Sezession
1. April 2017

Geschlecht, Kultur, Natur: Eine Handreichung

Gastbeitrag

Seine Vorstellungen über die Erziehung von Mädchen (Puppen ankleiden, Nähen, ausdauern- des Sticken) sind berüchtigt und würden mutatis mutandis auch in einem konservativen muslimischen Milieu nicht aus dem Rahmen fallen.

Haben Frauen in der Tat eine tragende Rolle in der »Willkommenskultur« gespielt, so ist die Annahme, der Begründungstypus, der hinter dem Helferinnen-Syndrom stand und steht, sei ein spezifisch oder sogar exklusiv weiblicher, also nicht besonders tragfähig. Sind Frauen wie die Kanzlerin und die notorischen Margot Käßmann, Katrin Göring-Eckardt und Claudia Roth seine prononcierten, aggressiv-missionarischen Verfechterinnen, so steuert das männliche Establishment mit Erscheinungen wie Hofreiter, Marx und Woelki seinen Anteil ebenfalls bei. Wäre dem nicht so, hätte sich die »Willkommenskultur« genannte Immunschwäche niemals etablieren können. Diese Immunschwäche ist ein gesamtkulturelles Phänomen. Es ist daher wichtig, zu begreifen, daß ihre Wahrnehmung und Beschreibung als »weiblich« zunächst nicht auf einen biologischen, sondern auf einen symbolischen, also kulturellen Sachverhalt Bezug nimmt (was eine biologische Komponente im Verhalten der beteiligten Frauen selbstverständlich nicht ausschließt).

Das führt auf die grundsätzliche Frage nach der Rolle der Biologie bei der Konzeption von Geschlecht. Für Rechte wie Linke scheint sie vorentschieden zu sein. Auf der Rechten hat man sich bislang weitestgehend auf die ausschließliche Betonung der biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurückgezogen. Dies ist im Sinne einer größtmöglichen Erkennbarkeit der eigenen Positionen, also eines strategischen Abgrenzungsgebotes, verständlich, da damit der maximale Abstand zu typisch linken Milieutheorien markiert ist.

Ich möchte zeigen, daß dies für die Vertretung »rechter« oder konservativer Standpunkte weder nötig ist noch ein invariantes Kennzeichen konservativen Denkens bildet. (Man möge mir nachsehen, wenn ich hier »konservativ« und »rechts« synonym verwende. Das ist zwar falsch, für den vorliegenden Argumentationszusammenhang ist die Unterscheidung aber unnötig). Kein Geringerer als Arnold Gehlen schrieb bereits 1958 die folgenden erstaunlichen Sätze:

»Aus dem bisher Gesagten folgt, daß wir alles Natürliche am Menschen nur in der Imprägnierung durch ganz bestimmte kulturelle Färbungen erfahren können. Dies ist ein weitgehend zugestandener, aber selten ausgewerteter Satz. Wenn die Kultur dem Menschen natürlich ist, so bekommen wir auch umgekehrt seine Natur nie als solche, sondern nur in der Durchdringung mit je ganz bestimmten kulturellen Zusammenhängen zu Gesicht. Man kann z. B. die Frage nach dem Wesensunterschied der Geschlechter nicht allgemein, man kann sie nur für den Umkreis einer bestimmten Kultur beantworten, denn es handelt sich jeweils um kultur- bedingte Stilisierungen von irgendwelchen Substraten, die wir niemals als solche, in ihrer naturhaften Urwüchsigkeit kennenlernen.«

Diese Sätze sind aus Gehlens Feder deshalb erstaunlich, weil sie auf den ersten Blick exakt die Grundannahme der Genderlehre zu formulieren scheinen. Gehlen sagt uns schlicht, daß sich »kulturbedingte«, erlernte weibliche oder männliche Verhaltensmuster nicht sauber von »naturhaften«, also biologisch bedingten, trennen lassen. Dies insbesondere, weil das männliche oder weibliche Wesen uns immer schon in einer bestimmten Kultur entgegentrete, deren Einflüsse sich kaum herausfiltern ließen. Selbstverständlich sind uns als Mann und Frau biologisch konkrete Eigenschaften mitgegeben, diese treten aber in unterschiedlichen Kulturen in unterschiedlichen Formen zutage. Gehlens Formulierung legt nahe, daß es sich hierbei schon Ende der fünfziger Jahre um keine neue Perspektive gehandelt hat. Er formuliert Jahrzehnte früher jene Hauptthese vor, für welche die Vordenkerin aller Gendertheorien, Judith Butler, viel später als bahnbrechend innovativ gerühmt werden sollte; es wäre zweifellos interessant, einmal der Frage nachzugehen, ob sie Gehlens Schrift kannte.

Das klingt nun ganz nach »Genderismus«, aber damit würde man Gehlen Unrecht tun: Es gibt einen bezeichnenden Unterschied, und der liegt in dem Wort »Substrat«. Während Gehlen eine biologische Basis zugesteht, die aus praktischen Gründen unerkennbar, weil stets kulturell überformt sei, geht die Gendertheorie einen Schritt weiter. Dieser Schritt weiter ist der berühmte Schritt vorwärts in den (argumentativen) Abgrund. »Genderismus« leugnet nämlich längst auf breiter Front die Existenz dieser biologischen Basis und streicht damit die Natur, die bei Gehlen eine unbestrittene, wenn auch schwer isolierbare Grundlage bildete, gleich ganz. Verhaltens-, Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Leistungsunterschiede bei Männern und Frauen werden daher bekanntlich als rein kulturell geprägt aufgefaßt und somit auch als beliebig veränderbar. Daß dieses Eskamotieren der Physis eine karnevalistische begriffliche Taschenspielerei darstellt und mit Wissenschaft nur zu tun hat, insofern es innerhalb des Wissenschaftsbetriebs stattfinden kann, bedarf keiner Erläuterung.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Anmelden Registrieren