Sezession
6. März 2018

»Sea Changes«: Derek Turner im Gespräch

Nils Wegner / 7 Kommentare

»Sea Changes«: Derek Turner im Gespräch

Sezession: Eine der gewiß am treffendsten benamsten Figuren in Ihrem Roman voller vielsagender Namen ist der zwanghaft fortschrittliche und gutmenschliche Journalist John Leyden, der seinen Namen offensichtlich vom Führer der Münsteraner Wiedertäufer hat, Jan van Leiden, genannt Bockelson.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Sehen Sie im heutigen Mainstreamjournalismus tatsächlich eine religiös-fanatische Qualität? Wie sieht es damit in der englischsprachigen Welt aus, und wie reagieren die normalen Menschen – die in Sea Changes durch den vom Schicksal und der "Vierten Gewalt" übel gestraften Bauern Dan Gowt repräsentiert werden – auf solche Gängelung?

Turner: Ein Teil des Aktivismus und Journalismus von links weist zweifellos einen quasireligiösen Beigeschmack auf. Ich erinnere mich daran, das ganz deutlich gespürt zu haben, als ich die Aufnahmen der Entlassung Nelson Mandelas aus dem Gefängnis sah und die überwältigten, schwärmerischen, bebenden, ein wenig übelkeiterregenden Kommentare von Journalisten hörte, die sich selbst wahrscheinlich für Realisten und Skeptiker halten. Ich schämte mich für sie! Für sie war dieses Ereignis wie der Einzug eines Heiligen in die Stadt.

Dieselben Persönlichkeiten, die in anderen Zeitaltern Hohepriester, Säulenheilige, Flagellanten oder puritanische Extremisten gewesen wären, findet man heute über Meinungsartikel für die säkularen, humanistischen Medien gebeugt. Manche Menschen fühlen sich durch ihre Veranlagungen zu metaphysischen "Erklärungen" und den leichter erregbaren Formen der Religion hingezogen, und heute, wo es so schwer ist, an Gott zu glauben, leiten sie ihre intellektuellen Energien stattdessen oftmals in politische Utopien.

Das Christentum weist alle möglichen edlen und inspirierenden Qualitäten auf – Vorantreiben der Bildung, Wohltätigkeit, intellektuellen Auftrieb, Sanftmut, soziale Verantwortung –, und seine Kultur ist in jedem Fall untrennbar mit der europäischen Identität verbunden. Unglücklicherweise neigt es aber auch zu Apokalyptik, Schwarz-Weiß-Denken, Heroenkult, Masochismus, Gefühlsduselei und zum Universalismus.

Natürlich sind all diese Aspekte nicht genuin christlich, aber sie stellen wichtige Elemente insbesondere der Weltanschauung evangelikaler Christen dar und lassen sich leicht in die politische Sphäre übertragen.

Die politische Korrektheit ist so etwas wie ein führerloser, diesseitiger Kult und enthält viele dieser Charakterzüge. In England gibt es ein bekanntes Sprichwort, wonach die Linke dem Methodismus mehr verdankt als dem Marxismus, und darin steckt viel Wahrheit.

Übrigens zeitigten diese althergebrachten protestantischen bzw. linken Impulse oftmals positive Auswirkungen; die christliche Soziallehre stand hinter vielen entscheidenden Reformen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, etwa der Verbesserung der Lebensbedingungen für die Arbeiterschaft oder der Einführung des Frauenwahlrechts.

Das Problem ist, daß die gleiche intellektuelle Rastlosigkeit nun gegen die Zivilisation in Stellung gebracht wird, die ihr ihren schlüssigsten Charakter und Ausdruck verliehen hat. Viele christliche Führer – Katholiken und Protestanten gleichermaßen – haben die Masseneinwanderung durch mangelnde Sachlichkeit, den irrationalen Glauben an das Gute im Menschen und einen prätentiösen Unwillen, ihr eigenes Glaubenssystem und die dazugehörige Kultur anderen vorzuziehen, mit begünstigt.

Glauben diese christlichen Führer wirklich noch an die Besonderheit ihres eigenen Glaubensbekenntnisses? Es sieht nicht danach aus.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


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Kommentare (7)

Alveradis
7. März 2018 04:24

"Turner: Ein Teil des Aktivismus und Journalismus von links weist zweifellos einen quasireligiösen Beigeschmack auf. Ich erinnere mich daran, das ganz deutlich gespürt zu haben, als ich die Aufnahmen der Entlassung Nelson Mandelas aus dem Gefängnis sah und die überwältigten, schwärmerischen, bebenden, ein wenig übelkeiterregenden Kommentare von Journalisten hörte, die sich selbst wahrscheinlich für Realisten und Skeptiker halten. "

Diese religiöse Überhöhung kreiert das Tabu die zur Ikone empor gehobene Figur zu kritisieren oder überhaupt historisch realistisch einzuordnen. Vom kommunistischen Terroristen zum Heiligen. Um so einen Wahrnehmungssprung massenwirksam zu ermöglichen muss dick aufgetragen werden. Es geht nur wenn Emotionen mobilisiert, hochgekocht und anschließend das Bild des installierten neuen Heiligen eingefroren wird.

Die "Linke" machte zwar das Tamtam aber es waren Reagan und Thatcher, die das weiße Süd Afrika vernichtet haben. Es war wichtig die konservative Anhängerschaft durch einen koordinierten Medien Blitzkrieg davon abzuhalten zu denken.

