1. Dezember 2017

Der letzte Ghibelline. Über Werk und Wirken Hans-Dietrich Sanders

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Als Ernst Jünger seine Lektüre des Nationalen Imperativ beendet hatte, schickte er dem Autor eine Postkarte mit den mahnenden Worten: »Wir haben unser Cannae hinter uns.« Cum grano salis wird man in dem Wunsch, Jünger möge am Ende Unrecht behalten, den Vater jenes Gedankens erblicken dürfen, der sich Hans-Dietrich Sander im Laufe seines Lebens immer gebieterischer aufdrängte, und den er in seinem Spätwerk mit großem Pathos zu entfalten wußte: daß allein die Wiederherstellung des Deutschen Reiches Europa noch vor dem Untergang bewahren könne.

Die Unerschrockenheit aber, mit der Sander auch nach Hitler noch im Ton eines Fichte zur Nation zu reden wagte, trug ihm den Ruf eines ewig Unverbesserlichen ein. Nur wenigen Getreuen galt dieser Universalgelehrte als ein tatsächlich Besserwissender, denn auch im nationalen Lager fand man seinen deutschen Eigensinn vom Wahnsinn des Eigendünkels gezeichnet.

Sander selbst hingegen sah seinen Denkweg maßgeblich von  seinem Lebensweg vorgezeichnet. Am 17. Juni 1928 in Grittel geboren und auf mecklenburgischem Land aufgewachsen, studierte er von 1948 bis 1952 Theologie, Theaterwissenschaften, Philosophie und Germanistik in West-Berlin. Bereits 1950 wurde er von Herbert Ihering beim Berliner Ensemble als Hospitant eingeführt, bevor wiederum Bertolt Brecht, der Sander aufgrund seiner für das Theater der Zeit verfaßten Beiträge für den »besten Theaterkritiker der DDR« hielt, ihn dem Bühnenvertrieb des Henschel-Verlages als Dramaturg vermittelte. In der Überzeugung, daß das deutsche Volk eine »bolschewistische Roßkur« nötig habe, siedelte Sander 1952 ganz in die DDR über.

Und obschon ihm die Mitgliedschaft in der SED wegen »Individualismus« verweigert wurde, setzte er weiterhin auf Stalin, der in seinen späten Schriften eine Überführung der revolutionären Parteidiktatur in saturierte Staatlichkeit angekündigt hatte. Diese Hoffnung zerschlug sich indessen 1953 mit Stalins Tod sowie dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni, und die Niederschlagung der Budapester und Warschauer Aufstände von 1956 bewog Sander endgültig zur Flucht in den deutschen Westen.

Gleichwohl sollte Sander fortan ebenso hart wie mit der DDR auch mit der BRD ins Gericht gehen, in der er nur eine »modifizierte Wiederauflage des gescheiterten liberalen Experiments in Deutschland« sehen konnte. Eine Neigung zu »nationaler Dissidenz« machte sich bereits bei dem jungen Feuilletonisten bemerkbar, der von 1958 bis 1962 und noch einmal von 1965 bis 1967 unter der Schirmherrschaft Hans Zehrers bei der Welt beschäftigt war.

Noch ausgeprägter kam sie bei dem gereiften Geisteswissenschaftler zum Vorschein, dessen von Hans-Joachim Schoeps betreute und 1969 fertiggestellte Dissertation über Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie sowie seine daran anknüpfende Geschichte der Schönen Literatur in der DDR von 1972 ihm in dem »roten Jahrzehnt« alle Wege zu einer publizistischen Karriere versperrten. Dabei war Sander in diesen substantiellen Aufarbeitungen der Ideologiegeschichte und Kulturpolitik des real existierenden Sozialismus den Auffassungen von Marx und Engels selbst in kritischer Solidarität verbunden geblieben.

