07. Dezember 2017

Buchgeschenktips zu Weihnachten – Teil 2: Benedikt Kaiser

von Benedikt Kaiser / 17 Kommentare

Was zu Weihnachten schenken? Natürlich Wahres, Schönes, Gutes! – Teil 2 mit Benedikt Kaiser.

Wahr:

Erik Olin Wright: Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus, 530 S., broschiert, 24 €

»Antikapitalismus« ist oft eine leere Phrase gefühlslinker Pseudorebellen, und das heißt in diesem Fall konkret: Schlagworte verhindern Ernsthaftigkeit, Parolen ersetzen Inhalte, Glaubenssätze verdrängen Debatten. Gut, daß nun mit Erik Olin Wright ein Autor von Format in deutscher Sprache erscheint, der mit all dem Schluß macht. Reflexionen über Kapitalismuskritik und alternative Wege, Freiraumtheorien und Praxisbeispiele, Nachdenken über Nah- und Fernziele – all das findet sich auf 500 Seiten in herausragender und in zum Weiterdenken anregender Art und Weise. Ein kluges Nachwort von Michael Brie rundet jenes Werk ab, das als die gegenwärtig wichtigste Einführung in realitätsnahe Kapitalismuskritik anzusehen ist.

Schön:

Nikolai Ostrowski: Wie der Stahl gehärtet wurde, Roman. 518 S., gebunden, 16 €

2017 hieß auch: 100 Jahre Oktoberrevolution. Wer verstehen will, welche Widersprüche diese an Konflikten reiche Zeit für die Menschen im Alltag bedeuteten; wer verstehen will, was Jungkommunisten und Altbolschewiki antrieb, Leib und Leben zu riskieren, um »ihre« Revolution mit allen Mitteln – auch die des Terrors – zu verteidigen; wer verstehen will, welche Dinge vor hundert Jahren Menschen bewegten, über sich hinauszugehen; wer schließlich verstehen will, wieso ein sterbenskranker junger Autor wie Nikolai Ostrowski seinen Schwung im Dienst des Schreibens suchte; wer sich auch nur für einen dieser Verstehensprozesse interessiert, wird nicht an der Lektüre des verhaßten wie geliebten Epochenromans Wie der Stahl gehärtet wurde vorbeikommen. Gemeinsam mit den Kadetten des Alcázar geht man so den Schritt zum besseren Verständnis der europäischen Krisis des 20. Jahrhunderts wie auch deren mobilisierender Mythen.


Gut:

Thor v. Waldstein: Die entfesselte Freiheit. Aufsätze wider die liberalistische Lagevergessenheit, 287 S., gebunden, 22 €

In diesem Sammelband finden sich die bedeutendsten Aufsätze, Reden und Autorenporträts von Thor v. Waldstein. Eins seiner Hauptaugenmerke gilt der Kapitalismuskritik. Da sie in Deutschland „heute intellektuell verwaist“ sei, solle sie mit „nationalen Inhalten“ gekoppelt werden – damit wäre der Linken ein weiterer inhaltlicher Schlag zu versetzen. „Entweder“, so v. Waldstein, „kommen endlich die ‚linken Leute von rechts’, oder es kommen überhaupt keine Leute von rechts.“ Diese Erkenntnis ist so richtig wie wichtig, und sie findet sich in Waldsteins Thesen zum Kapitalismus, die durch Thesen zum Islam (und zur Islamisierung) ergänzt werden. Die Thesen sind Teil einer scharfsinnigen Analyse, die allein auf weiter Flur steht und künftig als neurechte Basis für den wohldurchdachten Blick auf „den“ Islam zu gelten hat.

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (17)

Der Gehenkte
07. Dezember 2017 15:59

Für unsereinen gehört der Ostrowski seit früher Kindheit zum inneren Bestand - ich glaube im Übrigen, daß dieses Buch - aufgrund seines energischen Helden - trotz Pflichtlektüre mehr geliebt als gehaßt wurde. Sehr mutig und a rebours, es hier zu empfehlen. 

Allein: warum diese Ausgabe? Handelt sich um eine neue Übersetzung oder eine noch unbekannte Fassung? Wodruch zeichnet sie sich aus? Bekanntlich hat Ostrowski seinen Roman mehrfach bearbeitet.

