Sezession
4. Dezember 2018

Jost Bauch ist verstorben – bleibende Texte

Redaktion / 14 Kommentare

Die Anzeichen der „inneren Fäulnis“ sind für Huntington unübersehbar: sinkendes Wirtschaftswachstum, sinkende Spar- und Investitionsraten, dramatischer Geburtenrückgang und Überalterung, schwindende Bedeutung des Christentums und moralischer Zerfall, Zunahme des asozialen Verhaltens (Kriminalität, Drogenkonsum, Gewaltbereitschaft), Zerfall der Familie, Rückgang des sozialen Engagements, Autoritätsverfall der Institutionen, Kult um individualistische Selbstverwirklichung und hedonistisches Verhalten, Absinken von Bildung und akademischen Leistungen.

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Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die moderne Soziologie in ihrer Beschreibung der aktuellen Gesellschaft diese Phänomene des Niedergangs noch gar nicht auf den Begriff gebracht hat. Sie ist in der soziologischen Beschreibung der Gesellschaft, deren Teil sie auch ist, gleichsam am Anfang der neunziger Jahre stehengeblieben, als die Probleme gerade anfingen, sich zur Krise zu verdichten. Die Begrifflichkeit reflektiert und thematisiert phänotypische Veränderungen der Gesellschaft, ohne über einen Sensor zu verfügen, der Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Entwicklung auch als Niedergang und Involution deutet.

So spricht Gerhard Schulze weiterhin munter von der „Erlebnisgesellschaft“, Ulrich Beck von der „Risikogesellschaft“, so als ob ökologische Probleme uns noch wirklich interessieren würden, Peter Gross von der „Multioptionsgesellschaft“, Amitai Etzioni von der „guten Gesellschaft“ und so weiter und so fort. Andere Soziologen wie Pierre Bourdieu in Frankreich und Anthony Giddens in England führen Rückzugsgefechte gegen die „neoliberale Heimsuchung“.

Das begriffliche Potential ist dabei gar nicht geeignet, den Zerfall und die Dekadenz als Rückwärtsbewegung, also als Niedergang, wahrzunehmen, weil sie diese Phänomene als Übergang zu einer neuen „Hochkultur“ interpretieren. Das Neue, das auf uns zukommt, ist in der Vorstellung des größten Teils der modernen Soziologie anders aber gleichwertig. Einzig die moderne soziologische Systemtheorie in der Tradition Niklas Luhmanns bietet einen frame of reference, der nicht nur gesellschaftliche Höherentwicklung, sondern auch gesellschaftlichen Niedergang interpretieren kann. Ich kann dieses Konzept an dieser Stelle nur sehr grob nachzeichnen.

Im Kern handelt es sich um die Beschreibung des Prinzips der „funktionalen Differenzierung“, die sich als mannigfache funktionale Teilhabe des Menschen am sozialen Leben kennzeichnen läßt: Ich bin gleichzeitig inkludiert (so Luhmanns Begriff) ins Wirtschaftssystem, ins politische System, ins Rechtssystem und so weiter. Unter den Bedingungen des gesellschaftlichen Niedergangs kommt es nach Luhmann nun zu „Exklusionsverkettungen“: Immer mehr Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz und damit mittel- und langfristig die Möglichkeit, Publikumsrollen in anderen Teilsystemen wahrzunehmen. Das gesellschaftliche Leben findet dann ohne die exkludierte Person statt. Die exkludierte Person ist damit kein gesellschaftlicher Symbol- und Bedeutungsträger mehr, sie ist nackt, nur noch Bedürfniswesen und Körper.

Hartz IV beispielsweise ist die konsequente Reaktion auf diese Entwicklung: Der Arbeitslose wird auf seine Körperbedürfnisse reduziert, indem er nur soviel Transferleistungen bekommt, um als Körper zu überleben, seine Bedürfnisse auf Nahrung, Wohnung und ein Mindestmaß an Unterhaltung (Fernsehen) werden befriedigt, ansonsten steht er außerhalb der Sozialordnung. Zbigniew Brzezinski hat diese Form der Minimalversorgung „Tittytainment“ genannt. Die so Ausgeschlossenen können nur noch als Körper gesellschaftliche Wirkungen erreichen.

