Sezession
6. September 2018

Mesut, Jogi, Antonio und Co. Eine sportpolitische Nachbetrachtung

Gastbeitrag / 16 Kommentare

von Prof. Günter Scholdt über das Fußballtheater der »Mannschaft« und ihres Umfelds im Sommer 2018.

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Nun spielen sie also wieder – auch noch gegen ihre Nachfolger – die traurigen Recken der Weltmeisterschaft. Auch der Pleitier Jogi hat inzwischen gesprochen und das Sommertheater vorläufig beendet.

Seine nach Monaten gezogene Bilanz räumt Fehlerchen ein, darunter (sogar mit starken Worten) „Arroganz“ in Sachen Ballbesitzfußball. Verschiedene soziale und mentale Rahmenbedingungen hätten nicht gestimmt, multikulturelle Probleme in der Mannschaft habe es jedoch nie gegeben.

Ein bißchen bodenständiger und volksnäher müsse man wohl wieder werden. Auch wissen wir jetzt genau: Die Durchschnittszeit zwischen Ballannahme und -weitergabe hat sich von 1,2 Sekunden 2010 auf 1,51 2018 verlängert, was viel und garnichts erklärt. Aber wer erwartete von dieser Pressekonferenz auch mehr als vom Hornberger Schießen?

Zuvor hatte auch Mesut gesprochen bzw. geschrieben bzw. schreiben lassen. Nicht mehr zu deutschen Fans, die er bezeichnenderweise englisch informierte, sondern per Twitter zur weltweiten Gemeinde seiner 23 Millionen Follower. Er trete zurück. Denn er werde hierzulande ausgegrenzt, weil er sich zu seinen türkischen Wurzeln bekannt habe. Werde von Rechten und manchen Zeitungen übelst attackiert und von früheren Nutznießern wie dem DFB im Stich gelassen.

Umgehend startete auch eine „#MeTwo“- Kampagne im Netz als Aktion gegen was? … Natürlich gegen Rassismus. Denn dieses beschämend einfallslose, meist erbärmlich definierte, zur bloßen Dreckschleuder verkommene, aber millionenfach gebrauchte Schlagwort taugt seit Jahrzehnten als Passepartout zur hiesigen medialen Aufmerksamkeit.

Uli Hoeneß, froh, daß mit Özils Rücktritt nun „der Spuk“ zu Ende sei, kommentierte die Einlassung seinerseits polternd: Der habe doch „seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto.“ Doch dergleichen erhellender Grobianismus scheint in Deutschland unzulässig.

Politiker oder Medien im Dutzend reagierten empört und sehen weiterhin Bedarf zur Aufarbeitung des Rassismus in der deutschen Gesellschaft. Auch kann man jede Wette darauf eingehen, daß der DFB in Zukunft wieder und wieder über dieses Stöckchen springt, weitere Diversity-Millionen für Propaganda sinnlos verpulvert oder seine Maßnahmen im Jugendbereich falsch adressiert.

Das schäbige Sommertheater bleibt uns also noch lange erhalten. Denn jetzt ist ein Faß aufgemacht, aus dem Dutzende von Lobbygruppen und NGO.s mittrinken. Und sie werden es fraglos bis zur Neige leeren.

Ein todsicheres Geschäftsmodell

O wie schön waren die glücklichen Tage vor dem Erdogan-Fototermin! Dutzende von Profiteuren befällt Nostalgie. Schließlich waren Nationalmannschaften als Geschäftsmodell bislang unschlagbar, obwohl geldgierige FIFA-Funktionäre sich redlich Mühe geben, durch inflationäre Aufblähung der Spiele ihr Produkt zu ruinieren.

Die Vermarktung beschränkt sich schließlich nicht nur auf Sympathisanten von Clubs, wo doch z.B. eingefleischte Schalker niemals Dortmund- oder Bayern-Trikots kaufen. Sie erfaßt vielmehr ganze Länder. Für den DFB etwa warten gigantische Marketing-Erlöse durch 80 Millionen potentieller Devotionalien-Kunden, von Trikots über Bettwäsche bis zu Panini-Fotos, wobei Babys väterlich vertreten werden. Auch der Marktwert der Stars steigt auf internationaler Bühne bis in Höhen entfesselter Schamlosigkeit.

Die Spiele bescheren Fernseh- und Radiosendern über Wochen einen Mega-Unterhaltungsauftrag mit hohen Einschaltquoten. Der Staatsfunk kann sich volksnah geben – wie das alte Rom durch „circenses“ – und scheinbar seine Zwangsgebühren rechtfertigen. Werbefirmen erhalten Riesenstücke vom Geschäftskuchen, nicht zuletzt durch Multikulti-Gesinnungsreklame.

Regierende Politiker können im Umkreis nationaler „Helden“ ihre Popularitätswerte verbessern und bei Siegen durch kollektive Euphorie ihre Mißwirtschaft bemänteln. In dieser unverbindlichen Form läßt sich folgenlos Patriotismus simulieren und wunderbar instrumentalisieren – ein Faktor, den einfältige grüne Miesmacher nie recht verstanden haben.

Ein ruhmvolles Auftreten der Kicker verbessert das Image des ganzen Landes. Im Idealfall – etwa nach einem WM-Sieg – läßt es sich sogar als Überlegenheit des multikulturellen Gesellschaftskonzepts verkaufen und bei ahnungslosen Gutmenschen im „Kampf gegen Rechts“ punkten. Kurz: Eine todsichere Win-Situation winkt für nahezu jede und jeden.

Allerdings funktioniert das Projekt „Nationalmannschaft“ als krisensicheres Markenprodukt nur unter gewissen Voraussetzungen und ist stark an Emotionen gebunden, die umschlagen können. Auch ist es äußerst riskant, Massengefühle so weit anzukurbeln, daß sie Höchstgewinne auswerfen, wenn der Fan dann durchschaut, daß teils falsch gespielt wurde.

Tradition und ihre Versumpfung

Denn eine alle vier Jahre ablaufende sportliche Leistungsschau erzeugt Gefühle, die an eine Generalmobilmachung erinnern. Ein ganzes Land feiert wochenlang ein rauschendes Fest und projiziert seine Hoffnungen auf zwei Dutzend Vorkämpfer, die sie würdig vertreten mögen. Wenn ja, erhebt man die Spieler in den Status von Halbgöttern.