Es tut immer wieder mal gut, einen Roman des sowjetischen sozialistischen Realismus zu lesen oder etwa Makarenko ... man bekommt ein Gefühl für jene Seite des historischen Prozesses, die auch aus Idealismus und Begeisterung bestand. Seit drei Jahrzehnten ist es ja Usus geworden, nur noch mit dem Schwarzbuch zu argumentieren.

Wie weit Pawel Kortschagin sich allerdings von der Realität entfernt hatte, zeigen seine Nachfolger, etwa Rudajew aus Wladimir Popws "Havarie im Stahlwerk", die durch unfreiwillige Komik unter der Jubelpose, tief in den Krankheitsherd des gesamten Überbaus hineinleuchteten. Schnell ist aus dem sogenannten sozialistischen Realismus ein protosozialistsicher Irrealismus geworden, wovon die Bitterfelder Schule - trotz einzelner literarischer Meisterleistungen - ein vielstimmiges Lied sang.

Trotzdem, seltsam: Man spürt dort Heimat!

Solution
08. Dezember 2017 01:01

Genau das ist unsere Stärke: Alles von allen lesen und das Brauchbare absorbieren. 

Wir haben es aus innerer Stärke nicht nötig, etwas abzulehnen, nur weil es von der "falschen" Seite stammt.

Und deshalb hat die Linke keine Zukunft.

Lotta Vorbeck
08. Dezember 2017 01:55

Wie @Der Gehenkte vorstehend bereits ausführte: Dieser Roman des Nikolai Ostrowski war Oberstufenpflichtlektüre an den Polytechnischen Oberschulen des einstigen, mitteldeutschen Arbeiter-und-Bauernstaates. Seinerzeit noch mit diesem Umschlagbild.

Neben der Unterstufenpflichtlektüre "Käuzchenkuhle" handelt es sich bei den von Ostrowski höchst anschaulich beschriebenen Abenteuern des Pawel Kortschagin zugleich um das einzigste Stück damaliger Pflichtlektüre, welches meinerseits sowohl mit Interesse tatsächlich gelesen worden ist, als auch einen bleibenden Eindruck hinterließ.
 
Sofern die lange verschüttete Erinnerung keine trügerische ist, wohnte Kortschagin im Verlaufe der Romanhandlung der Exekution seines Freundes (Mentors?) Tschubuk bei.

Interessierten Lesern sei, sozusagen als Perspektivwechsel im Blick auf diese, 100 Jahre zurückliegenden, wahrlich weltumwälzenden Ereignisse darüber hinaus der im Jahre 2008 aufwendig produzierte, russische  Spielfilm "Admiral" anempfohlen.

In entschärft-weichgespülter Videofassung, hierzulande nunmehr mit FSK 16 eingestuft, ist die Geschichte des Admirals Koltschak hier erhältlich.

Da wir gerade bei diesem in Seattle ansässigen Gemischtwarenhändler sind: Offenbar sind beim Jeff-Bezos-Store nun auch wieder Antaios- und Pirinçci-Buchtitel im Angebot.

Benedikt Kaiser
08. Dezember 2017 08:51

@Der Gehenkte: Danke! Es ist dies die seltene(re) Übersetzung von Thomas Reschke, dazu habe ich ein recht ausführliches Vorwort beigesteuert, das Werk und Autor in einen größeren Kontext stellt und eine Neuauflage, zumal bei einem eher christlich-konservativ ausgerichteten Verlag wie Renovamen, inhaltlich begründet. 

@Solution: Genau so ist es. Danke.

@Lotta Vorbeck: Danke auch Ihnen für den Hinweis auf den Admiral-Film. Wir sahen ihn direkt 2009 auf der damaligen Winterakademie des IfS. Koltschak und "Kortschagin" – zwei exemplarische Charaktere der tragischen wie heroischen russischen Geschichte. 

