06. Juli 2017

Übermorgen - sieben Bilder

von Götz Kubitschek / 22 Kommentare

I. Als ich in den Brennesseln stand, um mit der Sense jene Bewegung mehrfach auszuführen, auf die jüngst publizistisch angespielt wurde, traf es mich wie ein Nackenschlag:

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Dieser Beitrag hat mehrere Seiten:

  • Seite 1
  • Seite 2
  • Alles hat seinen Platz in deinem Bild erhalten, wirkt politisch aufgeladen. Warum kam dir eben das Wort »identitär« in den Sinn, als das Blatt die Stengel legte? Ist dieses bißchen Heu, sind die paar Hühner, die Beerenbüsche, die Apfelbäume, sind die Ziegen und die Bohnen widerständige, erdige Zeichen oder nicht doch einfach das, was dir Freude bereitet, wie jedem Freund der Fluren (und von dieser Sorte trifft man doch in jedem Dorf ein paar)?

    Der Gärtner, fraglos eine politische Figur, der Hegende: Du denkst an Gerhard Nebel, Baldur Springmann und Tom Bombadil, an die uralte, fördernde, dem Leben zugewandte, singende Gestalt, die es gibt, seit du - tausende Jahre alt - seßhaft bist. Man sagt, deiner Großmutter seien drei Ernten im Jahr gelungen. Du sagst, deine Frau sei nie schöner als in der Mittagshitze eines sommerlichen Gartens, wenn man die Früchte lautlos reifen hören kann. In welche ferne Zeit bloß verschiebst Du den Dank? Auf übermorgen?

    -- -- --

    II. Es muß Anfang 1991 gewesen sein, als ein Unteroffizier der Fernspäh-Kompanie, in der ich diente, im Suff aus zwei Latten ein Kreuz bastelte, es mit Schuhcreme einschmierte und sich selbst ein Laken überwarf. Dann stolperte er durch die Kaserne und pflanzte sein Werkstück vor einer Unterkunft für Rußlanddeutsche auf, die jenseits lag. Der Unteroffizier war zu faul selbst für die geringste Verschleierungsmaßnahme. Er fackelte sein Kreuz innerhalb der Umzäunung ab, schrie irgendetwas in die Nacht und stiefelte zurück in die Unterkunft. Wir Rekruten bekamen von alledem nichts mit.

    Am nächsten Morgen trat die Kompanie vollzählig vor dem hohen Gebäude der alten Ulanenkaserne an. Der Spieß berichtete von dem Vorfall, den die Wache protokolliert hatte, und äußerte lapidar, daß der Täter seiner und unseres Kompaniechefs Meinung nach ohne jeden Zweifel aus unseren Reihen stamme – keinem der anderthalbtausend Fernmelder und Nachschieber, mit denen wir uns den Standort teilen mußten, sei derlei zuzutrauen. Er gebe nun diesem Idioten drei Sekunden Zeit, vorzutreten und sich zu stellen, uns allen eine knappe Minute, um den Kerl auszuliefern. Niemand rührte sich.

    Der Spieß befahl uns ins Stillgestanden, unser Chef, der Major, trat aus dem Gebäude und ließ sich melden. Er befahl seine Feldwebel zu sich und entsandte sie zur Musterung der Stuben. Nach wenigen Minuten brachte man ein Laken, das seinen Besitzer zweifelsfrei als den Täter überführte: Er hatte es vorschriftsmäßig wieder auf sein Bett gezogen, die beiden hineingeschnittenen Augenlöcher sorgfältig glattgestrichen auf Höhe des Kopfkissens. Nun trat er vor, gestand, weinte ein wenig und wurde abgeführt. Unser Chef regelte die Sache. Der Unteroffizier wurde degradiert, schob drei Monate lang an jedem Wochenende Dienst, bewährte sich, besuchte den Laufbahnlehrgang noch einmal und schied nach acht Jahren Dienstzeit als ein Stabsunteroffizier aus, der sich nie wieder etwas Derartiges zuschulden hatte kommen lassen.

    Wir Rekruten wurden damals nicht lange behelligt mit irgendeiner »Aufarbeitung« dieses Falles. Derlei kam wohl vor, und in der Theorie war klar, daß so etwas generell unreif, idiotisch, eines Soldaten nicht würdig war. Aber wir lernten auch die Gemütslage derber Kerle kennen, die als Staatsbürger in Uniform, bar jeder Tradition, in der Sinnkrise des Militärs nach der Wende und im Post-Histoire nichts mit sich anzufangen wußten und im Suff auf dumme Gedanken kamen, wenn sie zu lange in der Kaserne herumsaßen und mitbekamen, daß man sie allesamt für Mörder hielt und halten durfte.

