14. Juli 2017

Das war's. Diesmal mit: Kubitscheks Leber, unserer Edda und anderen Reinigungsorganen

von Ellen Kositza / 10 Kommentare

11.07.2017 -- 11jährige Jungs sind so unendlich naiv. Haben einen Hochdeutschen dieses Alters zum Besuch. Sind am Badesee. Nicht viel los.

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Als ein Proletarier ins Wasser geht und Richtung Lebenspartnerin losquäkt, wie kalt es sei, gucken wir alle kurz auf. Das Gastkind hingegen durchzuckt es. Richtet sich auf, blinzelt nervös zu uns. Ob der das ernst meine? Ob das sein könne, „in echt?“

„Naja, findet der halt.“ Unser junger hochdeutscher Gast: Ob man – sprich: wir – nicht auch mal gucken wollten, ob wir was finden? „Hm? Ihr wart doch schon im Wasser!?“

Derweil nörgelt der Sachsen-Anhalter heldentönig weiter: „Boar, hior is gold!“

12.07.17 -- In meiner letzten Kolumne hatte ich über das Elend der zeitgenössischen Lokalpresse geätzt. Viele Leser hatten mir sekundiert, darunter „Boriqua“:

Wenn der Abfall wenigstens kostenlos wäre, könnte ich noch drüber schmunzeln, aber er kostet so zwischen 300 und 400 € im Jahr.

Dazu muß ich fragen: Ist das Altstoffesammeln wohl ein Ossi-Relikt? Zumal, was Altpapier angeht? Dazu zwei kleine Anekdötchen. Erstens, bei uns sammeln sämtliche Kindergärten und Grundschulen Altpapier. Sie verkaufen es und schaffen aus dem Erlös nette Pausenhofspielzeuge für die Kleinen an. Daneben finanzieren sie davon Pokale, einen davon hat unsere Jüngste (490 kg Altpapier im Schuljahr 2016/17) eingeheimst:

Zweitens: Einmal sahen wir uns in den Ferien mit Bergen von Altpapier und geerbten Altbüchern konfrontiert. Das Zeug stand rum und nahm Platz weg. Kindergarten und Schule waren geschlossen. In der örtlichen Altpapiersammelstelle nahm ich für meine Autoladung um die 30 Euro ein. Das Tolle: Die beiden jungen Herren Sammelstellenleiter waren sogenannte Geschichtsfreaks und bekamen Stielaugen bei diesem und jenem Buch, was ich zur Wiederverwertung abgeben wollte. Namentlich waren es drei Werke, die im Titel den Namen Rudolf Heß trugen. „Könnse doch nicht wegschmeißen. Da gibt´s Lesebedarf!“ Na bitte. Schön, wenn alle glücklich sind.

13.07.2017 -- Hin und wieder gab es die Idee, diesem Netztagebuch eine Leiste „Die anderen über uns“ hinzuzufügen. Es kommen hin und wieder Leserzuschriften, die uns auf Altbekanntes hinweisen („Haben Sie eigentlich schon bemerkt, daß sich nun selbst der Spiegel mit Ihnen befaßt hat?“), und andere, die Hinweise beinhalten, die uns glatt entgangen wären.

Auf den Report des Philosophie Magazins, ab heute am Kiosk, war ich mal ernsthaft gespannt. Es hatte unter uns Eheleuten einen kleinen Dissens gegeben über den Besuch des Prof. Dr. Felsch bei uns im Juni. Kurz gesagt, er (Kubitschek): „Völlig unter Niveau. Schrieb, er will den geisteswissenschaftlichen Hintergrund der Neuen Rechten erforschen. Und dann fragt er, wer bei uns den Abwasch macht und wie wir den Alltag handhaben.“ Diesen Unwillen hatte K. auch im Gespräch geäußert. Er habe gedacht, sagte er zu Felsch leicht verärgert, jetzt werde mal Tacheles geredet, zur Schmitt-Rezeption, zu Sieferle, sowas.

