Sezession
1. April 2005

Autorenportrait Margret Boveri

Gastbeitrag

Margret Boveri – Eine WiederentdeckungDie „große Dame des politischen Journalismus“ hat Karl Korn Margret Boveri in einem Nachruf genannt. Seither ist es still um sie geworden, auch wenn die schöne Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2000 erheblichen Zulauf erlebte. Vielleicht liegt das daran, daß die Fragen – vor allem die Deutsche Frage – die Margret Boveri zeitlebens umgetrieben haben, aus der Mode gekommen waren und alles andere, was sie beschäftigte – etwa das Reisen vor den Zeiten des Massentourismus – nicht mehr den exotischen Reiz von einst versprach.
Daß sich diesbezüglich etwas ändert, scheint man im Wolf Jobst Siedler Verlag zu vermuten, der eine Neuausgabe des Buches Wüsten, Minarette und Moscheen. Im Auto durch den alten Orient (ca. 280 S., geb, 22.00 €) angekündigt hat und auch plant, die Amerika-Fibel noch einmal herauszugeben. Bereits vorgelegt wurde, pünktlich zum Jahrestag des Kriegsendes, der berühmte Band Tage des Überlebens (327 S., geb, 22.00 €). Ergänzt hat man den ursprünglichen Text um ein Vorwort von Egon Bahr, der wahrscheinlich zu den wenigen zählt, die überhaupt noch eine lebendige Erinnerung an Margret Boveri haben. Allerdings erfährt man auf den zwanzig Seiten mehr über die – gar nicht uninteressanten – Eindrücke Bahrs im Berlin von 1945, als über die Autorin. Ihre ganze irritierende Neigung zu besonderen deutschen Wegen ist ihm entweder entgangen oder soll vergessen werden, zu Gunsten der späten Bekehrung zu Willy Brandts Ostpolitik, die ihr noch einmal als Möglichkeit erschien, Bewegung in die Deutschlandpolitik zu bringen.
Den Vorwurf, bezüglich der politischen Margret Boveri einen blinden Fleck zu haben, kann man der ersten wissenschaftlichen Biographie über ihre Person nicht machen. Das Buch Boveri – Ein deutsches Leben von Heide Görtemaker (München: Beck, 416 S., geb, 26.90 €) ist aus einer Dissertation entstanden und bietet einen gründlichen Überblick zu Leben und Denken. Dabei interessiert sich die Autorin vor allem für die Rolle Margret Boveris in der NS-Zeit. Ihr Schwanken, ihre Probleme, sich hinreichend von der Führung abzusetzen und gleichzeitig gegenüber dem Vaterland loyal zu bleiben, werden unter Einbeziehung vieler neuer Aspekte deutlich gemacht. Im Hinblick auf die Nachkriegszeit kommt auch das eigentlich irritierende Moment – die nachlaufende Orientierung an der Konservativen Revolution – ausreichend zur Geltung. Die Verfasserin erklärt mit erheblichem Einfühlungsvermögen, wie schwer es Margret Boveri angesichts ihres „liberalen Hintergrunds“ wurde, dem Werben Armin Mohlers um die Einheitsfront der Adenauerkritiker nachzukommen. Die „konservative Revolution“ mit kleinem „k“ war aus ihrer Perspektive nicht „rechts“, sondern stand für eine unabhängige Position, jenseits der Parteigrenzen, die sie immer gesucht und mit Zähigkeit verteidigt hat.


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