Dieser Exkurs in die Gesellschaftstheorie war notwendig, weil es nun um die Frage nach dem Subjekt einer konservativen Kehre geht. Dabei zeichnen sich im wesentlichen drei Zielgruppen ab, die Affinität zum Konservativismus haben:

Erstens sind dies die Traditionell-Konservativen des bürgerlichen Lagers (im Sinne des Konservativismus als Gegenbewegung), die genug haben von den chaotischen Zuständen, die nicht mehr glauben, daß die „Altparteien“ die Kraft zur Gegensteuerung aufbringen und einen neuen konservativen Flügel oder eine neue selbständige Partei unterstützen würden. Hier finden wir gleichsam das konservative Potential „im System“, also Menschen, die etabliert sind und geordnete gesellschaftliche Verhältnisse wollen. Ein Großteil dieser Klientel wählt traditionsgemäß die Union, ist aber mit dem konservativen Profil dieser Partei nicht zufrieden.

Zu diesen „Altkonservativen“ gehört eigentlich auch die zweite Gruppe: die zunehmende Schar von arbeitslosen Akademikern, die bürgerliche Werte verinnerlicht haben, aber unter – wie der Soziologe sagt – „relativer Deprivation“ leiden, weil sie trotz Studium ihr Lebensziel wohl verfehlen werden. Insgesamt dürfte dieser Kreis wachsen und eine „natürliche“ Klientel für eine konservative Wende darstellen.

Die dritte Zielgruppe ist die rapide wachsende Schar der sozial Ausgeschlossenen. Ein Großteil von diesen wird sich natürlich zunächst nach links orientieren oder aber als Nichtwähler dem politischen System den Rücken kehren. Gleichwohl ist hier ein überaus großes Potential für konservative Politikgestaltung vorhanden, aber nur, wenn es dem Konservativismus gelingt, sich genügend trennscharf von der Politik der „sozialen Kälte“ des Neoliberalismus abzugrenzen und gleichzeitig nachzuweisen, daß die Probleme der sozial Exkludierten linker Politik geschuldet sind, die beispielsweise durch die Ermöglichung einer unkontrollierten Zuwanderung die „industrielle Reservearmee“, wie es bei Marx heißt, erweitert und damit Lohndumping und Arbeitslosigkeit mit verursacht hat.

Die soziale Kompetenz des Konservativismus muß herausgestellt und darf nicht den Linken überlassen werden. Dazu ist es erforderlich, daß die „negatorische Schieflage“ des Konservativismus überwunden wird. Die wesentlichen inhaltlichen Aussagen des aktuellen Konservativismus sind „Gegen-Aussagen“, man ist sich einig gegen Multikulturalismus und Globalismus. Es fehlen gleichsam positive Gegen- und Gesellschaftsbilder, es fehlt, so paradox das klingt, die konservative Utopie. Also, wie hat das, was wir unter Nation verstehen, unter modernen Bedingungen auszusehen?

Wie ist im Zeitalter der Globalisierung ein intelligenter Protektionismus möglich? Wie sollen die sozialen Sicherungssysteme gestaltet sein? Mit der intelligenten Beantwortung dieser Fragen erzeugt der Konservativismus Anschlußfähigkeit für die Nöte und Probleme der an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen und erschließt diese als mögliches Subjekt eines Paradigmenwechsels.

Dabei ist die Arbeit im vorpolitischen Raum von großer Bedeutung. Vortragsveranstaltungen, Zeitschriften, Seminare, Kreise freier Rede, Beobachtung des (partei)politischen Felds, Vernetzung im Wortsinn: Die Organisation und Mobilisierung der vielen Enttäuschten, Veränderungswilligen ist das eigentliche Meisterstück, das vollbracht werden muß. Die Dramaturgie der Zuspitzung bereitet dann den Boden.


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Kommentare (14)

Caroline Sommerfeld
4. Dezember 2018 16:15

"Einzig die moderne soziologische Systemtheorie in der Tradition Niklas Luhmanns bietet einen frame of reference, der nicht nur gesellschaftliche Höherentwicklung, sondern auch gesellschaftlichen Niedergang interpretieren kann".

Sehe ich bekanntlich genauso, umso schlimmer, daß Jost Bauch gerade, wo ich seinem Werk begegnet bin, gestorben ist. Bücher überleben ihren Autor indes. "Abschied von Deutschland" ist trotz etwas reißerischem Titel und entsprechender Aufmachung ein richtig gutes Buch, das bekannte konservative Diagnostik u.a. mit Luhmann unterfüttert ("Können Nationen sterben?" heißt ein Kapitel). Für die kommende Sezession-Druckausgabe habe ich das Buch besprochen.

