Sonntagsheld (57) – Southern Gentleman

"It's okay to be HuWhite!"

“Was bedeu­tet denn für Sie ‘euro­päi­sche Iden­ti­tät?’ ” – jeder Rech­te, der schon ein­mal ein Inter­view gege­ben hat, wird die­se Fra­ge gestellt bekom­men haben, er wird wis­sen, wel­che hämi­sche Inten­ti­on dahin­ter steckt und wel­che Reiz­wor­te man bei der Ant­wort bes­ser aus­lässt. “Eth­no­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät” lau­tet das bevor­zug­te Sticht­wort, aller­dings: Schon dem kul­tu­rel­len Teil ist schwer bei­zu­kom­men. Ver­schie­de­ne Den­ker haben es ver­sucht – Mar­tin Sell­ner schrieb vom “Nar­ra­tiv”, Kubit­schek sprach von “einem Ent­wurf Got­tes und einer bestimm­ten Art und Wei­se durchs Leben zu gehen”, der Phi­lo­soph Fran­çois Jul­li­en schließ­lich schrieb ein Buch, gerich­tet auch an uns Iden­ti­tä­re, nann­te es “Es gibt kei­ne kul­tu­rel­le Iden­ti­tät” und stell­te Kul­tur statt­des­sen als Res­sour­ce vor, die grund­sätz­lich jedem zur Ver­fü­gung ste­he. Schwer genug, die­se ver­schie­de­nen Annä­he­run­gen unter einen Hut zu brin­gen und dann auch noch anspre­chend und klar zu formulieren.

Aber wie zur Höl­le redet man über den bio­lo­gi­schen Teil der Iden­ti­tät? Auch ein Drei­vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Natio­nal­so­zia­lis­mus immer noch ver­min­tes Gelän­de, kei­ne Fra­ge. Und zwar in bei­de Rich­tun­gen: Wer zuhau­se kra­nio­me­tri­sche Stu­di­en wälzt, um den inter­view­en­den Jour­na­lis­ten ras­sisch ein­ka­ta­lo­gi­sie­ren zu kön­nen, macht sich nicht weni­ger lächer­lich als der Cuck, der sich in die Leit­kul­tur flüch­tet und allen Fra­gen nach Abstam­mung ausweicht.
Und doch: Es scheint ihn zu geben, den gol­de­nen Mit­tel­weg; sou­ve­rän, elo­quent, selbst­be­wusst und sach­lich, mit einem gro­ßen Akten­kof­fer vol­ler Stu­di­en, aka­de­mi­scher Publi­ka­tio­nen und stich­hal­ti­ger Argu­men­te und ohne den Ruch der berüch­tig­ten “men­schen­feind­li­chen Ideologie”.

Ich den­ke an den ame­ri­ka­ni­schen Publi­zis­ten, Jour­na­lis­ten und “race-rea­list” Jared Tay­lor, der an die­ser Stel­le, eine Woche nach sei­nem Vor­trag in Mag­de­burg die ver­dien­te Wür­di­gung erfah­ren soll. Dazu muss viel­leicht gesagt wer­den: Ich bin ein Fan. Weni­ger auf inhalt­li­cher Ebe­ne (kann man ein Fan nüch­ter­ner Fak­ten sein? Kei­ne Ahnung…), son­dern vor allem von Stil und Dis­kus­si­ons­ver­hal­ten des 66-Jäh­ri­gen. Die Rede, die er auf dem Alt-Right-Kon­gress hielt, trägt die­ser Aus­strah­lung dabei nur unge­nü­gend Rech­nung – wer Tay­lor wirk­lich in sei­ner gan­zen Kalt­schnäu­zig­keit und sub­ti­len Arro­ganz erfah­ren möch­te, der muss ihn in einer Debat­te erleben.
Tay­lor zer­fetzt sei­ne Geg­ner nicht, er wird nicht laut, son­dern hört statt­des­sen gedul­dig zu und seziert dann in einem fast chir­ur­gisch anmu­ten­den argu­men­ta­ti­ven Ein­griff. Damit kön­nen die wenigs­ten umge­hen und so enden die Streit­ge­sprä­che häu­fig damit, dass Tay­lor sich auf­rich­tig amü­siert zurück­lehnt, wäh­rend sein Gegen­über sich in immer absur­de­ren Behaup­tun­gen, oder gleich direk­ten Belei­di­gun­gen ver­steigt. Dadurch, dass Tay­lor sich nahe­zu immer an den Com­ment der aka­de­mi­schen Rede hält, neh­men sei­ne Dis­kus­si­ons­vi­de­os bis­wei­len fast den Cha­rak­ter von Schu­lungs­ma­te­ri­al an; sei­ne Gesprächs­part­ner wir­ken wie Vor­füh­rungs­ob­jek­te, an denen auf­ge­zeigt wird, wie man mit den emo­tio­na­len Vor­wür­fen der Gut­men­schen mus­ter­gül­tig umgeht.

