine Gespräch mehr führen zu wollen. Du weißt, dass W und ich in allen Punkten konträrer Meinung zu Deinen Thesen sind, dass wir geradezu erschüttert sind, dass ein so kluger Mann wie Du ein Sprachrohr der demagogischen AfD sein kann, dass wir selbst die mühsam und durch Krieg und Grausamkeit erkämpften Errungenschaften der Demokratie trotz aller Probleme hochhalten wollen und für sie kämpfen. Die Diskussion mit Dir schriftlich auszutragen, scheint mir nicht der richtige Weg. Mündlich wäre ein Disput interessant. Vielleicht wollt ihr doch mal wieder in Salzburg vorbeikommen? ... Mit herzlichen Grüßen, B

Liebe B, das sind ja zunächst doch nur Behauptungen, die AfD sei undemokratisch, menschenverachtend, demagogisch, die man immer wieder hört und die nie belegt werden. NIE! - Glaubst du denn wirklich, dass ich eine Partei unterstützen würde, die all das wäre? Ich meinerseits stehe vor dem umgekehrten Rätsel, dass eine so intelligente Frau wie du all das annehmen kann. Recht hast du wohl leider darin, dass wir den Disput nicht schriftlich fortsetzen sollten, obwohl ich hoffte, mein Rundbrief wäre hilfreich. Der Nutzen von Harmonie und Vorurteilen kommt darin vor, sowie das Aufgehoben-Sein in seiner Subkultur, und der unübertreffliche Nietzsche. Arthur Schopenhauer aber hat das wahre Problem erkannt:

"Zu disputieren, aber nur mit solchen, die mit Gründen disputieren und nicht mit Machtsprüchen, und die auf Gründe hören und darauf eingehen; und endlich, dass sie die Wahrheit schätzen, gute Gründe gern hören, auch aus dem Munde des Gegners, und es ertragen können, Unrecht zu haben, wenn die Wahrheit auf der andern Seite liegt. Daraus folgt, dass unter Hundert kaum einer ist, mit dem man disputieren kann. Die Übrigen lasse man reden und bedenke, was Voltaire sagte: La paix vaut encore mieux que la vérité."

Unsere fatale Lage trifft noch ein anderes Schopenhauer-Zitat: "Nichts ist verdrießlicher, als wenn man mit Gründen gegen einen Menschen streitet und sich alle Mühe gibt, ihn zu überzeugen, in der Meinung, es bloß mit seinem Verstande zu tun zu haben, und dann entdeckt, dass er nicht verstehen WILL; dass man es also mit seinem Willen zu tun hat, welcher sich der Wahrheit verschließt und mutwillig Missverständnisse, Schikanen und Sophismen ins Felde führt und sich hinter seinem vorgeblichen Nichteinsehen-Können verschanzt."

Ja, DAS genau ist meine Erfahrung seit 1 1/2 Jahren Debatten und Rundmails an ca. 80 Freunde. Ich kenne ganz wenige Menschen, mit denen Schopenhauer seiner Maxime gehorchend hätte disputieren wollen, und ich selbst merke mittlerweile auch schnell, wie der Hase läuft. Meistens gebe ich früh auf, um das Harmonie-Bedürfnis meines Gesprächspartners zu respektieren, und dann reden wir über den Mond oder sonst was. Um so wertvoller sind mir die wenigen, mit denen ich über Geschichte und Politik reden darf. … Es wäre schön, dich und W nochmals zu sehen und über den Mond zu sprechen. Alles andere scheint mir nicht angebracht. Es würde nur Wunden schaffen. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an euch und umarme euch, Franz

Lieber Franz, danke für Schopenhauer, Nietzsche und das Strandsegeln. Es verwundert mich, dass Du uns nur den Mond zutraust und vermutest, dass eine Diskussion sowohl über die Zitate als auch über Deine und unsere politische Position hoffnungslos wären und nur Wunden hinterließen. Ich denke, das Unausgesprochene tut es mehr. Herzlich, B

