Sezession
1. Oktober 2017

Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte

Ellen Kositza

Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte, Reinbek: Rowohlt 2017. 346 S., 19.95 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich horte zwei schwere Ablagemappen, rein aus Nostalgie. Das eine Buch trägt den Titel »Feminismus etc.«, das andere firmiert unter »Sonstiges«. Hinein packe ich Zeitungsartikel, die mir interessant scheinen. Längere Zeit habe ich das betrieben, mehr schlecht als recht sortiert, und vor allem: sinnlos. Ich dachte wohl, auf dieses »Archiv« könnte ich bei eigenen Artikeln zurückgreifen. Das tat ich selten.

Unter »Sonstiges« hatte ich etliche Artikel von Ijoma Mangold gepackt, der war mir in den Nullerjahren als extrem guter Beobachter und hervorragender Stilist aufgefallen. Irgendwann, weit nach der Sammlungsphase, ich von meinem Schreibtisch zu dem gegenüber: »Ach komm! Der Mangold!« – »Ja? Wieder was richtig Gutes?« – »Nee, anders. Der ist … schwarz. Also, sehr dunkel.« – »Ja, und?« – »Nichts und. Ich wußte es halt nicht.«

Schwer zu sagen, ob Mangold von dieser Null-Anekdote befremdet oder bestätigt wäre. Er hat nun, 46jährig, eine Art Biographie vorgelegt. Mit Fug und Recht könnte der Untertitel zu Das deutsche Krokodil lauten: »Wie es so ist, als wurzelhafter Schlesier, erst Wahlpreuße, dann Habsburgbegeisterter, jedenfalls ziemlich konservativer Wagnerfan mit dunkler Hautfarbe in Deutschland großzuwerden.« Groß, hm: Mangold sitzt in diversen Literatur-Jurys, verantwortet den Literaturteil der ZEIT und moderiert öffentlich-rechtliche Sendungen; »Medienelite« kann man das nennen. Einer, der so den Ton angeben darf (man unterschätze nicht die Wirksamkeit eines erhobenen oder gesenkten Daumens, selbst wo es »nur« um Belletristik geht), muß sich zuvor ausweisen: durch eine gewisse Begabung (Mangold hat neben dem Latinum und dem Graecum auch das Hebraicum erworben), wohl auch durch eine kompatible Meinung. Vorlaut zu sein: gewiß kein Nachteil, sofern die Richtung paßt.

Mangold wurde zu Schulzeiten »die Labertasche« genannt, man kennt den Typus (oft nervig, oft brillant) gut. Gründe für Labertaschigkeit mag es viele geben, Mangold legt sie für seine Person offen: »Ich redete so viel, um nicht als Ausländer verkannt zu werden. Ich redete um mein deutsches Leben.«

Nun ist dieses Werk kein Problembuch, das den steilen Karriereweg eines Mulatten (darf man sagen, Mangold gebraucht das Wort) als eines irgendwie »Fehlfarbigen« durch die Wirrnisse der deutschen Intoleranzgesellschaft beschreibt. Nichts weniger als das! (Daß der Spiegel Das deutsche Krokodil auf der Sachbuchbestenliste führt, läßt daher tief blicken.) Mangolds frühverfaßte Autobiographie ist (extrem) unterhaltsam, klug, tief. »Auf keinen Fall wollte ich einer sein, der in allem bloß Zeichen der Ausgrenzung erblickte.« Der Autor zieht nie die billige Karte des Beleidigten, im Gegenteil, ein bißchen überschwenglich, also im nun reflektierten Wissen um seine grundgelegte Unsicherheit, habe er sensiblen Nachfragern gern geantwortet: Seine Hautfarbe habe ihm »alle Türen geöffnet, weil man auffällt; allenthalben kommen die Leute neugierig auf dich zu.« Jenen Leuten of colour, die sich in Dauerklage über rassistische Zurückweisungen ergehen, will er deren persönliche Erfahrungen nicht bestreiten, »aber insgeheim dachte ich: ›Wenn du einfach ein bißchen sympathischer wärst, wären die Leute auch netter zu dir!‹«

Offenen Haß, der auf seine Hautfarbe gemünzt ist, erfährt Mangold spät. Er hatte in der ZEIT gerade Akif Pirinçcis Deutschland von Sinnen verrissen; er las es als obszönes Dokument der Enthemmung. Enthemmt jedenfalls waren die echt rassistischen Reaktionen, die der Journalist erhielt (als Unbeteiligter las man das auf gewissen Netzforen mit), Mangold: »Da hatte ich mein Leben lang damit kokettiert, daß rechts von mir nur noch die Wand sei, und nun das.« Das nun erstaunt, zumal ich meine kleine Mangoldsammlung angehäuft hatte, weil mir der gescheite Blick und die Eloquenz gefielen und keinesfalls, weil hier einer fast so rechts wie »die Wand« schrieb.

Interessant ist diese Selbstverortung dennoch. Erstens, weil sie abermals deutlich macht, als wie eng der Rahmen des Sagbaren begriffen wird, zweitens, weil sie glaubhaft einen Mechanismus der Überkompensation kenntlich werden läßt, über den in jüngerer Zeit zahlreiche »Strebermigranten« (Emilia Smechowski) berichteten. Klar ist Mangold als gebürtiger Heidelberger weder Migrant noch Ausländer, auch wenn er mit diesen Etiketten spielt, und doch sieht er sich – seinen nigerianischen Vater, einen Arzt, und dessen Heimat lernt er erst in seinem dritten Lebensjahrzehnt kennen – als Wanderer zwischen zwei Welten, der sich stets unter der Beweislast sieht, die Kompaßarbeit in den Gefilden seines Geburtslandes besonders sicher zu beherrschen. Zudem entdeckt er »gewissermaßen eine Marktlücke«: »Wenn die Deutschen sich so schwer-taten mit ihrer Geschichte und ihrem Deutschsein, wer, wenn nicht ich, konnte ihnen dann erzählen »was deutsch und echt«, ohne dass irgendjemand befürchten mußte, von einem unverbesserlichen Rassisten eine Geschichtsstunde verpasst zu bekommen?«

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Ijoma Mangolds Das deutsche Krokodil kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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