14. August 2017

Sozial, ohne rot zu werden? (2)

von sezession / 32 Kommentare

Siegfried Gerlich und Benedikt Kaiser führen ihren brieflichen Schlagabtausch über die soziale Frage von rechts fort. Nun kann auch kommentiert werden!

Hamburg, 20. Juni 2017

Lieber Herr Kaiser,

haben Sie vielen Dank für Ihr freundliches Antwortschreiben, in dem Sie zumindest ein zentrales Mißverständnis meinerseits benennen, an welchem Sie aber vielleicht nicht ganz unschuldig sind, so daß ich es nur teilweise als ausgeräumt betrachten kann.

Wenn Sie nämlich, was »Maximalprogramme« und »große Entwürfe jenseits des Kapitalismus anbelangt«, nunmehr bescheiden einräumen, »keine Patentrezepte« zu haben und »passen« zu müssen, so erleichtert mich dies zwar ungemein, aber dazu will doch nicht recht passen, daß Sie in Ihrem Querfront-Büchlein der Imperialismusschrift von Lenin, der darin in der Tat ein maximalprogrammatisches Patentrezept ausstellte, vollmundig unverminderte Aktualität bescheinigen.

Gleichviel: An Ihrer Werbung für »Alternativität und Solidarität jenseits des kapitalistischen Betriebes« habe ich so wenig auszusetzen wie an anderen Versuchen, ein richtiges Leben im Falschen zu führen, und selbst an Ihrer Charakterisierung meiner Bedenken als »bürgerlich-konservativ« nehme ich keinen Anstoß, solange Sie mich nicht des Wirtschaftslobbyismus bezichtigen.

Grundsätzlich zustimmungswürdig, obschon um andere Weltübel ergänzungsbedürftig, finde ich auch den von Ihnen bekenntnishaft zitierten Satz Drieus, nötig sei eine politische Arbeit, die auf dem »gründlichen Bewußtsein der sozialen Unordnung« beruht, welche durch einen »dekadenten Liberalismus, durch einen Kapitalismus bar jeder Tugend« hervorgerufen worden sei.

Und wenn mich dieses Zitat in seinem moralistischen Impetus auch an P. J. Proudhon erinnert, der von Marx wegen seines kleinbürgerlichen Anarchismus attackiert wurde, so bestätigt dies wiederum nur, daß Sie tatsächlich als Angehöriger einer anderen Famille spirituelle argumentieren, und es erklärt nicht zuletzt, warum Sie sich so »gänzlich unbefleckt von historischen Altlasten des real-existierenden sozialistischen Lagers« wähnen.

Allerdings bleibe ich weiterhin skeptisch gegenüber der unbefleckten Empfängnis »reiner« Theorie, auf die sich ja auch linke Denker gern herauszureden pflegen, nachdem genügend Proben aufs Exempel gemacht und nie bestanden wurden; denn immer, wenn Revolutionäre zur politischen Tat oder Untat schritten, war es um die reklamierte Jungfräulichkeit ihrer Utopie geschehen. Ich will Sie, als Experten auf diesem Gebiet, aber nicht über die überraschenden Wahlverwandtschaften unterschiedlicher geistiger Herkunftsfamilien belehren, sondern lieber auf ein Mißverständnis Ihrerseits aufmerksam machen, das immerhin einen wichtigen Punkt unseres Dissenses betrifft:

So machen Sie gegen meine Rettungsabsicht des National- und Sozialstaates geltend, es gäbe »keine nationale Bourgeoisie mehr, mit der zu kooperieren wäre«. Das sehe ich nun ganz genauso, und darum habe ich als Kooperationspartner gerade nicht die wirtschaftlich herrschende Klasse empfohlen, sondern vielmehr den zu einer politischen Kaste verkommenen Staat, der sich durchaus auf seinen ursprünglichen Daseinszweck zurückbesinnen könnte, gegenüber den Privatinteressen der Ökonomie eine maßgeblich am Gemeinwohl ausgerichtete Politik zu betreiben.

Daß die von Ihnen festgestellte und für unsere globalistische Epoche fraglos charakteristische »Tateinheit« politischer und wirtschaftlicher Eliten gleichwohl keine überall vorfindliche und unveränderliche Gegebenheit ist, sondern durch eine Renationalierungspolitik durchaus aufgebrochen werden kann, zeigt doch gerade die gegenwärtige antiglobalistische Tendenzwende in mehreren osteuropäischen und sogar den mächtigsten angloamerikanischen Staaten (was natürlich nicht heißt, daß man es dort besonders geschickt anstellte und dabei nicht auch mit Risiken und Nebenwirkungen zu rechnen wäre).

Daher leuchtet mir nicht ein, inwiefern meine Verteidigung des Nationalstaates »romantischer« Natur sein sollte. Ein starkes Stück »politischer Romantik« bieten Sie allemal selbst, wenn Sie sich zu dem »unzerstörbaren Gefühl für das Vaterland« bekennen, welches sich nach Ihrer Verabschiedung des Staates aber doch unweigerlich in eine auch von keiner anderen Macht mehr geschützte Innerlichkeit auflösen würde.

Überhaupt scheint mir Ihre »realistische Lageinschätzung« nur die liberale Lektion des »It's the economy, stupid!« zu wiederholen, die freilich immer auch ein linker Gemeinplatz gewesen ist: Wie schon Marx sein rein ökonomistisches Staatsverständnis, welches der Eigengesetzlichkeit des Politischen kaum Rechnung trug, von der liberalen Nationalökonomie übernommen hatte, so behauptete später Lenin die nationalstaatliche Unreformierbarkeit der kapitalistischen Krisenökonomie, welcher vielmehr eine unaufhaltsame Tendenz zu imperialistischer Expansion innewohne.

Und nach Maßgabe desselben reduktionistischen und deterministischen Ökonomismus verschnüren schließlich auch Sie Kapitalismus und Imperialismus zu einem »Kausalzusammenhang ohne Chance auf Trennung«.

Damit komme ich endlich zum jüngeren Zwillingsbruder »Imperialismus«: Daß die seinerzeit kapitalistisch fortgeschrittensten Länder in Anbetracht von Überakkumulation und Unterkonsumption längst zur Erschließung von neuen Anlagemöglichkeiten fürs Kapital und Absatzmärkten für Waren übergegangen waren, hatte Lenin bei J. A. Hobson gelernt. In seiner weitergehenden Annahme aber, der Monopolkapitalismus wäre ohne solches imperialistische Ausgreifen in Übersee bis zur vollständigen Aufteilung der Welt unweigerlich zusammengebrochen, konnte sich Lenin keineswegs auf Hobson berufen, der realistischer damit rechnete, daß sich das Problem der Absatzkrisen durch eine zur Hebung der Massenkaufkraft beitragende aktive Sozialpolitik bewältigen ließe.

Vor allem aber hatte Hobson die mangelnde Rentabilität der imperialistischen Kolonialherrschaft herausgestellt, von der lediglich das Finanzkapital profitierte, während die Staatsmächte für die zivile Verwaltung und miltärische Sicherung der Kolonien allemal draufzahlten. Und für Joseph Schumpeter stellte der ausgerechnet in Zeiten eines durchrationalisierten Kapitalismus auftrumpfende Imperialismus sogar einen »irrationalen Atavismus« dar: ein letztes Aufbäumen durchweg vorkapitalistischer, noch absolutistisch geprägter politischer Machteliten aus Adel und Militär, die eben nicht aus ökonomischem Kalkül, sondern aus politischem Prestigestreben Eroberungsprojekte auf den Weg nach Afrika brachten, nur um dort, koste es was es wolle, einen »Platz an der Sonne« zu ergattern.

Hannah Arendt schließlich schüttelte nur noch den Kopf darüber, daß zu einer Zeit, als »der ökonomische Faktor längst dem imperialen zum Opfer gefallen war«, sozialistische Theoretiker sich weiterhin damit abmühten, die »Gesetzmäßigkeit des Imperialismus« zu entdecken. Diese Ihnen zweifellos bekannten Einwände gegen Lenins Imperialismustheorie scheinen mir jedenfalls auch auf die unausgeprochenen konzeptionellen Prämissen Ihres Antiimperialismus zuzutreffen!