    Ich war mit jenem Unteroffizier dreimal auf Trupp, einmal über anderthalb Wochen bei saumäßig naßkaltem Wetter in miesem Gelände. Selten bin ich besser geführt worden, und ich habe dabei auf die Zuversicht und kameradschaftliche Fürsorge zu vertrauen gelernt, die den guten Vorgesetzten auszeichnet und von denen es in der Fernspäherei Dutzende gab. Sie alle haben diese Armee verlassen müssen oder sind aus freien Stücken gegangen. Der eine wurde Pilot in Afrika, der andere gründete eine Fallschirmspringer-Schule, der dritte, vierte und fünfte zogen mit Schäferhunden und Taschenlampen um Firmengebäude, bevor sie bei amerikanischen Firmen anheuerten und sich als Söldner verdingten. Andere sind im Zivilleben eingeschlafen und nie wieder aufgewacht (wer wirklich Soldat war, versteht, was ich damit meine).

    Vielleicht kam der Bruch 1997, ich weiß es nicht mehr genau: Jedenfalls sollten wir Offiziere plötzlich eine Anordnung unterschreiben, die uns nichts weniger als die Denunziation jedes Untergebenen vorschrieb, der sich in irgendeiner Weise »rechts« betätigte oder überhaupt nur eine solche Tendenz zeigte. Man wollte »das« loswerden, wollte es aus der Armee schmeißen, und natürlich unterschrieb ich diesen Hygienebefehl nicht, auch aus der Erfahrung mit jenem Unteroffizier heraus; denn wer, wenn nicht die Armee, sollte solche Kerle erziehen, zurechtbiegen, in die richtige Richtung drehen? Und mit wem wollte diese Armee eigentlich das Vaterland tapfer verteidigen, wenn nicht mit Männern, die an Hierarchien glauben und Entschuldigungen für das Versagen im entscheidenden Moment nicht akzeptieren?

    Es hat mir vor zwei Jahren einmal einer von diesen Typen geschildert, wie er einen Konvoi von Mossul nach Bagdad mit seinen Leuten sicherte. Südafrikaner waren dabei, Engländer, zwei Tschechen, ein weiterer Deutscher, und wie sie fuhren, geriet das Ende des Konvois unter Beschuß, das letzte Sicherungsfahrzeug schlingerte und krachte in einen Holzstapel. Man hätte weiterfahren können, es gab gute Gründe dafür - lieber ein Fahrzeug verlieren als den ganzen Konvoi aufs Spiel setzen!

    Aber der Typ, ein ehemaliger Fallschirmjäger aus Nagold, fächerte seine Kolonne auf, ließ in großen Kurven wenden und die Wegelagerer mit allem angreifen, was er hatte.

    Diese Sekunde des Entschlusses, – zu wenden und ins Feuer zu fahren – ist ein Katapult in eine unserer »Gesellschaft« ganz fremd gewordenen Region von Leben, Tod und Tauglichkeit, und jedes Land braucht Männer, die dort einmal waren oder dort hinwollen. Wir werden sie aufsuchen müssen, übermorgen. Wir werden sie wecken müssen. Unsere Armee aber, die Bundeswehr, sorgt dieser Tage erneut und in gewissem Sinne endgültig dafür, daß wir diese Männer nicht mehr dort finden werden, wo sie in Deutschland immer waren: unter Waffen und im Dienst.

    -- -- --

    III. Ich kann das Ausmaß der Säuberung nicht abschätzen, denn ich habe keine Kontakte mehr dorthin:

    Es sind aber sogar die Stuben von Offizieren durchsucht worden, seit Franco A., und es haben auf jeden Fall ein paar Dutzend Soldaten feststellen müssen, daß sie zu heißen Kartoffeln geworden sind. Man hat sie fallenlassen oder wird es noch tun – nicht, weil sie nichts taugten oder weil man sie nicht mehr brauchte. Es wird sich  an ihnen schlicht kein Vorgesetzter mehr die Finger verbrennen wollen, das ist schon alles. Sie sind AfD-nah oder haben die falsche Zeitung im Abonnement oder sind auf einer Demonstration mitgelaufen. Irgendetwas davon klebt an ihnen wie Pech und Schwefel, und: Nun kommt alles ans Licht.