Maiordomus
5. Dezember 2018 10:50

Jost Bauch war mir trotz Beziehungen zur Uni Konstanz weniger ein Begriff als andere Gelehrte, die ich zumal aus der Pionierzeit der Gründung jener ersten deutschen Campus-Universität kannte: Bildungsbürger von Extraklasse wie die Professoren Besson, der die Eröffnungsvorlesung noch im Insel-Hotel hielt, dem ehemaligen Kloster, wo einst Heinrich Seuse Lektionen hielt; Arno Borst ("Mönche am Bodensee"), Bodenseeliteraturpreisträger; Manfred Fuhrmann (kulturkonservativer Altphilologe, Cicero-Biograph); Leonhard Neidhart (Politologe, erklärte in seiner Abschiedsvorlesung die Schweiz für Anfänger, wiewohl es nichts nützte); nicht zu vergessen Alexander Demandt, dessen Studie "Geschichte als Argument" auf der Basis der Geschichtsschreibung seit der Antike für pragmatisches Geschichtsdenken exemplarisch geworden ist, führte klar über Oswald Spengler, zumal aber über Habermas hinaus . Leider kenne ich bezüglich Jost Bauchs Publikationen nur das etwas kläglich kulturpessimistisch geratene Nachwort von Prof. Schachtschneider, der mit Bauch zusammen noch mal im Fernsehen aufgetreten ist. Dabei bleibt zu bedauern, dass der vergleichsweise jung verstorbene Prof. Jost Bauch seinem Namen leider zu viel Ehre machte, offenbar hat der Mann nicht gerade gesund gelebt. Man hätte ihn wohl noch gebrauchen können. Bauch könnte indes zu denjenigen gehören, die wie Sieferle, der meines Erachtens aber der aus neuester Zeit wohl bedeutendste Gelehrte dieser Sorte bleibt, vom jahrzehntelangen Leistungsausweis her, die nach dem Ableben stärker wahrgenommen werden als zu Lebzeiten. Das Prädikat "konservativer Soziologe", einst für Helmut Schoeck und Lothar Bossle vor allem zwecks Diffamierung verwendet, hat selbst bei annähernd ähnlich Gesinnten wenig Werbewert.

Bisher war mir im Gegensatz zum Soziologen Jost Bauch der Philosoph Bruno Bauch bekannt gewesen, über den mein einstiger Gymnasialprofessor für Philosophie, Pater Raphael Fäh, unter dem Titel "Begriff und Konkreszenz bei Bruno Bauch" 1940 in Freiburg im Uechtland bei den dortigen gelehrten Dominikanern doktoriert hat. Eine eigentliche Schande finde ich, dass dieser Bruno Bauch bei Wikipedia als "Rechtsextremist" geführt wird. Ich begreife einfach nicht, dass es auf dieser Seite immer noch Blogger gibt, welche sich bei Debatten auf solche Quellen berufen, ohne wenigstens die Einschränkung zu machen, "ich bin nur über durch Tendenz oder Zufall zustande gekommene Gerüchte informiert".

Michael B.
5. Dezember 2018 10:59

Es gibt natuerlich ausserhalb der Soziologie (die ich zugegebenermassen kaum kenne) einige andere Zugaenge zum Zerfall.
Z.B. Ideen der Form wie in "The Collapse of Complex Societies" des Historikers Joseph Tainter, die im wesentlichen auf Folgendes hinauslaeuft:

Staaten sind erst einmal Problemloeser. Mit Loesung jedes Problems bauen sie neue Ebenen an Buerokratie, Verwaltung und generell Schichten institutioneller, rechtlicher, erzieherischer, weltanschaulicher u.v.a. Aspekte auf, die sie eben "komplex" werden lassen. Diese Schichten und Durchdringungen der Gesellschaft kosten im Erhalt. Uebersteigen diese Kosten einen bestimmten Punkt im Verhaeltnis zum Gewinn (Schlagwort 'diminishing returns'), zerfaellt die entsprechende Gesellschaft. Entgegenwirken kann Innovation verschiedener Art (keineswegs und explizit nicht nur eng technisch gesehen), die das Spiel auf hoeherem Level wieder neu spielbar macht, aber eben auch Komplexitaet weiter erhoeht.