  • Kommentare (32)

    Der_Jürgen
    12. August 2017 12:34

    Ein Dialog auf hohem Niveau, von zwei hellen Köpfen geführt, und dennoch nicht ganz befriedigend, weil er zu sehr im Abstrakten, Theoretischen verharrt. Ich hoffe, dass zentrale Fragen wie die nach der Abschaffung des Finanzkapitalismus (im Gegensatz zum produktiven Kapitalismus) und der Nationalisierung der Banken hier früher oder später zu Wort kommen werden.

    Franz Bettinger
    12. August 2017 14:06

    Linke Bocksprünge nach Rechts
    Querfront gegen 300 Oligarchen

    Die Neuen Rechten sind antifaschistisch. Das kapieren die Linken nicht. Zunächst hielten sie es für Taktik. Die heutigen Rechten sind weltoffene Patrioten mit einer sozialen Verantwortung, bei der einem das Hemd aber näher bleibt als die Jacke. Anders gesagt: Der Rechte zieht im Zweifelsfall das Eigene dem Fremden vor. Eine Binse so alt wie die Menschheit, ja eigentlich, würde die Viererbande Merkel-Junker-Draghi-Schulz nicht gerade Orwell's '1984' aufführen. Die Rechten halten dagegen wie einst die Linken. Linke wie Rechte sind gegen das Primat der Wirtschaft, des Profits und des Konsums, gegen Wachstum um seinetwillen und zu jedem Preis. Die rechten Parolen waren einmal linke, nur fällt das kaum noch einem auf. Aber es sind heute nur noch die Rechten, die gegen die globalistische Vereinheitlichung der Welt und gegen die vermischende Vermassung der Menschen und ihrer Kulturen aufstehen. Die Rechten sind für verschiedene Identitäten.

    Der Gegner? Das sind nicht die Ausländer, nicht die Einwanderer, ja nicht mal die Linken. Der wirkliche Gegner, das sind die 300 Familien, die Clintons, Bushs, Rothschilds, Soros, die im Hintergrund schon immer die Fäden spannen und Rechts gegen Links ausspielten; zu Scheingefechten, und auch blutigen. Der Gegner? Das ist die Macht-Clique, der es immer nur um sich selbst geht, um die Perpetuierung ihres Geld-Adels.

    Nun ist den Oligarchen gelungen, sogar den einstigen Gegner vor ihren Karren zu spannen, die Linken, small wonder angesichts der traurigen Tatsache, im linken Dunstkreis kaum noch eine Geistesgröße anzutreffen, die den Durchblick hätte. Selbst die Wagenknecht hat zu viele blinde Flecke im Gehirn, gerade auch was die Einwanderung betrifft. Die systematische Entbildung hat Früchte getragen. Schlimme Früchte, deren letzte, erbärmliche Waffe nicht die Vernunft ist, sondern die Unterdrückung der freien Meinung. "Auf den Hund gekommen," hätte mein Vater gesagt.

    Ja, ich bin ein Rechter. Dabei steckt viel Linkes in mir. In jedem steckt beides. Diese zwei Seelen in der gleichen Brust aber auseinander zu reißen und aufeinander zu hetzen, ist der alte Trick der 300 Oligarchen, die die Welt seit 200 Jahren unter sich aufteilen und, egal wie ihre Kriege enden, selbst immer oben schwimmen.

    Wenn man den Gegner klar links verortet, macht es Sinn - nein, es zwingt einen die Logik, sich selbst als rechts zu erklären, auch wenn man erst mal schlucken muss, weil das eigene linksgedrehte Hirn Bocksprünge macht. Das Pferd muss also eingeritten, gezähmt und in ordentliche Bahnen gelenkt werden. Wie? Durch die Zucht der Logik und durch Bildung. Also her mit den Geschichtsbüchern, mit Fernau, Spengler, Jünger und Nietzsche. Ich hätte seit 2008 auch ein Linker sein und bleiben können, aber dort herrschte eine geistige Öde, Bewegungslosigkeit, Langeweile, die einheitspinselige Spielzeugwelt von Kindern. Nein, Bocksprünge waren nur nach rechts möglich.

    Querfront? Aber ja. Allerdings ist die Linke intellektuell keine Stütze mehr. Emotional schon, da wäre die Linke brauchbar! Denn die Globalisten haben sich der linken Kinder bemächtigt. Sie haben sie mit naiven Parolen wie "One World, No Borders" infiltriert und bis in den Subcortex durchdrungen.

    Meine eskapistischen linken "Freunde" verstehen die Lage nicht. Sie kapieren nicht, dass wir uns in einer Art Jahr 1934 befinden, in dem die Weichen falsch gestellt werden, und wo es bald kein Zurück mehr geben wird. Meine Briefe haben sie sich verbeten. Der Kontakt ist abgerissen. Ich soll ihre Gartenzwerg-Idylle nicht stören, ihre letzten Tage von Sodom. Ein schwacher Trost: Die meisten sind noch jung genug, um sich über ihr Versagen noch mal sehr schämen zu müssen. Mein kleines Glück im großen Unglück ist meine Familie, die zu mir steht, und ein paar wenige alte Freunde, die geblieben sind, als es schwer wurde. Immerhin.

    ALD
    12. August 2017 15:12

    Vielen Dank für die Veröffentlichung dieses äußerst geistreichen und informativen Briefwechsels.

    Herr Kaisers Denken, seine Ideen und Aussichten sind Teil einer sich weltweit fomierenden intellektuell-politischen Strömung, die die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen hat und ein auf Vermeidung gewaltvoller Konflikte und dem fairen Handel und sinnvollen, freiwilligen, kulturellen Austausch basierendes Nationalstaatengefüge hinzielt. Dieser politische Ansatz ist quasi eine Essenz aus allem Vernünftigen, zeitlos Anwendbarem und Natürlichem, das jedwede bis dato bekannten politischen Systeme hervorgebracht haben.

    Im Zentrum dieser neuen Epoche der Stabilität, des kooperativen und konstruktiven Austausches steht Eurasien. Die Neue Seidenstraße wird für Wohlstand und Entwicklung in Asien, und Stabilität und Bewahrung der identitären Homogenität in Europa sorgen.  Was wir derzeit erleben ist der sich äußerst schwierig gestaltende Aufbruch in dieses eurasische Zeitalter. Mögen doch möglichst viele Anhänger der Neuen Rechten als auch der Linken in Deutschland dies erkennen, dementsprechend ihre politischen Gegner als auch auch ihre strategischen Verbündeten richtig einordnen und  daraus ihre politischen Forderungen ableiten. Der Rest ergäbe sich ganz von selbst...

    niekisch
    12. August 2017 16:31

    Eines Morgens ging ich Richtung Innenstadt an einem großen Müllcontainer vorbei, dessen schwerer Deckel gerade von einem älteren, ganz normal gekleideten Mann hochgewuchtet wurde. Als derMann sich nach innen beugte  fragte ich ihn, warum er das nötig habe. Er murmelte etwas von kleiner Rente und setzte hinzu: "Warum fragen Sie mich? Das hat noch keiner getan." Darauf ich:  "Weil mich das Schicksal meiner Landsleute noch interessiert."

    Wir unterhielten uns länger und ich drückte ihm einen Geldbetrag in die Hand. Später ging mir der Gedanke durch den Kopf, daß wahrer Sozialismus als Ausgangspunkt immer nur den individuellen Charakter, einen am Ort gewachsenen Geist, eine volksgemäße Haltung, ein immaterielles Gemeinschaftsinteresse haben kann. 

    Da treten dann alle Gedanken an marxistische, liberalistische und sonstige internationalistischen Systeme, Querfronten, Farben, Fahnen, Symbole, Abgrenzungen und Feindschaften in den Hintergrund.

    Wir alle sind Gemeinschaftswesen, die um der Gemeinschaft willen zusammenfinden sollten.

    Die Auflöser aller Dinge sollen an uns zerschellen!