Maiordomus
08. Dezember 2017 10:45

Das hier beworbene Buch von Thor von Waldstein habe ich schon vor Monatsfrist bestellt, aber offenbar scheint die online-Adresse nicht oder nicht mehr zu funktionieren. Ich bestellte es in der Hoffnung, es möge besser sein als die Art und der Ton, in dem es beworben wird. Klar, gibt es eine Art Neoliberalismus in der Art des Diktums von Keynes "in the long run we all are dead", das von Rechten aus jeglichem Lager zu bekämpfende Glaubensbekenntnis der Verantwortungslosigkeit. Ich gestehe aber offen, dass ich auf die "Linken von Rechts" nicht gewartet habe; hier eher zur Bilanz neigend, wie sie sich auch schon aus einem Gespräch zwischen Oswald Spengler und Reinhold Schneider gemäss "Verhülltem Tag" ergab: "Wir sind vom Regen unter völliger Umgehung der Traufe direkt in der Scheisse gelandet." Es bewahrheitet sich wohl die These aus dem wertvollen benachbarten Debattenstrang Sommerfeld/Wawerka, dass die Binnenunterschiede innerhalb des sogenannten rechten Lagers gross sind, mit Sicherheit grösser als die zwischen CDU, FDP, SPD und Grünen. Dies nüchtern oder auch ernüchtert festzustellen, bedeutet keinen Weltuntergang, erschwert aber längerfristig Konsens für auf demokratischem Weg zu erringende Lösungen gegen eine erwiesen schlechte Politik, deren Hauptverantwortliche eher ins Gefängnis gehörten als die derzeit verfolgten katalanischen Politiker. Selber erhoffe ich mir aber aus der Lektüre von Thor von Waldstein aber schon, dass es sich nicht um einen Rückfall in irgendeinen unpraktikablen nationalbolschewistischen Unsinn handelt und auch um mehr als bloss einen LePenschen Opportunismus.

Monika L.
08. Dezember 2017 14:46

@Maiordomus

Auch ich warte nicht auf die "Linken von Rechts" und lese einen Satz wie "Entweder kommen die linken Leute von rechts, oder es kommen überhaupt keine Leute von rechts" mit - Irritation. Wie soll das Nationale und das Soziale erneut zusammen passen ? Da verweise ich mal wieder auf Berdjajew " Von des Menschen Knechtschaft und Freiheit" , inbesondere das Kapitel " Knechtung durch den Nationalismus". Zitat: " National-Sozialismus wäre möglich, doch das Menschlichere an ihm ist das soziale Element, während das Rassenmäßig-Nationale Dehumanisierung bedeutet." (1939)

Ich verstehe zwar, dass nicht jeder etwas mit einer christlichen Soziallehre anfangen kann, (die das Soziale mit einer Gruppenidentität verbindet, die nicht durch das Nationale oder Völkische aufgesaugt wird),  da eben nicht jeder Rechte ein Christ ist oder christlichen Werten verplichtet ist. Und so sehe ich wie Maiordomus , dass die Binnenunterschiede im rechten Lager fundamentaler sind als die Unterschiede zwischen CDU, SPD, FDP und Grünen. Diese sogenannten Weltanschauungsparteien basieren alle noch irgendwie auf einem gemeinsamen ethischen Konsens, der christlich geprägt ist. Mit unterschiedlichen Gewichtungen.  Dieser Grundkonsens ist verloren gegangen. Deshalb entstand in Folge u.a. die Alternative für Deutschland. Eine Gegenpartei, keine Weltanschauungspartei.  In der um das Soziale, das Liberale, das Christliche und Nationale / Patriotische neu gestritten wird. Es kommt zu völlig neuen Konstellationen. Die metapolitischen Überlegungen werden virulent.  Und gleichzeitig muß realpolitisch gehandelt werden. Ob das die "alten Parteien" überstehen, wage ich inzwischen zu bezweifeln. Was das Neue sein kann, darüber gibt es unterschiedliche Entwürfe und Visionen. So komisch es klingt, ohne Gott wird es nicht gehen. Und ein Weg hinter die Aufklärung ist auch nicht möglich. Mit Allah könnte man das Problem ein paar Jahrzehnte überbrücken. In diesen Zeiten wird es sicher nicht gemütlich. Und was und ob etwas von Europa übrigbleibt, ist ungewiss. 

Der Gehenkte
08. Dezember 2017 22:43

@ Monika

"So komisch es klingt, ohne Gott wird es nicht gehen."