Ein stark simplifizertes (Tainter fuehrt das weiter aus) Beispiel ist das Roemische Reich:
Man expandiert um Zugriff auf ganz handfeste Ressourcen zu erhalten, um seine (schon allein dadurch - hier z.B. beginnt schon die interessante Rechnung - wachsende) Bevoelkerung zu ernaehren, seine umgebenden Konkurrenten kurz zu halten, seine Kultur wachsen zu lassen, und aus verschiedenen anderen Gruenden heraus. Hat man das erfolgreich geschafft, muss man durch Verwaltung und Infrastruktur absichern, um Regierbarkeit zu gewaehrleisten. Tainters These angewendet behauptet nun, dass das Roemische Reich letzlich einer Ueberdehnung unterlag, die es nicht mehr kostendeckend kompensieren konnte und daraufhin begann zu zerfallen.

Ich sehe das hier aehnlich wenn man einschliesst, dass die Art der Krise sich ja nicht nur auf Deutschland beschraenkt. Wesentliche Teile westlicher Kultur ueberdehnen gerade in ihren primitiven, Unterschiede straeflich vernachlaessigenden, und damit unzulaessig nivellierenden globalisierenden Formen gewaltig und Innovationen zur belastbaren (!) Finanzierung und Beherrschbarkeit dieser Attitueden sind nicht sichtbar.

Dabei geht es keineswegs zuerst ums Geld. Die oben genannten erforderlichen Innovationen haben noch andere Voraussetzungen in weitgehend durchgehend akzeptierten Wertesystemen, die z.B. Bildung (im weiten Sinn) betreffen, welche gnadenlos durch unbedachte Ideologisierung zerstoert werden. Hier ist dann wirklich eine Vorreiterrolle Deutschlands zu beobachten, die in ganz besonderem Mass unfreien wissenschafts- und technikfeindlichen Zeitgeist produziert. Wie man sich in einem rohstoffarmen Land in dieser hanebuechenen und braesigen Art einen der besten Aeste absaegt, die man je getrieben hat und auf dem man sitzt, das wird sich mir nie erschliessen.

Es liegt m.E. darin auch eine Schwaeche des 'Rechten', die diesen notwendigen innovativen Aspekt - leider wohl auch naturgemaess (konservativ) - in der Breite unberuehrt laesst, und keineswegs nur in Bezug auf Technologie und harte Wissenschaften gesehen. Einige ihrer Vertreter erkennen das aber, sogar Politiker. Ich lese z.B. gerade Hoeckes Interviews, und er ist sich nach meinem Gefuehl recht klar darueber, dass es eine "Rolle rueckwaerts" nicht geben wird und geben darf. Dieser Punkt ist schon wesentlich fuer das Gewinnen einer Meinungshoheit und einer der stark selbstlimitierenden Faktoren der Wachstumsaussichten alternativer Vorstellungen gegenwaertiger Auspraegung.

Nordlicht
5. Dezember 2018 12:41

Darf ich als Nicht-Soziologe einmal meine Irritation über dies Hartz-IV-Bashing ausdrücken? Als konservativer Bürgerlicher halte ich es für richtig und eine Frage der Moral, dass man sich nach dem Verlust des Arbeitsplatzes schnellstmöglich unabhängig von staatlicher Hilfe macht. Die Finanzhilfe nach ALG-II halte ich nicht für zu niedrig, es muss ein Abstand zu dem mit Mindestlohn erreichbaren Einkommen bestehen.

(Der eigentliche Skandal liegt darin, dass es zu viele prekäre Arbeitsplätze gibt, das wiederum in der Schwierigkeit begründet liegt, Arbeitsverträge zu kündigen. Dänemark zB hat ein flexibleres Arbeitsrecht.)

Eine Anmerkung zu der gegen Ende des Beitrages genannte Gruppe der "arbeitslosen Akademiker":
Wer trotz einem gelungen Studium keine Arbeitsstelle bekommt, hat das falsche Fach gewählt und/oder ist trotz Studienabschluss orientierungslos. Es gibt leider viel zu viele Studierende der "Laberfächer", zB Politikwissenschaft oder Pädagogik (nicht: Lehrer). Dass man mit durchschnittlichen Leistungen hinterher nur taxifahren oder kellnern kann, ist Fakt. Warum haben die Leute nicht Chemie, Ingenieurwesen oder auch Lehramt studiert? Wer in diesen Fächern den notwendigen Fleiss aufbringt, wird nicht arbeitslos.