    Worüber reden wir? Es ist ja das Normale, das Selbstverständliche, das da vertreten wird, und es ist nur innerhalb der Bandbreite unserer sehr speziellen deutschen Befindlichkeit an einem Rand zu liegen gekommen, wo es doch in die Mitte gehörte. Aber dies zu betonen hilft im Zweifelsfall rein gar nichts, und so ist dieses Normale, das von einem bestimmten Prozentsatz der Leute vertreten und unterstützt wird, doch noch immer ein Ausschluß- und Ausgrenzungsgrund.

    Es gibt keine Lobby für diese politische Richtung, keine Auffangnetzte, keinen grundsätzlichen Konsens gegen das Denunzieren, und so ist jedes einzelnen Bekenntnis sein ganz persönlicher, biographischer Drahtseilakt. Als Verleger einer der Informationsknotenpunkte zu sein, bedeutet auch: Leute aufs Seil treten, balancieren und fallen zu sehen.

    Ist dies das Schicksal der ersten Reihe? Hört das je auf, wenn nicht morgen, dann übermorgen? Und vor allem: Können wir das verantworten, wir, die wir das Widerständige zu einem Teil unseres Geschäfts und unseres Lebensentwurfs gemacht haben? Dürfen wir die Transparenz, mit der wir den verblüfften Journalisten begegnen, zu einer Blaupause machen, dürfen wir die Leute dazu auffordern, sich mit Namen, Gesicht, Biographie in ein Getümmel zu stürzen, in dem sie den Gegner, den »Big Other« niemals treffen werden? Nein, wir dürfen es nicht.

    -- -- --

    IV. Es kommt nämlich über die Leute wie ein Wolkenbruch, es ist, als fänden sich auf ihren Festplatten Pornos mit Kindern, mit zu Tode gequälten Tieren, mit Erschießungsfilmchen nebst Tanzmusik vor Babi Jar:

    Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

    Kommentare (22)

    solitude
    06. Juli 2017 21:40

    Am Schluss hat mich die Vorstellung, Götz Kubitschek in seiner wahrhaften, beneidenswerten Verwurzelung anzutreffen, zu Tränen gerührt. Ein gewisser Stolz des verehrten Verlegers bei der Aufzählung seines Gartens war mir vorher nicht entgangen.

    Welche Verantwortung haben wir nun alle? Einige sagen, finis germaniae stünde ohnehin bevor, da ließe sich nichts (mehr) machen. Dies hieße einen Weg zu befolgen, der die Taten unserer Ahnen, statt mit Stolz und Ehre, nur noch mit Hohn und Spott straft. "Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen" (Goethe).
    Kubitschek nun fungiert als Leuchtturm in der dämmernden See. Kann man den Wärter verantwortlich machen, nur weil einige Mutige, Aufrechte das Hafenbecken ansteuern? Sicher. Sie treffen zwar ihre eigenen Entscheidungen; den Lichtsuchenden aber Wahrheit angeboten zu haben, der Verantwortung wird sich der Wärter nie scheuen. Sollte er deshalb verzagen? Nein. Er steht an seinem Platze. Dorthin gehört er, hier treiben seine Wurzeln.

    Erst heute las ich im Clausewitz (S. 41 f.), einem Magazin für Militärgeschichte, wie General der Infanterie Friedrich Olbricht, Initiator des "Unternehmens Walküre" (20. VII. 1944), bei der Rekrutierung weiterer Verschwörer vorging: "[...]Zunächst aber scharrte er Gleichgesinnte um sich, was in einem totalitären Staat natürlich extrem gefährlich ist. [...] und so muss er es bei kleinen Bemerkungen belassen - hier mal eine leise Kritik an der Kriegsführung, dort mal eine Spitze gegen Goebbels oder andere Figuren. Die Reaktionen seiner Gesprächspartner verraten ihm, welch Geistes Kind sie sind. Bestätigen sie ihn und wagen sie sich ihrerseits einen Schritt nach vorne, weiht er sie ein und macht sie mit seiner Absicht vertraut, den Diktator zu beseitigen."