Ja, das klingt wirklich komisch! Wenn ich mich mal in Ihre Zweigespräch einmischen darf: Beantworten Sie doch bitte die Frage: Warum? Warum wird es ohne Gott nicht gehen? Es muß ja nicht jetzt und hier sein, aber da Sie diese Position immer und immer wieder vertreten, wird es doch Zeit, uns Gründe dafür anzugeben.

Geht es nicht seit 500 Jahren (Reformation) zunehmend mit immer weniger Gott? Geht es nicht seit 250 Jahren (Aufklärung, gerade dort, "wohinter wir nicht gehen dürfen") tatsächlich ohne Gott, geht es nicht seit Nietzsches "Gott ist tot" endgültig ohne Gott? Sind nicht die säkularen Gesellschaften gottlose? Hat nicht der Buddhismus eine unvergleichliche Hochkultur ohne Gott geschaffen? Gibt es nicht - parallel zum Theismus - eine 2500-jährige Geschichte des Atheismus? Haben die Menschen im Laufe der Geschichte nicht hunderttausende Götter aller Art und in allen möglichen Kombinationen angebetet - und damit die Frage aufgeworfen: Welches ist denn nun d e r Gott? Haben Phänomen wie der Cargo-Kult uns nicht die Entstehung Gottes empirisch vor Augen geführt ...?

Nicht, daß Sie diese Fragen alle beantworten müssten (die Antworten darauf sind ohenhin alle: Ja), aber doch wenigstens die eine, entscheidende: Warum geht es nicht ohne Gott, wenn es doch die ganze Zeit schon ohne Gott geht.

Es geht auch nicht um das Christentum - den Satz: "Ohne Christentum wird es nicht gehen", würde ich sofort verstehen, den ohne Gott, kann ich nicht fassen.

Philip Stein
09. Dezember 2017 10:55

@ Monika L.

Bei allem Respekt, Ihre Behauptung (denn mehr ist es ja nicht), das Nationale und Soziale könnten nicht (mehr) zusammenpassen, erscheint mir doch reichlich zweifelhaft. Welch kruden Begriff des Nationalismus führen Sie hier zu Felde? Seit wann ist Nationalismus denn zwingend "rassisch" zu determinieren? Und wo soll hier eine "Dehumanisierung" zu finden sein? Reichlich nebulös...

Utz
09. Dezember 2017 11:21

National-Sozialismus wäre möglich, doch das Menschlichere an ihm ist das soziale Element, während das Rassenmäßig-Nationale Dehumanisierung bedeutet.

Ich kenne jetzt nur den einen Satz und nicht den ganzen Zusammenhang, deshalb weiß ich nicht, was der Autor wirklich sagen wollte. Aber so wie der Satz da einzeln steht, hätte ich da schon noch einige Fragen. Muß man mit "rassenmäßig-national" zwei Dinge zusammengeklammern, die nicht notwendigerweise zusammengehören? National geht doch auch ohne Rasse.

Zum anderen sehe ich die notwendige Dehumanisierung nicht. Ist es nicht möglich, national zu sein, indem man die eigenen Grenzen schützt und dann im Inneren sozial agiert? Sieht der Autor schon in der Ausgrenzung die Inhumanität? Wären dann nicht nahezu alle Völker in den letzten paar tausend Jahren inhuman gewesen?

 

Medardus
09. Dezember 2017 23:49

Ich Fall vom Glauben ab, das ich das noch erleben darf, als ehemaliger Schüler der 23.POS "Nikolai Ostrowski"(mit erweitertem Russischunterricht) in ........Nur zu besonderen Anlässen durften wir damals das Traditionskabinett mit kleiner Statue betreten.

So schließt sich manchmal der Kreis. Werde mir das Buch unbedingt bestellen, so kann ich neben meinen traditionalistischen auch meine nationalbolschewistischen Interessen vertiefen. 

 

Sabine
10. Dezember 2017 12:17

An den Gehenkten und Monika: Darf ich mitreden, auch wenn mir ob der vielen Bildung hier meistens nur noch die Ohren schlackern? Ich tu es, aber philosophisch begründen kann ich nicht, nur persönlich.