Maiordomus
5. Dezember 2018 15:35

@Nordlicht. Es scheint mir wichtig und in Ihrem Fall verdienstvoll, dass auch die praktischen Fragen, welche von Soziologen gestellt werden, aufgegriffen werden. Aber natürlich geht es hier noch vorrangig um die Würdigung eines verstorbenen Intellektuellen, von dem z.B. Frau Sommerfeld bekannte, dass sie ihn erst vor kurzem überhaupt zur Kenntnis genommen habe. Selber bedaure ich, bei Studienbesuchen an der Universität Konstanz, z.B. bei Gelegenheit von Arbeitswochen künftiger Abiturienten, nie wenigstens im Schnupperverfahren eine Vorlesung von Herrn Bauch besucht zu haben, der seinerzeit offensichtlich nicht gerade zu den Stars der Hochschule gehört zu haben scheint. Analog dazu bestätigte mir aus Anlass seines Todes der damalige Rektor der Hochschule St. Gallen, wie völlig unscheinbar die Gelehrtentätigkeit eines Rolf Peter Sieferle gewesen sei; er war zumal nicht einmal negativ oder wenigstens als etwas provozierend aufgefallen, galt als fleissiger stiller Forscher und hatte nicht gerade viele Hörer. Würde er noch leben und nach Veröffentlichung seiner letzten Bücher eine Gastvorlesung wohl irgendwo in Deutschland halten wollen, würde ein solches Vorhaben entweder abgesagt oder durch Proteste mutmasslich unmöglich gemacht. Insofern sollte man über "Stille im Lande", wie es sie offenbar noch da und dort gibt, geradezu dankbar sein; diese vielleicht eher unter der Hand weiterempfehlen. Das war zur Zeit des Dritten Reiches und der DDR nachweisbar nicht viel anders. Selber habe ich erst kürzlich einem solchen 2017 verstorbenen fleissigen Professor zu Ehren- er lehrte in Dresden Geschichte der Reformation - eine Hommage in Form eines Gedenkaufsatzes in den Druck gegeben.

Fuechsle
5. Dezember 2018 15:44

Prof. Dr. Bauch war ein illusionsloser und doch leidenschaftlicher Patriot. Seine Haltung hat ihm z.B. an seinem Konstanzer Lehrstuhl viel Hass und Repression eingebracht. Wir saßen noch nicht lange in kleiner Runde zusammen, ein unkonventioneller Denker, der auch für die sogenannten kleinen Leute etwas übrig hatte.
Ich schließe mich Caroline Sommerfelds Würdigung an.
RIP

Der Gehenkte
5. Dezember 2018 16:06

@ Maiordomus

Zu Bruno Bauch

Der Begriff "Rechtsextremist" ist sicher unglücklich, aber eher, weil er nicht in den hist. Kontext paßt. Daß Bauch auf der äußersten Rechten stand, auch antisemitisch war, ist nun mal nicht zu ändern.

Einer seiner akademischen und philosophischen Hauptgegner war kein geringerer als Heidegger.

Hans Hauge versuchte zuletzt in "Heidegger, Løgstrup og Nazismen" sogar die These aufzustellen, daß Heideggers Satz von der "inneren Größe der Bewegung" bzw. seine Schrift "Einführung in die Metaphysik" möglicherweise eine versteckte Replik auf Bruno Bauch war.

Dieser Satz war es letztlich, der Habermas 1953 zum Anti-Heideggerianer machte und die ganze Lawine der Heidegger-Vernichtung aus biographischen Gründen - ohne das Werk noch zur Kenntnis zu nehmen - lostrat. Nach dieser Lesart ist die "Einführung in die Metaphysik" just eine antinazistische Schrift - Hauge dreht das Argument Habermas´quasi um.