    Caroline Sommerfeld
    12. August 2017 19:50

    Sehr wichtige Debatte! Doch wie halten Sie's mit der Utopie, lieber Benedikt Kaiser? Linkes Denken ist seiner Natur nach teleologisches, utopisches Denken. Streicht man die Utopie des neuen Menschen durch neue Verhältnisse, bleibt nichts mehr übrig von der "Sozialen Frage", außer die Verhältnisse deskriptiv zu beobachten. 

    @niekisch

    Zweierlei dazu:

    Ich hatte als Kind ein Buch von James Krüss, "Das große Buch vom Menschen und von seiner Erde". Darin stand ein Kapitel "Kommunismus". Mich hat der Satz darinnen "Ein Kommunist ist nicht einer, der einem Bettler 5 Mark gibt, sondern einer, der will, daß es keine Bettler mehr gibt", damals sehr beeindruckt. Heute kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß das ideologische Indoktrination war. "Das ist eine sehr gute Idee Frau Merkel. Dann sind sie bestimmt auch dafür, das den deutschen Rentnern kostenlos eine Greifhilfe zur Verfügung gestellt wird.Man kann doch den armen alten Menschen wirklich nicht zumuten, sich den ganzen Tag bücken zu müssen, beim Flaschen sammeln. Unsere Steuergelder werden ja für Andere gebraucht." (aus den Kommentaren zu Merkels gewünschter Erhöhung des Migrantenzahl, Focus, gefunden auf JouWatch)

    Jürg_Jenatsch
    12. August 2017 21:35

    Vielen Dank beidenTeilnehmer für den beeindruckenden Diskurs, den sich 2 Selbstdenker hier liefern konnten. Gleichwohl tendiere ich eher zu Herrn Kaiser. Gerade der letzte Absatz sollte der Rechte ins Stammbuch geschrieben werden.

    Der „Hauptgegner“ in diesem vielschichtigen politischen Prozeß ist dabei klar: Es ist „der Kapitalismus und die Konsumgesellschaft auf ökonomischer Ebene, der Individualismus auf philosophischer Ebene, die Bourgeoisie auf gesellschaftlicher Ebene und die USA auf geopolitischer Ebene“.

    Entweder wird die Rechte auch sozial denkend, oder sie wird gar nicht sein.

    Cacatum non est pictum
    13. August 2017 00:52

    Ein hervorragender Gedankenaustausch, der zu den diesjährigen Höhepunkten bei der Sezession im Netz gehören dürfte. Rein stilistisch ist allerdings zu bemängeln, dass sich beide Autoren nach Soziologenmanier in verkopfter Intellektuellensprache verlieren. Das macht das Leseereignis nicht gerade vergnüglicher, schmälert aber den interessanten Inhalt nicht. In dem Dialog sind so viele wichtige Punkte angeschnitten worden, dass man nicht alle in Kürze debattieren kann. Es folgen daher nur wenige Anmerkungen.

    Wie auch immer Sie diese Fragen im einzelnen beantworten: Daß Sie zumindest vorrangig den »westlichen Imperialismus« als Feind bestimmen, scheint mir evident, und gegen diese Feindbestimmung möchte ich zu bedenken geben, daß Sie sich dabei wohl auf Lenin, nicht aber auf Marx berufen können.

    Ich vertrete nach wie vor den Standpunkt, dass die Geopolitik viele blinde Flecken hat. Sie mag bei strategischen Überlegungen in der Politik assistieren; aber sie erklärt nicht, wer politische Prozesse aus dem Hintergrund steuert. Dass ein Donald Trump Nordkorea und Venezuela mit Krieg oder Intervention droht, ist sicher nicht im Interesse des amerikanischen Volkes, dessen Wohl der Präsident zu garantieren hat. Aber es könnte im Interesse derjenigen sein, die mit dem Instrument des weltweit etablierten Zinsgeldsystems beständig ihren Reichtum mehren und Systemabweichler gern massakrieren (siehe z.B. Saddam und Gaddafi), während man dem Volk über die gelenkten Medien mitteilt, dass man lediglich Schurken beseitigt hat, um in den betroffenen Staaten das gottgleiche politische System der Demokratie zu etablieren.

    Nun: In dem Maße, wie die imperiale Macht der USA schwindet, werden sich die Strippenzieher anderer Marionetten bedienen, um ihre ökonomische Raffgier zu befriedigen und militärisch abzusichern. Mein Tip für die Zukunft lautet China. Die Freimaurerei hat dort schon lange Fuß gefasst, und dem Schuldgeldsystem droht aus China bislang ebenfalls keine Gefahr.

    Der „Hauptgegner“ in diesem vielschichtigen politischen Prozeß ist dabei klar: Es ist „der Kapitalismus und die Konsumgesellschaft auf ökonomischer Ebene, der Individualismus auf philosophischer Ebene, die Bourgeoisie auf gesellschaftlicher Ebene und die USA auf geopolitischer Ebene“.

    Reden wir, bevor wir das Wort Kapitalismus in den Mund nehmen, über das Zinsgeldsystem. Es gehört abgeschafft. Basta. Ohne Zinsgeldsystem auch keine uferlose Monopolbildung, wie sie Karl Marx dem Kapitalismus angedichtet hat. Ich wundere mich immer wieder, dass man das - auch hier bei SiN - so selten thematisiert. Es scheint zu den größten politischen Tabus unserer Tage zu gehören.

    Nautilus
    13. August 2017 02:27

    @Franz Bettinger 

    ich glaube schon das Linke wissen, dass die neue Rechte antifaschistisch ist, es geht ihnen aber um die Deutungshoheit der Begriffe.  Auf den linken Kanal KenFM war vor längerer Zeit ein Gast namens Pedram Shahyar, der unbedingt wollte, dass kein neuer Rechter bei diesen Friedensdemos anwesend ist. Ach hier geht es wieder um die Deutungshoheit der Begriffe. Frieden ist Links und Krieg ist Rechts. Das gleiche bei der G20 Veranstaltung, als linksextreme Horden halb Hamburg in Schutt und Asche legten. Da wurde ja auch gesagt, dass dies niemals linke sein können, den linke sind immer friedlich. Die politische Linke hat schon lange ihren Frieden mit den Globalisten gemacht, den beide haben ein Ziel, die Vernichtung der Nationen. Dafür dürfen sie auch wie in Hamburg schon mal eine halbe Stadt ins Chaos stürzen.

    Herr K.
    13. August 2017 11:36

    Der Kernaussage, dass die Rechte sich inhaltlich sozialen Fragen stellen muss, kann ich nur bestimmen. Selbstverständlich ist es mehr als sinnvoll Optionen in der Gegenwart Raum zu geben, als das noch Zeit für überlange Geschichtsinterpretationen bliebe. Das Niveau ist exzellent, manchmal würde ich mir nur etwas mehr Verständlichkeit wünschen, dann kann man auch mehr Breite erreichen. Es muss ja nicht gleich leichte Sprache sein...

    niekisch
    13. August 2017 12:36

    "etwas mehr Verständlichkeit"

    Richtig, Herr K., die fehlt. Vielleicht deswegen, weil es an der Systematik der Argumentation mangelt. Wir alle haben wohl ein wenig verlernt, beim Eigenen anzusetzen. In welcher Lage sind wir gerade jetzt? Genau von da aus muß geprüft werden, was an früheren Lagen und früheren Lösungsansätzen für uns heute noch verwertbar ist. Und überraschenderweise eignen sich da weniger fremdvölkische Denker und Akteure als vielleicht ein Männer wie Hofprediger Stoecker oder Teddy Thälmann, die Deutsches sowohl im Denken als auch im Handeln im Auge hatten. Teddy Thälmann hätte niemals auf deutsche Provinzen verzichtet, niemals wie heute Identitäre und Neurechte Mitteldeutschland als Ostdeutschland bezeichnet. Beginnen wir die Debatte ganz schlicht bei der Frage, wer wir heute sind, wo wir heute noch leben, wie wir leben und wer und was uns unser Leben bis zu welchem Grade streitig macht. Da sehen wir dann, das das deutsche Restvolk den Klassenkampfgedanken längst überwunden hat, daß es sich rundum benachteiligt und bedroht fühlt und das Verschwinden seiner Lebensart bedauert. Daß es noch weitgehernd die Altparteien wählt, liegt ganz einfach daran, daß es befürchtet, ohne die Statikerin Merkel noch weiter in Gefahr zu kommen, abzurutschen. Fragen wir uns, was Sozialismus für uns in dieser Lage ohne Souveränität, unter Selbstzensur, unter entfesseltem Raubtierfinanzkapitalismus, angesichts des Großen Austauschs wirklich bedeuten kann.