Geht es denn wirklich die ganze Zeit schon ohne Gott? Und wie geht es denn? Geht es gut? Worüber wird hier immer wieder geklagt und wogegen gewütet und argumentiert? Ich verstehe das, was ich hier lese, sehr oft als eine Klage über eine Welt, in der es an Glaube, Hoffnung und Liebe fehlt. Und in der Glaube, Hoffnung und Liebe immer wieder missbraucht und ausgebeutet werden. 

Ich sehe genau wie der Gehenkte - falls ich ihn richtig verstanden habe - wie sich das Tempo immer mehr steigert, in dem die Gottlosigkeit zunimmt, seit der Aufklärung und dann mit der Industrialisierung und vielleicht jetzt mit der Globalisierung. Und ich sehe das ganze aus dem Blick der kleinen Leute wie ich. Aber zurück ins "fromme" Mittelalter würde nicht helfen! Mein Leben wäre dort genauso vom Lebenskampf geprägt wie in der Gegenwart. Arbeit für Essen und Dach überm Kopf, und als das Besondere ganz Große vielleicht der Heilige Bernhard in Speyer. Und ich müsste fürchten, dass meine Kinder mit ihm mitziehen, weil sie ja genau wie ich sehen, was alles verkehrt ist und sie etwas daran ändern wollen. So wie jetzt Eltern sehen, wie ihre Kinder sich in der Antifa verrennen und sich blenden lassen von klingender Propaganda und ihrem eigenen Abenteuerdrang.

Aber spricht das alles gegen Gott? Der Buddhismus war wahrscheinlich am Anfang im Hinayana eine Art Philosophie, Suche nach Erkenntnis, ohne Bilder. Aber das ist er nicht geblieben. Wo ich auch hinsehe bildeten sich Strukturen von Herrschaft aus und entstand eine echte Religion mit der reichhaltigen Bildersprache, die zu einer Religion immer gehört. Mahayana (liebe ich) mit Heiligen, die Erlösung für alle wollen, nicht nur die Freiheit des Einzelnen im Geist. Für mich fühlt sich Mahayana an wie Christentum, aber mit Buddha als Gott bzw. Jesus, dem man Treue und Gefolgschaft schwört. Und erst der tibetische Buddhismus, der so genial den Vorläuferglauben Bön übernommen und umgeformt hat! Fast wie Bonifatius in Germanien, und auch mindestens genauso kämpferisch und blutig. Mit gegenseitigen Verdammungen, die sich bis in die Gegenwart des tibetischen Buddhismus auswirken. Also den Buddhismus als Beispiel dafür, dass es ohne Gott geht, finde ich denkbar ungeschickt. Hier wird Buddhismus zu oft nur in einer amerikanisierten Form begriffen.

Und gibt es wirklich eine 2500.jährige Geschichte des Atheismus? Wo? Bei einigen Wissenschaftlern, die wie Leuchttürme sind. Aber ist dieser Atheismus bei ihnen ihre Kraft, aus der sie leben? Oder ist er nicht vielmehr eine kluge Theorie, die ihnen ihre Welt erklären soll. Und als echte Wissenschaftler arbeiten sie bis an ihr Lebensende weiter an und mit Theorien, sie können umschwenken auf Grund neuer Beobachtungen und überraschen ihr Publikum. Woraus lebt ein Wissenschaftler wirklich? Vielleicht aus Neugier, Ehrlichkeit und Beobachtungsgabe? Wenn er den Atheismus als Axiom nehmen würde, würde er sich doch gewaltig einschränken.

Aber zurück zur Frage, warum es nicht ohne Gott geht: Ich denke, das ist eine Frage, die man nicht allgemein sondern nur persönlich beantworten kann. Für mich geht es nicht ohne Gott, weil ... Weil ich gerade diese Zeit als ungeheuer verwirrend empfinde. In den Texten des NT über Jesus und denen des AT speziell der Propheten über eine Gesellschaft, die am Ende ist, sehe ich festen Boden, wenn ich das Gefühl habe, in einem Sumpf zu stehen. Und ja, Religion ist Opium, und z.B. die Texte der Psalmen lindern meinen Schmerz über eine oft grausame Welt. Sie mildern meine Wut, wenn alles in mir nach Rache schreit. Ich sehe doch, wie alle Revolutionen, egal ob Russland oder Frankreich, am Ende Leute wie mir nichts bringen. Eine neue Machtclique herrscht, und für die kleinen Leute - soweit sie überlebt haben - geht der alte Trott weiter, aber das Rennen ist schneller geworden.