Maiordomus
5. Dezember 2018 16:45

Den Ergönzungen zu Bruno Bauch habe ich wenig hinzuzufügen, ausser dass da offensichtlich versucht wird, den Schwarzen Peter bzw. den Braunen Peter von Heidegger an Bruno Bauch weiterzureichen; nach dem 2. Weltkrieg hiess das Spiel z.T. "Wenn Exnazis Exnazis Exnazis nennen" (William S. Schlamm). Für mich ist Bruno Bauch vor allem ein erkenntnistheoretischer Neukantianer aus dem Umfeld von Wilhelm Windelband, dessen phänomenologisches Hauptwerk "Das Heilige" (1924) für meinen einstigen Philosophielehrer wichtiger war als die Tatsache, dass Bruno Bauch Parteimitglied war und sich offenbar beim Reichsluftschutzbund engagiert hat. Diese Details sind in der in den Dreissigerjahren geschriebenen Dissertation meines Alt-Lehrers, dessen wichtigstes Feindbild allerdings die Freimaurer waren, nicht enthalten. Pater Raphael Fäh wusste Bruno Bauch als methodischen Denker zu schätzen, fand ihn klarer formulierend als den manchmal dunklen und schwurbeligen Heidegger, in dem er eine nihilistische Zerfallserscheinung der Scholastik sah. Dabei hat sich Fäh mit dieser seiner Dissertation, die 1940 in Sarnen gedruckt wurde, nie gebrüstet, Bauch auch in seinen vorzüglichen Lehrbüchern der Philosophie, die in der Zentralschweiz bis etwa 1970 als Lehrmittel in Gebrauch waren, Bruno Bauch nicht zitiert. Es bleibt aber wohl dabei, dass Bruno Bauch auf formal hohem Niveau philosophiert hat und mit tendenziösen politischen Kriterien so wenig einzuschätzen ist wie im 19. Jahrhundert die Schweizer Klassiker Jacob Burckhardt und Ignaz Paul Vital Troxler, die man längst auch schon auf Antisemitismus abgeklopft hat. Es bleibt aber dabei, @Gehenkter, dass Ihre Wortmeldung zu diesem Thema für mich wertvoll und verdankenswert ist.

Maiordomus
5. Dezember 2018 17:55

PS. Die Debatte über Jost Bauch, dessen Umstrittenheit, wie sie @Fuechsle schildert, mir schon deshalb nicht bekannt war, weil die anderen mir bekannten Professoren von Konstanz den Soziologen nie nannten, sollte mit derjenigen über den 1942 verstorbenen Windelband-Schüler Bruno Bauch wegen Verwechslungsgefahr im Prinzip nicht vermengt werden. Trotzdem scheint es mir richtig, bei allen Unterschieden und Unvergleichbarkeiten, bei Bruno Bauch wie bei Heidegger und neuestens bei Rolf Peter Sieferle darauf aufmerksam zu machen, dass die rein wissenschaftliche, nicht zuletzt methodische Leistung weder mit politischen Schlagworten noch mit der sattsam bekannten, irgendwann nicht mehr zweckmässigen Nazi-Keule auf Null gebracht werden kann. Bei allen enormen Unterschieden und weil jeder dieser Gelehrten letztlich in eine andere Abteilung gehört, bleibt als Substanz erhalten, dass ein jeder der Genannten für seine Lebensleistung Respekt verdient. Darüber hinaus kann man sogar von jedem was lernen, zum Beispiel bei Heidegger den Widerstand gegen das "Diktat des man", was unbeschadet politischer Irrtümer ein antitotalitärer Impetus ist. Mir fällt jedoch auf, dass sowohl Linke wie Rechte zunehmend etwas gegen die im Prinzip rechtsliberale Wortschöpfung des "Totalitarismus" zu haben scheinen, was mir meines Erachtens nicht antiliberal, sondern vor allem antifreiheitlich vorkommt.

Lotta Vorbeck
6. Dezember 2018 02:22

Im Frühjahr 2016 auf dem Kanal der WISSENSMANUFAKTUR des Andreas Popp veröffentlicht:

Karl Albrecht Schachtschneider & Jost Bauch: Einwanderung oder Souveränität
Wissensmanufaktur

https://www.youtube.com/watch?v=7l7Z-9zsq7M

Laufzeit: 1:04:53

51.173 Aufrufe

am 24.03.2016 veröffentlicht

Deutschland am Scheideweg. Die Illegalität der Einwanderung und der Verfall des Staates.

Prof. Dr. Karl Albrecht Schachtschneider & Prof. Dr. Jost Bauch im Gespräch mit Michael Friedrich Vogt. Die derzeitige Masseneinwanderung, die wir in Deutschland seit September 2015 erleben, passt absolut nicht mit der rechtsgültigen Gesetzeslage überein. In Deutschland gibt es das Asylrecht. Sauber formuliert ist es im Grundgesetz verankert. Die Entscheidungsträger in der aktuellen Einwanderungspolitik berufen sich bei ihren Taten darauf. Doch passen Taten und Gesetz überhaupt zusammen?

„Keinesfalls“ meint Karl-Albrecht Schachtschneider. Denn eine Begründung mit und aus dem existierenden Recht hat er bisher noch gar nicht wahrnehmen können. Für ihn ist die Auslegung der derzeitigen Asylpolitik der Bundesregierung nur ein zarter Hauch aus dem Gesetzestext, welcher hinzukommend noch wahnwitzig interpretiert werde. Denn es sei vor allem so, dass die Gesetze, die bestimmte Schutzrechte begründen – auch das Asylrecht – massiv umgangen werden.