Ich, das Naiverle: „Och, wieso? Fand ihn nett. Das Ziegen-Kinder-Selbstversorger-Zeug gehört halt dazu. Kann er doch fragen. Logisch ist doch das Private politisch! Der wird es schon einordnen können. Und wenn er falsche Schubladen auftut bei seinem Ordnungmachen. Egal, die Dinge schlüpfen eh unter der Hand an ihren richtigen Platz.“

Mich persönlich stimmt eigentlich jede Form der Berichterstattung heiter. Felsch war mir sympathisch. Klar, Typ Schreibtischtäter, habituell verunsichert in puncto Lebenswirklichkeit. So sind sie. Kennt man. Heute haben wir die Druckausgabe zu Gesicht bekommen, naja. Photo von Kubitschek, als habe er Beschwerden mit der Leber. (Ist nicht so.)

Es gibt aber seit heute einen Klopper mit der Tendenz zum Dauerwitz innerhalb der Bürogemeinschaft: „Leute, denkt dran, in der Mittagspause ist wieder Edda-Lesung!“ War so: Kubitschek hatte den Prof. Dr. ins Wohnzimmer geführt und, hochironisch und mit Anspielung auf einen auf dem Professor bekannten FAZ-Bericht, auf die Bücherregale verwiesen: „Hier natürlich unser dürftiges Leib-und-Magen-Programm: Riefenstahl, Wehrsportgruppe Hoffmann und die Edda in doppelter Ausgabe!“

Daraus wurde nun im Druck, dixit Felsch: „Götz Kubitschek, rechter Verleger und Ideengeber der AfD, ist stolz darauf, dass er die 'Edda', den germanischen Sagenzyklus, in zwei Ausgaben besitzt."

Und sonst so? „Für Kubitschek ist es selbstverständlich, daß seine Frau die Aufgaben erledigt, die ihr 'im Haushalt zufallen', während er am Schreibtisch sitzt.“ (Ergänze: Für Prof. Dr. Felsch ist es selbstverständlich, daß er solche Fragen nicht an die Frau richtet, die kurz nach dieser Frage am Gesprächstisch Platz nahm.)

Und weiter? Ach komm. Da saß einer, ein netter, und wußte kaum wohin mit seinen Gedanken. Wir sind „die Kelly Familiy der neuen Rechten“, die mit den „großen rechten Fantasien“. Paßt schon alles. Auch das von fremder Hand Passendgemachte. Auch tüchtige Menschen, die bei unserem Lokalblatt Mitteldeutsche in Lohn & Brot stehen, haben das Philosophie Magazin bereits gelesen. Man berichtet heute über die Lektüre und hat dabei eigene Erlebnisse zu bieten:

Wenn es tatsächlich Götz Kubitschek war, der vor ein paar Monaten im Puschkino in Halle saß, während ihm draußen ein Trupp gewaltbereiter Leute, „Linke“ wohl, auflauerte, dann ist der [namentlich nicht genannte  Verfasser dieses Textes dem rechten Verleger aus dem Saalekreis schon begegnet.

Was mag ihn an dem Film „Die Blumen von gestern“ interessiert haben? [ja, das ist wahrlich ein großes Rätsel, E.K.] Dass darin die Juden, der Holocaust und die Verantwortung der Deutschen ein Thema sind? Oder geht er einfach gern ins Kino? In jener Regennacht roch es in Halle jedenfalls nach den letzten Tagen der Weimarer Republik, als Nazis und Kommunisten aufeinanderprallten.

Gerade fand ich im Regal gar keine von unseren beiden ominösen Edda-Prachtausgaben (hab nicht unter Kubitscheks mir seit Jahren allzu opulent erscheinendem Kopfkissen nachgeschaut, zugegeben) und mußte mich mit Googelei abfinden, um einen treffenden Edda-Spruch zum Tage zu finden. Wie wär´s mit dem:

Freu dich über Übles nie und tu Gutes gern.

Oder dem:

Ein unkluger Mann meint sich alle hold, die ihn nur anlachen. Kommt er zum Ting, so erkennt er bald, daß er nur wenige Helfer hat.

Oder dem?

Eigen Haus, ob eng, geht vor, daheim bist du Herr. Zwei Ziegen nur und aus Zweigen ein Dach ist besser als Betteln.

Ach, unsere Edda!

14.07.2017 -- ZEIT-Lektüre. Rubrik „Ich hätte da gern mal ein Problem“, Folge 634: Überschrift „Google und die Frau am Herd“. Es geht darum, daß die „künstliche Intelligenz“ „voller Tücken“ stecke und anfällig sei für Rassismus und Sexismus. Man will es nicht glauben: „Wer zum Beispiel bei Google nach Fotos zu dem Begriff ‚Hände´ sucht, erhält vor allem Bilder von weißen Händen“. Abscheulich!