    Der_Jürgen
    13. August 2017 19:17

    @Caccatum non est pictum

    Ja, es bedarf auf diesem Forum einer eingehenden Debatte über die von einer künftigen nationalen Regierung einzuschlagende Wirtschafts- und Finanzpolitik. Dabei wird die Frage nach dem Zinsgeldsystem in der Tat eine entscheidende Rolle spielen. Leider ist, zumindest seit ich hier als regelmässiger Leser dabei bin (ca. Mitte 2015), diese Frage kaum je aufs Tapet gebracht worden. Eine sehr gute Einführung in das Thema ist übrigens Stephen Goodsons Schrift "A History of Central Banking", die unter dem Titel "Die Geschichte der Zentralbanken" schon bald auf Deutsch erhältlich sein wird.

    @Niekisch 

    Sie gehören zu jenen Foristen, denen ich fast immer beipflichten kann. Ihren Darlegungen zur sozialen Frage stimme ich zu. Problematisch wird es bei der Frage nach den verlorenen deutschen Ostprovinzen.

    Es dürfte hier allgemein konsensfähig sein, dass Polen historisch kein Recht auf die Territorien östlich von Oder und Neisse besas und dass die mit gewaltigen Opfern verbundene Vertreibung der Ostdeutschen (wie der Sudeten- und teilweise auch der Balkandeutschen) eines der grossen Verbrechen des 20. Jahrhunderts war. Diese Fakten unter den Tisch zu kehren, ist dreiste Geschichtsfälschung. Andererseits wollen Sie bitte folgendes bedenken:

    In den ehemals deutschen Gebieten sind mittlerweile Generationen von Polen aufgewachsen, die keine andere Heimat kennen. Selbst wenn in Berlin eine deutsche Regierung ans Ruder käme, welche diese Gebiete zurückverlangen würde, könnte keine polnische Regierung diese Forderung erfüllen. Deutschland müsste diese Territorien also gewaltsam zurückerobern. Nehmen wir entgegen aller Wahrscheinlichkeit an, dass dies möglich wäre. Da Deutschland keine grosse feindliche Minderheit im eigenen Land brauchen kann, müssten die Polen also ausgesiedelt werden, wenn auch nicht unbedingt so brutal wie die Deutschen 1945 und 1946. Dies schüfe neuen Hass zwischen zwei europäischen Völkern, Hass, der auf unabsehbare Zeit anhielte. Wollen wir das?

    Nein, wir wollen es nicht. Und ehe wir uns die Köpfe darüber zerbrechen, wie Frankfurt an der Oder wieder deutsch werden soll, sollten wir vielleicht darüber nachdenken, wie wir es anstellen, damit Frankfurt am Main wieder deutsch wird. Und die X anderen Städte, in denen die Deutschen in manchen Vierteln bereits zur Minderheit geworden sind oder kurz davor stehen.

    Angesichts der tödlichen Bedrohung Europas durch die von Verräterregimen wie dem in Berlin geförderte muselmanisch-afrikanische Invasion können wir uns brudermörderische Konflikte zwischen biologisch eng verwandten Völkern, die demselben Kulturkreis angehören, nicht mehr leisten. Es heisst die bitteren Fakten also akzeptieren - was wohlverstanden keinen Verzicht auf die historische Wahrheit bedeutet. - Übrigens können uns gerade die Polen, ebenso wie andere osteuropäische Völker, in ihrer entschlossenen Ablehnung der Invasion als Vorbild dienen. Und bedenken Sie, dass bei den Identitären auch junge Tschechen dabei sind. Mit diesen verbindet uns doch tausendmal mehr, als uns trennt.

    Wenn das antideutsche Regime zum Teufel gejagt worden ist und über die Vergangenheit wieder frei gesprochen werden kann, werden hoffentlich deutsch-polnische, deutsch-russische und deutsch-tschechische Historikerkommissionen gebildet werden, die sich bemühen werden, die historischen Tatsachen anhand der Dokumente so genau zu rekonstruieren, wie dies möglich sein wird. Die Wahrheit wird dann alle frei machen. 

    Franz Bettinger
    14. August 2017 09:47

    @ Lotta Vorbeck - Danke für den argumentativen Rückenwind! (an anderer Stelle)
    @ Jürgen - Danke für ihre wunderbar klare Analyse zum Osten Deutschlands. Das ist Realpolitik!
    @ Niekisch: Danke für den Hinweis (beim AfD-Stand), dass Ironie vom Gegner wohl selten verstanden wird.
    @ andere: Danke für euer Licht im Tunnel und die Toleranz, wenn mal über die Stränge geschlagen wird.
    @ Antaios: Danke für die Oberaufsicht und das Augenmaß beim Über-die-Stränge-Schlagen.

    Maiordomus
    14. August 2017 10:45

    Als Jünger-Leser gefällt mir allein schon der Name Niekisch. Aber seine ökonomischen Visionen sind nicht die meinen, da halte ich es eher mit Wilhelm Röpke, der als Liberaler jedoch alles andere als ein Scheissliberaler war und entschieden der Meinung war, dass Einwanderungsbeschränkungen auch ökonomisch legitim sind. Über Röpke hat kürzlich Markus Somm in der Basler Zeitung eine Hommage geschrieben, selber war ich schon Röpke-Leser und Fan als Somm noch gar nicht auf der Welt und später noch ganz links war. Erstmals habe ich den Namen Röpke im Fach Wirtschaftsgeographie im Kollegium Sarnen gehört, bei Pater Bonifaz Klingler, meinem damaligen Internenpräfekten, kürzlich verstorben. Das muss 1965 gewesen sein.

    deutscheridentitärer
    14. August 2017 11:06

    Also, kurz gesagt: Ich bin offen für sozialistische, also aufs Gemeinwohl abzielende Vorstellungen. Gleichzeitig bin ich aber allergisch dagegen, wenn Fleiß, Klugheit und Risikobereitschaft nicht entsprechend belohnt werden. Wer besser ist als andere, soll es auch besser haben.

    Regenmeister
    14. August 2017 12:17

    Seit einiger Zeit lese ich hier mit, ohne mich bislang selbst zu Wort gemeldet zu haben. Inhalt und Stil der hiesigen Diskussionen sind unglaublich bereichernd, die Plattform ein geistiger Kraftort.

    @Der_Jürgen: Mit Ihren Beiträgen stimme ich fast immer überein. Zu Ihren Ausführungen in Sachen Oder-Neiße-Grenze habe ich aber einige Anmerkungen:

    - wäre dem Durchschnittswessi der Unterschied zwischen Mitteldeutschland und Ostdeutschland zumindest 1990 noch geläufig gewesen, hätten Kohl und Genscher nicht so geräuschlos Gorbatschows ernstgemeintes Königsberg-Angebot ausschlagen können.

    - Gebiete wie Ostbrandenburg und Hinterpommern gehören bis heute zu den am wenigsten (wieder)besiedelten Gebieten im jetzigen Polen.

    - an manchem ehemals Ostberliner Stadtviertel lässt sich seit dem Mauerfall beispielhaft ablesen, wie sich die Wohnbevölkerung innerhalb von 25 Jahren (ungesteuert und) nahezu vollständig austauscht, ohne dass es dabei zwangsläufig auch zu größeren sozialen und wirklich schmerzhaften Verwerfungen kommen muss.

    - Polen als Vorbild? Hier und da könnte man darüber reden.

    - Polen als Partner? Dann blieben wir auf ewig im transatlantischen Gefüge.

    Diese Überlegungen sind derzeit zweifellos von nachgeordneter tagespolitischer Aktualität. Man kann sie mit gutem Gewissen zurückstellen, aber darf sie nicht abschreiben. Verloren ist etwas wirklich erst dann, wenn man es innerlich aufgibt und nicht mehr als das Eigene zu erkennen vermag.

