»Es bräuchte eine Offenbarung!«

Sezes­si­on: Mon­sieur Camus, nach den schreck­li­chen Atten­ta­ten von Paris im Janu­ar (Char­lie Heb­do) und Novem­ber (»Bata­clan« usw.) 2015, schrieb Alain de Benoist, die ver­blüff­ten Fran­zo­sen hät­ten nach wie vor nicht begrif­fen, was »Krieg« eigent­lich bedeu­te. Haben die Fran­zo­sen es nun, nach Niz­za (Juli 2016), verstanden?

Camus: Nein. Indes: Frü­her glaub­ten die Fran­zo­sen, es sei die Kri­mi­na­li­tät, die Gesamt­heit aller Schi­ka­nen, die ich Nocence getauft habe, die man als sol­che bekämp­fen muß. Sie woll­ten nicht sehen, daß die Kri­mi­na­li­tät, die Nocence Werk­zeu­ge des Gro­ßen Aus­tauschs waren, der Auf­lö­sung der Völ­ker und der Zivi­li­sa­ti­on, der ter­ri­to­ria­len Erobe­rung: ein­fach gesagt, ein Mit­tel zum Zweck, das man im Zusam­men­hang eines gro­ßen Gan­zen sehen muß. Die Atten­ta­te haben nur einen gerin­gen Fort­schritt in der Bewußt­wer­dung bewirkt: Jetzt beschul­digt man den Ter­ro­ris­mus, jedoch ohne sich dar­über Rechen­schaft zu geben, daß es kei­nen Kon­ti­nui­täts­bruch zwi­schen Kri­mi­na­li­tät und Ver­bre­chen gibt, daß das Kon­zept der Nocence dazu dient, bei­de Din­ge zu umfas­sen, die sich ledig­lich gra­du­ell unter­schei­den (ohne Aus­nah­me haben alle Ter­ro­ris­ten ihr Hand­werk durch gemein­recht­li­che Ver­bre­chen gelernt).

Die Fran­zo­sen glau­ben, alles wäre plötz­lich gewon­nen und wie­der gut, wenn es ihnen gelän­ge, den Ter­ro­ris­mus abzu­schüt­teln – wovon wir indes weiß Gott weit ent­fernt sind. Das ist natür­lich eine völ­li­ge Illu­si­on. Man­che fürch­ten indes­sen, es könn­te unter den Mus­li­men Euro­pas Sym­pa­thi­san­ten des Isla­mi­schen Staats geben, die eine Art Fünf­te Kolon­ne oder ein Tro­ja­ni­sches Pferd kon­sti­tu­ie­ren. Aber die­se Sicht­wei­se offen­bart nur eine wei­te­re gro­ße Ver­blen­dung, auch wenn sie eine Etap­pe auf dem Weg zur Bewußt­wer­dung sein mag. Die Mus­li­me Euro­pas sind kein Auf­fang­be­cken, kei­ne Fünf­te Kolon­ne im Diens­te des IS; es ist umge­kehrt der IS, der nichts wei­ter ist als der bewaff­ne­te Arm der Erobe­rung Euro­pas durch den Islam an sich, sein spek­ta­ku­lärs­tes und gewalt­tä­tigs­tes, wenn auch nicht sein effek­tivs­tes und gewiß nicht sein bedeu­tends­tes Werkzeug.

Sezes­si­on: Sie haben in »Revol­tiert!« (Révol­tez vous!, 2015) dazu auf­ge­ru­fen, sich zusam­men­zu­schlie­ßen, gegen die Regres­si­on auf­zu­be­geh­ren, der Auf­lö­sung der Völ­ker den Kampf anzu­sa­gen. Wie steht es heu­te, ein Jahr spä­ter, um die Revol­te gegen den Gro­ßen Austausch?

Camus: Ich muß zuge­ben, daß sie nur wenig in Gang gekom­men ist. Die Völ­ker ste­cken einem Gemisch aus Ver­dum­mung und Angst, aus Bewußt­lo­sig­keit und Schock­star­re. Sie glei­chen dem Rei­sen­den aus der Legen­de, der wie gelähmt auf die Schlan­ge starrt, die ihn hyp­no­ti­siert hat und ersti­cken wird. Die Ton­spur des Islams läuft in einer Dau­er­schlei­fe und läßt ihnen kei­nen Frie­den, wie die­se schreck­li­chen Beschal­lun­gen auf den Stra­ßen im Som­mer oder zur Weih­nachts­zeit, die in die Häu­ser ein­drin­gen, einen am Arbei­ten und Den­ken hin­dern und in den Wahn­sinn treiben.

