Sezession
1. Februar 2019

Tristan Garcia: Wir – eine Rezension

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eine Rezension von Jörg Seidel

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Tristan Garcia gehört zu jenen Autoren, die das klare Wort, die Entscheidung, das Bekenntnis, das Ja oder Nein scheuen. Das hat Methode, das ist poetologische Aussage: »Wir behaupten nicht, daß jeder einen Teil der Wahrheit besitze, sondern daß der eine und der andere vollständig recht haben, bis ihnen der andere Unrecht gibt.« Form und Inhalt sollen eine Einheit bilden und wenn jemand nichts Konkretes mehr zu sagen hat, dann kann er das auch nicht konkret ausdrücken. Daher ist es auch kein Zufall, daß Garcia sein Buch über das Wir in der ersten Person Mehrzahl hält.

Man kann sich die ersten 125 Seiten getrost sparen, denn das darin aufwendig entworfene und mit unzähligen Verweisen versehene Modell von den Bildschichten, die unsere Identität ausmachen, beschreibt nichts anderes als die mittlerweile banale Tatsache, daß der postmoderne Mensch viele Identitäten zu gleicher Zeit besitzt und daß diese sich in komplizierten Verwicklungen überlappen und eben auch widersprechen.

Man kann sogar die nun folgenden 70 Seiten ignorieren, denn die beispielhafte Ausfaltung der Identität unter »Art«, »Gender«, Rasse«, »Klasse« und »Alter« – alles Diskriminierungskategorien – werden abschließend kurz und präzise zusammengefaßt. Dort liegt der Glutkern des Buches. Garcia bestimmt Identität negativ: Je mehr Diskriminierungen ein Individuum in sich vereint, um so reicher sei seine Identität.

Das Problem beginne mit dem modernen Denken und der Wissenschaft – erst im 20. Jahrhundert beginnen Identitäten politische Kategorien zu werden. Nicht zufällig entsteht das besondere Interesse für die Abweichung von der Norm. Befreites Denken und Wissenschaft ermöglichen uns den ungewohnten Blick, wir sehen plötzlich mit Hilfe der Apparatur Dinge, die unserem Wahrnehmungsapparat verborgen bleiben: trennende Linien werden Verbindungen, Grenzen werden löchrig, glatte Flächen zeigen im Detail Konturen, überall werden scharfe Trennungen aufgelöst, man sieht Austäusche, Ineinanderfließen, Abhängigkeiten, Beziehungen. In der Zeit betrachtet gibt es kein Sein, sondern immer nur Werden. Im Grunde versucht Garcia das Projekt Deleuze’ in eine neue Sprache zu fassen. Und überhaupt sind diese Begriffe von »Rasse«, »Klasse«, »Alter« etc. doch nur Worte und eben keine Realität.

Sie beschreiben auch die Realität nicht adäquat. Nun wissen wir das und können doch nicht darauf verzichten, allein schon, weil ein Verzicht auf das ungenügende Vokabular die Schnur zu allen vorherigen Diskursen abschneiden würde. Begriffe sind nur Annäherungen, aber wir haben nichts Besseres, die Gesellschaft arbeitet mit unbegründeten Kategorien, ist also selbst begründungsbedürftig, aber um sie wenigstens halbwegs zu verstehen, müssen wir uns dieser Kategorien bedienen. Auch Identität »hat keinen extensiven Sinn mehr und bezeichnet kein System von Zuschnitten, sondern ein Feld von variablen Kräften«.

Garcia fängt damit immerhin ein weitverbreitetes Gefühl ein: »Man kann durchaus ein Loblied auf die Grenzen anstimmen, doch dieses Lob klingt hohl: wenn es darum geht, diese Grenzen konkret zu ziehen, gibt es keine Grundlage mehr.« Trotzdem müssen wir es tun.

Das umschreibt die Grundfigur des Buches: Was nicht geht, muß sein, was sein muß, geht nicht. Identitäten sind keine Ist-Bestände, sondern Intensitäten und sie werden zunehmend strategisch und nicht ontologisch begründet.

Der Begriff der Loyalität fehlt bei Garcia fast vollständig. So hat man das Gefühl, daß in der Verflüssigung des »Wir« und der Identität ein Wohlstandphänomen beschrieben wird, das sich ganz von alleine lösen wird, wenn die Umstände es erfordern werden.

Wie schon in Intensität (2017) weiß man nicht recht: Hat man es mit einem Genie oder einem Blender zu tun? Hat er uns etwas zu sagen, außer, daß es nichts (Festes) zu sagen gibt? Wärmt er nicht nur alte phänomenologische, konstruktivistische Dispute oder den Universalienstreit auf? Oder bin ich ihm als Leser einfach nicht gewachsen?

Immerhin, es gelingt ihm immer wieder, sowohl den realistischen als auch idealistischen Vertretern den Spiegel vors Gesicht zu halten, die blinden Flecke ihrer Wahrnehmung aufzuzeigen, umgekehrt aber auch die Notwendigkeit der jeweils falschen Positionen deutlich und ihr ewiges dialektisches Spiel sichtbar zu machen. Jedes bekennende »Wir« läuft in Paradoxien hinein, die zu erkennen, kathartischen Effekt haben kann. Das Buch taugt mindestens zur Eigenkontrolle und Selbstkritik.

Tristan Garcia: Wir, Berlin: Suhrkamp 2018. 331 S., 28 € - hier bestellen


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