    Gustav Grambauer
    14. August 2017 12:38

    Habe gerade nicht die Muße, um die Einzelheiten der Diskussion zu verfolgen, von meiner Seite nur soviel:

    So bitter der Volkswagen-Skandal für viele ist - niemals vergessen, daß von diesem Konzern respektive von der hinter ihm stehenden Niedersachsen-Mafia die Hartz-Gesetze ausgingen. Wer Wind sät wird Sturm ernten.

    - G. G.

    Der Gehenkte
    14. August 2017 12:40

    „Auf jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Antwort“, hatte Umberto Eco irgendwo geschrieben und setzte fort: „Und das ist die falsche.“

    Hier haben wir es mit einem Problemkomplex enormen Ausmaßes zu tun und was Gerlich und Kaiser antippen ist reine Kärrnerarbeit. Es werden einige wenige Aspekte angesprochen, die jeweils ausgefaltet werden müßten – kurz: wer hier über zu große Leseschwierigkeiten klagt, hat die Lage wohl kaum verstanden.

    Dabei entspinnt sich dieser Disput, wie mir scheint, auch an Scheinfragen, die durch mangelnde Konzentration entstehen. Leider kenne ich Kaisers Buch noch nicht – das wird sich bald ändern – und kann daher nur aus den Referenzen herleiten. Ein Satz wie dieser zeigt das: „die Unerschrockenheit, mit der Sie die Kubanische als eine »authentische nationale Revolution« anpreisen und auch anderen lateinamerikanischen Revolutionen Ihren Respekt zollen, als verkörperten diese bereits den Sozialismus des 21. Jahrhunderts, macht mich doch stutzig.“

    Das eine – Sozialismus des 21. Jahrhunderts – kann aus dem anderen - nationale Revolution – nicht hergeleitet werden, das sind zwei verschiedene Größen, also ein Kategorienfehler, der die Diskussion unnötig verkompliziert.

    Auch muß man bedenken, daß die Vokabel „“Querfront“ vorerst nur eine Vokabel ist, eine Metapher,  die man, mit Buddha, als Boot über den Fluß nutzen mag, die man dann aber nicht weiter mit sich schleppen sollte. Früher hätte man vielleicht "Vernetzung" oder "Rhizom" gesagt?

    Ganz wesentlich ist Kaisers Besinnung auf die Klassiker des Marxismus - die nur als Bsp. gelten (wir müssen das gesamte historische Erbe einbeziehen!).

    Es ist ein Irrtum zu glauben, daß man den positiven Ertrag des M/L ignorieren könnte. Da die Linke ihre eigenen Quellen nicht mehr kennt oder bis ins Unkenntliche verformt, muß jemand anderes die Geistesschätze heben, bewahren, sintern und filtern. Das ist umso notwendiger, da es hier bedenkliche Anzeichen geistiger Inzucht gibt.

    Gut, wenn man, wie Gerlich oder Kleine-Hartlage, aus der Ecke kommt und damit auch die verqueren Denkwege kennt, besser noch, wenn man, wie Kaiser, die Texte frisch und unvoreingenommen lesen kann. Utopieachtsamkeit, wie CS betont gehört zur notwendigen Geisteshygiene.

    Gerade Lenin, das betone ich immer wieder gern, sollte eine Quelle für uns bleiben – man darf nur nicht in das perverse Heidegger-Argument verfallen: Nazi oder GULAG etc. Alles richtig, aber eben auch brillanter Kopf. 

    Der inhaltlichen Auseinandersetzung enthalte ich mich, nachdem im Forum bereits wieder persönliche Präferenzen serviert und Argumente zerredet oder realitätsferne Phantasien durchgespielt werden, anstatt am Text zu arbeiten. Ich bin, wie Jürgen, auch seit gut 3 Jahren dabei, muß aber nun die Grenzen der Forumsdiskussionen einsehen und zudem konstatieren, daß das Niveau in den letzten Monaten nicht angehoben wurde. Wichtige Foristen sind weggebrochen, die Meinungsvielfalt leidet und andere Stimmen werden zu (für meinen Geschmack) dominant. Die Bezahlschranke mag ein Grund dafür sein, aber es gibt auch andere. Vielleicht gehen Quantität – verkaufte Ex. – und Qualität einfach nicht zusammen. 

    Utz
    14. August 2017 13:50

     Ich bin, wie Jürgen, auch seit gut 3 Jahren dabei, muß aber nun die Grenzen der Forumsdiskussionen einsehen und zudem konstatieren, daß das Niveau in den letzten Monaten nicht angehoben wurde. Wichtige Foristen sind weggebrochen, die Meinungsvielfalt leidet und andere Stimmen werden zu (für meinen Geschmack) dominant. 

    Ich gehöre zugegebenermaßen auch zu denen, für die das Niveau der Texte, teilweise auch der Foristen hoch ist. Aber das macht nichts, das ist Anlaß zur Weiterbildung, zum Weiterlesen, und ich sehe, daß mich das in den letzten Monaten sichtbar weitergebracht hat, und ich mehr verstehe. Es wäre jetzt extrem schade, wenn die Leute, die sich mit den Texten tiefergehend auseinander setzen könnten, kapitulieren und anprangern, daß "das Niveau nicht angehoben wurde" (als fortdauernder Prozeß wäre das wohl auch nicht nötig, denn wo würden wir sonst bei der nach oben offenen Niveauskala landen?). Ein resignierendes Abwenden kann meiner Meiung nach nicht sinnvoll sein. Vor einiger Zeit haben sich hier bei einem anderen Thema einige gemeldet, die kundtaten, daß es sich nicht lohne für "diese Deutschen/dieses Deutschland" zu kämpfen. Der Unterton war, salopp gesprochen: wenn die Deutschen so doof sind, und ständig die falschen Ideale haben, den falschen hinterherlaufen, dann sollen sie ruhig untergehen. Ich bin anderer Meinung. Daß Menschen dumm sind, das haben zum Teil auch unsere Feinde durch eine manipulative Presse so gemacht. Das kann sich auch wieder ändern. Zudem muß doch an die Deutschen als ganzes Volk gedacht werden. Der dümmste CDU-Wähler kann Kinder haben, die die besten Kämpfer auf unserer Seite  werden. So wie man fairerweise nicht einfach große Teile des Volkes abschreiben kann, bitte ich auch Sie, Gehenkter, die inhaltliche Diskussion anzunehmen. Leute wie ich brennen darauf, ihr Halbwissen im eigenen Kopf besser sortieren zu können.

    Andrenio
    14. August 2017 13:52

    Unsereins kann Armin Mohler nicht gemeint haben, wenn er sich über Antikommunismus mockierte. Wir, damit meine ich diejenigen, die vor deren diplomatischen Vertretung in Bonn mit einem Hungerstreik auf die Lage der politischen Häftlinge in der DDR aufmerksam machen wollten. Wer der traurigen und desolaten Situation in Kuba und Venezuela etwas abgewinnen kann, der möge dorthin fahren und sich das vor Ort ansehen. Es kommt mir als ehernem Gegner des US-Imperialismus schwer über die Lippen: Dann lieber US-Anhängsel. Zum Briefwechsel: Ja! So etwas hat man sich schon lange gewünscht! Mehr davon!

    @cacatus non est pictus:

    Sie sprechen mir aus dem Herzen mit dem Thema Betrügerisches Geldsystem. Solange annähernd 100% der Banker es nicht verstehen: Wie kann man das von Otto N. erwarten? Angesichts der Käuflichkeit der Menschen: Ein unüberwindlich scheinender Drache mit Tausend Köpfen. Als Einstieg ist die Wissensmanufaktur sehr zu empfehlen. Herr Popp nennt die Dinge beim Namen. Ansonsten erstklassig: thecorbettreport

    Der Gehenkte
    14. August 2017 15:27

    @ Utz

    Was dieses Forum von anderen oder auch nur ganz alltäglichen Gesprächsrunden nicht unterscheidet, ist der Hang vom Hundersten ins Tausendste zu gelangen. Jeder hängt sich an irgendeinem Gedanken, der meist mit seinem eigenen Steckenpferd zu tun hat, auf und redet darauf los, ganz unabhängig, was der jeweilige Text vorgibt. Gerne rede ich über Röpke oder über Polen, die AfD oder was auch immer, aber bitte dann, wenn es Thema ist. Alles andere ist Stammtisch - mag er hier auch sehr gehoben sein. Das Ergebnis: Ergebnislosigkeit.

