Sezession
1. April 2005

Autorenportrait Margret Boveri

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 9 / April 2005

sez_nr_9von Karlheinz Weißmann

„Schön ist sie nicht. Klein, dick, mit Brille, wohl etwa 50 Jahre alt, mit schon recht viel Falten um die Mundpartie, was ihr ein etwas krötenhaftes Aussehen gibt. Wenn sie spricht und lächelt, hat sie aber einen gewissen Charme. Große innere Lebhaftigkeit bei einem etwas unbeweglichen Äußeren. Und sie weiß genau, was sie will.“ Diese Sätze hat Margret Boveri einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, um ihr eigenes Wesen zu charakterisieren. Zu dessen wichtigsten Zügen gehörte neben Zielstrebigkeit und Intelligenz etwas Unweibliches, ein sich früh abzeichnender Mangel – nicht nur an Attraktivität – sondern auch an Weichheit. Das Männliche an ihr erklärt viel von dem Respekt, den ihr Männer zollten, auch und gerade konservative Männer. Arnold Gehlen rechnete sie mit Ariadne zu den „Damen, die in den Labyrinthen Bescheid wissen“.

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Margret Boveri wurde am 14. August 1900 in Würzburg geboren. Sie gehörte damit zur letzten Generation, die das „alte Europa“ bewußt wahrgenommen hat. Ihre Schilderungen der Vorkriegszeit zeichnen durchaus das Bild einer bürgerlichen Idylle. Dabei waren die häuslichen Verhältnisse nicht im engeren Sinne konventionell. Der Vater, Theodor Boveri, hatte einen Lehrstuhl für Biologie an der Universität Würzburg inne, pflegte aber auch musische Neigungen. Die Mutter Marcella war Amerikanerin. Als Ausländerin hatte man ihr – anders als den deutschen Frauen dieser Zeit – das Studium ermöglicht; sie war, was man schon damals „emanzipiert“ nannte und gehörte als Vassar Girl zu den Absolventinnen des berühmten Vassar Colleges für Mädchen, aus dem eine große Zahl bedeutender Amerikanerinnen hervorgegangen ist. Margret Boveri hat ihrer Mutter die „Emanzipation“ gedankt, auch wenn das Verhältnis immer gespannt war. Das hing mit der Verschiedenheit von Temperament und Interesse zusammen, vor allem aber damit, daß der geliebte Vater früh verstarb und die beiden Frauen während des Kriegs und Nachkriegs aufeinander angewiesen blieben. Nach Margret Boveri gab es außerdem eine objektive Ursache für die Konflikte: Die Mutter erschien ihr als „Verkörperung des Amerikanischen“, das sie ablehnte, obwohl oder weil es auch einen Teil ihres Wesens ausmachte: pragmatisch, positivistisch, methodisch, ohne Muße.
Der Ausbildungsgang bis zum Abitur war für ein Mädchen in der ausgehenden wilhelminischen Epoche immer noch schwierig. Nur auf Umwegen erreichte Margret Boveri schließlich die Reifeprüfung an einem Realgymnasium. Sie nahm 1921 ein Studium der Germanistik, Anglistik und Geschichte in Würzburg auf. Unter dem Druck der Mutter trat sie nach dem Ersten Staatsexamen in das Referendariat ein; ihre fragmentarischen Erinnerungen enthalten einige erhellende und zeitlose Bemerkungen über diese Ausbildungsphase künftiger Schulmeister („Hier wurden wir zum Lügen erzogen“). Daß sie sich als Pädagogin nicht eigne, hat sie von Anfang an gewußt und nach dem Zweiten Staatsexamen das Studium der Geschichte in München bei Hermann Oncken fortgesetzt; 1932 wird sie mit einer Untersuchung über Edward Grey und das Foreign Office promoviert; nach ihrer Einschätzung eine „reine Fleißarbeit“.
Das vitale Interesse Margret Boveris an Geschichte und Außenpolitik entsprach nicht nur nicht den Erwartungen ihrer Mutter, es paßte überhaupt nicht zu den allgemeinen Vorstellungen von geistiger Beschäftigung, die man bei einer Frau vermutete. Es war ein glücklicher Umstand, der sie im Journalismus rasch ein geeignetes Berufsfeld und einige Mentoren wie Paul Scheffer und Benno Reifenberg finden ließ. Es war ein unglücklicher, daß der Beginn ihrer Laufbahn mit der Errichtung des nationalsozialistischen Regimes zusammenfiel, das die Pressefreiheit Stück für Stück beschnitt.

Margret Boveri war keine Parteigängerin Hitlers oder seines Regimes. Als sie 1934 Redakteurin des Berliner Tageblatts wurde, zeigte allein diese Wahl ein erhebliches Maß an opponierender Haltung. Das Tageblatt war zwar einem dauerhaften Verbot entgangen, galt aber wegen seiner liberalen Ausrichtung als „Judenzeitung“. Sie hat später in ihrem Buch Wir lügen alle – Eine Hauptstadtzeitung unter Hitler das eigentümliche, für die Nachgeborenen nie ganz verständliche Taktieren und Lavieren beschrieben, das es diesem und anderen bürgerlichen Blättern möglich machte, noch einige Zeit zu überstehen, ohne die Prinzipien sachlicher Berichterstattung ganz zu verraten.
Als Margret Boveri das Tageblatt 1937 verließ, geschah das bezeichnenderweise aus Protest gegen den Anpassungskurs der Herausgeber. Zwei Jahre arbeitete sie als Lektorin des Atlantis-Verlags, dessen gleichnamige Zeitschrift vor allem Reiseberichte brachte. Die Tätigkeit lag ihr insofern, als Reisen zu ihren großen Leidenschaften gehörte. Sie hatte schon in den zwanziger Jahren einige Zeit in Italien gelebt und 1932 / 33 eine abenteuerliche Fahrt mit eigenem Wagen durch Spanien und Nordafrika unternommen, 1935 / 36 bereiste sie im Auftrag des Tageblatts Griechenland, Malta, Ägypten und den Sudan.
Die dabei gesammelten Eindrücke verband sie mit allgemeinen politischen und historischen Reflexionen in ihrem ersten Buch, das 1936 unter dem Titel Das Weltgeschehen am Mittelmeer bei Atlantis herauskam. Es war überraschend erfolgreich und Margret Boveri übertrug das Konzept mit kleinen Abwandlungen auch auf ihre beiden folgenden Bücher: Vom Minarett zum Bohrturm (1938) und Ein Auto, Wüsten, blaue Perlen (1939). Mittlerweile hatte sie den Atlantis-Verlag wieder verlassen und eine Stelle als Redakteurin der Frankfurter Zeitung (FZ) angetreten. Im Mai 1939 ging sie auf eigenen Wunsch als Korrespondentin nach Stockholm, das sie bald unerträglich langweilig fand. Es folgte die Versetzung nach New York im Oktober 1940, die sie trotz des Kriegsbeginns zu einer Weltreise nutzte: von Berlin über Moskau, dann mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Mandschukuo, über Korea nach Japan, von dort mit dem Schiff in die USA.
Daß eine derartige Reise noch möglich war, hatte mit der besonderen militärischen Lage zu tun, die sich so aber nur bis zum Sommer 1941 hielt. Im Dezember des Jahres, nach dem Kriegseintritt der USA, wurde Margret Boveri in New York verhaftet und interniert, dann ausgewiesen und im Mai 1942 nach Europa zurückgeschickt. