Sezession
1. Januar 2006

Lob der Krise

Gastbeitrag

Im Kern war auch Burckhardts Krisenbegriff der medizinische. Er nannte die Krise ein „Fieber“, eine „Aushilfe der Natur“. Es wirken sich seiner Meinung nach Vitalkräfte aus und führen zur Zerstörung des Altersschwachen und zum Aufstieg des Lebenskräftigen. Vom „Trost mit einem höheren Weltplan u. dergl.“ hielt er bekanntlich wenig und hoffte insofern auch nicht auf einen krisenfreien Endzustand des Menschengeschlechts. Vieles von dem, was er in den Betrachtungen sagte, zeigte seine Furcht vor der „echten Krise“, die er miterleben mußte. Zu erwarten stehen deshalb seine Erwägungen dazu, wie man eine Krise „abschneiden“ könne, aber außer einem kursorischen Hinweis auf Bismarcks Reichseinigung findet sich wenig. Große Aufhalter sind rar, und in der „echten Krise“ steht kein Napoleon parat, Kanonen auf den Stufen des Konvents zu postieren und mit Kartätschen zu laden.
Die Zurückhaltung Burckhardts an diesem Punkt erklärt sich auch daraus, daß er den Ausbruch einer Krise im Grunde als Ergebnis physikalischer oder biologischer Prozesse betrachtet: wenn es soweit ist, hält nichts mehr der Kritik stand, dann pflanzen sich die aufrührerischen Ideen wie im Funkenflug fort, finden sich überall Mutige, die den Angriff auf die eben noch uneinnehmbaren Bastionen wagen, bricht sich ein Enthusiasmus des Anfangs Bahn und wird die Beseitigung des gerade noch allgemein Anerkannten ohne Zögern ins Werk gesetzt. Er kommt dann auch auf die Schattenseiten zu sprechen: die Ernüchterung, die Resignation, das oft jämmerliche Gesamtergebnis der großen Anstrengung. Das darf man bei einem Konservativen erwarten. Eher unerwartet findet sich aber auch das „Lob der Krisen“: „ … die Leidenschaft ist die Mutter großer Dinge, das heißt die wirkliche Leidenschaft, die etwas Neues und nicht nur das Umstürzen des Alten will. Ungeahnte Kräfte werden in den einzelnen und in den Massen wach, und auch der Himmel hat einen andern Ton. Was etwas ist, kann sich geltend machen, weil die Schranken zu Boden gerannt sind oder eben werden.“ Die Krisen stoßen voran, sie „räumen auf“, was es an „Pseudoorganismen“ gibt, die gar kein Recht auf Dasein haben, und schließlich: „Die Krisen beseitigen auch die ganz unverhältnismäßig angewachsene Scheu vor ,Störung‘ und bringen frische und mächtige Individuen hervor.“
Das letzte erscheint besonders aktuell, weil der Satz von der „ganz unverhältnismäßig angewachsenen Scheu vor ,Störung‘ “ unsere Lage trifft. Wir erleben nicht nur den Versuch, alle echte Opposition zurückzudrängen oder amüsant zu machen, sondern auch ein Bemühen, „Konsens“ zum Maßstab der Wahrheit und des guten Lebens zu erheben. Das sind aber nur noch Versuche der Defension aus starker Stellung, jedoch ohne Zukunftsglauben und schon gepaart mit dem Gefühl, daß die Beschwörung wenig helfen wird. Hans-Ulrich Jörges, der Chefredakteur des Stern, meinte unlängst, man dürfe die neue Bundesregierung nicht übermäßig angehen, die einflußreichen Medien hätten eine besondere Verantwortung, denn das gegenwärtige Führungspersonal sei „das vorletzte Aufgebot“.


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