Folge 635 findet statt im beliebten, seit langem diese Zeitung dominierenden Subgenre „Die fiesen Maschen der Rechtspopulisten“. Der in Harvard lehrende Politologe Yascha „Findefuchs“ Mounk beklagt, daß die „pseudointellektuelle“ Neue Rechte „etablierte Institutionen bewusst imitiere: Wenn sich der Name des privaten, rechtsradikalen Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda allzu leicht [!] mit dem Namen des staatlichen Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München und Potsdam verwechseln läßt, ist dies kein Zufall.“

Oho! Ein Sonderproblem! Auch dazu möchte ich gern unsere beiden Edda befragen, lande aber doch nur bei Google: „Die zappelnde Zunge, die kein Zaun verhält, ergellt sich selten Gutes.“ Frage mich bitte keiner nach der Bedeutung von „ergellen“, aber wie man nach der ZEIT-Lektüre ahnt, kann dahinter nur ein sexistischer/rassistischer Algorithmus stecken.

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Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (10)

Schattenfels
14. Juli 2017 10:07

Das erinnert mich an eine Geschichte der Digedags, als sie Reporter beim "New Orleans Magazine" waren. Sie hatten in ihrem Blatt doch tatsächlich verkündet, das Colonel Horatio Springfield vom Pferd gefallen und in einen Tümpel getürzt war. Der aufgebrachte Colonell stürmte mit geladenen Revolvern die Redaktion. Es stellte sich heraus, dass dem ehrenwerten Mann nur sein Hut beim Reiten weggeflogen waren. Zur Ehrenrettung der Digedags muss gesagt werden, dass sie als findige Reporter einfach nur eine Geschichte erzählen wollten, die doch so gut ins Bild passt. Ich wollte sie damit übrigens auf keinen Fall zu geladenen Revolvern ermutigen!

marodeur
14. Juli 2017 10:33

Ja die Altstoffsammlung war eine ernste Sache für uns Ostkinder. Die Einnahmen von der Annahmestelle waren fester Bestandteil des Taschengelds. Kinder mit Bollerwägen voll sauber verschnürtem Papier auf dem Weg zu "SERO" gehörten zum Straßenbild.

Leider gab es auch noch die regelmäßigen Sammlungen für die Schule. Es wurde ordentlich Druck aufgebaut durch Belobigungen für die fleißigsten Sammler und öffentliche Tadel für die Kinder ohne Beiträge. Da wir auf die Einnahmen angewiesen waren, gab es meistens pünktlich zur Schulaktion kein Altpapier mehr im Haus. Das hieß, man musste los und in der Nachbarschaft fragen. Die unangehme Klingelei bei irgendwelchen sturz betrunkenen Männern hängt mir bis heute nach.

Was das Private und das Politische angeht, so scheint das eine ausschließlich rechte Erscheinung zu sein. Man erwartet von uns enorme Disziplin. Unsere blonden Kinder wurden schon öfter mal als politisches Statement gewertet (als hätten wir eine Art Lebensborn geplant). Bei Linken wird keinerlei Konsequenz eingefordert. Hatte zum Jahreswechsel eine sehr aufgeregte Diskussion mit einem liberalen Freund, der das traditionelle Familienmodell der AfD verteufelt. Und gleichzeitig lebt er in genau so einer Rollenverteilung mit seiner Frau. Wie halten diese Menschen so eine permanente Janusköpfigkeit aus?

Gustav Grambauer
14. Juli 2017 11:03

Erinnerungen kommen hoch: wie meine Schulklasse entlang der "Brigaden des sozialistischen Lernens" in Drückerkolonnen für den "Sozialistischen Wettbewerb" eingeteilt wurde, die bei den Leuten systematisch für SERO klingeln sollten. Für mich hieß "Drückerkolonne": mich ganz schnell verdrücken ...

https://www.youtube.com/watch?v=65d_4GQR27c

Wen traf ich, als ich an dem Wagen stattdessen mein Taschengeld mit unserem eigenen Altpapier aufgebessert habe, und wem war diese Begegnung hochnotpeinlich?! Unserer Gruppenratsvorsitzenden und Klassenstreberin, die ebendies tat.