Nietzsche, wenn ich ihn recht verstehe, meinte, das Christentum wäre konträr zur natürlichen Auslese. Seis drum! Ich bin fürs Christentum, und das mit der natürlichen Auslese soll Gott richten. Auch als Krücke dafür, wo mein Verstand nicht mehr reicht, ist Gott brauchbar ;-) Und ich weiß ja, wie begrenzt mein Verstand ist, aber trotzdem möchte ich über meinen Verstand hinaus glauben, hoffen und lieben. Also Gott - aber es ist eine Frage der Entscheidung, nicht der Wissenschaft.

War das alles etwas wirr und unter dem sehr hohen Niveau der Sezession? Und vielleicht am Thema vorbei? Bitte entschuldigt dann, ich musste einfach.

Und noch was für den Gehenkten: Ich habe mich gefreut, den auch für mich gehört der Ostrowski seit früher Kindheit zum inneren Bestand. Zum Glück habe ich ihn entdeckt, ehe der Schulunterricht versuchte, ihn kaputtzumachen. 

 

 

Monika L.
10. Dezember 2017 17:05

@Philip Stein

Ich behaupte nicht, dass das Nationale und das Soziale nicht oder nicht mehr zusammenpassen. Ich frage: Wie soll das Nationale und das Soziale h e u t e zusammenpassen ? Das Zitat stammt von Nikolai Berdjajew aus dem Jahre 1939 und ist natürlich im Zusammenhang zu sehen. Es stammt nicht von mir. 

Das Nationale ( oder der staatliche Ordnungsrahmen) und das Soziale passt m. E. in der Katholischen Soziallehre zusammen:

https://www.tichyseinblick.de/meinungen/jesus-hat-keine-willkommens-kultur-gepredigt/

Für mich gibt es dagegen ein Problem,  wenn das Soziale von den " Linken von Rechts" begründet wird. Diese Problematik ist 1939 von Berdjajew durchdacht worden. Ich lasse mich da aber gerne belehren.

Der Gehenkte
10. Dezember 2017 21:36

@ Sabine

In aller Eile, bevor wir hier vom Bildschirm verschwinden, und nur, um einige Mißverständnisse auszuräumen:

Der sich beschleunigende Glaubensverlust muß in seinen objektiven, letztlich materiellen Grundlagen begriffen werden. Das ist vom Willem unabhängig - man kann nicht glauben wollen bzw. ist das dann kein genuiner Glaube mehr.

Wenn ich "Buddhismus" sage, dann meine ich die Lehre des Buddha, also Theravada. Alles andere sind Schwundstufen - schöne Seelengymnastik, Psychohilfe ... und so wird es auch überall vermittelt. Religionen übrigens auch. Wer heilt hat recht - so be it.

Geschichte des Atheismus: Buddha selbst war ein epistemologischer Atheist; er hat die Frage nach Gott als nicht heilsam aufgefasst, weil sie einerseits Zwietracht sät und zweitens die Möglichkeit des Wissens übersteigt. Die Entartungen, die Sie beschreiben, bestätigen nur das Bedürfnis der Menschen nach einem Gott und nach Anbetung und Selbsterniedrigung.

Xenophanes (ein Vorsokratiker!): Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder mit der Figur von Rindern. Sie würden solche Statuen meißeln, die ihrer eigenen Körpergestalt entsprechen." und:
„Wenn die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus“

DA geht die lange Geschichte (in Europa - in Indien und China ist sie noch älter) los, die man u.a. in den Jahrhundertwerken von Fritz Mauthner: Geschichte des Atheismus in 4 (schweren) Bänden und in Hermann Ley: Zur Geschichte der Aufklärung und des Atheismus in 10 (sehr dicken) Bänden nachlesen kann.

Sie sagen es ja selber: "Für mich geht es nicht ohne Gott, weil ... " und:"wo mein Verstand nicht mehr reicht, ist Gott brauchbar" Das sei Ihnen gegönnt.  Aber Brauchbarkeit ist kein Gottesbeweis.