Und seinen marxistischen Lehrjahren war es auch geschuldet, daß Sander das ihm von Criticón und der Zeitbühne gewährte publizistische Asyl zwar nicht ausschlug, aber Caspar von Schrenck-Notzings und Gerd-Klaus Kaltenbrunners »neuen Konservatismus« im Grunde als »konformistisch« verachtete und die bornierte Lagermentalität der Rechten überhaupt bekämpfte – nicht ohne sogar ihren Hausgöttern seinen Tribut zu verweigern: Armin Mohler etwa zeigte »kein Verständnis dafür, daß Sander seit einiger Zeit an uns teuren Gestalten wie Nietzsche, Gehlen kleinlich herummäkelt, während er den Hl. Karl aus Trier auf seinem Sockel läßt.«

Die frühen Leitbilder Marx und Brecht verblaßten jedoch in dem Maße, wie Carl Schmitt zu Sanders geistigem Mentor wurde, den er immerhin in einen von 1967 bis 1981 sich erstreckenden Briefwechsel verwickelte. So wuchs mit Sander nicht nur dem liberalen Establishment ein Opponent, sondern auch dem rechten Lager ein Konkurrent heran, der in seinem unermüdlichen Kampf gegen die »postfaschistische Resignation« stets einen parteiübergreifend gesamtdeutschen Standpunkt bezog.

Ein kraftvolles Fanal gegen jeden »nationalen Defaitismus« setzte Sander mit seiner 1980 erschienenen Kampfschrift Der nationale Imperativ, welche »den entschlummerten Furor teutonicus wecken [wollte], um den Deutschen ihren bewährten Kampfgeist und ihren berechtigten Stolz zurückzugeben, die sie beim Bau des Vierten Reiches brauchen«. Ungeduldig drängte Sander die Deutschen »in Richtung auf einen neuen Machtstaat, eine neue Großmacht, die den Nachbarn durchaus zuzumuten wäre, weil durch nichts sonst das schutzbedürftige Europa noch gerettet werden kann«. Auf eine solche »nationale Renaissance« stimmte Sander alsbald auch die Deutschen Monatshefte ein, als deren Chefredakteur er von 1983 bis 1986 wirkte.

Aber erst der Fall der Berliner Mauer gab Sander den entscheidenden Anstoß, um 1990 Staatsbriefe ins Leben zu rufen, welche die »Wende« über sich hinaustreiben und eine Neugründung des Deutschen Reiches herbeischreiben wollten. Schon der Name der neuen Zeitschrift, der sich auf die Erlasse, Sendschreiben und Berichte des Stauferkaisers Friedrich II. bezog, kündigte an, daß Sander seiner »Reichsrenaissance« einen Rückhalt im Staufermythos geben wollte. Das Ausbleiben einer gesamtdeutschen Volkserhebung aber bestärkte Sander nur in seinem Argwohn, die von den Alliierten lizenzierte Wiedervereinigung habe von vornherein »die Endlösung der deutschen Frage« bezweckt. Und so wünschte er dem bestehenden Deutschland ein »schnelles Ende«, denn erst nach einer »restlosen Implosion des status quo« könne eine neue Reichsherrlichkeit anbrechen.

Allerdings stellte die einsame Höhe dieser glühenden Reichsutopie immer auch eine Fallhöhe dar, die unversehens zum Absturz in die Niederungen nationalsozialistischer Reichsapologetik führen konnte. Gewiß vertrat Sander keine »negationistischen« Ansichten, aber manche seiner Glossen mochten durchaus den Eindruck erwecken, er halte die »Holocaust-Industrie« für schlimmer als den Holocaust selbst. Von seinem »caustischen Witz« – er unterzeichnete eine satirische Zerpflückung der Legende, die Nazis hätten aus Juden Seife gemacht, mit »Ole Caust« – zeigte sich der Staatsanwalt jedenfalls nicht amüsiert genug, um ihm eine Geld- und Bewährungsstrafe wegen »Volksverhetzung« zu ersparen.