Man könn­te über Höl­der­lin, Tra­kl, Bar­tók, Lige­ti, Pas­cal und Hera­klit, über Jun­gen, Frau­en, Häu­ser, Land­schaf­ten und Wäl­der spre­chen; aber von mor­gens bis abends, das gan­ze Jahr hin­durch hört man nichts ande­res als: Islam, Moscheen, Migran­ten, Ein­wan­de­rer, Ter­ro­ris­ten, Atten­ta­te, Islam, Ima­me, Flücht­lin­ge, Koran, Scha­ria, Moscheen, isla­mi­sche Mit­bür­ger, der Islam in Frank­reich, der Islam in Schwe­den, die Finan­zie­rung des Islams, der Bau von Moscheen, Rama­dan, Spe­zi­al­ge­rich­te, Kan­ti­nen, Schlei­er, Islam, Bur­kini, getrenn­te Schwimm­be­cken, Stei­ni­gun­gen, Moscheen, Islam, Mus­li­me, Islam, Islam, Islam.

Der Islam erin­nert mich an den Witz von dem Schrift­stel­ler, der sagt: »Jetzt haben wir genug über mich gespro­chen – haben Sie mein neu­es­tes Buch gele­sen?« Es ist zum Ver­rückt­wer­den. Man­che wer­den gera­de­zu ver­rückt und kon­ver­tie­ren zum Islam – wie einer, der sich ins Meer wirft, um der Flut zu entkommen.

Sezes­si­on: Ist  das  Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung  oder Deka­denz? Oder ist das im Grun­de dasselbe?

Camus: Die gro­ße Fra­ge lau­tet doch, war­um die Völ­ker Euro­pas nicht rebel­lie­ren, obwohl ihnen exakt das­sel­be geschieht, was abzu­weh­ren ihren Vor­fah­ren im Lauf der Jahr­hun­der­te jedes Opfer wert war: die ter­ri­to­ria­le Erobe­rung, die eth­ni­sche Über­flu­tung, die erzwun­ge­ne Auf­lö­sung der Zivi­li­sa­ti­on. Ich wer­de dem­nächst ein klei­nes Buch neu auf­le­gen, das ich vor zehn Jah­ren zu die­ser Fra­ge publi­ziert habe: Die zwei­te Kar­rie­re des Adolf Hit­ler. Die­se zwei­te Kar­rie­re ist ohne Zwei­fel weni­ger kri­mi­nell als die ers­te, hat aber umfas­sen­de­re Kon­se­quen­zen. Es han­delt sich um eine sei­ten­ver­kehr­te Kar­rie­re, eine Phan­tom­kar­rie­re, eine Brems­klotz­kar­rie­re aller negie­ren­den Sät­ze, eines Ensem­bles des Negie­ren­den. Euro­pa ist wie ein Pati­ent, dem man ein Krebs­ge­schwür namens Hit­le­ris­mus her­aus­ope­riert hat, und den man aus Angst vor Meta­sta­sen immer und immer wie­der ope­riert, bis zu einem Punkt, an dem man ihm der Rei­he nach sämt­li­che vita­len Funk­tio­nen ent­fernt hat. Er hat kein Herz mehr, kein Gehirn, kei­ne Lun­gen, kei­ne Augen, kein  Geschlecht,  kei­ne Arme, kei­ne Bei­ne, kei­nen Über­le­bens­in­stinkt mehr. Die schlimms­ten Ernied­ri­gun­gen haben ihn amorph und reak­ti­ons­los gemacht.

In jüngs­ter Zeit  war  es zum größ­ten Teil Deutsch­land, trau­ma­ti­siert durch sei­ne Nazi­ver­gan­gen­heit und eben­so begie­rig, sie zu ver­ges­sen, wie sie ver­ges­sen machen zu las­sen, das Euro­pa durch die Inter­ven­ti­on der Kanz­le­rin Mer­kel die eth­ni­sche Über­flu­tung auf­ge­nö­tigt hat, in Kom­pli­zen­schaft mit der Euro­päi­schen Uni­on und dem Gro­ßen Aus­tau­scher Jean-Clau­de Jun­cker. Was dem Ras­sis­mus 1945 haar­scharf gelun­gen wäre – die euro­päi­sche Zivi­li­sa­ti­on zu zer­stö­ren –, scheint dem Anti­ras­sis­mus ein Drei­vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter bald zu gelin­gen. Der Ras­sis­mus war grau­sa­mer und mord­lus­ti­ger, aber der Anti­ras­sis­mus ist drauf und dran, mehr zu zerstören.

Sezes­si­on: Der lin­ke Theo­re­ti­ker Sla­voj Žižek mut­maßt, die  Men­schen  revol­tier­ten  nicht, »wenn die ›Din­ge wirk­lich schlecht ste­hen‹, son­dern wenn ihre Erwar­tun­gen ent­täuscht wer­den«. Die euro­päi­sche poli­ti­sche Klas­se weckt nun im Zuge des Ansturms auf Euro­pa gehö­ri­ge Erwar­tun­gen (»Wir schaf­fen das!«), die sie nicht ein­hal­ten kön­nen wird. Revol­tie­ren die Men­schen dann wirk­lich, und wer könn­te dabei unser »revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt« sein?

Camus: Nein, zu  mei­ner  gro­ßen  Ver­zweif­lung sind die Men­schen offen­bar nicht zur Revol­te bereit. Nach jahr­zehn­te­lan­ger Bear­bei­tung durch die Indus­trie der Abstump­fung mit ihren drei Haupt­zwei­gen, dem Unter­richt des Ver­ges­sens in den Schu­len, der Ver­dum­mung der Mas­sen durch Fern­se­hen, Show­busi­neß und »Kul­tur­in­dus­trie« und schließ­lich dem Dro­gen­ge­schäft, das im Gegen­satz zu den ande­ren bei­den Zwei­gen nahe­zu völ­lig in den Hän­den jener ist, gegen die wir aus­ge­tauscht wer­den. Die Abstump­fung nimmt zu, das Ver­schie­den­ar­ti­ge ver­schwin­det, wäh­rend die angeb­li­che »Viel­falt« in Wahr­heit für die Logis­tik des Immer­glei­chen  zustän­dig ist, für die Reduk­ti­on auf den kleins­ten gemein­sa­men Nenner.

Der Durch­schnitts-IQ ist inner­halb von nicht ein­mal zwei Jahr­zehn­ten um zehn Punk­te gesun­ken. Und dann ist unse­re Zivi­li­sa­ti­on auch noch die ers­te in der Geschich­te der Mensch­heit, die eine Inva­si­on wie ein innen­po­li­ti­sches Pro­blem behan­delt. Übri­gens: Der Con­seil d’État hat beschlos­sen, daß der »Bur­kini« völ­lig legal, ein Men­schen- und Frau­en­recht, sei: Das ist unge­fähr so, wie wenn man im August 1940 die Leder­ho­se und die bay­ri­sche Tracht auf den Strän­den der Bre­ta­gne und der Côte d’Azur für unan­tast­bar erklärt hätte.

Sezes­si­on: Und  die  Revo­lu­ti­on als die »Wen­de«,  kommt  sie im Sin­ne Žižeks? Ist jetzt nicht die Zeit zum Han­deln – oder wann ist über­haupt der pas- sen­de Moment, und: für wen?

Camus: Das aus­lö­sen­de  Ele­ment der Revo­lu­ti­on? Ehr­lich gesagt, ich weiß es nicht. Es bräuch­te eine Offen­ba­rung. Durch wenn, fra­gen Sie? Einen Greis,  ein  jun­ges Mäd­chen,  ein  Kind, wie  in Ander­sens Mär­chen von den Kai­sers neu­en Klei­dern. Ich set­ze wenig  Hoff­nung  in  die­se   poli­ti­sche Klas­se, die rest­los auf­ge­braucht ist, und die aus Grün­den der »Serio­si­tät«, weil sie im magi­schen Kreis der zuge­las­se­nen Wort­füh­rer ver­blei­ben will, unfä­hig ist, die Unge­heu­er­lich­keit, die mit gro­ßen Schrit­ten her­an­kommt, wahr­zu­neh­men, zu erken­nen und vor allem zu benennen.

Es hat etwas Trost­lo­ses, zu sehen, daß die Fran­zo­sen ernst­haft dar­über nach­den­ken, die Macht einem Nico­las Sar­ko­zy zu über­ge­ben, der ihnen doch schon ein­mal Gele­gen­heit gab, zu gou­tie­ren, daß er kei­ner­lei Über­zeu­gun­gen und gewiß kei­ne Lie­be zu Frank­reich hat. Oder, fast eben­so schlimm, einem Alain Jup­pé, der sich bereits voll­stän­dig der Sache des Gro­ßen Aus­tausch und der Auf­lö­sung der Völ­ker und der Zivi­li­sa­ti­on ver­schrie­ben hat.

Die Vor­aus­set­zung, in der heu­ti­gen fran­zö­si­schen Gesell­schaft irgend­ei­nen bedeu­ten­den Pos­ten zu bekom­men – sei es als Rich­ter, Gene­ral, Bischof, Jour­na­list, Diplo­mat, Minis­ter oder natür­lich als erfolg­rei­cher Kar­rie­re­po­li­ti­ker – ist, daß man ver­rät oder ver­ra­ten hat. Die Ret­tung wird von dort kom­men, wo nie­mand auch nur träumt, sie zu suchen: von den Mar­gi­na­li­sier­ten, den Nar­ren, den Poe­ten, den Ere­mi­ten, den Hei­li­gen, von allen, die dem Kleis­ter der Debat­ten und der Abstump­fungs­in­dus­trie des Gro­ßen Aus­tauschs entkommen.

 

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