    Das obige Gespräch wurde extra erst als Gesamtes freiegeben, es wurde über den aktuellen Wessel-Beitrag gerückt, weil die Verantwortlichen um die Bedeutung und um den Gehalt des Dialoges wissen. Und was hat die heiß erwartete Diskussion zur Frage ergeben?

    Es ist auch eine Mißachtung der geistigen Leistung der Skribenten.

    Es ist desweiteren eine geistige Verlotterung. Wer wissen will, wie geistige Konzentration, ringen um einen Begriff, eine Idee oder eine Strategie geht, der lese Husserl oder Heidegger oder  - Marx und Lenin. Dort regieren nicht die Assoziationen, die von der Ausgangfrage wegführen, sondern dort wird das Viele durch Zerteilung, nicht durch Hinzufügen, erreicht.

    niekisch
    14. August 2017 17:00

    @ Caroline Sommerfeld:

    Warum, gnädige Frau, soll nicht auch "rechtes" Denken Utopien nachhängen können? Kann es eine schönere Utopie geben, als für unser armes, vielfach geschlagenes, 1945 verurteiltes und jetzt erst zur Richtstätte geführtes Volk am Horizont eine geläuterte Gemeinschaftsidee aufleuchten zu sehen, unter der die Bettler nicht mehr betteln müssen, die Geldsäcke nicht mehr gestapelt werden und jeder lohnenswerte Leistung erbringen kann und darf?

    Ohne realistische Betrachtungsweise keine Utopie, ohne Utopie kein realistischer Realismus.

    @ Cacatum noch est pictum:

    Daß die Freimaurerei sich Chinas zu bedienen in der Lage ist oder sein wird, sollte belegt werden. Auch, daß dem Schuldgeldsystem seitens Chinas keine Gefahr droht. was, wenn China seine immensen Staatsanleihenpositionen einlöst? Seine Devisenreserven zielgerichtet einsetzt?

    @ Der_Jürgen:

    Wir sind uns schon einig, bevor wir uns dazu aufraffen müssen: kein Krieg, keine Gewalt um deutsche Provinzen. Mindestens trilaterale Gespräche mit Rußland und Polen - schon wegen Ostpreußen - und Belassen der jeweiligen Bevölkerungen vor Ort. Erweitertes Zuzugs- und Investitionsrecht der Deutschen, insbesondere von Deutschen aus den Westprovinzen, die sich vorübergehend vor wildgewordenen "Migranten" zurückziehen müssen.

    Trotzdem immer Vorsicht vor dem manchmal selbstmörderischen Chauvinismus mancher Polen.

    Über Frankfurt/Oder verhandeln, zumindest reden und immer im Herzen, Frankfurt/Main, noch mehr Offenbach, rückerobern. Als Hesse ist mir das ein ganz besonderes Anliegen.

    @ Franz Bettinger:

    Gerne!

    @ Malordomeus:

    Der nomen niekisch ist nicht unbedingt auch omen. Er ist dem Respekt gegenüber einem der unabhängigsten deutschen Geister entsprungen, aus Respekt auch nur mit kleinem n. Bolschewistische Experimente sind für uns nicht brauchbar.

    @ Regenmeister:

    Ihr Satz über das Verlorene und das Eigene bewegt mein Herz. Was wäre z.B. nach 1806 geschehen, hätten nicht so viele Deutsche ihr Deutschland und seine Teile mit Geist und Blut verteidigt? Was 1918? Was im Baltikum? Was am Annaberg? Was in den Sudeten?

    @ Der Gehenkte:
    Ein Sozialismus des 21. Jahrhunderts aus nationaler Revolution nicht herleitbar?
    Ja aus was denn sonst? Revolvere rührt, wie Sie wissen, her aus dem lat. revolvere= rückwälzen. Wälzen wir all unsere naturfremden, aus der Niederlage von 1945 und der Herrschaft des Bundes ( B u n d e srepublik Deutschland) resultierenden Zustände zurück und wir haben eine Ausgangslage, aus der echte Sozialität mit Chancengleichheit, Leistungsgerechtigkeit, Glanz der Persönlichkeit, Gemeinschaftssinn und Verteidungsbereitschaft ohne Chauvinismus erwachsen können. Wir Deutsche sind immer noch romantisch, naturverbunden und vielfach mit Gerechtigkeitssinn ausgestattet. Also: Nur Versuch macht kluch.

    Caroline Sommerfeld
    14. August 2017 23:01

    "Warum, gnädige Frau, soll nicht auch "rechtes" Denken Utopien nachhängen können?"

    Das ist eine kluge Frage, danke. Ich hatte bei meiner Frage an Kaiser die Kritik von Manfred Kleine-Hartlage ("Die liberale Gesellschaft und ihr Ende", antaios 2015) im Sinn. MKH zufolge ist linkes Denken (und nur linkes Denken) deshalb utopisch, weil es als Metaideologie jedes andere Denken als genauso aufgebaut wie es selbst begreift.

    Linkes Denken ist deshalb utopisch, weil es a.) die Beweislast umkehrt: früher galt alles Bewährte als nicht rechtfertigungsbedürftig, heute muß sich das Bewährte und nur das Bewährte ständig rechtfertigen, b.) Entstrukturierung: aus Familie, Volk, Kirche usw. muß der Mensch "befreit" werden, c.) die Herrschaft der Abstraktion: Argumente aus dem Kleinen, Partikularen, Eigenen werden metaideologisch als Weltherrschaftsstreben des Partikularen mißverstanden, d.h. nur weil wir unsere Heimat am meisten lieben, denken Linke, wir wollten die ganze Welt beherrschen d.) Utopismus der Linken heißt, alle Lebensbereiche durchzupolitisieren, es kann gar nicht sein, "daß es politische Ideologien geben könnte, die nicht auf die Verwirklichung eines utopischen Projekts abzielen, das die gesamte Gesellschaft einem einzigen Leitgedanken unterwirft" (MKH, S.93), und schließlich e.) ein Bild des Menschen, das immer auf den "neuen Menschen" hin ausgelegt ist und am Weg dorthin über Leichen geht.

    In diesem Sinne kann rechtes Denken nicht utopisch sein. Was es aber sehr wohl sein kann (und ich glaube auch: muß) ist genau das, was Sie ansprechen. Ich würde es lieber romantisch, idealisch, eben ... deutsch nennen.

    Heinrich Brück
    15. August 2017 02:24

    "..., wir wollten die ganze Welt beherrschen"

    Was wäre denn ein anderes Wirtschaftssystem, verbunden mit einem zinslosen Geldsystem?

    Benedikt Kaiser
    15. August 2017 08:33

    @Caroline Sommerfeld:

    Das ist eine kluge Frage, danke. Ich hatte bei meiner Frage an Kaiser die Kritik von Manfred Kleine-Hartlage ("Die liberale Gesellschaft und ihr Ende", antaios 2015) im Sinn. MKH zufolge ist linkes Denken (und nur linkes Denken) deshalb utopisch, weil es als Metaideologie jedes andere Denken als genauso aufgebaut wie es selbst begreift.

    Das, was MKH hier als "Metaideologie" bezeichnet, trifft jede Ideologie mit Totalitätsanspruch. Da die derzeit herrschende bzw. hegemoniale Ideologie die linksliberale ist, ist gleichwohl sie, wie es MKH leistet, zuallererst kritisch in den Fokus zu nehmen.

    Die Pauschalität, mit der Sie linkes Denken als "utopisch" brandmarken, frappiert; auch hier, so meine ich, müßte man konkretisieren, daß es sich um linksliberales, zeitgenössisches Denken handelt. Denn wenn Sie der linken Idee (die es so in dieser Unität gar nicht gibt) im ganzen utopisches Streben anhängen, übergehen Sie unzulässigerweise mal den folgenreichsten linken Theoretiker und Praktiker des 20. Jahrhunderts, Lenin, der wiederum konsequent auf den wichtigsten linken Theoretiker des 19. Jahrhunderts, Marx, aufbauen konnte, der selbst ja gegen seine innersozialistische Konkurrenz einen beißenden Anti-Utopismus vertrat. Also defensiver formuliert: Wenn "die" linke "Idee" utopistisch ist, dann ist es wohl mindestens überraschend, daß die zwei bedeutendsten linken Denker des 19. und 20. Jahrhunderts Gegner utopischen Denkens waren.

