Sezession
1. Dezember 2017

Der letzte Ghibelline. Über Werk und Wirken Hans-Dietrich Sanders

Siegfried Gerlich

Siegfried Gerlich

Siegfried Gerlich studierte Philosophie sowie Musikwissenschaft und lebt als freier Autor und Pianist in Hamburg.

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Als Ernst Jünger seine Lektüre des Nationalen Imperativ beendet hatte, schickte er dem Autor eine Postkarte mit den mahnenden Worten: »Wir haben unser Cannae hinter uns.« Cum grano salis wird man in dem Wunsch, Jünger möge am Ende Unrecht behalten, den Vater jenes Gedankens erblicken dürfen, der sich Hans-Dietrich Sander im Laufe seines Lebens immer gebieterischer aufdrängte, und den er in seinem Spätwerk mit großem Pathos zu entfalten wußte: daß allein die Wiederherstellung des Deutschen Reiches Europa noch vor dem Untergang bewahren könne.

Die Unerschrockenheit aber, mit der Sander auch nach Hitler noch im Ton eines Fichte zur Nation zu reden wagte, trug ihm den Ruf eines ewig Unverbesserlichen ein. Nur wenigen Getreuen galt dieser Universalgelehrte als ein tatsächlich Besserwissender, denn auch im nationalen Lager fand man seinen deutschen Eigensinn vom Wahnsinn des Eigendünkels gezeichnet.

Sander selbst hingegen sah seinen Denkweg maßgeblich von  seinem Lebensweg vorgezeichnet. Am 17. Juni 1928 in Grittel geboren und auf mecklenburgischem Land aufgewachsen, studierte er von 1948 bis 1952 Theologie, Theaterwissenschaften, Philosophie und Germanistik in West-Berlin. Bereits 1950 wurde er von Herbert Ihering beim Berliner Ensemble als Hospitant eingeführt, bevor wiederum Bertolt Brecht, der Sander aufgrund seiner für das Theater der Zeit verfaßten Beiträge für den »besten Theaterkritiker der DDR« hielt, ihn dem Bühnenvertrieb des Henschel-Verlages als Dramaturg vermittelte. In der Überzeugung, daß das deutsche Volk eine »bolschewistische Roßkur« nötig habe, siedelte Sander 1952 ganz in die DDR über.

Und obschon ihm die Mitgliedschaft in der SED wegen »Individualismus« verweigert wurde, setzte er weiterhin auf Stalin, der in seinen späten Schriften eine Überführung der revolutionären Parteidiktatur in saturierte Staatlichkeit angekündigt hatte. Diese Hoffnung zerschlug sich indessen 1953 mit Stalins Tod sowie dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni, und die Niederschlagung der Budapester und Warschauer Aufstände von 1956 bewog Sander endgültig zur Flucht in den deutschen Westen.

Gleichwohl sollte Sander fortan ebenso hart wie mit der DDR auch mit der BRD ins Gericht gehen, in der er nur eine »modifizierte Wiederauflage des gescheiterten liberalen Experiments in Deutschland« sehen konnte. Eine Neigung zu »nationaler Dissidenz« machte sich bereits bei dem jungen Feuilletonisten bemerkbar, der von 1958 bis 1962 und noch einmal von 1965 bis 1967 unter der Schirmherrschaft Hans Zehrers bei der Welt beschäftigt war.

Noch ausgeprägter kam sie bei dem gereiften Geisteswissenschaftler zum Vorschein, dessen von Hans-Joachim Schoeps betreute und 1969 fertiggestellte Dissertation über Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie sowie seine daran anknüpfende Geschichte der Schönen Literatur in der DDR von 1972 ihm in dem »roten Jahrzehnt« alle Wege zu einer publizistischen Karriere versperrten. Dabei war Sander in diesen substantiellen Aufarbeitungen der Ideologiegeschichte und Kulturpolitik des real existierenden Sozialismus den Auffassungen von Marx und Engels selbst in kritischer Solidarität verbunden geblieben.

Und seinen marxistischen Lehrjahren war es auch geschuldet, daß Sander das ihm von Criticón und der Zeitbühne gewährte publizistische Asyl zwar nicht ausschlug, aber Caspar von Schrenck-Notzings und Gerd-Klaus Kaltenbrunners »neuen Konservatismus« im Grunde als »konformistisch« verachtete und die bornierte Lagermentalität der Rechten überhaupt bekämpfte – nicht ohne sogar ihren Hausgöttern seinen Tribut zu verweigern: Armin Mohler etwa zeigte »kein Verständnis dafür, daß Sander seit einiger Zeit an uns teuren Gestalten wie Nietzsche, Gehlen kleinlich herummäkelt, während er den Hl. Karl aus Trier auf seinem Sockel läßt.«

Die frühen Leitbilder Marx und Brecht verblaßten jedoch in dem Maße, wie Carl Schmitt zu Sanders geistigem Mentor wurde, den er immerhin in einen von 1967 bis 1981 sich erstreckenden Briefwechsel verwickelte. So wuchs mit Sander nicht nur dem liberalen Establishment ein Opponent, sondern auch dem rechten Lager ein Konkurrent heran, der in seinem unermüdlichen Kampf gegen die »postfaschistische Resignation« stets einen parteiübergreifend gesamtdeutschen Standpunkt bezog.


Siegfried Gerlich

Siegfried Gerlich studierte Philosophie sowie Musikwissenschaft und lebt als freier Autor und Pianist in Hamburg.

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