Liebe B. Wenn das Unausgesprochene mehr Wunden hinterlässt, dann sprich doch! Wenn das Sprechen wirklich helfen kann, ja, warum es dann nicht mit Sprechen oder Schreiben versuchen? Warum vermutest Du Abgründe in mir? Habe ich dir dazu Anlass gegeben? Reitet dich deine Fantasie nicht in eine dunkle Ecke hinein? Sollte man diese Fantasie nicht mal an die frische Luft schicken? Das sind nur so Gedanken. Bitte nicht ärgern. Du bist mit Sicherheit viel beschäftigt, und da kommt so einer unangemeldet um die Kurve und streut Sand ins literarische Getriebe. Mein Ausweg, B, waren diese Rundmails. Denn ich habe meiner Natur entsprechend - du merkst es an diesem schnellen kurzen Briefwechsel - ich habe diesen Mitteilungszwang, dieses Bedürfnis zu reden. Das hat für mich gut geklappt. Ich werde meinen Senf los, und die Angeschriebenen haben die Möglichkeit zu antworten. Manche tun es auch, manchmal nur mit ein paar Zeilen. Es funktioniert. Ich umarme dich, Franz

Lieber Franz, nein, bitte nicht komplizieren! Keine Abgründe, keine dunklen Ecken, keine dahin galoppierende Fantasie. Aber wie Du siehst: führt schnell in disparate Richtungen, das Schreiben. Darum warten wir geduldig auf eine Begegnung. Sie wird sich fügen, wenn es sein soll. Gruß, B






Stil-Blüte
17. Juni 2017 16:23

'Ich wundere mich ein bißchen. Warum sind es die Dirigenten, die faszinieren und nicht die sich ebenfalls hingebenden ersten Geigen, oft mit jähem Ausdruck? Oder die Percussionisten, die ewig ruhen und dann für Aufsehen sorgen? Von den Hörnern nicht zu reden!'

Dialektik zwischen (Be-)Herrscher und Volk? Über die Dirigenten, historisch gesehen, habe ich festgestellt, daß sie, parallel zur Staatenbildung, nach und nach eine gefügte Ordnung herstellten (s. Komponisten wie Beethoven und Wagner),  jedes Instrument an   s e i n e n  Platz zu bringen, dort wo es am besten innerhalb des  Ensembles klingt (s. Helmut Kohl, Gott hab' ihn selig).  

Ist diese Ordnung erst einmal geschaffen, kann der Dirigent/Kapellmeister die Musik einfach auch mal laufen lassen - er muss aber stehend, während die anderen sitzen, präsent sein.

Wer Konzerte oder You-tube besucht - letzteres kann ich, bevor es eingeschränkt bzw. verboten wird,  nur empfehlen - wird feststellen, dass der Dirigent mit uns in dieselbe Richtung schaut. Das gibt dem Zuhörer die Kraft - wie früher dem Priester vor dem 2. Vatikanischen Konzil - in die Ferne und in die Höhe eingebunden zu sein, wir sitzen hinter dem Dirigenten; sind seine Gefolgschaft.   - die relativ späte Entwicklung des Synphonieorchesters ein Modell, das Staat, Gemeinschadft, Volk zu bilden und einzubinden vermag.  Jeder an seinem Platz, an dem er unter der Leitung eines Meisters das Beste zu leisten vermag, ein Optimum für alle - Orchestermusiker, Musik, Komponist (Überlieferung), Dirigent, Publikum.

Der Wechsel ist dann nur eine Frage des Alterns. Der freiwerdende Platz wird immer wieder mit dem gleichen Instrument besetzt.

Noch übt Ihre Tochter Dirigieren als Schattenspiel. Erfahren wird sie, dass, den Musiker auf seinen Platz zu 'dirigieren' wichtig ist und Dirigieren ohne Musiker nur ein kindliches Spiel und keine Arbeit/Berufung ist. 

Pardon, habe mich vergaloppiert. Eine große Dirigentin wird kommen, garantiert. Möge es Ihre Tochter sein. 

 

Monika L.
17. Juni 2017 16:35

Gibt es nichts Positives im Dirigierwillen ? Doch, man muß kein Klavier tragen.

Grüße an die Dirigenten:

https://m.youtube.com/watch?v=r3TE0s1CtW4

 

Maiordomus
17. Juni 2017 16:42

Die Erfahrung mit der sowjettreuen Lehrerin müssen Sie nun halt von deren Biographie her nehmen wie sie ist. Eine konsequente Sowjet-Lehrerin war sicher methodisch und pädagogisch zuverlässiger und Ihnen trotz allem näher stehend als eine Pädagogin, die von 1968 geprägt gewesen wäre. Sie müssten auch Verständnis dafür haben, dass Klosterfrauen von früher es mit Leuten, die im Geruch der Teufelsanbeterei standen, ebenfalls Mühe hatten und sich, besonders wenn sie zu den weniger Aufmüpfigen gehörten, Mühe hatten, Leute aus dem Teufelslager zu grüssen und wenn schon, diese Zweifelsfrage mit ihrem Beichtvater besprachen.