Sander selbst lehnte seine offiziöse Zurechnung zum »intellektuellen Rechtsextremismus« freilich dankend ab, da ihm als ideellem Gesamtdeutschen, der je nach Sachlage auch linke und liberale Positionen verteidigte, jeder politische Extremismus fremd war. Und doch beruhte seine Erwähnung in den Verfassungsschutzberichten auch in seinen Augen keineswegs auf einer Fehleinschätzung, denn indem Sander die Überlegenheit des »preußischen Verwaltungsstaates« gegenüber dem »westeuropäischen Verfassungsstaat« behauptete, bekannte er sich in einem viel grundsätzlicheren Sinne als dem juristisch erforderlichen der »Verunglimpfung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung« als Verfassungsfeind.

Sanders Apologie des Preußentums, welches er nicht nur als »Quintessenz des Deutschtums«, sondern zugleich als »Polis der Neuzeit« glorifizierte, zielte im Kern auf die Restauration souveräner Staatlichkeit, wie sie sich im Zeitalter des Absolutismus aus dem Chaos der Religionskriege erhoben hatte. Die historische Realität entsprach indessen nur unzulänglich der absolutistischen Idee, die partikularen Gewalten in den Dienst des Staates zu stellen und in dessen höherer Einheit aufgehen zu lassen.

Für Sander jedenfalls war die neuzeitliche Geschichte weniger von einem siegreichen »Leviathan« als von einer fortschreitenden »Leviathanjagd« durch einen bürgerkriegswilligen »Behemoth« bestimmt: Hatten die liberalistischen Bewegungen des 18. Jahrhunderts den Staat im Namen der Gesellschaft noch lediglich zurückgedrängt, so sollten die totalitären Parteien des 20. Jahrhunderts sich ihn zur Beute machen, um ihn von innen her zu zersetzen.

Anders als Carl Schmitt und auch Reinhard Koselleck, welche die Ursache für den Niedergang des absolutistischen Staates in dessen Einräumung eines privaten Glaubensvorbehaltes sehen wollten, der sich als Einfallstor für allerlei »indirekte Gewalten« erwiesen habe, hielt Sander an diesem liberalen Individualrecht, welches exemplarisch im Potsdamer Toleranzedikt zur Pazifizierung der konfessionellen Parteien beigetragen hatte, unbeirrt fest. Im Rückblick beklagte Sander, Schmitt habe »als Katholik kein produktives Verhältnis zum preußischen Staat gewinnen« und daher nicht erkennen können, »daß die Gedanken- und Glaubensfreiheit des preußischen Staates seine innere Kraft ausmachte«.

Die zunehmende Hilflosigkeit des neuzeitlichen Staates lag für Sander vielmehr darin beschlossen, daß der Absolutismus nach dem Ableben der monarchistischen Legitimität keine republikanische Ausgestaltung erfahren habe. Und angesichts des lähmenden bundesrepublikanischen Parlamentarismus bewarb er die unverminderte Aktualität einer »absoluten Republik«, die ein Präsident wie ein Monarch mit einem Kabinett aus Fachministern zu regieren hätte. Dabei stellte Sander unmißverständlich klar, daß ein solches kameralistisches Präsidialsystem mit der parlamentarischen Parteienherrschaft auch die liberale Gewaltenteilung abschaffen und das demokratische Wahlrecht auf die kommunale Ebene beschränken würde.

Mit dieser Idee, »die absolute Monarchie preußischen Stils republikanisch zu fassen«, stand Sander unter den Mitarbeitern seiner Staatsbriefe »ziemlich solitär« da. Und schon vorher hatte sein einsamer Rettungsversuch souveräner Staatspolitik zur Entfremdung von Schmitt geführt, für den die hohe Zeit des Staates unwiederbringlich vergangen war, und der den Begriff des Politischen daher radikaler zu definieren suchte.