Diese Typen hätten tatsächlich auch den zusammengekippten Rest

"... egal ob Wein oder Hell /  aus dem alten Herrn Boll von der Annahmestell`"

gesoffen.

"Müllschlucker" waren Schächte mit Klappen in den Stockwerken der Vollkomfort-Varianten der Ostberliner Hilberseimer-Platten, in die jeder Haushalt seinen Müll kippen konnte, um die Wege nach unten zu den Containern einzusparen. Viele haben den Weg zur Specki-Tonne gleich mit eingespart, und so stanken diese Häuser durchdringend nach den Verwesungsresten, die an den Wänden klebenblieben oder auf die sich unten schon die Ratten freuten. 

Herrlich sexistisch die 3. Strophe, aber diese Pikanterie haben diese Typen in ihrer Verhausschweinung nicht mal bemerkt!

- G. G.

Lotta Vorbeck
14. Juli 2017 13:03

Gustav Grambauer - 14. Juli 2017 - 11:03 AM

Erinnerungen kommen hoch ...

___________________________

... und als wir dreisterweise tatsächlich doch mal auf eigene Rechnung gesammelt hatten, da war was los! - Die "Maßnahmen" blieben nicht auf die Schule beschränkt, abends gab's dann noch einen zünftigen "Elternbesuch".

Tobias aus DD
14. Juli 2017 13:46

Wahrscheinlich bin ich einfach zu jung, aber 1982 haben wir nur die SERO Quittungen (so lange, ca. 1cm breite Papierstreifen) in der Schule abgegeben.

Das wurde für den "Wettbewerb" gezählt, das Geld konnten wir Kinder behalten. Meine Oma hatte einen privaten Haushaltwarenladen, da gab es immer Unmengen "Wellpappe" aus diversen Umverpackungen, ich glaube zu 30 Pfennig das Kilo, das war jedesmal der absolute Renner. Sie hat natürlich das ganze Jahr über für die Enkel gesammelt. Der erste Platz war uns sicher :-)

Franz Bettinger
14. Juli 2017 14:56

Köstlich! Riefenstahl, die Wehrsport-Gruppe Edda, der Abwasch und die 7 Zwerge hinter den Schnellrodaer Bergen.

Henrik Linkerhand
14. Juli 2017 16:16

@Schattenfels

Meine Lieblingsepisode: Die Digedags beim Beschuss von Fort Sumter zu Beginn des Sezessionskriegs, damals noch auf der anderen Seite. Die Digedags als identitäre Musketiere schreit geradezu nach einem Revival.

 

Rosenkranz
14. Juli 2017 16:17

Ich war in der zweiten Klasse der beste Altpapiersammler gewesen. So steht es bei mir im Zeugnis. Die schlaueren Kinder, haben dann doch lieber die Altstoffe zur SERO gebracht.

Auch habe ich damals Eicheln und Kastanien bei der Forstwirtschaft gegen Geld abgegeben. Bei uns grenzte in der Schorfheide das Jagdrevier vom Honnecker an. Da wurde das Wild über das ganze Jahr kugelrund gefüttert, damit der Staatsratsvorsitzende auch mal einen prächtigen Hirsch vor die Flinte bekam.

Und noch einen Vorteil hatte das. Einmal setzte der "Erich" mit seinem Volvo bei uns vor dem Haus auf dem Kopfsteinpflaster auf. Kurze Zeit später kam ein Pioniertrupp von der NVA und baute uns eine wundervolle Asphaltdecke. Schöne Zeiten.....

Theobald
17. Juli 2017 06:43

Ist es schlimm als Wessi die Digdags ebenfalls schon als Kind (Jahrgang 1971) gelesen und geliebt zu haben :-) ? Dachte lange Zeit, dass die doch jedes Kind kennen müsste. Habe dann aber feststellen müssen, dass ich dieses "Privileg" wohl nur einer ausgezeichneten Stadtteilbibliothek in meiner Heimatstadt zu verdanken hatte. 

Lotta Vorbeck
17. Juli 2017 10:48

@Theobald - 17. Juli 2017 - 06:43AM

Ist es schlimm als Wessi die Digdags ebenfalls schon als Kind (Jahrgang 1971) gelesen und geliebt zu haben :-)

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Nö, das ist überhaupt nicht schlimm.

Das "Mosaik" ist seinerzeit ganz offiziell in sämtliche deutschsprachige (und etliche andere) Länder exportiert worden.

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