Denn im deutschen Asylrecht heißt es explizit, dass Asyl nicht in Anspruch nehmen kann, wer aus einem Land der Europäischen Union oder einem sicheren Drittstaat, wie zum Beispiel der Schweiz, einreist. Darüber hinaus gibt es noch ein weiteres Schutzrecht, nämlich das des „Flüchtlings“. Wird einem Einwanderer der Flüchtlingsstatus anerkannt, so genießt dieser das sogenannte „kleine Asylrecht“, das heißt er darf nicht abgeschoben werden. Karl-Albrecht Schachtschneider weist explizit darauf hin, dass durch das kleine Asylrecht kein Einreiserecht begründet wird. Wenn jemand eingereist ist, stellt sich die Frage, ob legal oder illegal. Bei illegaler Einreise stellt sich die Frage, ob der Flüchtlingsstatus überhaupt anerkannt werden muss.

Diese Frage wird im Asylgesetz geregelt. Dort heißt es, daß niemand einreisen darf, der nicht über irgendeinen Einreisetitel verfügt, Staatsbürger oder Unionsbürger ist. Von den bisher weit über einer Million eingereisten Einwanderern seit August 2015 sei kein einziger nach gültigen Recht eingereist, so Karl-Albrecht Schachtschneider.

Der Soziologe Jost Bauch spricht bei der aktuellen demographischen Entwicklung von der Bildung einer Multiminoritätengesellschaft bis zu einem gezielten Ethnosuizid der Deutschen. Die Deutschen – schon vor mehreren Jahrzehnten von Experten warnend prognostiziert – sind auf dem Weg zum selbstgewählten Volkstod. Die Zukunft der Enkelgeneration wird gerade verspielt. Es ist absehbar, dass spätestens um 2090 herum die Deutschen im eigenen Land ihre Mehrheit verlieren und zu einer Minderheit neben anderen werden.

Berücksichtigt man die Tatsache, dass die deutsche Minorität eher alt, die eingewanderten Minoritäten eher jung sein werden, so dürfte klar sein, dass eingewanderte Minoritäten ihren Anspruch auf Dominanz geltend machen werden. Verteilungskämpfe zwischen den verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppierungen sind unausweichlich, wobei die "altdeutsche" Fraktion in diesen Verteilungskämpfen schlechte Karten hat. Verstärkt wird diese Entwicklung durch unterschiedlichen Religionen – einer schwachen und sich aufgebenden christlichen bei den Einheimischen auf der einen und einem aufstrebenden Islam bei den Einwandern auf der anderen Seite.

Jost Bauch schließt vor dem Hintergrund der Dynamik des Prozesses und des kompletten Scheiterns der "Multikulti-Gesellschaft" und der Integrationsillusionen auch bürgerkriegsähnliche Entwicklungen nicht aus.

Websites:
http://www.kaschachtschneider.de
http://www.studienzentrum-weikersheim.de

Publikationen:
Karl Albrecht Schachtschneider/Jost Bauch Einwanderung oder Souveränität: Deutschland am Scheideweg
Karl Albrecht Schachtschneider, Erinnerungen ans Recht
Karl Albrecht Schachtschneider, Die Souveränität Deutschlands: souverän ist, wer frei ist
Jost Bauch, Der Niedergang: Deutschland in der globalisierten Welt. Schriften wieder den Zeitgeist.
Jost Bauch/Harald Seubert, Deutschland und Europa in einer veränderten Welt (Weikersheimer Dokumentation)

Weitere Sendungen mit Karl Albrecht Schachtschneider:
Quo Vadis Europa - Euro-Verfall, Bankgeheimnis, Migrationspolitik ...
http://quer-denken.tv/index.php/bibli...

Die Souveränität Deutschlands in Europa
http://quer-denken.tv/index.php/bibli...

Weitere Sendungen mit Jost Bauch:
Sterben die Deutschen aus? Von der Multiminoritätengesellschaft bis zum Ethnosuizid der Deutschen
http://quer-denken.tv/index.php/beitr...