Für den sonn­täg­li­chen Abend­ge­nuss emp­feh­le ich daher drei Vide­os. Stel­len Sie das Bier kalt, schie­ben Sie die Piz­za in den Ofen und lau­schen Sie den erha­be­nen Aus­füh­run­gen eines ame­ri­ka­ni­schen Gen­tle­man im Ange­sicht des Kali Yuga:

Hier im Gespräch mit einem schwar­zen Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, der an eine wei­ße Welt­ver­schwö­rung glaubt. Hier im Aus­tausch mit einem israe­li­schen Jour­na­lis­ten. Und, fast schon legen­där gewor­den, hier mit einem Wei­ßen, der eigent­lich gern ein…ach, sehen Sie selbst!

 

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Kommentare (14)

Nath

22. April 2018 18:41

"...der Philosoph François Jullien schließlich schrieb ein Buch, gerichtet auch an uns Identitäre, nannte es 'Es gibt keine kulturelle Identität'"

Ja, mit der Kultur ist das so eine Sache. Ein paar Beispiele mögen dies illustrieren. Seneca, der Heros ganzer Generationen von Latinisten und Vorbild stilistischer Eleganz, war Spanier - ein exemplarischer Fall von geglückter "Integration" in der Antike. Der Neuplatoniker Plotin, hochverehrt von den Renaissance-Philologen der Florentiner Akademie, war Nordafrikaner - ebenso wie der rhetorisch brilliante Vater der westlich-lateinischen christlichen Theologie, Aurelius Augustinus. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht auch nicht überflüssig zu erwähnen, was d a ma l s als "zivilisierte Welt galt: der hellenesierte bzw. später latinisierte gesamte Mittelmeerraum, der sich von Kleinasien, Nordafrika bis nach Südeuropa erstreckte. Als ganz sicher nicht dazugehörig wurde der heutige "zentraleuropäische" Norden betrachtet, wo die ungeschlachten Barbaren hausten. (Nietzsches häufige Invektiven gegen den "gutmütig-bäurischen Norden" rühren ganz sicher auch von der unter damaligen Philologen verbreiteten Präferenz für alles Südlich-Kultivierte her.)
Preisfrage: Hätte es in der Antike unter den Gebildeten eine moderne Meinungsumfrage über die Kulturfähigkeit der Nord-, West- und Osteuropäer gegeben, wie hätte wohl das Ergebnis ausgesehen?

Thomas Martini

22. April 2018 19:33

"Was bedeutet denn für Sie 'europäische Identität?'"

Europäische Identität bedeutet (auch), die Unterschiede zwischen der europäischen und amerikanischen Kultur zu erkennen, und sich von der Völkermordnation USA abzugrenzen, wo es möglich ist.

Passend dazu ein kurzer Reisebericht aus den Niederlanden: Beim "Sightseeing" löste es bei uns große Irritation aus, zu erfahren, daß die großen Kirchen in Nijmegen und Vrenay im zweiten Weltkrieg bombadiert und zerstört wurden. Noch in der St. Petrus-Bandenkerk in Vrenay dachte ich: Das können doch unmöglich wir Deutschen gewesen sein!?

Nee, natürlich nicht. Die Zerstörungen verursachten die alliierten Mordbrenner während ihrer "Befreiung". Bei der St. Stevenskerk in Nijmegen war es nur Zufall, man hatte die Stadt dummerweise mit Kleve verwechselt. Kann ja mal vorkommen. "Nobody is perfect", würde der Amerikaner wohl sagen. Bei Vrenay befindet sich übrigens auch der 32.000 Gräber umfassende Kriegsgräberfriedhof Ysselsteyn. Die einzige deutsche Kriegsgräberstätte der Niederlande.

Europa zu zerstören, ist und bleibt Ehrensache für einen amerikanischen Gentleman. Er hat es sich zur großen Hausaufgabe gemacht, die europäischen Völker und ihre Kulturen auszurotten. Gegen das, was die USA bis heute an Europa verbrochen haben, wirken die Verbrechen des Islam so harmlos wie Falschparken.

