09. Oktober 2017

Kositza stellt vor: »Die Roten«

von Nils Wegner / 0 Kommentare

Die Frankfurter Buchmesse steht vor der Tür, alle Vorbereitungen gehen in die Endphase – aber natürlich gibt es auch weiterhin interessante Neuerscheinungen anderer Verlage, die einen Blick wert sind.

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

In ihrer neuesten Buchbesprechung widmet sich Ellen Kositza einer Neuerscheinung aus Frankreich, dem diesjährigen Ehrengast der Buchmesse. Der Verfasser, Carl Aderhold, ist im deutschsprachigen Raum erstmals 2011 mit seinem Roman Fische kennen keinen Ehebruch hervorgetreten; in seinem neuen, autobiographischen Werk verarbeitet er vier Generationen der eigenen Familiengeschichte, die vor allem vom Spannungsverhältnis zwischen deutschem und französischem Erbe geprägt ist.

Die Roten beginnt mit einer Rückkehr – sowohl ins Elternhaus als auch in die eigene Kindheit und Jugend. Von dort geht es weiter, den windungsreichen Weg der Familie Aderhold durch die Geschichte der beiden "feindlichen Nachbarn" längs des Rheins von 1864 an entlang. Zum verbindenden Element wird dabei die sozialistische Grundhaltung der Familie: Die Aderholds suchen sich über Jahrzehnte hinweg ihre familiäre, linke Kernutopie zu schaffen.

Carl Aderhold (der Vorname ist natürlich durch das kommunistische Leitgestirn inspiriert) wächst mit der Vorgabe auf, die Ungerechtigkeit der Welt im Kleinen und Kleinsten persönlich wettzumachen. Die Schwachen und Armen unter seinen Mitschülern werden ihm zum Auftrag, ganz besonders dann, wenn es sich um Migrantenkinder handelt. Von der Doktrin abweichende Lektüre, etwa Tim und Struppi, gibt es daheim nur unter der Bettdecke – aber es gibt sie.

Die Roten wird so zur Chronik des Abschieds von einem familiären Mythos, der von der persönlichen Geschichte in das reale, politische Leben auszugreifen suchte und dabei zwangsläufig scheitern mußte. Es geht damit nicht zuletzt auch um die Suche nach Identität in einer Welt, die sich rasant und ganz anders als geplant verändert hat – ein Abschied von der folgenlosen, aber dafür um so autoritäreren Gesinnungsethik der Wohlmeinenden.

Aderholds belletristische Alltagsbeobachtungen über linkes Scheitern stellen in gewisser Weise das französisch-literarische Gegenstück zu Ellen Kositzas eigenen Momentaufnahmen in der nun bald in ihr fünftes Jahr gehenden Kolumne Das war's. So ist es nur folgerichtig, daß Die Roten nun von Kositza besprochen wird. Interessierten wird sich auf der Buchmesse die Gelegenheit bieten, das Thema noch zu vertiefen – Sie wissen ja, Halle 3.1, Stand G 82. Nun aber Film ab!

Carl Aderhold: Die Roten, Zürich 2017. 362 Seiten, 24 Euro – hier einsehen und bestellen!

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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