»Mit einer allgemeinen Staatslehre ist heute nichts mehr zu wollen, denn es gibt keinen Staat mehr«, hatte Schmitt bereits 1927, ein Jahr vor Erscheinen seiner Verfassungslehre vermeldet. Nur folgerichtig kehrte der Staatsrechtler nach dem Scheitern seines späteren Versuches, dem nationalsozialistischen »Behemoth« die Staatsverfassung eines »Leviathan« zu geben, über sein »konkretes Ordnungsdenken« zu einem vorstaatlichen »Nomos der Erde« zurück, dem wiederum ein überstaatlicher »Katechon« theologischen Schutz bieten sollte. Und an der feindlichen Front analysierte Schmitt von Clausewitz über Lenin bis Mao die irregulären Partisanenstrategien eines entstaatlichten, total gewordenen Bürgerkrieges.

Demgegenüber griff Sander auf restaurative Denker der Zwischenkriegszeit wie Wilhelm Stapel, Paul Ernst, Edgar Jung und Hans Domizlaff zurück, um seinen allseits für unzeitgemäß befundenen absolutistischen Staatsgedanken in den weiteren Horizont der deutschen Reichsidee zu rücken. Zum Stein des Anstoßes wurde ihm dabei der Mohlersche Topos der »Konservativen Revolution«, welcher »nichts als Verwirrung angerichtet« habe, da deren wichtigste Exponenten in Wahrheit »Reichsdenker« gewesen seien.

Daß Mohler die Idee des Reiches aufgrund ihrer Diskreditierung durch das Dritte Reich leichthin preisgegeben hatte, erschien Sander umso abwegiger, als die völkisch und rassisch ideologisierten Nationalsozialisten mit dem von ihnen bloß nominell adoptierten »Reich« in der Sache »nichts anfangen« konnten. Sander seinerseits konnte der germanischen Vorgeschichte der deutschen Reichsgeschichte nur wenig abgewinnen. Gegen alle nationalromantische Idealisierung der Gefolgschaftstreue der Germanen stellte er deren notorische Verratsbereitschaft heraus: kein Hermann ohne Flavus, kein Siegfried ohne Hagen. Aber auch in dem »faustischen Trieb« der alten Germanen sah Sander vorrangig selbstzerstörerische Kräfte am Werk, welche der Bändigung durch das römische Christentum bedurften, um sich für die späteren Deutschen segensreich entfalten zu können.

Tatsächlich bereitete die »Translatio imperii« den kurzlebigen germanischen Königreichen ein Ende und brachte jenes ein Jahrtausend währende deutsche Kaiserreich auf den Weg, das als »Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation« stets aus einer produktiven Spannung von nationalem und universalem Prinzip lebte.

Stimmte Sander in seiner Zurückweisung des »antirömischen Affekts« der Deutschen vollkommen mit Schmitt überein, so konnte dagegen dessen »politische Theologie«, die den »römischen Katholizismus als politische Form« empfahl, schwerlich seine volle Zustimmung finden, denn nach dem Gang nach Canossa durfte das weltliche »Imperium« nicht noch einmal unter das Joch eines geistlichen »Sacerdotium« gebeugt werden.

In der Rückschau auf die legendären Machtkämpfe zwischen Kaiser und Papst, die in der Stauferzeit ihren höchsten Intensitätsgrad erreichten, ergriff Sander eindeutig Partei für die kaisertreuen »Ghibellinen« als den Verfechtern der universalistischen »Reichsherrlichkeit«, wohingegen die papsttreuen »Guelfen« als Vertreter der partikularistischen »Landesherrlichkeit« ihm letztlich Reichsverräter waren. Aber allein Friedrich II., dieser »Stupor mundi«, verkörperte für Sander »den deutschen Reichsgedanken, die ghibellinische Idee, in maximaler Reinheit«, und er schrieb es dem Unglück seines vorzeitigen Todes zu, daß die deutsche Geschichte nach ihm einen guelfischen Irrweg eingeschlagen habe.