Bei den USA kommt hinzu: Der psychische Schaden ist für die Europäer noch verheerender, als der physische und materielle. Die Verwirrung und Orientierungslosigkeit der europäischen Identität, bemerkt man am besten an einer begeisterten Fixierung auf angloamerikanische Quellen. Oder auch am Beklagen von "Antiamerikanismus". Sich die Frage zu stellen, ob es wirklich so eine gute Idee ist, sein Weltbild vorwiegend von den Anglos zu beziehen, wäre dagegen ein erster Schritt in Richtung einer souveränen europäischen Identität.

Solution

22. April 2018 20:45

Erfreulich, daß man in der BRD langsam aber sicher erkennt, daß wir auch in den USA hervorragende Verbündete haben.

Die USA sind genauso "besetzt" wie wir. Der Handlungsspielraum dort ist genauso eng, wie bei uns. Einzig die "freie Meinungsäußerung" ist teilweise noch besser geschützt. Aber auch daran arbeiten unsere gemeinsamen Gegner.

Es ist höchste Zeit, sich nicht nur europaweit, sondern auch weltweit mit Gleichgesinnten zu vernetzen.

Wer jetzt noch alte Feindschaften aus den Weltkriegen pflegt, hat nichts verstanden. Es geht nicht mehr um das Überleben eines einzelnen Volkes. Es geht um mehr, es geht um das Überleben des europäischen Menschen.

RMH

22. April 2018 21:34

"es geht um das Überleben des europäischen Menschen."

Genau - und dazu gehört ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung in den USA und Canadas.

Herr Martini greift mithin viel zu kurz, mit seiner Anti-USA Tirade. Ich will das jetzt Herrn Martini ausdrücklich nicht unterstellen, aber als "altgedienter" Debattenteilnehmer, gerade auch im rechten Bereich, ist der Anti-"Angloamerikanismus" leider oft nur eine Übertünchung oder Vermeidung des ehrlicherweise gemeinten Zielobjekts "Ostküstenjudentum" oder gar des Zionismus.

Solche simplen schwarz-weiß Malereien helfen nicht weiter.

PS: Das Russland mit dieser Sichtweise eben gerade nicht aus Europa "ausgeschlossen" wird, ist - zumindest für mich - eine Binsenweisheit.

John Haase

22. April 2018 21:58

Added Coolness für Jared Taylor: Er spricht seit der Kindheit fließend Japanisch. Auf Youtube gibt es Videos davon.

Auf mich wirkt Taylors Stil im übrigen mitnichten arrogant, sondern ich fand ihn immer ausgesprochen höflich und sachlich. Er ist seinen Gegnern geistig eben meist weit überlegen, vielleicht entsteht wegen dieses Gefälles der Eindruck, er sei arrogant.

Thomas Martini

22. April 2018 22:37

"Wer jetzt noch alte Feindschaften aus den Weltkriegen pflegt, hat nichts verstanden."

Die unbegrenzte Aufnahme von syrischen "Kriegsflüchtlingen" war eine Tributleistung der Vasallenrepublik Deutschland an die Besatzermacht USA. Die Obama-Administration soll tief beeindruckt gewesen sein. Seit 70 Jahren arbeitet die amerikanische Außenpolitik und Propaganda höchst erfolgreich an einer Umerziehung und Umvolkung Europas. Kein Land, daß ohne amerikanische Fresstempel für die Massen auskäme. Kein Land, daß auf Ersatzstoffkulturgut amerikanischer Provenienz verzichtet. Zu allem Überfluß bewegt sich die EU unter amerikanischer Führung und Dominanz kontinuierlich auf einen dritten Weltkrieg gegen Russland und China zu.

Davor kann man natürlich die Augen verschließen. Auch davor, daß es nur die USA waren, die mit ihren "Regime Changes" -
angefangen von Jugoslawien bis Libyen - ermöglichten, daß es zu einer Masseneinwanderung nach Europa kommt, die den "europäischen Menschen" und vor allem den deutschen Schlafmichel bedroht. Weiterhin kann man die zahllosen Kriege der 70er und 80er Jahre noch einmal Revue passieren lassen. Anschaungsmaterial findet man in der angloamerkanischen Kulturindustrie en masse. Filme wie "Platoon", "Rambo", "Full Metal Jacket" usw., geben Aufschluß über unsere "hervorragenden" Verbündeten. Mit Propaganda hat das - Achtung Ironie - nichts zu tun. Man kann sich einreden, all die Kriegsverbrechen der USA seien nur das Werk eines "Deep State", meinetwegen. "Alte Feindschaften aus den Weltkriegen" sind das jedenfalls nicht!

