12. November 2017

Sonntagsheld (37) - Ireland unfree...

von Till-Lucas Wessels / 4 Kommentare

... shall never be at peace.

So sprach unser Sonntagsheld vor 102 Jahren am Grab des irischen Widerstandskämpfers Jeremiah O’Donovan Rossa, ein Jahr später sollte er seinen Worten Taten folgen lassen. Wer ist der Mann, der 1916 in Dublin die irische Republik ausrief und mit seinem Tod den letzten Pinselstrich unter ein Kunstwerk setzte, das bis heute fortwirkt?

Pádraig Henry Pearse, irisch Pádraig Anraí Mac Piarais, wurde am 10. November 1879 als Sohn einer Irin und eines Briten in der Dubliner Great Brunswick Street geboren. Heute, fast auf den Tag genau 138 Jahre später trägt die Straße seinen Namen. Um zu verstehen, wie sich Pearse diese Ehre verdiente, hilft ein rascher Blick in die Zeit seines Wirkens:

Im Jahr 1900, zu der Zeit als Pearse seinen Abschluss an der Royal University of England machte, hatten sich die Iren innerhalb eines bitteren Jahrhunderts einige wenige Freiheitsrechte gegenüber dem britischen Hegemon bekämpft: Die Herrschaft britischer Landlords über die von ihnen abhängigen irischen Bauern war im Rückgang, die nationalistischen Kräfte in Irland begannen, unterstützt von finanzstarken Exilanten in den Vereinigten Staaten, sich nach mehreren gescheiterten Rebellionen und parlamentarischen Vorstößen erneut zu konsolidieren und mit der immer lauter werdenden Forderung nach dem sogenannten Home Rule Act bewegten sich diese Erfolge langsam aber sicher in Richtung konkreter politischer Entscheidungen.

Die irische Widerstandsbewegung dieser Zeit war jedoch nicht nur eine Freiheitsbewegung im politischen Sinne, sie hatte sich tatsächlich überhaupt erst im Windschatten kultureller und metapolitischer Organisationen wie der 1893 gegründeten Gaelic League firmieren können.

Während in den großen Metropolen des Westens die Dichter des Fin de Siècle ihre Entfremdung in die Welt hinausschrieben, waren große Teile Irlands nicht etwa durch Industrialisierung und das Heraufdämmern der Moderne aus ihrer eigenen Kultur und Geschichte herausgespült worden, sondern standen unter einem regelrechten Identitätsverbot. Durch eine Reihe von Repressionsmaßnahmen und nicht unwesentlich auch durch die massive Bevölkerungsdezimierung infolge der Great Famine genannten Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts war die irische Sprache, das Gälische, fast vollständig ausgestorben.

Auch, wenn die Dramatik dieser Entwicklung gelegentlich übertrieben wird, steht fest, dass zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Großteil der öffentlichen Angelegenheiten auf Englisch verhandelt wurden und die irische Sprache ein massive Marginalisierung erfahren hatte.

Das Gefühl dieses Verlustes und die Erkenntnis des revolutionären Potenzials, das in diesem Gefühl lag, war es, das irische Nationalisten veranlasste, ihre Arbeit auf die Wiederentdeckung der irischen Kultur, Geschichte und Traditionen zu fokussieren. Dabei schafften sie es, die Strahlkraft der vorchristlichen Mythen aus Irlands heroischem Zeitalter neu zu entfachen, ohne dabei die immer noch starke katholische Identität der Iren ernsthaft anzugreifen. Stattdessen stand am Ende dieser Entwicklung eine fruchtbare Synthese dieser beiden Traditionsstränge. Pearse war vielleicht nicht der wichtigste, sicher jedoch der bekannteste Kopf dieser Bewegung und während in Deutschland die Jugendbewegung zaghafte Versuche identitärer Erneuerung wagte, wurde in Irland Kulturrevolution gemacht.

Bereits 1908 gründete Pearse mit der St. Enda‘s School eine Lehranstalt, an der irische Jungen eine zweisprachige Erziehung genießen sollten. Unterrichtet wurde – neben den üblichen Fächern –   irische Geschichte, auch versuchte Pearse in seinen Schülern dieselbe Begeisterung für die Sagen der irischen Vorgeschichte zu wecken, die ihn bereits in jungen Jahren angetrieben hatte. Das Projekt war ein Erfolg: Als Pearse am Ostermorgen 1916 gemeinsam mit seinen Kameraden das General Post Office in Dublin stürmte, kämpften 15 Schüler von St. Enda‘s an seiner Seite.