    Mir ist die Parallele zur heutigen Zeit sogleich aufgefallen. Natürlich ist die sogenannte BRD kein totalitärer Staat in tutto. Aber hinsichtlich der Anmaßungen der Kanzlerdarstellerin und der ausgehöhlten Meinungsfreiheit drängen sich faschistoide und totalitäre Tendenzen zwangsläufig auf. Für den gewöhnlichen Widerständler gilt es daher, Olbrichts Weg zu folgen und vorsichtig nach Gleichgesinnten zu suchen. Kubitschek freilich muss das größere Schwert schwingen und trotz seiner Verantwortung weiter als Leuchtturm agieren. Was jene dann ihrerseits mit ihrer Verantwortung anfangen, muss er dem seit der Wehrmacht bewährten Prinzip, dem Entscheidungsträger vor Ort möglichst viel Freiraum zu belassen, seinerseits abwarten, ohne darüber allzu viele sinistre Gedanken im Falle eines Misserfolgs zu verlieren. Was bleibt, ist, dass der sich bildende Hauptstrom des Widerstands in die rechte Richtung fließt und Kubitschek hat seinen Anteil daran.

    Dodecan
    06. Juli 2017 21:58

    Die Überschrift "Übermorgen" erschließt sich für Gedankenblöcke II-VII erst nach zweimaligem Lesen.

    Gleichwohl kann jeder Block auch positiv beendet/weitergedacht werden und dann kann folgen: "In welche ferne Zeit bloß verschiebst Du den Dank? Auf übermorgen?"

    Monika L.
    06. Juli 2017 22:32

    "VI. Aber vielleicht ist übermorgen die Unterwerfung des Einzelnen durch ein lückenloses Kommunikations-, Selbstoptimierungs- und Bedarfsweckungsangebot schon abgeschlossen. Zu vermuten, es gäbe unter der Oberfläche (dem Datenstrom, der Cloud, dem Content) so etwas wie ein Eigentliches, in dem man verbleiben könne, wäre dann ein romantisches Bild, ein Ordnungswunsch von vorgestern."

    Wieso übermorgen ? Manch Identitärer ist so vertwittert, umclouded, verfollowed, accounted, so abgelenkt vom Entscheidenden......so uneigentlich..., daß er mal in Schnellroda ohne WLAN sensen sollte! Den sympathischen  jungen Mann mit den Bienenkörben und den Messerwürfen nehme ich aus.

    Bei Bild VII stört mich die Reihenfolge. Kinder und Frauen zuerst. Oder?

    Franz Bettinger
    06. Juli 2017 23:09

    Immer wieder ein sehr ästhetisches, aber auch inhaltlich starkes Erlebnis, ihre Essays, verehrter Herr Kubitschek. Danke, egal was am Ende bei Ihrem Einsatz herauskommt. 

    J.F. Sebastian
    06. Juli 2017 23:12

    Danke für diese wunderbaren Fragmente. Das hat mich berührt, etwas melancholisch gestimmt, aber ich bleibe optimistisch, für das Übermorgen.

    Der_Jürgen
    07. Juli 2017 08:47

    Nach der Lektüre dieses  ungeheuer starken Beitrags stelle ich mir stärker denn je zuvor folgende Frage: Wie lange dauert es wohl noch, bis in der Bundeswehr offen rebelliert wird? Bewahre, ich träume ja nicht von dem Grossen Putsch, der heute abend beginnt und in dessen Rahmen bis morgen früh die ganze volkszerstörende Clique verhaftet und vor ein Standgericht gestellt wird. Das ginge leider aus aussenpolitischen Gründen nicht gut; unsere lieben amerikanischen und sonstigen Bündnispartner würden den Putschisten flugs zeigen, wo der Bartel den Most holt, und den freiheitlichen Rechtsstaat  in noch freiheitlicherer Form wiederherstellen.

    Doch wie kann die jetzige "Verteidigungsministerin" auch die letzten Reste von Tradition und Patriotismus in den Streitkräften ausmerzen und die Rekrutierung von Behinderten, Schwulen, Lesben und Transvestiten zur Schlüsselaufgabe der Bundeswehr erklären, ohne dass zumindest Tausende von Offizieren und Unteroffizieren wenigstens eine Demonstration durchführen oder eine Petition unterzeichnen?

    "Mit wem wollte die Armee eigentlich das Vaterland verteidigen, wenn nicht mit Männern, die an Hierarchien glauben?" fragte sich Kubitschek schon anno 1997. Doch gegen wen soll diese Armee eigentlich ein Vaterland verteidigen,das es im offiziellen Sprachgebrauch längst nicht mehr gibt? Gegen die böhsen Onckelz in Moskau vielleicht? Es muss doch genügend Soldaten aller Ränge geben, die längst kapiert haben, dass der Feind im eigenen Lande hockt. Ja, er befolgt Befehle aus dem Ausland, aber das mildert seine Schuld nicht.

    Notarius
    07. Juli 2017 09:12

    Als in einem bürgerlichen Beruf tätiger Familienvater ist man mit der ununterbrochenen Vernetzungs- und Transparenzmanie, der Erwartung gutgelaunter Dauerkommunikation, die bereits nach den Kindern greift, zwangsläufig konfontiert. Sich dem Beitritt zur Eltern-WhatsApp-Gruppe (die in der regel über den inhumanen Umfang der Hausaufgaben debattiert) zu verweigern, kein Smartphone zu besitzen, Urlaub auf einem heimischen Bauernhof zu machen, löst bereits ungläubiges Staunen der "Community" aus. Kaum je entdeckt man Gleich-Gesinnte oder -Fühlende. Daher ist es erhebend, am Morgen die einfühlsamen Skizzen diese Beitrags zu lesen. Möge es genügend "Sezessionisten" geben, die das Übermorgen noch nicht aufgegeben haben und aus der Empfindung des Bildes VII zu leben vermögen!

    Braunschweiger
    07. Juli 2017 09:58

    @Der_Jürgen

    "... ohne dass zumindest Tausende von Offizieren und Unteroffizieren wenigstens eine Demonstration durchführen oder eine Petition unterzeichnen?"

    Vermutung: Es handelt sich bei diesen Tausenden nicht um Offiziere im eigentlichen Sinn, sondern um Verteidigungsbeamte. Diese verteidigen in letzter Konsequenz allenfalls ihren Stuhl, d.h. Position, Fortkommen, Besoldung, Pensionsanspruch. Das sage ich nicht voller Verachtung. Denn ein solcher Schritt wäre einerseits sinnlos, weil die "Aufsicht" unmittelbar einschreiten würde. Und andererseits halte ich es für ungeheuer schwer, einen solchen Entschluß in der heutigen Lage zu fassen - die Bundesrepublik ist schließlich nicht das 3. Reich.

    Im Grunde wäre ein Putsch nur der endgültige Beweis , das das Deutschland von heute nichts weiter ist als eine gewöhnliche Bananenrepublik.

    Sehrohrtiefe
    07. Juli 2017 11:00

    Ein erneut sehr gelungener Beitrag, stilistisch über jede Kritik erhaben und in seiner logischen Stringenz überzeugend, von Anfang bis Ende.

    Ihre Frage, ob wir Leute dazu auffordern dürfen, "sich mit Namen, Gesicht, Biographie in ein Getümmel zu stürzen, in dem sie den Gegner ... niemals treffen werden", ist aktueller denn je. Bis jetzt war dieser Gegner unfähig bis drollig-harmlos, auch wenn sich das in Einzelfällen natürlich anders darstellte. Eine Bürokratie, die Transparenz vorantreibt, um Gleichschaltung zu erreichen, stößt schnell an ihre Grenzen: notorischer Ressourcenmangel, Führungsmangel dank fachlich ungeeigneter Karrieristen an ihrer Spitze, innere Opposition und ein Übermaß an zeitraubenden Prozeduren sorgen hier für eine natürliche Bremse. Darum hat Minister Maass ja auch sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz durchgepeitscht: als Bankrotterklärung der öffentlichen Hand und in der Hoffnung, daß der Markt die gewünschten Ergebnisse in vorauseilendem Gehorsam selbst - und besser - erreicht. Und diese Gefahr besteht natürlich, auch wenn es hier ebenfalls genügend zielführende Gegenstrategien gibt, von Verschlüsselung bis Overkill durch falsche Spuren im Netz.

    Gerade im Internet - udn allegemeiner im öffentlichen Bereich - bleibt aber oftmals doch etwas hängen, und deshalb ist die nachhaltigste Strategie eine des bewußten Verzichtes. Es gibt Gruppen, die die öffentliche Darstellung zielgerichtet aufsuchen und dabei breite Wirkung erreichen, und das ist hilfreich, vor allem um der stille Masse Alternativen und eine Richtung aufzuzeigen. Doch es gibt genug andere, für die dies keine sinnvolle Strategie sein kann - ja ganz im Gegenteil, wo eine derartige Betätigung auch für die Sache schädlich wäre.

    Sie schildern fundiert die Situation in der Bundeswehr. Ähnliches ließe sich über jeden Teil des Staates und seiner Organe sagen. Viele, die eine ähnliche Philosophie haben wie Sie, denen das Gemeinwohl ein positiv besetzter Inhalt ist, die einen preußischen Hintergrund haben, haben bewußt die Entscheidung getroffen, ihr Berufsleben auf die Pflege und Hege dieses Gemeinwohls auszurichten. Diese Menschen nehmen zunehmend wahr, daß unter verlogenen Parolen von Gefahrenabwehr und politischer Korrektheit Mechanismen installiert werden, die zu nichts anderem als der Überwachung, Ausspähung und Einschüchterung unbescholtener Bürger dienen, "Transparenz" eben als Mittel eines Staatszwecks, der sich selbst abhanden gekommen ist und dessen Akteur - der Staat - längst nicht mehr das ist, was er sein sollte: ausführendes Organ des Volkswillens.

    Arbeitet man in einem solchen System, gibt es verschiedenen Möglichkeiten: man arrangiert sich, man geht in die innere Emigration oder den vorzeitigen Ruhestand, man kündigt oder wird krank, bis hin zu Verzweiflungstaten wie Selbsttötung im Dienst (dies alles sind reale Beispiele). Aber es gibt noch eine weitere Möglichkeit: im Bewußtsein des "Übermorgen" und im Vertrauen darauf, daß auch wieder bessere Zeiten kommen, auszuharren und im Kleinen ein Vorbild zu sein: hier ein Gespräch, da eine Geste, dort ein stillschweigender Akt der Solidarität mit einem armen Schwein, dem das System den Garaus machen will.

    Diese Leute gibt es, und es sind nicht wenige. Sie sind stark, autark, individualistisch und doch Teil eines großen Ganzen. Es sind U-Boote in feindlichen Gewässern, aber sie können sehr effektiv sein. Diese Menschen sind zu schützen durch die, die es können (doch natürlich müssen sie sich in erster Linie selbst schützen). Und deshalb ist es nobel, aber auch entschieden notwendig, sich der Transparenz zu entziehen und an Strukturen zu arbeiten, um ganz klassische Kommunikation außerhalb des Netzes wieder zu stärken und sich in einer engen Gemeinschaft zu erden.

    Sie sind auf gutem Weg dabei, und Sie werden Gutes ernten.

    Osmond van Beck
    07. Juli 2017 13:41

    Vielen Dank für diese beinahe schon kontemplative Betrachtung. Geistiges Manna in der Vollendung. 

    Gotlandfahrer
    07. Juli 2017 15:30

    Man sollte der Bundeswehr nicht nachtrauern und ihr Widerstand zutrauen, nur weil sie (noch) das eiserne Kreuz als Logo nutzt (gern auch schon mal in Gender bunt wie auf dem BW-Tag der sexuellen Vielfalt) und das ein oder andere Verfahren nutzt, das man mit Militär gemeinhin in Verbindung bringt. Es ist wie mit der 'Bundesrepublik' und GK hat dazu schon alles gesagt: Staat ist eine vergängliche Hülle wie eine Armee dessen augenblickliches militärisches Vehikel ist. Man komme doch bitte nicht auf die Idee, dies mit dem 'Land' oder dem 'Volk' zu verwechseln. Was kümmern mich die ekelhaften Lächerlichkeiten einer UvL und ihrer ihrer Lemminge? Sollen sie doch alles entfernen was ihnen nicht passt, es ist ohnehin zu schade für sie und ihr vorheriger, geduldeter Gebrauch war selbst bereits ungewollt mißbräuchlich weil dort im Zusammenhang entehrend. Leid tun mir zwar die, die in der Erwartung dort gedient haben, dass hier irgendwelche 'Reste' schützenswert gewesen wären. Aber die Erfahrung wird ihnen nur nützen können.

    Martin S.
    07. Juli 2017 15:46

    Solange einer von UNS noch da ist, gilt nicht "Finis Germaniae",  sondern Finis? Germania!

    Nautilus
    07. Juli 2017 16:37

    ein sehr guter Text, der natürlich jedem immer wieder vor Augen führt, was auf uns zukommt. Von diesen Offizieren der Bundeswehr erwarte ich überhaupt nichts, nicht von diesen. Ich habe mir die Abschiedsrede von Generalmajor Trull angeschaut, ich hatte Tränen in den Augen. Solche Leute gibt es heute nicht mehr.