    In diesem Sinne kann rechtes Denken nicht utopisch sein. Was es aber sehr wohl sein kann (und ich glaube auch: muß) ist genau das, was Sie ansprechen. Ich würde es lieber romantisch, idealisch, eben ... deutsch nennen.

    Also eigentlich bedarf es hier keiner Antwort, nur sollte das halt nicht unkommentiert stehen bleiben: Wer utopisches Denken grundsätzlich verdammt, verkennt die Potenz utopischen Denkens, Menschen für eine Idee zu begeistern, zu mobilisieren (vgl., neben Sorel, auch Georg Quabbe: Das letzte Reich). Um eine kluge Frau zu zitieren, die es im übrigen immer wieder schafft, Grundfalsches und Bedeutendes zugleich zwischen zwei Buchdeckel zu packen:

    Utopien sind ein Kompass für gesellschaftliche Entwicklungen, denn ohne eine Idee davon, wie die Dinge sein könnten oder eigentlich sein sollten, ist keine Politik zu machen.

    [Ulrike Guérot, Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie, Bonn 2016 , S. 256.]

    Rechtes Denken kann und sollte also selbstverständlich utopische Elemente enthalten (sich aber nicht auf diese verengen!), mithin ein Leitbild stützen, als zu verwirklichendes Fernziel, das man gewiß nur Schritt für Schritt angehen kann.

    Der Gehenkte
    15. August 2017 10:31

    @Kaiser @ Sommerfeld

    Man muß sich hier wohl erst bewußt machen, was man unter Utopie zu verstehen hat. Der Alltagsgebrauch als "Vision", "Zukunftsvorstellung", "Traum einer besseren Welt" steht dem konzeptionellen Gebrauch gegenüber, wie er seit Morus und Campanella (man kann das ja bis auf Platon und auch die Apokalypse zurückführen) genutzt wird. Da geht es dann um die perfekte staatliche Organisation, die sich selbst perpetuiert, mithin um das Ende der Geschichte. Utopie hängt also mit dem jeweiligen Geschichts-Begriff zusammen. Man muß die Geschichte verstehen, um die Vorstellungen von der Zukunft zu begreifen.

    Das hat William Morris in seiner "Kunde von Nirgendwo" paradigmatisch beschrieben: "Eine Überlieferung und Gewohnheit des Lebens ist mit uns verwachsen, und diese Überlieferung und Gewohnheit läßt uns zum allgemeinen Besten handeln. Für uns ist es leicht zu leben, ohne uns zu berauben etc."

    Marx hatte diese Sicht sehr abstrakt übernommen, den Kommunismus als Fernziel - wobei "Ziel" zu voluntaristsich klingt - entworfen. Aber Kommunismus war für ihn zugleich Bewegung: "Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt."

    Aber er hat auch einen konkreten Zustand beschrieben, wie in der "Deutschen Ideologie" nachzulesen: "...während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden."

    Was Marx aber von seinen utopistischen Nachfolgern unterscheidet, ist die "Einsicht" in die "Obkjektivität" der Vorgänge: Marx wollte die Utopie nicht verwirklichen, er war der Meinung, daß sie der Sinn der Geschichte sei.

    All das ändert nichts daran, daß man "Utopien" als psychisches Agens begreifen und nutzen können muß, will man erfolgreich Politik betreiben. Der Mensch als vorausschauendes Tier ist aufgrund seiner conditio humana dazu verurteilt, "Visionen" zu haben: Utopien oder Dystopien. Wer das prinzipiell ablehnt geht an der Natur vorbei.

    Benedikt Kaiser
    15. August 2017 11:22

    @Der Gehenkte:

    Das würde ich so unterschreiben. Danke für Ihre Wortmeldungen!

    niekisch
    15. August 2017 12:41

    "Das hat William Morris in seiner "Kunde von Nirgendwo" paradigmatisch beschrieben: "Eine Überlieferung und Gewohnheit des Lebens ist mit uns verwachsen, und diese Überlieferung und Gewohnheit läßt uns zum allgemeinen Besten handeln. Für uns ist es leicht zu leben, ohne uns zu berauben etc.""

    @ Der Gehenkte und alle Foristen:

    In aller Bescheidenheit: mit dem Zitat Morris sind  wir möglicherweise ins Auge des Hurricans vorgestoßen, zugleich kann der Vorwurf der leichten Sprache und des Stammtischniveaus ein wenig zurechtgerückt werden. Wir brauchen nur noch ein wenig weiter vorzustoßen und ganz konkret die Frage stellen: was gibt uns denn die Möglichkeit, zu leben, ohne uns gegenseitig zu berauben, uns in der Not uneigennützig gegenseitig zu helfen, uns der Gemeinschaft der Nächsten zum Überleben unterzuordnen?  Weil ich gleich in die Klinik muß, deute ich - um dem abrupten Ende der Diskussion zu entgehen - nur:  im Rahmen der Evolutions- und Neurowissenschaften wird heute davon ausgegangen, daß der menschliche Altruismus genetisch verankert und evolutionär weiterentwickelt ist. Auch spielen bestimmte Botenstoffe im Gehirn wie Oxytocin eine Rolle, die ausgeschüttet werden, wenn wir Bindungen zu anderen eingehen. Gleichzeitig wirken sie angstlösend und dämpfen die Stressreaktion. Auf diesem Umweg hilft Selbstlosigkeit  Herz - Kreislauf - Erkrankungen und vielen anderen Leiden vorzubeugen. Unsere Bereitschaft zum Helfen besonders in der Not und zum Miteinander ist vielmehr als ein Nebenprodukt oder ein "Fehler", widerspricht nicht darwinistischen Erkenntnissen. Die Natur hat uns regelrecht darauf programmiert, mit anderen zu teilen. Die meisten Menschen empfinden Lustgefühle dabei. Das zeigen Hirnforschungsexperimente. Auch der Gerechtigkeitssinn ist beim Menschen mächtig. Wir können ihn nutzen, um die Selbstlosigkeit der Menschen zu fördern.

    Sozialismus , zumindest Versuche zum Lösen sozialer Fragen, im 21. Jahrhundert?  Aber ja, aber wahrscheilich nicht außerhalb der natürlichen Gegebenheiten, die uns die modernen Wissenschaften vielfältig und immer noch überraschend offenlegen.

    Es freute mich, wenn kompetentere Foristen hier weiterbohren.

    Obi Wan Kenobi
    15. August 2017 18:38

    Eine der interessantesten Debatten, die in diesem Jahr auf SiN geführt wurden! Grundsätzlich vertrete ich die Position, dass es verschiedene Wirtschaftskulturen gibt, und demensprechend auch unterschiedliche Antworten auf die soziale Frage. In Deutschland hat das vor allem Sahra Wagenknecht erkannt, die es sogar geschafft hat, einen Begriff wie "soziale Marktwirtschaft" zu besetzen, und der es auch sonst immer wieder gelingt, auf spezifische deutsche ökonomische Traditionen zurückzugreifen (so in ihrem neuesten Buch "Reichtum ohne Gier" auf die Rechtsform der "Unternehmensträger-Stiftung", die auf die im Jahr 1889 in Jena von Ernst Abbé gegründete Carl-Zeiss-Stiftung zurückgeht, und die bis heute auch die Rechtsform ist, in der ein Unternehmen wie Saarstahl arbeitet). Grundsätzlich sollte durchaus auch die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens zur Debatte stehen.