Zudem rückt die Nation in Freud und Leid der Ergebnisse, Vorlieben oder Aversionen auch emotional stärker zusammen. Zweifellos berühren spektakuläre Taten zum Ruhm eines Landes auch dessen Kollektivseele und senden nationale Hoffnungssignale aus.

Exemplarisch geschah dies beim „Wunder von Bern“. Und obwohl inzwischen nur noch wenige Deutsche von diesem 1954er Erlebnis zehren, stehen wir nach wie vor in der Tradition eines quasimythischen Sieges. Und die Erinnerung an Fritz Walter, Max Morlock, Toni Turek oder Helmut Rahn ist noch nicht völlig verblaßt.

Die damaligen Helden erhielten für diesen Triumph meines Wissens gerade mal eine Armbanduhr. Aber den meisten von ihnen traute man ohnehin zu, daß sie Hunderte von Kilometern zu Fuß zum Bundes-Sepp Herberger gepilgert wären, nur um für Deutschland zu spielen.

Was die Löws, Bierhoffs und etliche DFB-Funktionäre von solcher Mentalität trennt, liegt auf der Hand. Sie denken wie ihre Spieler in Vermarktungs- und PR-Kategorien. Ihr Horizont kreist um Imagefragen, SAP-Spielanalysen oder bestenfalls statuserhöhende Hofierung durch die Politik. (Jogi Löw etwa durfte als illustre Galionsfigur der Grünen den bereits vorbestimmten Herrn Steinmeier zum Präsidenten „wählen“.)

Der Gefühlswert des Begriffs „Deutsche Nationalmannschaft“ wird von solchen Typen daher kaum höher taxiert, als es Produktmanager bei der Vorstellung neuer Marken empfinden. Ihnen kam somit nicht in den Sinn, daß eine Hymne vor Spielbeginn mehr bedeuten könnte als zur Siegerehrung Queens‘ „We are the champions“.

Zugegebenermaßen wußten auch frühere „Leitbilder“ nicht mehr so recht, welche Vorbildfunktion ihnen zukam: die Netzers, Beckenbauers, Breitners & Co., coole Vertreter ihrer Branche, die das Singen einstellten und zudem bei der Heim-WM zu streiken drohten, falls ihre Prämienwünsche nicht erfüllt würden.

Der damalige Bundestrainer Schön, Gentleman alter Schule, wollte darauf sein Amt hinwerfen und ließ sich nur schweren Herzens umstimmen. Daß dies keine nachhaltigen Sympathieeinbußen mit sich brachte, lag ausschließlich daran, daß diese Generation Siege in Serie einfuhr. Denn Erfolg kaschiert bekanntlich alles.

Das Publikum

Niederlagen gefährden jedoch das emotionale Band erheblich. Es sei denn, die Fans haben den Eindruck, daß die Protagonisten alles taten, um sie abzuwenden. Thermopylen- oder Nibelungen-Kämpfer entbindet der Mythos vom schlichten Resultat. Oder weniger martialisch auf Sportergebnisse bezogen: Wo alles versucht wurde, das böse Schicksal abzuwenden, entschuldigt das Publikum auch Niederlagen. Vielfach werden die Protagonisten sogar in die kollektive Trauer mit einbezogen.

In diesem Sinne erhielten etwa deutsche Mannschaften, die 1966 gegen England oder 1970 in Mexiko gegen Italien den Kürzeren zogen, ihren großen Bahnhof. Und als Helden gefeiert wurden bei dieser Weltmeisterschaft auch die ausgeschiedenen Russen, Japaner, Iraner, Kolumbianer oder gar Jamaikaner, deren erstes bei einer WM geschossenes Tor frenetisch umjubelt wurde.

Eins aber wird bei Mißerfolg nicht verziehen: mangelnder Einsatz und das Gefühl, daß die Landesvertreter sich nicht voll mit der Nation identifizieren – dies übrigens sogar aus einem Schuß Pragmatismus. Denn wer die diesjährige WM aufmerksam verfolgte, konnte beispielhaft erkennen, daß nationale Verbundenheit offenbar letzte Kraftreserven mobilisiert und selbst hochbezahlte Auslandslegionäre plötzlich dazu brachte, ihren Egoismus zurückzustellen.

Das galt unmißverständlich für Kroatien, das möglicherweise nur durch zwei äußerst dubiose Schiedsrichterentscheidungen um den ganz großen Triumph gebracht wurde. Und gerade deutsche Nationalmannschaften glänzten, von Ausnahmen wie 1990 abgesehen, schon traditionell nie durch eine Fülle an Techniktalenten. Doch wurde dies vielfach durch sog. deutsche Tugenden wettgemacht.

Demgegenüber signalisierte besonders Özils fußballerischer Phänotyp, verglichen etwa mit dem Kroaten Modric, nichts weniger als letzte Einsatzbereitschaft. Was die Fan-Kritik (wie ausgewogen oder geschmacklos-undifferenziert auch immer) auf ihn fokussierte, war daher jene Mischung aus politischer Instinktlosigkeit, mangelndem Engagement bzw. einer Ausstrahlung, die Mario Basler nicht ganz grundlos mit der eines „toten Froschs“ verglich.

Der Startrainer Mourinho nannte ihn übrigens einmal „Heulsuse“. Zwar war er kein Alleinverantwortlicher für die Misere und im Mexiko-Spiel gewiß nicht als Verteidiger aufgestellt. Aber sein Verhalten vor dem Gegentor glich fast einer Arbeitsverweigerung, gekrönt durch die hilflose Geste beanspruchter Unzuständigkeit.

All das war einfach zu viel für die Fans, die zudem noch eine Resultatskrise verdauen mußten. Ihre Pfiffe sind also verständlich, und man braucht nicht wie üblich fremdenfeindliche Motive zu unterstellen.

Schuld

Damit zur „Schuld“ der beiden Erdogan-Wahlkämpfer. Abgesehen von Özils verbalem Nachtreten erscheint sie mir nicht übermäßig und steht in keinem Verhältnis zur Wirkung ihres Auftritts. Der hatte für mich eher etwas von der Naivität eines Kindes, das in der Schulversammlung öffentlich ausplaudert, man müsse bei der Lehrerin X oder dem Lehrer Y keine Hausaufgaben machen, weil die das nie kontrollieren.

Auch sehe ich die PR-Eselei vor allem bei den Beratern der beiden und natürlich bei der sportlichen Leitung, die ihnen niemals beibrachte, was sich mit der Marke „Nationalmannschaft“ schlecht verträgt. Denn jetzt liegt auf dem Tisch, was man bislang krampfhaft ignoriert hat und für jeden, der zwei und zwei korrekt addiert, ohnehin nie ein Geheimnis war.

