Sezession
1. April 2005

Autorenportrait Margret Boveri

Gastbeitrag

Hans Fleig gehörte zu den engsten Freunden Armin Mohlers, der als Verfasser des Buches über Die konservative Revolution in Deutschland die Aufmerksamkeit Margret Boveris geweckt hatte. Sie trat zu ihm wie zu Ernst Jünger, Gottfried Benn und Carl Schmitt in Kontakt, ganz offensichtlich bemüht, bestimmte Gedankengänge der Konservativen Revolution unter anderen Umständen und in anderen Zeiten fortzusetzen. Das ist in den fünfziger Jahren vor allem ihrem Hauptwerk Der Verrat im XX. Jahrhundert (1956 – 60) anzumerken. Sie skizzierte hier die „Landschaft des Verrats“ im Weltbürgerkrieg, bedingt durch den Zerfall der religiös begründeten Treuepflichten gegenüber Fürst und Staat einerseits und den Aufstieg neuartiger Ideologien andererseits, die ihr Zentrum zwar in einem Land und Volk haben mochten, aber jenseits der Grenzen „fünfte Kolonnen“ warben, so daß im Konflikt alle Loyalitäten unsicher waren. Aber im Mittelpunkt stand die Deutung des Widerstands im nationalsozialistischen Deutschland. Für Margret Boveris Interpretation war dabei weniger der ethische Aspekt von Bedeutung als vielmehr die weltanschauliche Prägung und soziologische Struktur der Opposition. Sie hob nicht nur den Generationenkonflikt innerhalb des Verschwörerkreises vom 20. Juli hervor, sie wies auch auf dessen Beeinflussung durch das Gedankengut der Konservativen Revolution hin.
Das hat ihr scharfe Kritik eingetragen. Der Historiker Gerhard Ritter, der selbst zum Umkreis des Widerstands gehört hatte, warf ihr vor, die Bedeutung der Jungen übertrieben zu haben und einer vitalistischen Philosophie anzuhängen, und Jürgen Habermas verdächtigte sie, die Konservative Revolution insgesamt rehabilitieren zu wollen. Im einen wie im anderen steckte ein Körnchen Wahrheit, aber Margret Boveri war viel zu wenig Ideologin und viel zu sehr Journalistin, um zu verkennen, wie gering die Aussichten seit Mitte der fünfziger Jahre waren, einen prinzipiellen Kurswechsel in der Deutschlandpolitik oder eine weltanschauliche Lösung von den Gesetzmäßigkeiten des Ost-West-Konflikts zu erreichen. Sie hatte 1956 den Eintritt in die FAZ-Redaktion wegen deren Nähe zu Adenauer abgelehnt, blieb dem Blatt aber verbunden; sie publizierte außerdem in anderen Zeitungen und eine größere Zahl von Essays im Merkur, wahrscheinlich der einflußreichsten Zeitschrift dieser Jahre. Ihre geistige Unabhängigkeit erwarb ihr auf vielen Seiten Respekt und schützte sie vor Isolation. Nach dem Abschluß der Tetralogie über den Verrat erschien noch ein Bändchen Indisches Kaleidoskop (1961), mit dem sie an ihre ersten Reisebücher anknüpfte, dann die erwähnte Arbeit über die Geschichte des Berliner Tageblatts im Dritten Reich und Tage des Überlebens. Das Ende ihrer journalistischen Tätigkeit markierte 1974 ein Sammelband mit dem Titel Die Deutschen und der Status quo.
Er enthielt eine Reihe von Aufsätzen, in denen Margret Boveri zu deutschlandpolitischen Fragen Stellung genommen hatte, und es ließ sich ihm eine Tendenz entnehmen, die von vielen Zeitgenossen als Schritt nach links wahrgenommen wurde. Der hatte sicher zu tun mit der Hoffnung, es werde eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung die Erstarrung zwischen Bundesrepublik und DDR aufbrechen und deutsche Politik treiben, es ging aber auch um die besondere Art und Weise, in der sie die aufsässige Jugend der sechziger Jahre als eine Reprise der Jugendbewegung deutete. So viel Wunschdenken und Fehlinterpretation im einen wie im anderen enthalten war, es hatte doch zu tun mit der Neigung zum „Kreisen der Elementarteilchen“ und der besonderen Liebe Margret Boveris zu Deutschland und den Deutschen. In der posthum, zwei Jahre nach ihrem Tod am 6. Juli 1975, erschienenen, aus langen Gesprächen mit dem Schriftsteller Uwe Johnson entstandenen, Autobiographie antwortete sie auf die Frage, warum sie, die so oft Möglichkeit und Ursache zur Emigration gehabt hatte, geblieben sei: „das ist mein Land. Hier gehöre ich hin“.


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