Auch wenn ich nicht ausschließe, dass Journalisten am äußeren Rand der Narrativproduzenten sich schlicht mitreißen lassen, denke ich nicht, dass derlei groß angelegte Aktionen ohne Koordinierung im Vorfeld ablaufen.

Man muss sich vorstellen, dass die natürliche Solidarität Weißer zu anderen Weißen bei der Operation abgetrennt und auf die Schwarzen umgelenkt werden musste. Dafür wurde auch die Musik- und Unterhaltungsindustrie bis zum Anschlag eingesetzt.

Die Kreation der emotional hoch aufgeladenen Scheinrealität funktionierte so gut, dass weißen Süd Afrikanern, die nach Britannien geflüchtet sind nicht geglaubt wurde, wenn sie über ihre Erfahrungen sprachen, denn gleichzeitig mit der Errichtung der unantastbaren Ikone Mandela war auch das Bild des teuflischen Süd Afrikaners installiert worden. Da absolut Gute und das absolut Böse.

Wahrnehmungsveränderungen können nur massenwirksam installiert werden, wenn die Gehirne massiv von allen Seiten mit Gefühlen geflutet werden.

Genau das haben wir ja auch 2015 erlebt. So ein Gefühlshype verschärft die Trennung zu den Zögerlichen oder Kritischen bis hin zur Unmöglichkeit einer Kommunikation über die Lager hinweg.

Für den Mandela Kult, den auch Trump weiter führt, war es notwendig, die Realisten unter den eigenen Wählern auszuschalten.

Die Konditionierung ist so tief eingedrungen, dass keine auch noch so grauenhafte Meldung aus Süd Afrika die Herzen der Konditionierten erreicht.

Im Kern der Kampagnen mag tatsächlich Religion eine Rolle spielen und die Dynamik beeinflussen. Da müsste man sich die journalistischen Akteure näher ansehen.

Ein gebuertiger Hesse
7. März 2018 08:45

Sehr gutes Interview, intensiv und satt im Detail. Vielen Dank dafür.

RMH
7. März 2018 09:38

"... einige UKIP-Mitglieder vertraten ausgesprochen idiotische Ansichten bis hin zum Franzosen- und Deutschenhaß. (2016 stimmte ich nur sehr zögerlich für den Brexit.)"

Dem Brexit gegenüber hege ich sehr ambivalente Gefühle. Klar, er war ein Schlag gegen die Bürokratie und den Moloch in Brüssel und ein Zeichen der Lebendigkeit eines Volkswillens (wenn auch wohl eher nur des Willens der Älteren und Ärmeren Britanniens, wenn man den Umfragen glauben darf). Auf der anderen Seite schmerzt es mich, der ich immer gute Kontakte zur Insel pflegte und diese ausgiebig bereist habe, schon sehr, dass mit dem Brexit Groß Britannien sich automatisch wieder eher weg von Europa entwickelt, die Freizügigkeit des Reisens eingeschränkt werden wird und sich das UK wohl wieder mehr an die USA und die Commonwealth-Länder wie Canada, Australien etc, anlehnen wird. Für Deutschland, als "Zentrum Europas", ist das nicht vorteilhaft. Hoffen wir, dass es in nicht allzu ferner Zukunft doch noch zu einem echten Bündnis eines Europas der Vaterländer kommt, dem Groß Britannien dann naturgemäß als starker und wichtiger Partner angehört und welches dann keine Spielfigur auf dem Schachbrett der USA mehr ist (denn dazu wird das große UK mit dem Brexit wieder werden - aus der einen Abhängigkeit wird eine neue folgen).

Solution
7. März 2018 17:56

Ich darf wohl für mich in Anspruch nehmen, als erster Deutscher dieses Buch im englischen Original (bei WSP in den USA erschienen) gelesen zu haben. Daher freue ich mich, daß dieses Buch endlich auf Deutsch erschienen ist.

Es ist mindestens so gut, wie das "Heerlager" und noch besser als andere gute Bücher zum Thema. Vom Schreibstil und vom Inhalt ist es für jedermann zum Lesen geeignet.

Der aktuelle Inhalt wird wirklichkeitsnah geschildert. Nichts ist an den Haaren herbeigezogen, übertrieben oder gar extremistisch.

Hätte man einen entsprechenden Werbeetat und käme man in die Medien, würde es ein Bestseller werden. Ich habe jedenfalls die ersten 3 Exemplare auf Deutsch schon verschenkt. Vielleicht klappt es ja auch durch Mundpropaganda.

Unbedingte Kaufempfehlung!

Michael B.
7. März 2018 19:24

Koennte hier jemand einen Tip dazu geben, wo das Original zu beziehen ist?
Amazon.de hat nur eine Kindle-Version, co.uk einen Weiterverkauf von Amazon.com. Dort direkt wiederum ist es momentan nicht verfuegbar.

Oder kommt Antaios an die englische Ausgabe heran?

Nils Wegner
7. März 2018 20:54

@ Michael B.:
Nichts einfacher als das. Besuchen Sie die Netzpräsenz des Autors und kontaktieren Sie ihn über seine auf der Startseite angegebene Mailadresse – ich bin sicher, daß er noch ein Exemplar für Sie übrig hat. Eine zweite englischsprachige Auflage ist übrigens bereits angekündigt, aber scheints noch nicht realisiert worden.

Michael B.
8. März 2018 17:31

> Eine zweite englischsprachige Auflage ist übrigens bereits angekündigt

Danke, ich sehe es gerade auf seiner Seite. Geplant Februar 2018 - dann warte ich noch etwas.

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