Daß nämlich ein beträchtlicher Teil der Zugewanderten (gerade der zweiten Generation) hier innerlich nie ganz angekommen ist. Zertrümmert wurde also lediglich die Fassade einer Integrationslegende, wie sie unser Parteienkartell so halsstarrig verbreitet oder im Versagensfall „Biodeutschen“ als Defizit anlastet.

Wenn somit DFB-Präsident Grindel plötzlich Özil zur Erklärung aufforderte, fragt sich, was er jenseits nationaler Scheinbekenntnisse ex post erwartete – eine Farce, die uns glücklicherweise erspart blieb. Viel nötiger wäre es, das (von Kumpanei mit unserer politmedialen Klasse geprägte) zeitgeistliche Selbstverständnis des Deutschen Fußballbunds aufzuarbeiten.

Man müßte also in den Führungsetagen überhaupt wieder das Bewußtsein dafür wecken, was eine Nationalmannschaft ist oder im besten Fall sein könnte. Denn der bisherige Begriffshorizont jener Verantwortlichen gleicht dem von Schnäppchenjägern, was für sie selbst angesichts von Millionenrenditen oder persönlichen (teils peinlichen) Werbeverträgen ja zweifellos der Fall ist.

Diagnosen und Konsequenzen

Welche Folgerungen wären daraus zu ziehen, und was wird stattdessen wohl mittelfristig passieren?

  1. Die Reaktion vieler Zuschauer auf das Erscheinungsbild von Löws Truppe muß den Verantwortlichen zu denken geben. Schon im Vorfeld sah man in unseren Straßen erheblich weniger Fähnchen als früher. Und das Ausscheiden selbst wurde vielfach als gerechte Strafe für eine Abgehobenheit betrachtet, der gemäß mangelnder Komfort in Watutinki zum Zentralproblem avancierte. Von Teilen der Fans droht also „Liebesentzug“. Und soll das Vermarktungskonzept „Nation“ in seiner einträglichen Fülle aufrechterhalten werden, wird man nach diesem ergebnismäßigen Tiefpunkt deutscher Fußballhistorie wohl kaum um wenigstens verbale Konzessionen an die Zuschauer herumkommen. Viele Fans wünschen nämlich keine Mogelpackung mehr, sondern ein Produkt, in dem, wo Nationalmannschaft draufsteht, auch Nationalmannschaft drin ist.

Das allenfalls zu erwartende offizielle Deutschland-Bekenntnis wird jedoch vermutlich schon bald durch die Verpflichtung auf „universelle“ DFB-Werte verwässernd austariert, wonach man strikt gegen ein ominöses „Rechts“ flaggt.

Das Ganze im Geist der unseligen Zwanziger-Ära oder des Präsidenten der Frankfurter Eintracht mit seinem demokratiefeindlichen Anti-AfD-Beschluß. Özils Rassismus-Kuckucksei zeigt die Richtung.

  1. Der DFB hat sich durch unsere Funktionselite bestimmte tagespolitische Frontstellungen (exemplarisch gegenüber Rußland) oder gesellschaftliche Dogmen aufschwatzen lassen. Die Nationalmannschaft alias „Mannschaft“ soll nämlich belegen, wie herrlich weit wir’s hier mit der Eingliederung ethnischer Minderheiten gebracht haben. Das allerdings kann nur behaupten, wer vieles Gegenläufige unter den Teppich kehrt. Und immer mehr Fans, die auch anderweitig die Folgen multiethnischer Traumtänzerei ausbaden, reagieren auf diese Als-ob-Verlautbarungen heute allergisch. Die offiziellen Weichzeichnungen der Lage stoßen also umso schneller an Glaubwürdigkeitsgrenzen, je mehr sie die realexistierenden Probleme übertünchen.
  2. Im „Tagesspiegel“ vom 17. Juni stand als Symptom veröffentlichter Meinung: „Der WM-Titel 2014 war das alleinige Verdienst einer multiethnischen Fußballmannschaft. Das Team ist der beste Beweis dafür, wie grotesk das Verlangen nach einer bewahrenswerten deutschen Identität ist.“ Ich kann hier nicht alle Denkfehler dieses so gesinnungsstarken wie analyseschwachen Mainstreamers aufspießen. Doch immerhin sei mit Michael Klonovsky gefragt: „Tja, und wessen Verdienst ist der letzte Gruppenplatz in der Vorrunde?“

Aber selbst, wenn sie erfolgreicher gespielt hätte, was wäre dadurch bewiesen?

Daß hochbezahlte Ballkünstler nicht nur in internationalen Club- sondern auch Ländermannschaften großes Kino bieten können. Daß es spezifische athletische Fertigkeiten gibt, die in der Dritten Welt (besonders Schwarzafrikas) gegenwärtig häufiger vorkommen.

Daß sich künftig Superstars wohl mehrheitlich aus dem Pool eingewanderter Straßenfußballer rekrutieren lassen. Doch spricht dies wirklich gegen die unzweifelhafte Identität einer Nationalmannschaft und ihr Auftreten als vorbehaltlose Repräsentanten ihres Landes?

Katar hat 2015 durch abenteuerliche Einbürgerungen eine Handballtruppe zur Weltmeisterschaft zusammengekauft, die sogar ins Finale einzog. Ein einziger Bio-Katarer durfte damals kurzzeitig mittun. Hier zählen nur nackte Resultate, die ohnehin nicht durchweg programmierbar sind, weil bei heutiger Leistungsdichte vieles zu einem erheblichen Teil Glücksspiel bleibt. Eine ernstzunehmende Nationalauswahl folgt daher anspruchsvolleren Kriterien, deren positive öffentliche Ausstrahlung sie zudem erfolgsunabhängiger macht.