    Es fordert allerdings meinen entschiedenen Widerspruch heraus, wenn hier ein Autor zitiert wird, der der Auffassungs ist, Lenins Staatsschöpfung sei bloß die "Chemotherapie" gewesen, mit der man eine Krebserkrankung bekämpft habe (Frage: Wer soll hier eigentlich der Krebs gewesen sein? Der Zar? Die altbösen Ewigfeinde Kapitalismus und Imperialismus?). Ich frage mich, wie man überhaupt zu einer derartig geschichtsklitternden und auch ökonomisch falschen Aussage kommen kann. Russland hätte sicher eine weit bessere Entwicklung genommen, wenn es 1917 den Weg hin zu einer konstitutionellen Monarchie oder zu einem sonstwie föderal organisierten Staat beschritten hätte. So ist es aber nicht gekommen, es fiel tragischerweise in der Hände einer terroristischen Polit-Sekte, die das Land so derartig gründlich zu Grunde richteten, dass es vielleicht nochmals ein Jahrhundert dauert, bis es sich davon erholt hat.

    Als Theoretiker des Krieges und Clausewitz-Kenner mag Lenin ein Anti-Utopist gewesen sein, mit Blick auf seine eigenen gesellschaftspolitischen Vorstellungen war er das sicherlich nicht, die waren nämlich von eindrucksvoller Schlichtheit. Das ganze Land sollte zu einer großen Fabrik werden, und die Funktionen, die dabei zu verteilen waren, hielt er für so simpel, dass jeder, der des Lesens und Schreibens mächtig sei, sie übernehmen könne. Alle selbstständigen Beziehungen der Produzenten und Konsumenten untereinander wurden unterbunden und durch eine Planwirtschaft ersetzt, der die gesamten materiellen Prozesse des Riesenreichs steuern sollte. Der Preis für dieses Projekt war ein gigantischer zivilisatorischer Rückschritt, der sowohl die industrielle als auch die landwirtschaftliche Produktion im Vergleich zum Vorkriegsstand nochmals stark zurückgehen ließ, bis Lenin sich im Jahr 1922 mit seiner "Neuen Ökonomischen Politik" selbst teilweise revidieren musste. Die NÖP wäre eine Möglichkeit zur Reform des Sowjetsystems gewesen, sie wurde allerdings bald wieder zurückgenommen. Da es keine an einem Markt entstandenen Preise mehr gab, um den Aufwand an Mitteln zu taxieren, konnte man die Ergebnisse der Planwirtschaft bald nur noch in Stückzahlen oder Gewicht messen, Ressourcenverbrauch wurde prämiert statt minimiert. Am Ende fiel das Imperium auf eine primitive Naturalwirtschaft zurück, in der die Kombinate und Kolchosen Güter und Lebensmittel horteten, um das dann irgendwie gegeneinander tauschen zu können (so lernten sich die beiden lokalen KP-Führer Boris Jelzin und Michail Gorbatschow kennen, man tauschte Holz gegen Lebensmittel). Die Vorstellung, die Produktion von Millionen von Gütern zentral steuern zu können, war ohnehin rein fiktiv, das gleiche gilt für die Pläne, die auch mit einem Federstrich des Politbüros geändert werden konnten. Die Ausrottung der noch selbständig arbeitenden Bauern, die das Land notdürftig ernährt hatten, führte dann zur größten Hungerkatastrophe in der Geschichte Russlands.

    Ich wüsste nicht, inwiefern ein derartig dysfunktionales Wirtschaftssystem eine "Chemotherapie" gegen was auch immer gewesen sein soll, denn es war selbst das wohl schlimmste System der Menschheitsgeschichte. Einen politischen Flirt mit dem Leninismus sollte die Rechte sich genauso ersparen wie einen mit dem Hitlerismus.

    Hagen Tripkau
    15. August 2017 20:16

    S.Gerlich schreibt:

    "Ich bekenne mich zu dem sozialkonservativen Glauben, daß nur durch eine »reaktionäre« Wiederherstellung des demokratischen Nationalstaates aus seinen »progressiven« oligarchischen Verfallsformen der bürgerliche Sozialstaat zu retten ist,dessen Grundlagen bezeichnenderweise von dem bekennenden Reaktionär Bismarck gelegt wurden."

    Das Kontrastprogramm dazu findet sich in TUMULT 2016 Herbst:

    Albrecht Goeschel: SOZIALSTAAT: GIFTIGE FRUCHT DES KAPITALISMUS.

    Auszug: »Kapitalistischer Sozialstaat«: Sozialpolitik und Angriffskrieg

    Geschichtsvergessen übersieht der linke Diskurs in Deutschland Zusammenhänge, die man selbst in Schulbüchern finden könnte. Der »Sozialstaat«, Mekka aller Menschen der rechten Gesinnung, darf um keinen Preis entweiht werden durch die Erzählung dessen, was dieser Sozialstaat in Wahrheit ist: schon von Anbeginn eine Einrichtung zur inneren Aufrüstung gegen ein äußeres Angriffsziel – oder umgekehrt: zur inneren Absicherung bereits gemachter Eroberungen. So war es bei Polizei- und Sozialkanzler Otto von Bismarck, beim Führer und Reichskanzler Adolf Hitler und beim Bundeskanzler des atomaren Sozialstaats Helmut Schmidt.

    Mir kommt die Argumentation sehr extrem vor, möchte sie aber gerne zur Diskussion stellen. Ich hatte vorher nie dergleichen gehört...

    Siegfried Gerlich
    16. August 2017 12:46

    @ Hagen Triptau: In der Tat kann ich mich Goeschels klassisch marxistischer Polemik gegen den Sozialstaat in keiner Weise anschließen; es fehlt in seinem Beitrag wirklich nur noch der stalinistische Kampfbegriff »Sozialfaschismus«, um Bismarck, Hitler und Helmut Schmitt ganz auf eine Linie zu bringen.

    Und ich finde es — @ Obi wan Kenobi — ebenfalls ganz erstaunlich, daß ein links-protestantischer Theologe wie Christoph Türcke, der ja durchaus ein kluger »kritischer Theoretiker« ist, sich sein salonsozialistisches Seelenheil ausgerechnet durch die Verwendung einer kryptofaschistischen Metapher wie »Chemotherapie« für die bolschewistischen Massenverbrechen erkaufen will. — Nur ein paar Daten zur Erinnerung: Bereits am 17. September 1918 verkündete Lenins enger Vertrauter Grigori Sinowjew auf einer Parteiversammlung in Petrograd: »Von den hundert Millionen der Bevölkerung in Sowjetrußland müssen wir neunzig für uns gewinnen. Mit den übrigen haben wir nicht zu reden, wir müssen sie ausrotten.« Nach den Attentaten vom 30. August auf Lenin und den Tscheka-Chef Moissje Uritzki wurden in einem von Revolutionsführer Ivar Smilgar unterzeichneten Aufruf eines Armeekomitees exterminatorische Vergeltungsmaßnahmen gefordert: »Rottet die Feinde physisch aus!« Auch der Tschekist Martyn Latsis verlangte als »Quintessenz des Roten Terrors« unverblümt, »die Bourgeoisie als Klasse auszurotten«. Leo Trotzki wiederum ordnete 1918 die Errichtung von Konzentrationslagern an, und bereits Ende 1920 waren in 84 Lagern etwa 50.000 Häftlinge inhaftiert. — Kann es der Zarismus damit aufnehmen?

    Vielleicht war das eigentliche Problem gar nicht der zaristische »Krebs« am russischen Volkskörper, sondern — @ Der Gehenkte — Marxens regressive Vision einer kommunistischen Gesellschaft nach Aufhebung der Arbeitsteilung selbst: » ... heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.«

    Das nenne ich: Universaldilettantismus als Lebensform! Hätte Marx selbst auch nur ein wenig danach gelebt — er hätte nicht einziges brauchbares Werk hinterlassen.

    Philip Stein
    16. August 2017 14:05

    Ach Herr Gerlich, wie ermüdend konservativ.

    niekisch
    16. August 2017 19:04

    "Ach Herr Gerlich, wie ermüdend konservativ."

    @ Philip Stein: ist "konservativ" nicht zumeist ermüdend, gleichgültig, ob olle Kamellen gewälzt oder die Lage betrachtet wird?

    Wann fangen wir alle an, unter Berücksichtigung des Vergangenen die Lage realistisch zu sehen und dann sofort zielgerichtes Handeln in Gang zu setzen? 

    Die C- Star - Aktion sehe ich da als vorbildlich an.

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