    Hätten wir doch mehr Bürger wie die, welche Götz Kubitschek beschrieb, dann wäre mir um Deutschland nicht bange.

    Katzbach
    07. Juli 2017 19:20

    Man könnte die Sache auch anders betrachte. Wer nicht mehr Soldat ist, muss sich einen anderen Beruf suchen. Welche Aufgabe die Aussortierten übernehmen sollen, kann ich schlecht ergründen. Als man den Deutschen letztes mal die Flöhe aus dem Pelz geschüttelt hat, brauchte man sie als Bewohner oder auch Kämpfer in einem neuen Land.

    Solution
    07. Juli 2017 23:59

    Die vielen Bundeswehr-Unteroffiziere und auch -Offiziere, die ich aus beruflichen Gründen kennen gelernt habe, sind fast alle totale Systemheinis oder völlig ahnungslos. Am besten löst man diese Truppe komplett auf und läßt die Bevölkerung sich - auch mit automatischen Waffen - bewaffnen. Mindestens wie in den USA.

    Abronsius
    08. Juli 2017 11:39

    Das Bild (VI.) von der ununterbrochenen Linie der Vorfahren ist unglaublich stark. Thomas Mann läßt in seinen "Buddenbrooks" den Thomas Buddenbrook zu seiner Schwester sagen: "Wir sind alle nur Glieder in einer Kette". Dieses "nur" ist eine krasse Untertreibung. Es ist diese Kette, die uns mit dem Ursprung des Lebens selbst verbindet. Wo der Verstand nicht weiterkommt, kneif dich in den Arm.

    Zu IV. - dem totgehetzten Dissidenten - will ich eine Stelle von Jeremy Rifkin aus dem Buch "Die Null Grenzkosten Gesellschaft" (2014) bringen (S. 114 - 115). Jeremy Rifkin ist ein US-amerikanischer Philosoph, der die EU-Kommission und Angela Merkel berät:

    "Alle und alles an ein globales neurales Netzwerk anzuschließen führt die Menschheit zweifelsohne heraus aus dem Zeitalter der Privatsphäre, möglicherweise das Charakteristikum der Moderne, und in eine Ära der Transparenz. Zwar gilt die Privatsphäre seit langem als Grundrecht, ein angeborenes Recht war sie jedoch durchaus nicht immer und überall. Überhaupt wurde das Leben bis zur Moderne mehr oder weniger öffentlich gelebt, wie es sich für die geselligste Spezies der Erde gehört. ... In praktisch jeder uns bekannten Gesellschaft vor der Neuzeit badeten die Leute gemeinsam, urinierten oder defäkierten öffentlich, aßen am gemeinsamen Tisch, tauschten nicht selten öffentlich sexuelle Intimitäten aus und schliefen zu vielen in einem Bett. 

    Erst in der kaptialistischen Ära begannen die Menschen, sich hinter verschlossene Türen zurückzuziehen ...

    ... Heute kratzt das im Aufbau begriffene Internet der Dinge Schicht um Schicht an den Einhegungen, die die Privatsphäre sakrosankt gemacht haben ... Für eine jümngere Generation, die in einer global vernetzten Welt aufwächst, in der eifrig jeder Augenblick des eigenen Lebens gepostet und mit der Welt per Facebook, Twitter, YouTube, Instagramm und zahllose andere soziale Medien geteilt wird, hat die Privatsphäre viel von ihrem Appeal verloren. Für sie ist Freiheit nicht an Autonomie gebunden, nicht an Ausschluss, sie liegt vielmehr in der Freude am Zugang zu anderen, an der Aufnahme auf einem globalen virtuellen öffentlichen Platz. Das Merkmal der jüngeren Generation ist die Transparenz, ihr Modus operandi die gemeinsame Arbeit, und ihre Persönlichkeit findet ihren Ausdruck durch Peer-Produktion in lateral skalierten Netzwerken.

    Ob künftigen Generationen in einer zunehmend vernetzten Welt, in der alle und alles in ein Internet der Dinge eingebettet sind, nicht viel an der Privatsphäre liegen wird, bliebe zu diskutieren."