Wäre es dem Kaisertum nämlich gelungen, das Papsttum nachhaltig zu schwächen, so wären Europa Glaubensspaltung und Religionskriege erspart geblieben, und ein neuzeitlicher Universalstaat hätte frühzeitig geschaffen und auf Dauer erhalten werden können. So aber wirkte sich die massive Schwächung der römischen Reichsgewalt infolge der deutschen Reformation für die Reichsnachfolger verhängnisvoll aus: Die Habsburger würdigten sich zum Instrument der Gegenreformation herab und beschieden sich zunehmend mit Hausmachtspolitik. Aber auch die Hohenzollern, die mit ihrem Wappenspruch »Jedem das Seine!«ebenso tolerant über den Konfessionen standen wie vormals die Staufer über den Religionen, konnten schließlich nur ein kleindeutsches Reich gründen, das sich schon bald in einem »Kulturkampf« mit den großdeutschen Ultramontanen befand.

»Guelfisch durchwachsen, als Nationalstaat begrenzt und ideologisch indoktriniert« erschien Sander nach dem Zweiten aber erst recht das Dritte Reich. Der »Aufbruch« im Volk war noch »ghibellinisch getragen«, doch die »guelfisch gesonnene« Reichsführung zog unbelehrbar gerade die fatalsten Konsequenzen aus einer guelfischen Daseinsverfehlung, in deren historischem Verlauf sich der neuzeitliche Territorialstaat in einen modernen Nationalstaat transformiert und der Gehorsam gegenüber den Päpsten zur Hörigkeit gegenüber Ideologen säkularisiert hatte.

Vor diesem Hintergrund wollte der Reichskanzler Hitler eben »nicht das Reich, sondern Großdeutschland als ein nationaler Territorialstaat, dessen Gebietseroberungen mittels Umsiedlungspolitik gnadenlos germanisiert werden sollten«. Und wie Hitlers antislawische Affekte das Deutsche Reich um seinen Kredit als Ordnungsmacht in Osteuropa brachten, so schloß seine rassistische Ideologie zu viele Gruppen aus der Volksgemeinschaft aus:

»Allein die Diskriminierung der deutschnationalen Juden, unter denen sich viele dekorierte Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs befanden, war eine politische Todsünde«, und zumal die »Endlösung der Judenfrage« war »mit deutschem Rechtsempfinden und germanischem Gastrecht absolut unvereinbar«.

Hiermit durchaus vereinbar war allerdings eine politisch-theologische Feindschaft, wie sie Sander bei aller persönlichen Wertschätzung mit Jacob Taubes verband, der ihn 1978 /79 zu einem offenherzigen deutschjüdischen Dialog über den Gegensatz von »georteter« und »entorteter« Existenz als Gastdozent an die FU Berlin einlud. Immerhin sollte aus Sanders mit deutscher Gründlichkeit ausgearbeiteten Antwort auf einen herausfordernden Brief des jüdischen Religionsphilosophen sein 1988 erschienenes Hauptwerk Die Auflösung aller Dinge hervorgehen, in welchem er seinem Antijudaismus mit heiligem Ernst und stupendem Wissen eine tragische Größe verlieh.

Schon von seinem Doktorvater Schoeps darüber belehrt, daß »das Gegenstück der Erwählung die Verwerfung ist und der abgefallene Jude nicht bloß ins Heidnische zurücksinkt […], sondern Gottes Widersacher wird«, konnte auch Sander in den »geschichtlichen Metamorphosen des Judentums in der Moderne« nur »Abfall, Dämonie, Auflösung« erkennen.