  1. Alle paar Jahre werden uns aber solche (Endspiel-)Siege als Scheinbeweise für angeblich geglückte Integration verkauft. Man hat etwa die französische Équipe Tricolore der Jahrhundertwende in den multikulturellen Himmel gehoben und tut dies mit dem neuesten Team wieder. Und in der Tat spielten die Männer um Zinédine Zidane einen berauschenden Fußball und triumphierten zu Recht bei der Welt- und Europameisterschaft. Einiges später in Südafrika jedoch stand ein völliges Zerwürfnis der Mannschaft zu Buche, das exakt ethnischen Bruchlinien folgte. Oder man denke an einen entsetzten Staatspräsidenten Sarkozy, als er ansehen mußte, wie das Gros der Zuschauer die Marseillaise auspfiff. Was also beweisen Siege jenseits des Umstands, daß Erfolgreiche scheinbar immer Recht haben?
  2. Wer wirklich wissen will, wie es um Integration steht, möge sich besonders in Kreisklassen umsehen, nicht bei hochdotierten Werbeagenturen, die ihr einfältig-einträgliches Lied von der Vielfalt singen. Er möge Schiedsrichter über gewaltsame Vorkommnisse in diversen Milieus befragen und etliche vom Verband unterschwellig ausgehende Nötigungen, bestimmte Mißstände lieber zu beschönigen. (Man will ja schließlich auch mal eine Liga höher pfeifen oder sich auch nur peinlichen Papierkram vom Hals halten.) Es gibt fraglos zahlreiche Sportbeziehungen, die reibungslos ablaufen. Aber man sollte auch die wachsenden Hinterhöfe im Blick behalten, in denen von Hitzköpfen inner- wie außerhalb des Spielfelds Tageskonflikte ausgetragen werden. Daß nicht überall reibungslos zusammenwächst, was zusammengehören soll, ist eigentlich unverkennbar.

Von Autochthonen gibt es darunter gewiß auch mal fremdenfeindliche Pöbeleien. Aber mehr noch wird man mit der Wehleidigkeit Eingewanderter konfrontiert, die sich, gestützt durch die bundesrepublikanische Diskriminierungsideologie, schon strukturell benachteiligt sehen und Rassismusvorwürfe im Tausenderpack hervorsprudeln.

Das Ganze natürlich als akkusatorische Einbahnstraße. Denn natürlich gibt es offiziellerseits keinen die Öffentlichkeit interessierenden antideutschen Rassismus. Eben den wahrzunehmen wäre aber höchst aufschlußreich, zumal dieses Phänomen, demographiebedingt, demnächst ähnliche Folgen haben wird, wie dies in abgekippten Vierteln im Schulbereich bereits gang und gäbe ist.

Auch im Sport ist übrigens die Bildung einer leistungsfähigen multiethnischen Mannschaft nicht unkompliziert. Man unterschätze unterschiedliche Temperamente, Mentalitäten und nicht zuletzt Ehrbegriffe nicht! Der Zuwachs an spielerischer oder athletischer Qualität hat seinen Preis durch aufwendige Vermittlungs- und Überzeugungsarbeit. Selbst unter Luxusbedingungen eines Universitätsfußballclubs, den ich einige Jahre trainierte, durfte ich schon vor Jahrzehnten solche Erfahrungen sammeln.

  1. Zurück zur Nationalmannschaft: Wirkliche Integration läge vor, wenn Spieler, die die deutschen Farben vertreten, von sich aus öffentlich ihre Freude darüber bekundeten, es hier geschafft zu haben. Wenn sie ihre Entscheidung für Deutschland als bewußte darstellten, die nicht vorwiegend auf höherer Kommerz- oder Erfolgserwartung beruht. Und wenn gerade sie sich als Mut machende Vermittler gegenüber ebenfalls eingewanderten Landsleuten verstünden. Nicht bloß als (auch noch von Netzwerken prämierte) Vertreter jenes Diskriminierungs-Gejammers, das immer mehr Deutsche nervt.

Inzwischen hält sich als Trittbrettfahrer, bestärkt vom einschlägig empfindsamen FAZ-Redakteur Michael Horeni, auch Antonio Rüdiger für berufen, die Rassismus-Karte zu spielen. Statt die Quote seiner Leichtsinnspatzer zu minimieren, monierte er mangelnde Solidarität mit Özil. Auch habe man ihn irgendwo mit „uh, uh, uh“ begrüßt, ohne dass Sanktionen erfolgten. Sollen wir demnach noch mehr Fanbetreuer, Lauscher oder gar Schnellrichter in die Stadien schicken?

Schon immer entluden sich in den Zuschauerrängen unkorrekte Emotionen, und man sei zufrieden, wenn das gewaltlos abgeht. Das „Arschloch, Wichser, Hurensohn“ gehört bei Abschlägen mittlerweile zum Standard.

Und die seinerzeit Richtung Kahn geworfenen Bananen ernährten einen halben Zoo. Schon vor Jahrzehnten in meinen Kreisklasse-Zeiten mußte man bei bestimmten Auswärtsspielen mit heftigen Zuschauerreaktionen rechnen, als Außenverteidiger oder -stürmer gar mit Schirmstichen einer fanatisierten Oma.

Also mögen unsere sonst so gehätschelten Kicker-Millionäre mit irgendwelchen fremden Wurzeln zuweilen ein bißchen mehr psychische Robustheit zeigen. Nur Sozialidylliker behaupten, Multikulti sei durchweg ein Kinderspiel. Aber gegen Häme gibt es ein Zaubermittel: nämlich Leistung, die Rufe verstummen läßt.

Daß darüber hinaus ein von allen Spielern gesungenes Bekenntnis zur Nation und den per Hymne vermittelten Werten ein wichtiges gesellschaftliches Signal ist, versteht sich von selbst. Nicht zu singen oder sich mit ein paar müden Lippenbewegungen zu begnügen, mag in den 1970ern folgenlos cool gewesen sein.

In einem durch Masseneinwanderung bedrohten Land hat es negativ-demonstrativen Charakter. Wenn Spieler mit Migrationshintergrund im Gegensatz zu ihren biodeutschen Kameraden oder sportlichen „Leitern“ (fast) kollektiv darauf verzichten, nehmen sie zumindest fahrlässig in Kauf, daß man dies als trotzige Desolidarisierung versteht.

Wenn sie in Kenntnis solcher Stimmungen weiterhin Probleme haben, einen so unverfänglichen Text wie „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ zu intonieren, stimmt etwas nicht mit ihrer vielberedeten Vorbildfunktion. Und wenn ihnen dies eine hilflose DFB-Führung, die sonst bei jeder Gelegenheit „mutig“ gegen „Rassismus“ aufsteht, nicht nachhaltig ans Herz legen kann, möge sie sich eine andere Beschäftigung suchen.

Ob sie allerdings bei solchem Mangel an Überzeugungskraft auch nur für mittlere Firmen infrage käme, bleibt fraglich. Denn dort lebt oder spielt man nach außen hin stets „große Familie“. Und wer die PR-Seligkeit der Corporate Identity stört, fliegt schneller als er eingestellt wurde.