In seinem ganzen politischen und literarischen Wirken hatte Pearse stets die Notwendigkeit des Opfers betont. Mit einer fast überirdischen Begeisterung und einer regelrechten Frömmigkeit hatte er sein ganzes Leben lang auf den Tag hingearbeitet und hingeschrieben, an dem er fröhlichen vor sich hinpfeifend durch die Gänge des Kilmainham Jail zu seiner Hinrichtung schritt.
Damit hat er nicht nur bei seinen Befürwortern und Nachfolgern einen bleibenden Eindruck hinterlassen:

Charles Blackader, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, das Pearse zum Tod verurteilte, notierte später:

„I have just done one of the hardest tasks I have ever had to do. I have had to condemn to death one of the finest characters I have ever come across. There must be something very wrong in the state of things that makes a man like that a rebel. I don't wonder that his pupils adored him.“

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Kommentare (4)

Franz Bettinger
12. November 2017 22:51

Die Strahlkraft der vorchristlichen Mythen? "The Crock of Gold" heißt ein Büchlein von James Stephens, geschrieben 1912. Ich habe noch nie was gelesen, das mich von der ersten bis zur letzten Seite dermaßen fesselte. Ich las es in der Hütte eines Freundes in einer einzigen Nacht auf der Coromandel Halbinsel und zwar meiner Frau vor, die Vorlesen normalerweise nicht ausstehen kann, aber diesmal sprachlos und aufmerksam blieb. Ein irisches Märchen über die verdrießliche Verwobenheit und andauernde Beschäftigung des Menschen mit der Welt seiner Gedanken. Logik und Gerechtigkeit? Das seien Irrtümer der Schöpfung, der Natur oder der Evolution. Die Dominanz dessen, was einige Vernunft nennen, über die Intuition versklave die Menschheit. Weisheit sei die Sorglosigkeit eines Pan und die Furchtlosigkeit des furchtlosen Denkers oder auch die kindliche Freude beim Spiel. Für mich eine große Augen-öffnende humorige Story, brillant und auch auf Englisch gut verständlich geschrieben; gefährlich für die zivilisierte Welt und deshalb wahrscheinlich (fast) vergessen. 

sven31699
13. November 2017 00:05

Tiocfaidh ár lá

Cacatum non est pictum
13. November 2017 00:46

Charles Blackader, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, das Pearse zum Tod verurteilte, notierte später: „I have just done one of the hardest tasks I have ever had to do. I have had to condemn to death one of the finest characters I have ever come across. There must be something very wrong in the state of things that makes a man like that a rebel. I don't wonder that his pupils adored him.“

Von den Scharfrichtern der Geschwister Scholl wird ähnliches kolportiert. Im Angesicht des Todes mit erhobenem Haupt und geradem Rücken zum Schafott zu schreiten, weist jemanden als Märtyrer aus, der genau weiß, daß er seinen Platz in der Geschichte gefunden hat.

Preußischblau
15. November 2017 08:16

Easter, 1916

I have met them at close of day   
Coming with vivid faces 
From counter or desk among grey   
Eighteenth-century houses. 
I have passed with a nod of the head   
Or polite meaningless words,   
Or have lingered awhile and said   
Polite meaningless words, 
And thought before I had done   
Of a mocking tale or a gibe   
To please a companion 
Around the fire at the club,   
Being certain that they and I   
But lived where motley is worn:   
All changed, changed utterly:   
A terrible beauty is born. 
 
That woman's days were spent   
In ignorant good-will, 
Her nights in argument 
Until her voice grew shrill. 
What voice more sweet than hers   
When, young and beautiful,   
She rode to harriers? 
This man had kept a school   
And rode our wingèd horse;   
This other his helper and friend   
Was coming into his force; 
He might have won fame in the end,   
So sensitive his nature seemed,   
So daring and sweet his thought. 
This other man I had dreamed 
A drunken, vainglorious lout. 
He had done most bitter wrong 
To some who are near my heart,   
Yet I number him in the song; 
He, too, has resigned his part 
In the casual comedy; 
He, too, has been changed in his turn,   
Transformed utterly: 
A terrible beauty is born. 
 
Hearts with one purpose alone   
Through summer and winter seem   
Enchanted to a stone 
To trouble the living stream. 
The horse that comes from the road,   
The rider, the birds that range   
From cloud to tumbling cloud,   
Minute by minute they change;   
A shadow of cloud on the stream   
Changes minute by minute;   
A horse-hoof slides on the brim,   
And a horse plashes within it;   
The long-legged moor-hens dive,   
And hens to moor-cocks call;   
Minute by minute they live:   
The stone's in the midst of all. 
 
Too long a sacrifice 
Can make a stone of the heart.   
O when may it suffice? 
That is Heaven's part, our part   
To murmur name upon name,   
As a mother names her child   
When sleep at last has come   
On limbs that had run wild.   
What is it but nightfall? 
No, no, not night but death;   
Was it needless death after all? 
For England may keep faith   
For all that is done and said.   
We know their dream; enough 
To know they dreamed and are dead;   
And what if excess of love   
Bewildered them till they died?   
I write it out in a verse— 
MacDonagh and MacBride   
And Connolly and Pearse 
Now and in time to be, 
Wherever green is worn, 
Are changed, changed utterly:   
A terrible beauty is born.

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