Vollends der erklärte »Erzjude« Taubes lieferte mit seinem freimütigen Bekenntnis zu jenem »dämonisch zerstörenden Element«, welches in dem »säkularisierten messianischen Pfeil des Marxismus lauerte«, Sander die Stichworte, um alle maßgeblichen jüdischen Denker von Spinoza über Marx bis Adorno als »Beschleuniger der Apokalypse« zu attackieren. Besonderes Augenmerk schenkte er dabei Walter Benjamin, dessen auf der Flucht vor den Nationalsozialisten verübtem Selbstmord er mit einem Zitat dieses »weltpolitischen Nihilisten« eine paradigmatische Bedeutung verlieh: »So erscheint der Selbstmord als die Quintessenz der Moderne«.

Der verschärfte Schmittianismus aber, mit dem Sander gegen die selbstzerstörerischen Tendenzen einer »ahasverisch« rastlosen Moderne eiferte, machte ihn taub für Taubes Einspruch, daß zum »Mysterium Judaicum« auch die »katechontische Form« des rabbinischen Talmudismus gehöre, welcher ganz wie der römische Katholizismus vom »Aufschub« der apokalyptischen Endzeit lebe. Sander war wie gebannt von jener »Imitatio Ahasveri«, in der die Deutschen »in wenigen Jahrzehnten die Züge der entorteten jüdischen Existenz von Jahrtausenden« wiederholten.

Und darum konnte für ihn die Überwindung der nomadischen Unbehaustheit, die einstweilen zum Schicksalsgesetz der gesamten westlichen Welt geworden war, nur im Zuge einer Neuverortung Deutschlands als europäischem »Bollwerk zwischen Ost und West« geleistet werden. Indessen verbarg gerade der mittelalterliche Staufermythos, den Sander dem modernen Beschleunigungsstrudel entgegenstemmte, eine noch tiefere Wahlverwandtschaft: Symbolträchtig genug hatte sich Friedrich II. nach der islamischen Schenkung Jerusalems die Krone des Königreiches aufgesetzt und damit als messianischer Thronfolger König Davids empfohlen. Und so wirkte derselbe konservativ-revolutionäre Messianismus, in dem die alte jüdische Sehnsucht nach einer Wiederherstellung des Davidischen Reiches ihren Ausdruck gefunden hatte, unterschwellig noch in Sanders deutscher Beschwörung des Stauferreiches fort, welches ebenfalls von dieser Welt war.

Nicht von ungefähr war Sanders Berufung auf den ghibellinischen Reichsmythos auch in realpolitischer Hinsicht eine »imperiale, hegemoniale Geste«, die weniger auf das »Selbstbestimmungsrecht der Völker« als auf die »Bestimmung der Völker« abzielte. Denn alles »Recht« auf Selbstbestimmung setze die »Fähigkeit« zu ihr voraus, und darum sei Völkern, die darin versagten, die Oberhoheit fähigerer Völker durchaus zuträglich.

Und im Unterschied zu den klassischen Imperialmächten, die den unterworfenen Völkern etwas ihnen Fremdes auferlegten, würde eine deutsche Hegemonialmacht den ihr unterstellten Völkern nur das ihnen Eigene zukommen lassen. Nicht als imperialistische Zwangs-, sondern als kulturelle Schirmherrschaft müsse sich Deutschland in Erinnerung bringen und auch eine künftige Rekolonisierung des deutschen Ostens friedlich in Angriff nehmen. Gleichzeitig warnte Sander eindringlich vor einer »antikapitalistischen Sehnsucht« nationalbolschewistischer Provenienz, da jede »russophile« Ostorientierung unvermeidlich in die »deutsche Sackgasse« hineinführe, »sich einer russisch-asiatischen Hegemonialmacht unterzuordnen, die sich selbst als Erbe Dschingis Khans versteht«.

Immer wieder wies Sander die »deutschen Rechten« zurecht, sie dürften sich »erst dann mit Recht deutsch nennen, wenn in ihren Gehirnen die letzte Faser des nationalbolschewistischen Zunders verschwefelt ist«.