Nicht so beim DFB. Denn dessen Standard-Antwort, die schon vor Beginn der WM auf entsprechende Anfragen versandt wurde, liest sich als klassisches Armutszeugnis respektive als Kapitulation:

„Sehr geehrter Fußballfan,

herzlichen Dank für Ihre Mail und Ihr Interesse am Deutschen Fußball-Bund, das Sie damit bekunden.

Ohne Wenn und Aberstimmen wir sicher darin überein, dass das Abspielen der Nationalhymne vor Länderspielen immer etwas Besonderes sein wird. Was das Mitsingen durch die Spieler betrifft, ist unsere Position ebenfalls klar: Natürlich wäre es schön, wenn wirklich alle mitsingen würden.

Bei allem angebrachten Respekt vor der Nationalhymne ist es für den DFB ausschlaggebend, dass sich die Nationalspieler voll und ganz mit Deutschland identifizieren – und das tun sie auch! Entscheidend ist doch, dass alle Spieler ihr Bestes für ihr Land und ihre Fans geben und nicht ihre Bereitschaft, in der Öffentlichkeit zu singen.

Zwarist es unser Wunsch, dass die Spieler mitsingen und dies ist ihnen auchbekannt, aber wenn es nur ein Teil der Mannschaft tut, müssen wir das akzeptieren. Es gehört zu den Stärkeneines freiheitlichen, demokratischen Staates, dass jeder selbst entscheiden kann, ob er die Hymne mitsingt oder nicht.

Wir hoffen, dass Sie dem DFB auch weiterhin verbunden bleiben und unserer Nationalmannschaft die Daumen drücken.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr DFB-Team“ [Kursivierung durch G.S.]

7. Was Özil & Co. als Debatte anstießen, wird uns nicht mehr verlassen. Und die jetzigen Stürme waren kaum mehr als Vorgeplänkel. Schon bei dieser WM zeigte sich, wie stark etwa die Mannschaftsaufstellung politischer Bewertung unterlag. Denn als die beiden Erdogan-Werber kritisiert oder ausgebuht wurden, reagierten einige Medien geradezu strategisch durch klassische Revanchefouls nach dem Motto: Schlägst du meinen Özil, schlag ich deinen Müller.

Mit solchen Attacken traf man wie „zufällig“ gerade einen Typus, der als urwüchsig, deutsch-bajuwarisch und bodenständig galt. Er sollte nun mindestens ebenso schuld an unserem Zeitlupenfußball sein und wurde umgehend von Journalisten sogar an erster Stelle unter den Versagern genannt. War er das?

Er hat wie andere in diesem Turnier tatsächlich unter Form gespielt und durfte so fraglos ausgewechselt werden. Aber daß Löw, souffliert von einer ganz bestimmten Öffentlichkeit, im entscheidenden Spiel ausgerechnet Özil den Vorzug gab, setzt ihn dem Verdacht aus, daß nicht nur Leistung zählte, wenn ich mal unappetitliche Geschäftsverbindungen außer Betracht lasse.

Denn während Müller in der Tat häufig als nimmermüder Muntermacher und Führungsspieler auffiel, wüßte ich kein einziges entscheidendes Spiel zu nennen, das der begnadete Techniker Özil, wenn es eng wird, an sich gerissen oder gar umgedreht hätte.

  1. Bei einer so gestrickten medialen Öffentlichkeit werden künftig mehr denn je Aufstellungs-Entscheidungen als Gesellschaftsfragen diskutiert. Und kritisierte oder nicht berücksichtige Spieler werden sich dieses Druckmittels zu bedienen wissen. Insofern scheint für Bundestrainer demnächst eine diplomatische Grundausbildung zu den essentiellen Voraussetzungen zu gehören. Aber vielleicht ist eines noch wichtiger: Standfestigkeit gegenüber (medialen wie politischen) Pressionen. Eigenschaften also, die dem so medien- und interessenabhängigen Löw fremd sind. In seiner erstaunlich erfolgreichen Karriere ging er fast immer den Weg des geringsten Widerstands. Und nicht selten wurde er durch Verletzungen zu besseren Aufstellungen gezwungen. Er wagte nie eine direkte Konfrontation mit potentiellen Publikumslieblingen, wenn er ihr Verhalten mißbilligte. Diszipliniert wurden dagegen stets Spieler, die er ohnehin aussondern wollte. Zu glauben, daß ausgerechnet er der Mann sein soll, den gordischen Knoten durchzuhauen, fällt mir schwer.

Wie es mit der Nationalmannschaft weitergeht, bleibt somit im doppelten Wortsinn spannend. Aber solche Reibungshitze sei ja ein Fortschritt, verkündete jüngst ein professorales Honigkuchenpferd aus Münster: der Politologe Aladin El-Mafaalani, der sich aktuell bezeichnenderweise im nordrhein-westfälischen Familien- und Integrationsministerium tummelt.

Seiner auf 240 Seiten verkündeten spaßigen Grundthese gemäß, erkennt man nämlich gelungene Integration daran, daß sie zu mehr Konflikten führt.

Nun, daran wird es künftig gewiß nicht mangeln.


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Kommentare (16)

Hartwig aus LG8
6. September 2018 14:11

Ich kenne noch die Zeit, als Vereins- und Club-Mannschaften nicht mehr als vier Ausländer auf den Platz bringen durften. (Der Trainer musste bei Ein- und Auswechslungen höllisch aufpassen, dass er nicht gegen diese Regel verstieß.) Ich kenne noch die Zeit, als ein dunkelhäutiger Spieler in einer europäischen Nationalmannschaft als exotische Ausnahme galt (und als solche durchaus begrüßt wurde).
Nur die Rückkehr zu derartigen Regularien und Beschränkungen können den Fußball als Sportart retten, die eine integrierende Kraft über einer Stadt, einer Region oder einer Nation entfaltet. Da die Entwicklung in eine entgegengesetzte Richtung geht, wird Fußball ein Showbiz unter vielen anderen sein, von dem zumindest ich mich abwende.
Ca. acht Wochen sind seit dem Finale vergangen. Herr Scholdt hat sich Zeit genommen. Bis auf ein paar Ausnahmen kann ich dieser Analyse rundweg zustimmen.

Wahrheitssucher
6. September 2018 15:41

Die beste Sport/Fußball-politische Kommentierung, die ich je gelesen habe.
Wie in einem Brennglas zeigt sich der deutsche Zustand.