    Die theoretischen und historischen Exkurse von Rifkin sind in aller Regel zum Schreien dämlich. Aber das verleitet nur dazu, seine visionäre Kraft und vor allem seinen Einfluß zu unterschätzen. Nochmal, dieser Mann berät Angela Merkel und die Europäische Kommission.

    Scipio
    09. Juli 2017 06:51

    "Werden wir eines Tages zur Transparenz verpflichtet? Wird für asozial gelten, wer sich nicht beteiligen will, wer nicht offenlegen will, was er denkt und treibt ..."

    Natürlich Herr Kubitschek. Zu diesem Zeitpunkt sind wir dann endgültig bei DDR 2.0 angekommen, die Verpflichtung zur Meinungsäußerung im Sinne des Mainstreams. Ansonsten Nachteile, Repressionen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ob es nicht teilweise schon so weit ist.

    calculus
    09. Juli 2017 08:48

    Ich bin ein Gegner der Transparenz.

    Es ist genau dieser Punkt, an dem man die grundlegenden Veränderungen in diesem Lande festmachen kann.

    Kürzlich hatte ich ja bereits darauf verwiesen, daß wir es uns früher, in den siebziger, achtziger Jahren, im Osten nicht hatten nehmen lassen wollten, RIAS Treffpunkt zu hören. Dort hatten sie immer einen kleinen, vor allem an uns im Osten adressierten, Block politischer Agitation eingestreut. An einen dieser Beiträge kann ich mich deart plastisch erinnern, als wäre es erst vor wenigen Tagen gewesen. Es ist wie eine Lichtmarke, wie ein unerschütterlicher Meßpunkt. In diesem Beitrag ging es um das Lied Große Fenster, vorgetragen vom Berlinder Oktoberklub (https://www.youtube.com/watch?v=HmcfMBYvIE4, Text: http://www.songtexte.com/songtext/electra/grosse-fenster-63fc3a6f.html), dem Flaggschiff der Ostberliner Singebewegung. Es ging darum, das Verhängnisvolle dieser Ideologie der Transparenz herauszuarbeiten.

    Alexander Sorge
    09. Juli 2017 19:01

    Das auf III, IV folgt ist insofern mal spannend, da beim Lesen von III ein scheinbar und offenbar einfaches Gegenbeispiel auf der Hand liegt, dieses aber mit IV aufgegriffen und nun mehr als offensichtlich wird, wie verkrampft die Argumentation ist.

    Nemo Obligatur
    09. Juli 2017 20:23

    Jetzt lese ich das schon zum dritten Mal und es wird immer besser. Bevor ich den Laptop für heute zuklappe, möchte noch den Punkt II. mit dem heutigen Sonntagsheld kurzschließen (der Link ganz am Schluss, "Millwall II", wer des Englischen mächtig ist, sollte es lesen, andächtig innehalten und sich dann den Zugführer beim Rapport bei Frau vdL vorstellen).

    Nr. VII. ist wirklich gut. Auch die Reihenfolge stimmt. (@Monika). Eben nicht "Frauen und Kinder" zuerst. Es ist ja kein Schiffsuntergang, auch keine wertende Aufzählung. Eher das worauf der Blick fällt oder eben nicht fällt, wenn man am Schreibtisch sitzt und sich umschaut.

    rautenklause
    09. Juli 2017 22:40

    Ulrich Schacht bemerkte treffend: "Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz". Der hier im Blog und Magazin schon mehrfach erwähnte Byung-Chul Han hat ein kleines, explosives Bändchen "Transparenzgesellschaft" veröffentlicht, das die Problematik eindrücklich vertieft.

    https://antaios.de/detail/index/sArticle/42831

    Monika L.
    10. Juli 2017 09:04

    -meine politische Romantik -

    schön, das bedarf m, E. einiger Entfaltungen an eigenem Ort

    Nur kurz: Nikolaij Berdiajew unterscheidet in seinem Werk DER SINN DER GESCHICHTE (entstanden zwischen 1920-22 ) zwischen Zivilisation und Kultur. Zitat: "Die besten Menschen des Westens empfanden jenen tödlichen sehnsüchtigen Trübsinn infolge des Sieges des Mammonismus im alten Europa, des Todes der geistigen Kultur - der heiligen und der symbolischen - in der seelenlosen, technischen Zivilisation..." Sensenmann, ununterbrochene Linie der Vorfahren, alte deutsche Volkslieder... lieber lucide als transparent: https://m.youtube.com/watch?v=AYTaZGjVMr0

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