 

A propos Grüssen: Die beiden bedeutendsten Parlamentarier der Schweiz zwischen 1848 und  1881, Alfred Escher, auch Gründer der heutigen Schweizer Crédit-Suisse, Retter der Universität Zürich, Kulturkämpfer, ohne den es auch keinen Gotthard-Eisenbahntunnel gäbe, sowie andererseits der kritische Katholik Philipp Anton von Segesser, Führer der Konservativen, als Skeptiker des Unfehlbarkeitsdogmas zwischen Stühlen und Bänken, von der Kirche mit Indizierung bedroht, trotzdem bedeutendster Katholikenführer des Landes: diese zwei grossen Männer, hervorragende Redner und Publizisten, haben einander als Parlamentskollegen 33 Jahre lang im Parlamentsgebäude und ausserhalb nie gegrüsst und bei Debatten auch nie den anderen als Vorredner genannt. So also verhielt es sich zur Zeit des Kulturkampfes, der bekanntlich in Deutschland ebenfalls stattgefunden hat und der zur Zeit auf andere Art und Weise erst recht immer noch stattfindet und im Prinzip ausgetragen wird, auch wenn Ignoranten das leugnen. Ohnehin, das galt zu allen Zeiten, endet die Toleranz immer dann und dort, wo die wahren Meinungsverschiedenheiten beginnen.

 

PS. Zu den ersten überhaupt, welche den Begriff "Kulturkampf" verwendeten, gehörten der frühe Linksradikale und Mitvater der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lasalle sowie der materialistisch eingestellte deutsche Arzt und Parlamentarier und Krankenversicherungsgründer aus der Bismarckzeit, Rudolf Virchow.

Der_Jürgen
17. Juni 2017 16:47

Darf man, ohne irgendwelche tiefschürfenden Kommentare hinzuzufügen, einfach sagen, dass man Ellen Kositzas Beiträge ausserordentlich gerne liest? Wenn man es darf, sei es hiermit getan.

Rex Regum
17. Juni 2017 19:13

Endlich wieder ein Beitrag in den Kommentaren über die schweizer Geschichte - wenngleich auch nicht vom Schweizer Original und nur 1/4 so lang.

Auch eine Art Tradition.

ALD
17. Juni 2017 20:16

Gustavo Dudamel ist DAS geniale Aushängeschild einer musikpädagogischen Revolution in Venezuela. Ein über 40 Jahre andauerndes Großprojekt, das sich von einer privaten Initiative, zu einem gesellschaftspolitischen Konzept entwickelte und heute wohl als Teil der venezolanischen Kultur verstanden werden muß. "El Sistema" - ein kulturpolitischer Geniestreich. Ein Zeichen dafür, daß universales Denken nicht zwangsläufig zur Katastrophe führen muß. Es schwingt dort auch der Geist der bürgerlich-pädagogischen Revolution im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts mit, in dessen Zuge die Entstehung eines schier endlosen Meeres an musikalischen Meisterwerken für Orchester durch das gesamte Jahrhundert hindurch letztendlich dazu führten, dass aus der bis dato künstlerischen Nebentätigkeit des Dirigenten eine eigenständige Disziplin herauswuchs.

Dudamel- Der Hans-von-Bülow Südamerikas?  Ein Leuchtfeuer der Hoffnung für das Fortstbestehen des nach Vollendung strebenden menschlichen Geistes in der zunehmenden Robotisiertheit  des 21. Jahrhunderts ...

Wunder-Schönstes Dirigat mit unnachahmlicher Intensität, Genauigkeit und Freiheit des Ausdrucks zugleich noch,  mit musikalischen Grüßen: https://www.youtube.com/watch?v=lEf4s6naews

Henrik Linkerhand
17. Juni 2017 20:56

Liebe Kositza, nun hatte ich Ihnen hier kürzlich noch Härte attestiert, aber bei Frau F. sind wir alle Schildkröten, die auf dem Rücken liegen. Was kann man da tun? Habe ich Ihnen eigentlich schon mal gesagt, wie gerne ich Ihre Kolumnen lese? 

Ein Fan

 

H. M. Richter
17. Juni 2017 21:16

"Zu den ersten überhaupt, welche den Begriff "Kulturkampf" verwendeten, gehörten der frühe Linksradikale und Mitvater der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lasalle ." [Maiordemus, s. o.]