Sandstein
6. September 2018 19:28

Sport hat unpolitisch zu sein. Komischerweise ist er das nicht. Geht beim DDR- Doping los, beim Russen-Doping (und das der USA etc) weiter, und wir landen Ruckzuck bei der "Mannschaft", die wie alles in D für die Agenda der Regierung eingespannt wird.
Der Grindel ist eine richtige Funktionärspappnase, der Bierhoff ein Marketingstratege und Löw war mal hungrig und ist jetzt satt. Sieht man schön an den ganzen peinlichen Werbungen für Nivea und Konsorten.
Da sieht man den Menschen in Reinkultur: ohne moralische Einnordung nimmt er sich, was er kriegen kann, kein Gefühl von Stolz (ein Trainer der Gesichtscreme für Männer bewirbt?) oder Ehre.
Ich wünsche mir inbrünstig, dass dieses ganze Konstrukt baden geht.
Und ja, die Analyse ist gut geschrieben.
Frage mich aber, ob es was nutzt. Am besten wäre eine komplette Abwendung vom DFB, sie da treffen, wo es ihnen noch weh tut, beim Geld.
Und dafür müssen aber die sportlichen "Leistungen" stimmen, gewinnen sie heute Abend gegen Frankreich geht der nächste Siegerflieger starten. NULL Bock drauf.

sokrates399
6. September 2018 20:16

Man sollte sich wirklich fragen, warum der afrikanische Fußball, dem, so die „Fachleute“ seit langem, die Zukunft gehöre, bei allen letzten Weltmeisterschaften so katastrophal abschneidet; diesmal überstand keine Mannschaft die Vorrunde. Wie können diese Mannschaften zusammenwachsen, wenn alle genialischen Spieler schon in frühester Jugend von raffgierigen Milliardären weggekauft werden? Sie werden aus ihren Zusammenhängen, ihrer Heimat, ihrer Identität gerissen: können sich weder dort noch in ihrem neuen „westlichen“ Umfeld integrieren.
Beschränkungen sind wirklich vonnöten; da stimme ich Hartwig zu. Nur so kann jedes Volk seine eigentliche und eigene Kultur, zu der ich Fußball zähle, finden. Um vielleicht etwas zu pathetisch Heidegger zu paraphrasieren: Nicht „wirre Vermischung“, sondern „fügende Unterscheidung“ muß auch im Fußball Raum sich greifen, andernfalls werden wir Mannschaften mit einem wirren Sammelsurium von Individuen haben, wenn jeder auch jeder beliebigen Nation „beitreten“ kann; ein Abbild der alle vereinheitlichenden Globalisierung, die auch jeden Begriff der Nation zerstört (Herr Löw sprach ja nicht mehr von der „deutschen Nationalmannschaft“, sondern es hieß „Die Mannschaft“).
Und die afrikanischen Mannschaften mit ihrem eigenen Stil werden bald nur noch aus Spielern des Leistungskurses Sport einer beliebigen Schule aus Timbuktu stammen.

Der_Juergen
7. September 2018 08:23

Ein vorzüglicher Text. Eine kleine Korrektur: Panama schoss das erste WM-Tor, nicht Jamaica.

Wahrheitssucher
8. September 2018 00:22

@ Der_Jürgen

Eine vorzügliche Kommentierung, wie immer bei Ihnen!
(keine Ironie)
Möge es immer so wenig zu korrigieren geben...

Franz Bettinger
8. September 2018 03:46

Fußball-Fieber mit dieser, "unserer" Mannschaft? Sami Khedira, Ilkay Gündogan, Leroy Sané, Jerome Boateng, Shkodran Mustafi, Emre Can, Mesut Özil, Kerem Demirbay, Amin Younes, Karim Bellarabi, Serge Gnabry. Und mit so was identifizieren wir uns? Echt?

So hießen sie früher, die Spieler der Deutschen National-Mannschaft: Sepp Maier 🇩🇪, Franz Beckenbauer 🇩🇪, Paul Breitner 🇩🇪, Georg Schwarzenbeck 🇩🇪, Berti Vogts 🇩🇪, Rainer Bonhof 🇩🇪, Ulrich Höneß 🇩🇪, Günter Netzer 🇩🇪, Jupp Heynckes 🇩🇪 und Gerd Müller 🇩🇪.

t.gygax
8. September 2018 10:42

@franz bettinger
Mit Verlaub: Breitner, Beckenbauer, Netzer- na, das waren auch clevere Geschöftsleute, denen es ums Geld ging. Für "Deutschland" spielten in grauer Vorzeit Leute wie Fritz Walter und Uwe Seeler. Aber das ist lange her.

Andrerseits: Beckenbauer, Overath, Netzer , Gerd Müller und Schnellinger spielten einfach den besseren Fussball. Schauen Sie das Spiel Deutschland-Italien bei der WM 1970 an, und dann sehen Sie den Abstieg zu diesem kläglichen Gekicke von heute. Warum man eine vollendete Null wie Boateng überhaupt spielen lässt,einen Mann, der a) oft sehr unfair spielt und b) permanent Rückpässe zum eigenen Torwart spielt, das ist mir ein Rätsel. Bei manchen Spielen dachte ich, der weiß gar nicht mehr, auf welches Tor er spielen muss. Vielleicht ist das eine Frage der Intelligenz, und bei Özil habe ich mich immer gefragt, ob der überhaupt lesen kann. Zu Özil hier der Kommentar eines engagierten Sozialdemokraten, altes SPD Mitglied, der mir vor 8 Jahren nur sagte: " Guck doch dem Özil sein Gesicht an, dann weißt du, was Sache ist." Innerhalb des Fussballs waren selbst die alten Genossen politisch nicht korrekt.......

Ich persönlich glaube, dem Löw wird einfach gesagt, es müssen drei Schwarze und drei Türken mitspielen, und der gehorcht den Weisungen seiner Herren, ist sowieso der absolute Untertanentyp. Da waren Leute wie Schön oder Herberger andere Persönlichkeiten, aber das war auch eine andere Zeit.

Lotta Vorbeck
8. September 2018 11:43

@Franz Bettinger - 8. September 2018 - 03:46 AM

"Fußball-Fieber mit dieser, "unserer" Mannschaft? Sami Khedira, Ilkay Gündogan, Leroy Sané, Jerome Boateng, Shkodran Mustafi, Emre Can, Mesut Özil, Kerem Demirbay, Amin Younes, Karim Bellarabi, Serge Gnabry. Und mit so was identifizieren wir uns? Echt? ..."