Maiordomus
6. Dezember 2018 12:28

PS. Noch was zu Bruno Bauch als "Rechtsextremer" (Wikipedia). Dieser "Rechtsextreme" wurde 1922 zum Rektor der Universität Jena gewählt. Zu jenem Zeitpunkt, das ist wieder ein anderes Problem, das man bei heutigen Schulrektoren erst recht kennt, waren alle wichtigen Werke von Bruno Bauch bereits publiziert, so seine bedeutende Dissertation über "Glückseligkeit und Persönlichkeit in der kritischen Philosophie" (1902) sowie seine Kant-Studien, deren Verdienst meines Erachtens in der logisch-didaktischen Vermittlung von Kants Urteilslehre besteht, zum Beispiel bezüglich einem schulmässig brauchbaren Verständnis von synthetischen und analytischen Urteilen; ohnehin war Bauch einer der wichtigsten Vermittler für Kant als Grundlagendenker auch für die exakten Wissenschaften, ein Lieblingsgebiet von Bauch im Gegensatz zum dazu wenig disponierten Heidegger. Den grössten Einfluss hatte Bruno Bauch auf meinen ehemaligen und ersten Philosophielehrer, einen der vorzüglichsten meines Lebens, in der meisterhaft klaren Vermittlung des Substanzbegriffs in der Neueren Philosophie, worüber Bauch schon vor dem 1. Weltkrieg publiziert hatte. Davon profitierte Kälin/Fähs "Lehrbuch der Philosophie" Bd.1, dessen methodische Stärke in der Vermittlung von Logik und Ontologie bestand, also demjenigen, was der Abiturient von den Grundbegriffen der Philosophie jenseits blödsinniger geschwätziger Indoktrinierung wirklich gelernt haben sollte, will er sich später in klaren Begriffen ausdrücken. 1921 war Bruno Bauch übrigens Herausgeber der Festschrift zum 75. Geburtstag von Elisabeth Förster-Nietzsche, deren Mann zum Ärger des Original-Nietzsche ein aufdringlicher Antisemit war, so dass der späte Nietzsche dann schrieb: "Ich lasse jetzt dann alle Antisemiten erschiessen." Von dem aber abgesehen: Auch für die Nietzsche-Rezeption war und wurde Bauch wichtig, und zwischen Bauch und Heidegger dürfte es ein nicht kleines Konkurrenz-Denken gegeben haben. Die Schöngeister entschieden sich für Heidegger, die Logiker und Methodiker, darunter mein Philosophielehrer in den Jahren 1965 - 1967, eher für Bruno Bauch, blieben dann entschieden in der Minderheit, zumal Bauch im Gegensatz zu Gehlen, Heidegger und Carl Schmitt nach dem 2. Weltkrieg infolge Ableben nicht mehr fortsetzen und im Hinblick auf die neuen Zeitverhältnisse präzisieren konnte. Wer Bauch indes wie Wikipedia zuerst mal als "Rechtsextremist" abqualifiziert, müsste bei jeder Erwähnung von Ernst Blocher, Georg Lucacs und Walter Benjamin noch die Qualitätsbezeichnung "linksextremer Philosoph" hinzufügen; aus meiner Sicht aber das Gegenteil einer geistigen Auseinandersetzung, der chronolatrische Ausdruck eines widerwärtigen geistigen Klimas in Richtung verdummendes Lagerdenken.

Gerne wünsche ich dem Andenken von Professor Jost Bauch (RIP), dass es ihm in Sachen Diffamierung nicht ähnlich ergehen möchte wie seinem bis auf weiteres noch für die Geschichte der Philosophie in Deutschland bedeutenderen Namensvetter.

PhilipStein
6. Dezember 2018 12:29

@Nordlicht:

"Wer trotz einem gelungen Studium keine Arbeitsstelle bekommt, hat das falsche Fach gewählt und/oder ist trotz Studienabschluss orientierungslos."

Sie werden es kaum glauben, es gibt aber den ein oder anderen Studenten, der sich für das politische Bekenntnis entschieden hat. Andere schreiben eben solche schlauen Sätze aus der Anonymität heraus, haben von der Realität aber anscheinend recht wenig Ahnung.

Übrigens, als Akademiker nutzt man für gewöhnlich den Genitiv ;-)

Maiordomus
6. Dezember 2018 13:29

@Ernst Bloch natürlich, nicht Ernst Blocher! Wie Windelband, der bedeutendste Lehrer von Bruno Bauch, welch letzterer 1933 über den autoritären Staat nicht das Gegenteil von Gottfried Benn absonderte, bleibt Bloch als einer der wenigen Linken für Zusammenhänge des Heiligen und der Mystik zitierbar, wie allenfalls sogar der späte Habermas.

Maiordomus
6. Dezember 2018 15:37

@Philip Stein. Sie treffen den Nagel auf den Kopf.

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