Waldgaenger aus Schwaben

23. April 2018 06:55

Extremer Anti-Amerikanismus ist auf rechts gewendeter Selbsthass.

Martin Heinrich

23. April 2018 07:37

"Hellenisierter Mittelmeerraum ...". Der König nickte, spuckte aus, riss sein Schwert aus der Scheide und rammte es dem Gesandten zwischen die Rippen. "DAS IST SPARTA!"

Nils Wegner

23. April 2018 11:19

Wissen Sie, Martini, niemand verschließt hier die Augen vor irgend etwas. Man kann aber wohl schlecht flehentlich die Hände ringen und mit Tränen in den Augen darum bitten, als Deutscher im Ausland nicht auf zwölf Jahre einer über tausendjährigen Geschichte reduziert zu werden, wenn man gleichzeitig andauernd von "den" ach so bösen Amerikanern, der »Völkermordnation USA« usw. usf. ad nauseam spricht. Das sollte eigentlich einleuchten, oder?
Im übrigen empfiehlt es sich, keine Filme zur Untermauerung der eigenen Argumentation anzuführen, die man gar nicht gesehen hat – denn kein einziger von den drei aufgezählten zeichnet auch nur im Ansatz ein positives Bild von Vietnamkrieg und Heimatfront.
Und was zu guter Letzt die erwähnten »Fresstempel für die Massen« und das »Ersatzstoffkulturgut amerikanischer Provenienz« anbelangt, so gehören da – wie so oft im Leben – immer zwei dazu. Ohne eine insbesondere von den Unionsparteien und ihren Kanzlern seit Gründung der Bundesrepublik intensiv und dezidiert betriebene Ausverkaufspolitik des eigenen Lands gegenüber den Westmächten wäre das alles wohl nicht in geschehener Form möglich gewesen. »The pot calling the kettle black«, wie man im Sprachraum der aus Ihrer Warte offenbar genuin bösen Menschen sagen würde...

Andreas Walter

23. April 2018 18:43

Oh, der war bei euch? Jetzt bin ich aber wirklich beeindruckt.

Werde mir die Empfehlungen darum selbstverständlich auch ansehen.

hagustaldaz

23. April 2018 20:12

@ Nath, 22. April, 18.41 Uhr

Mit Verlaub, Ihre Beispiele illustrieren wenig, da sie größtenteils falsch sind. In der englischen Wikipedia finden Sie ein paar nützliche Hinweise darauf, daß Seneca nach aller Wahrscheinlichkeit Nachfahr italisch-römischer Kolonisten in Spanien war, wie auch sein Name vermuten läßt. Was mußte da integriert werden?

Über die Abstammung Plotins ist nichts bekannt. Geboren wurde er im hellenisierten, dem Imperium einverleibten Nordafrika, kann also Nachfahr von Griechen oder Römern gewesen sein, wie ebenfalls die englische Wikipedia vermerkt.

Der einzige Beleg, der sticht, ist Augustinus, offenbar berberischer Abstammung. Mit seiner Neigung zur Ketzerjagd wäre er allerdings nach heutigen Maßstäben eher schwer integrierbar, was wahrscheinlich nicht auf seine Herkunft, sondern auf seine religiöse Prägung zurückzuführen ist. Entsprechende Dispositionen sind ja auch bei unseren Kulturbereicherern ein gravierendes Problem.

Im übrigen hielten die Römer nordeuropäische Barbaren sehr wohl für kulturfähig. Germanen, die im römischen Heer Karriere machten, z. B. Arminius und Stilicho, beweisen das.

Andreas Walter

23. April 2018 22:02

Den einen Film konnte ich mir ganz anschauen, die zwei Anderen musste ich nach ein paar Minuten abrechen.

Kein Wunder daher, dass sich alle vor uns in die Hose machen, uns nicht mögen. Doch die Wahrheit ist eben wie das Wasser. Durch jede auch noch so kleine Spalte findet es (s)einen Weg. Um so länger man um den heissen Brei rumredet, um so jeher wird dann auch das Erwachen.