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Nö - ich für meinen Teil hätte dann doch lieber Alexander Gauland als Nachbar.

Liliom
8. September 2018 17:05

Man soll sich überlegen, was man von Deutschtürken eigentlich erwartet. Als Identitärer habe ich mehr Respekt für einen Mesut Özil als einen Deniz Yücel. Würde man Özil hierorts applaudieren, wenn er seine türkischen Wurzeln verleugnet und sich rechtzeitig ein medial verordnetetes deutsches Weltbild übergestreift hätte, nach dem Erdogan das hässliche Schlusslicht einer Reihe von Superschurken bildet, in der auch Putin, Trump und Orban stehen? Wenn er sich gar als identitätsbildende Maßnahme den deutschen Täterkult übergestreift hätte und gelegentlich über die besondere Verantwortung faseln würde, die damit Hand in Hand geht? Würde man es andererseits richtig finden, wenn man anderswo deutschen Emigranten wie Brecht oder Mann im letzten Jahrhundert vorgehalten hätten, dass sie ihr Deutschtum nicht radikal und rasch genug abgelegt hätten? Und was ist von Menschen zu halten, die ihre Identität einfach aufgeben, sobald sich ein persönlicher Vorteil ergibt?
Özil und unzählige andere Deutschtürken sind hier geboren. Sie haben sich das nicht ausgesucht. Nach meiner Erfahrung sind diese Deutschtürken stolze Menschen, und der Anreiz, eine deutsche Identität anzunehmen, die sich fast nur ex negativo definiert, als Tätervolk, als Nachkommen von Menschen, die KZs betrieben haben, und die sich nie positiv oder patriotisch auf ihr Deutschsein beziehen darf (außer alle vier Jahre bei der WM), ist für sie einfach nicht attraktiv genug.

John Haase
9. September 2018 00:26

@Liliom
Sehe ich auch so. Gerade Özil wurde die deutsch-türkische Identität von den Medien angedichtet, groß befeuert hat er selbst das nicht. Um so enttäuschter waren natürlich gerade diese Medien, als Özil ihnen ihre Illusionen mittels Erdoganfoto nahm.

An der völlig überzogenen Heulerei über Erdogate sah man, wie sehr er unsere Journaille damit ins Herz traf. Der Anlaß war nichtig: das schlimmste, was man über Erdogan sagen kann ist, daß er ein seelenloser Autokrat ist, er ist aber kein Mao, kein Pol Pot und nicht mal ein Chavez. Hassen tun sie ihn deswegen, weil er einen recht handfesten Umgang mit Journalisten hat und nichts finden Journalisten schlimmer, als wenn einem der ihren ein Haar gekrümmt wird (siehe wochenlanges Geheule über die selbst verschuldete verlängerte Ausweiskontrolle in Dresden).

Özil hat nie einen großen Hehl um seine Haltung gemacht, wer sie sehen wollte, der konnte sie mühelos erkennen. Das immer wieder mal aufköchelnde Gegreine darüber, daß er die Hymne nicht so mitnuschelt wie die Biodeutschen in La Mannschaft und Trainerstab war immer schon peinlich. 90% der ganzen Sache ist deutsch-mediale Selbsttäuschung.

Ich finde schon, daß man mit einem gewissen Recht sagen kann, daß Verband und Presse ihm übel mitgespielt haben. Er selbst wird sich bei dem Erdoganfoto nicht viel gedacht haben, weil er die Erdoganhysterie unserer Medien nicht durchschaut und von heute auf morgen wurde er vom fleischgewordenen Integrationsbambi zum Pariah. Wir wissen, wie die deutsche Presse agiert, besonders nett waren sie zu Özil nicht. Weil er braune Haut hat, kam natürlich etwas mediales Gezecke wegen Rassismus, aber nur sehr spät und halbherzig und ohne den üblichen Kampagnenfuror. Sie haben ihn letztlich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel (haha).

Der DFB hat sich bei der ganzen Sache auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Cacatum non est pictum
9. September 2018 00:42

Auch von mir Lob und Dank für eine facettenreiche WM-Nachlese. Der Fußball wird bei der Sezession ja nur selten gestreift. Und dennoch: Wer wollte bestreiten, daß er eine politische Dimension hat!

Der Özil-Gündogan-Komplex war ein Schmierenstück, das gewaltig eskaliert ist. Mir kam diese Episode wie eine Art Stellvertreterkrieg vor, der von allen möglichen Interessengruppen extern angeheizt wurde: Patrioten, Universalisten, Politikern, Verbandsfunktionären, Beratern, Sportexperten usw. Insofern kann ich die Verärgerung Özils nachvollziehen, der sich wohl zu Recht als Sündenbock der Nation hingestellt sieht. Unstrittig ist natürlich auch, daß er in dieser Medienschlacht kein gutes Bild abgegeben hat. Aber wer Interviews mit ihm kennt, sollte erahnen können, daß dem jungen Mann das rhetorische und intellektuelle Rüstzeug für derlei Auseinandersetzungen fehlt. In dieser Debatte war er hilfloser Spielball der treibenden Kräfte.

Die Empörung vieler Konservativer habe ich ohnehin als Phantomschmerz betrachtet. Haben diese Leute denn wirklich bis heute nicht begriffen, daß der weit überwiegende Teil der in Deutschland lebenden Türken loyal zur Heimat der Vorfahren steht? Özil und Gündogan bilden da ganz offenkundig keine Ausnahmen. Das mag man ihnen vorwerfen oder auch nicht. Andererseits könnte man sich aber die Frage stellen, ob es von deutscher Seite aus klug war,

- eine solch große Zahl von Türken hier einwandern zu lassen;
- ihnen und ihren zahlreichen Kindern fast ausnahmslos ein Daueraufenthaltsrecht zuzugestehen;
- einen beträchtlichen und wohl stetig wachsenden Anteil von ihnen vorbehaltlos einzubürgern - gerade dieser Punkt wird sich eines Tages als katastrophaler Fehler erweisen.

Der DFB fährt seit langem auf der Multiethnienschiene, und daher ist es Spielern wie Özil kaum zu verdenken, daß sie die (ich nehme an: flehentliche) Bitte des Verbandes erfüllt haben, in internationalen Spielen für die deutsche anstatt für die türkische Nationalmannschaft aufzulaufen. Es ist eine Win-win-Strategie: Der DFB verleibt sich das Leistungsvermögen der türkischen Spieler ein und strickt zugleich seine Multikultilegende weiter; die Spieler hingegen profitieren vom hohen Ansehen des DFB und können über (in der Regel) erfolgreiche Turnierteilnahmen ihren Marktwert in die Höhe treiben.