Die Ausgangfrage an Monika - sicher ungünstig platziert - war ja: Warum geht es nicht ohne Gott; erstens die ethische Begründung und zweitens die neue Vision.

 

Monika L.
10. Dezember 2017 23:30

@der Gehenkte

ich hatte Ihnen gestern geantwortet, aber der Text ist nicht erschienen. Ich möchte Ihnen keine Antwort schuldig bleiben. Ganz kurz:

1. Warum geht es nicht ohne Gott ? Der Atheismus Nietzsches ( Gott ist tot) setzt  den christlichen Gott voraus. Er kann ihn nicht ungeschehen machen. Nur ein Gott, der in die Welt kommt, kann auch wieder aus dieser Welt verschwinden. Den Tod Gottes kann man in Gedanken vollziehen. Das tut etwa sloterdijk in NACHGOTT. In der Vielfalt religiöser Erfahrung von William James schreibt Sloterdijk: " Authentische Philosophie der Moderne ist die Hermeneutik des Ungeheuren als Theorie der alleinigen Welt. " Allerdings ist damit nicht die religiöse Erfahrung ausgeschaltet. ( Oder die Gnade)

2. Die neue Vision

Authentische Theologie der Moderne ist die Hermeneutik der Liebe Gottes als alleiniger Wirkmacht der Welt. 

Der Gehenkte
11. Dezember 2017 10:14

@ Monika

Vorerst vielen Dank. Ort und Zeit waren nicht günstig für diese Frage - mein Fehler. Sie wird wieder aufkommen und dann wäre vll Gelegenheit, sie ausführlich zu beantworten und zu diskutieren.  Im Moment ist ja noch nicht mal der Unterschied zwischen Warum und Wozu klar.

Sie müßten dann - wenn Sie schon Sloterdijk zitieren - nicht nur die "Chancen im Ungeheuren" beschreiben (die es gibt), sondern seine Herleitung der Transzendenz aus der Verkennung des Langsamen und Heftigen (Nach Heiner Mühlmann) und den 5 weiteren Gründen, die in "Gottes Eifer" und andernorts dargelegt sind.

Auch William James großartiges Plädoyer für religiöse Toleranz nähert sich der Frage ja nicht von  theologischer, sondern psychologischer Seite. Da ist kein Gott, da ist nur noch der Mensch mit seinem Gott.

Vielleicht sieht man sich mal wieder - das war damals ein denkwürdiges Gespräch und wir erinnern uns alle noch gern daran.

Monika L.
11. Dezember 2017 11:36

@Der Gehenkte

vielleicht waren Ort und Zeit nie günstiger für diese Frage?  Vorerst: Ist die Vielfalt religiöser Erfahrung nur ein psychologisches Phänomen? Da ist kein Gott, da ist nur noch der Mensch mit seinem Gott: https://www.owep.de/artikel/713/gespraech-mit-tatjana-goritschewa

Der Mensch mit seinem Gott kann diese Erfahrung kommunizieren. Mit anderen Menschen. (Der Glaube kommt vom Hören) Im Anfang war das Wort (Johannesprolog) , Richard Wilhelm übersetzt das TAO TE KING mit Sinn und Leben, also die chinesische Bibel übersetzt das griechische logos ( Wort) mit Sinn ( Dau) Im Anfang war der Sinn...

Sinnfragen haben eine andere Qualität als Verstehensfragen. So weit für heute......:)

Der Gehenkte
11. Dezember 2017 17:51

@ Monika

Nur um das letzte Wort zu haben:

"Der Mensch mit seinem Gott kann diese Erfahrung kommunizieren."

Der Mensch ohne seinen Gott kann diese Erfahrung kommunizieren.

"(Der Glaube kommt vom Hören) Im Anfang war das Wort."

(Der Nicht-Glaube kommt vom Hören) Im Anfang war das Wort

"Der Atheismus Nietzsches ( Gott ist tot) setzt  den christlichen Gott voraus."

Der Atheismus Xens (das fliegende Spaghettimonster ist tot) setzt das fliegende Spaghettimonster voraus. ...

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