Als ich den Namen Lasalle las, mußte ich an jenes Marx-Zitat denken:

"Der jüdische Nigger Lassalle, der glücklicherweise Ende dieser Woche abreist, hat glücklich wieder 5000 Taler in einer falschen Spekulation verloren... Es ist mir jetzt völlig klar, daß er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlossen (wenn nicht seine Mutter oder Großmutter von väterlicher Seite sich mit einem Nigger kreuzten). Nun, diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der negerhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt hervorbringen. Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch niggerhaft." Marx an Engels, 1862 (MEW 30, 257).

Und dann dachte ich (am Erscheinungstag der Blühenden-Landschaften-TAZ): Was, wenn heutzutage der K. oder die K. oder der Sieferle über andere ... ? Oder der Sellner mit einem IB-Plakat in Berlin? Oder hier im Forum?? Nicht auszudenken ...

Gustav Grambauer
17. Juni 2017 22:16

So einen hätte ich gern als Lehrer für meine Tochter:

https://www.youtube.com/watch?v=N_oqDmoZBuI

https://www.youtube.com/watch?v=qdVyTEFxQl8

"Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit" - bei dem: geschenkt.

Ellen, es ist wieder Youtube, aber Seriosität ist zugesichert!

- G. G.

Rufus Salamander
17. Juni 2017 22:22

Liebe Frau Kositza,

das mit der Lehrerin kann ich nur zu gut nachempfinden. Meines Erachtens wirkt da die so tief implementierte "Rechts=Pfui" Konditionierung die bei der Mehrheit unserer Landsleute - und sind sie auch sonst noch so gute Freunde - die Rolläden komplett herunterfahren lassen und diese schnell auf eine "Schutzdistanz" zu uns wie zu einem ansteckenden Kranken gehen lassen.

Ich konnte dies neulich selbst beobachten, wie ein guter Freund schnell die Arme verschränkte und sofort auf auf Distanz ging sobald ich mich mit einer kritischen Aussage zu unserer neuen Bereicherung aus der Deckung wagte. Die Perversion dessen kam mir gerade neulich beim Radiohören wieder voll zu Bewusstsein: Der Moderator sagte da locker und flockig in einem Nebensatz "Gutes Theater ist immer links" in einem Beitrag über Volker Ludwig. Ich stellte mir vor, dass der Moderator gesagt hätte "Gutes Theater ist immer rechts"... spontan assoziierte ich die Stimmen der Konditionierten "Das darf man nicht sagen!"...

Maiordomus
17. Juni 2017 22:48

Ich habe es als Publizist nie hingekriegt, so leichthändig zu schreiben wie Sie. Das meine ich echt und ohne geheimen Vorbehalt als Kompliment.

Monika L.
18. Juni 2017 09:44

@Pirmin Hausmeier

."..ich habe es als Publizist nie hingekriegt, so leichthöndig zu schreiben wie Sie..."

Das war Ihr bester Beitrag seit langem. Das Seminar " Führen durch das Lob" zeigt Wirkung :))

t.gygax
18. Juni 2017 10:01

@h.m.richter

Vielen Dank für das Marx-Zitat! Ich hebe es mir gut auf und werde es bei der nächsten Gutmenschenkonfrontation zu gegebener Stunde einbringen......

Stil-Blüte
18. Juni 2017 11:37

@ Gustav Grambauer

Solche Lehrer kenne ich aus meiner Zeit, aus der Zeit meiner Kinder und meiner Enkel. Aber - sie sind nicht mehr die Norm, sondern die Ausnahme. Die starre Einspannung der Lehrer in eine Ideologie ist wie eine Folie, eine Hülle, ist sie beseitigt, Ablaufdatum, dann merkt man, daß sie kaum Schaden angerichtet hat. Anders bei den 68ern, die die Ideologie zur Weltenwende gemacht haben. Diesen Geschmack, diesen Geruch werden Jugendluche wenigrt los; es wird zu ihrem Lebensinhalt. Daher bin ich heute überzeugt, trotz aller Repressalien, die ich im Osten selber erlitten habe, daß die westliche moderne Politisierung stärker in die Jugendlichen eingedrungen ist, sie infiziert hat, als die östliche. 

Als Trost kann ich Ihnen, Ellen Kositza sagen, daß sich diese Lehrerin gewiß im Stillen grämt. Und nach der Wende - die auch hier kommen wird -  gab es einige Menschen, die sich von mir aus politischen Gründen vorher abgewendet hatten, mit denen ich heute wieder befreundet bin. 

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