Wenn man die eingebürgerten Spieler dazu zwingt, ihre Lippen zum Deutschlandlied zu bewegen: Was ist damit gewonnen? Die innere Kluft dieser Spieler zwischen dem ethnisch-kulturellen Hintergrund der Eltern und einem Land, in dem sie vielleicht geboren und aufgewachsen sind, das sie aber nie als Vaterland angenommen haben - diese Kluft verschwindet dadurch nicht. Maßnahmen der genannten Art sind pure Kosmetik. Sie dienen dem politisch gesteuerten, von Opportunisten durchsetzten DFB dazu, seine Unfähigkeit zu maskieren.

Ich wende mich von dieser meiner Nationalmannschaft immer mehr ab. Von Kindesbeinen an war ich ihr treu verbunden. Aber diesen schmierigen, feigen und selbstherrlichen Amtsträgern wie Löw, Bierhoff, Grindel und Konsorten mag ich meine Zuneigung nicht länger schenken. Auch die Zusammensetzung des Kaders - Herr Bettinger hat das Thema angeschnitten - vermag meiner Loyalität keinen Schub zu geben. Ehrlicherweise müssen wir aber feststellen, daß hier die ethnische Durchmischung der jüngeren Bevölkerungsgeneration in Deutschland schon einigermaßen realistisch abgebildet ist. Willkommen in der Zukunft!

@Liliom

Volle Zustimmung zu Ihrer Wortmeldung.

KlausD.
9. September 2018 08:58

@Liliom
"... Reihe von Superschurken ... in der auch Putin, Trump und Orban stehen ..."

Wie kommen Sie zu dieser Zuordnung? Ganz im Gegenteil, für mich sind diese drei eher Helden unserer Zeit.

Utz
9. September 2018 09:25

@ Liliom
Es ist OK, wenn diese "Deutsch"türken sich als Türken fühlen, weil sie sich nicht mit Deutschland identifizieren können/wollen. Ja, einverstanden, das ist identitäres Denken. Aber dann sollten sie weder einen deutschen Paß haben noch in der deutschen Nationalmannschaft spielen.

@ Cacatum non est pictum
Sie schrieben:
Wenn man die eingebürgerten Spieler dazu zwingt, ihre Lippen zum Deutschlandlied zu bewegen: Was ist damit gewonnen? Die innere Kluft dieser Spieler zwischen dem ethnisch-kulturellen Hintergrund der Eltern und einem Land, in dem sie vielleicht geboren und aufgewachsen sind, das sie aber nie als Vaterland angenommen haben - diese Kluft verschwindet dadurch nicht.

Es würde sehr viel dadurch gewonnen sein. Man muß sich nur vorstellen wie ihre Landsleute reagieren würden. Ich vermute, daß Özil und co. bisher zu seinen türkischen Freunden gesagt hat "weißt du ich nehm nur das Geld der Kartoffeln, aber im Herzen bin ich ein Türke, deshalb singe ich auch die Hymne nicht mit". Er käme also in Erklärungsnot und müßte sich positionieren. Selbst wenn dann so einer sagt, er singt nicht von Herzen mit, macht das etwas mit ihm.

Cacatum non est pictum
9. September 2018 11:52

@Utz

"Es würde sehr viel dadurch gewonnen sein. Man muß sich nur vorstellen wie ihre Landsleute reagieren würden. Ich vermute, daß Özil und co. bisher zu seinen türkischen Freunden gesagt hat 'weißt du ich nehm nur das Geld der Kartoffeln, aber im Herzen bin ich ein Türke, deshalb singe ich auch die Hymne nicht mit'. Er käme also in Erklärungsnot und müßte sich positionieren. Selbst wenn dann so einer sagt, er singt nicht von Herzen mit, macht das etwas mit ihm."

Gut, das wäre ein taktischer Winkelzug, um die Migranten im Team zur Aufrichtigkeit zu zwingen. Dem einen würde das vielleicht schwerer fallen, der andere - Typ Schauspieltalent - könnte seinen Unwillen hingegen locker überspielen. Es bliebe in meinen Augen eine kosmetische Korrektur.

Liliom und John Haase haben gut herausgestellt, daß unseren sogenannten Deutschtürken das Etikett "Multikultibotschafter" von außen angeheftet wurde. DFB, Presse und andere interessierte Kreise sind damit jahrelang hausieren gegangen. Die Fallhöhe dieser Illusion nach der Erdoganaffäre haben sie zuvor selbst erklommen.

Der DFB hat doch den Einwandererkindern den roten Teppich ausgerollt und sie mit Flittergold überhäuft. Diejenigen, die auch für einen anderen Verband hätten spielen dürfen, haben das Angebot oft dankbar angenommen, obwohl sie sich vielleicht nie als Deutsche gesehen haben. Diese Korrumpierbarkeit kann man ihnen vielleicht als kleinen charakterlichen Mangel auslegen - Spieler wie etwa Hamit Altintop waren da ehrlicher und sind direkt für die Türkei aufgelaufen -, doch letztlich haben sie sich eben genommen, was sie kriegen konnten. Nichts Außergewöhnliches in unseren Zeiten, möchte ich behaupten.

Mit der Beibehaltung des Abstammungsprinzips nach dem alten deutschen Staatsangehörigkeitsrecht (bis zum Jahr 2000) hätte man sich einen großen Teil dieser Verwerfungen ersparen können. Sei's drum. Das Thema Nationalmannschaft ist inzwischen genauso von Lügen, Widersprüchen und Durchhalteparolen geprägt wie die Migrationsdebatte an sich. Neue Konflikte blitzen schon am Horizont auf. Auch sie werden sich in der deutschen Medienlandschaft entladen.

Wahrheitssucher
9. September 2018 12:42

Ein Özil hat ein jedes Recht zu einer jeden politischen Demonstration und ein ebensolches Recht zu einem Nicht-Mitsingen einer deutschen Nationalhymne.
Nur sollte die eigentliche Konsequenz daraus sein, daß er eben nicht in eine deutsche Nationalmannschaft gehört.
Daß er in der derzeitigen Truppe - wie auch andere - dennoch einen Platz gefunden hat, ist das Bezeichnende und Verstörende unserer Zeit.