Nath

24. April 2018 18:36

@hagustaldaz
Bei Seneca liegt der Fall zugegebenermaßen anders als bei Plotin und Augustinus. Seine Familie lebte zwar in zweiter Generation in Spanien, hielt ihre römische Identität jedoch aufrecht. Gemäß dem jus sanguinis war er also kein "Spanier", was aber nichts daran ändert, dass er als Kind und Jugendlicher fraglos Einflüsse seiner Heimat in sich aufnahm.
Zu Plotin: Laut der Quelle des späteren Neuplatonikers Proklos wurde er nicht nur im ehemaligen Ptolemäerreich geboren sondern war auch ägyptischer Abstammung. Die Hellenisierung der einheimischen gebildeteren Schichten der inzwischen zu Rom gehörenden nordafrikanischen Provinz war bei seiner Geburt weiter fortgeschritten als zur Diadochenzeit. Hatten diese zwar das Koine-Griechisch als urbane Verkehrssprache durchgesetzt und somit eine Gräzisierung Agyptens begünstigt, so waren sie andereseits ziemlich restriktiv im Hinblick auf Mischehen und der Vergabe höherer Positionen an Einheimische. Nachdem Agypten jedoch an die Römer gefallen war, wurde die Bevorzugung der eingewanderten griechischen Minderheit verständlicherweise aufgegeben, was in den folgenden Jahrhunderten einer gewissen Durchmischungstendenz und „Internationalisierung“ Vorschub leistete, vor allem innerhalb der Oberschicht. Es ist also durchaus plausibel, dass ein um 200 n. Chr. geborener Ägypter aus höherem Stand die hellenische Sprache und Kultur keineswegs mehr als fremd oder gar feindlich auffasste, ja deren Philosophie sogar als treibende Kraft bei der eigenen Identitätsbildung auffasste.
War 150 Jahre später zur Zeit von Augustinus’ Geburt im heutigen Algerien der griechische Einfluss auch zugunsten einer stärkeren Latinisierung zurückgegangen, so ist doch bei ihm ein ähnliches Phänomen wie im Falle Plotins zu beobachten: Man verinnerlicht eine nichtorientalische Kultur, spricht ihre Sprache und denkt in ihren Weltbezügen. In diesem Zusammenhang kann das bekannte Zitat des Isokrates von Interesse sein, welches man auch auf das Romer-Sein beziehen kann: „Grieche ist man nicht durch Geburt und Aussehen sondern durch Verstand und Bildung.“
Dies ist ein im weiteren Verlauf der abendländischen Geschichte immer wieder festzustellender Sachverhalt: Die Korrelation zwischen höherer Bildung bzw. sozial-ökonomischer Stellung und nachlassendem ethnischen Einfluss. Je mehr Muße und Individualisierung, desto weniger „Erdung“ und Bindung an das „Völkisch-Eigene“. Begünstigt wird diese Tendenz durch die beiden universal ausgerichteten geistigen Mächte – zunächst die Philosophie, später dann das (vom Platonismus geprägte) Christentum, deren identitätsstiftenden Ansprüche die des Biotisch-Elementaren hinter sich lassen. Plotin und Augustinus sind zwei weltgeschichtliche Individuen, die diesen Zusammenhang von Vergeistigung und Inter-Nationalisierung vor Augen führen.

Allerdings – schaut man auf die ANFÄNGE, so ist die geschichtsbildende geistige Kraft einer volkhaften Identität unverkennbar. Ein Plotin konnte aus Afrika stammen, ein Plato, Parmenides oder Heraklit jedoch nur aus Griechenland. (Analoges lässt sich im fernen Osten feststellen: nach seiner „Internationalisierung“ brachte der Buddhismus in China, Tibet oder Japan bedeutende Persönlichkeiten hervor – all dies jedoch auf der Grundlage des indischen Urwortes „Dharma“, das von nirgendwo anders als von dort seinen Anfang nehmen konnte.) Die Späteren können wiederbeleben und weiterentwickeln, die Grundlegung jedoch nehmen die Früheren vor.

hagustaldaz

25. April 2018 10:38

@ Nath

Vielen Dank für Ihre ausführliche und weitgehend nachvollziehbare Antwort.

Nur noch eines zu Plotin: Da er sich stets weigerte, über seine Herkunft zu berichten, und zwischen ihm und Proklos 200 Jahre lagen, ist die Angabe des Letzteren natürlich mit Vorsicht zu genießen.

Übrigens könnte man zu den gut integrierten Germanen auch den Franken Arbogast zählen.

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