Geopolitisch stand Sander bereits zu Zeiten der russisch- amerikanischen Doppelhegemonie über Europa eine »multipolare Weltordnung« vor Augen. Doch nach dem Untergang des kommunistischen Weltsystems trat eine globalkapitalistische Weltmacht ihren Siegeszug an,  welcher von dem Aufstieg eines nicht minder globalistischen Islamismus begleitet wurde. In dieser neuen Unübersichtlichkeit zögerte Sander nicht, mit einem plakativen Antiamerikanismus samt obligatem Antizionismus für eine klare Feindbestimmung zu sorgen, den islamischen Terrorismus hingegen unter freundlicher Ausblendung seiner religiös verwurzelten, allsei- tigen Feindseligkeit auf ein bloßes Produkt jenes Imperialismus zu reduzieren.

Über solcher Bagatellisierung des politisch virulenten »Kampfes der Kulturen« konnte freilich eine alte metaphysische Feindschaft wieder zu unheimlicher Gespensterlebendigkeit erwachen. Schon in seinen älteren »Thesen zum Antisemitismus« hatte Sander ein prähistorisches jüdisches »Erzgreuel« herbeispekuliert, um dem eingekreisten Judenstaat das ihm zugemessene Schicksal zu prophezeien: »Wenn Israel fällt, schließt sich ein weltgeschichtlicher Kreis.«

Die »deutsche Frage« jedoch bliebe weiterhin offen, denn »nach dem Ende der drei Reiche sind die Deutschen in die Zeiten Hermanns des Cheruskers zurückgefallen, ohne daß eine imperiale Figur sichtbar wäre. Der zersplitterte Rest des nationalen Lagers spielt die Wiederkehr des Gleichen in Form einer Posse«. Damit erteilte Sander aller sektiererischen Naherwartung eines Vierten Reiches eine ebenso klare Absage, wie einstmals Paulus die urchristliche Naherwartung des messianischen Zeitalters als Irrlehre zurückgewiesen hatte. Und wie dem Apostel zufolge der Antichrist seine Verführungskraft daraus bezieht, daß er sich trügerisch als wiederkehrender Christus ausgibt, so schien Sander ein volksverführerischer Guelfe den Ghibellinenthron bloß usurpiert zu haben.

In seinem Geisterdialog »Hitler im Castell Fiorentino« mußte sich der »Führer« denn auch von Friedrich II. als »guelfischer Tropf« beschimpfen lassen, nicht ohne gleichwohl auf Erlösung hoffen zu dürfen. Am Ende nämlich ließ sich für Sander der »8. Mai 1945« allein noch als gottgesandte Prüfung begreifen: »Gott hat Hitler geschlagen, weil er die Deutschen für verbesserungsfähig und -würdig hielt.« – Nicht weniger als eine Theodizee lag in diesen Worten, mit denen Sander den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg »Impulse zum Überleben« geben wollte, ganz wie es Leibniz nach dem Dreißigjährigen Krieg getan hatte. Wenn das Ghibellinische und das Guelfische die »zwei Seelen in der deutschen Brust« waren, dann mußte es doch möglich sein, die schlechtere endlich niederzuringen und »die ghibellinische wieder zu erwecken«, um die Deutschen ein letztes Mal »reichsfähig« zu machen.

Sie mochten ihr Cannae hinter sich haben, aber Jünger hatte nicht bedacht, daß die Deutschen keine Römer waren, sondern daß bei ihnen, wie bei den Juden, gerade in ihrer tiefsten Erniedrigung der Stern ihrer göttlichen Erwählung aufleuchtet. Mit diesem Glauben bewahrte sich Hans-Dietrich Sander seine Lebenszuversicht und Weltfrömmigkeit: In seinen letzten Jahren machte er ein verwildertes Grundstück in einem Neubaugebiet in Fürstenwalde urbar, bevor er dort am 23. Januar 2017 nahezu unbemerkt verstarb. ¡


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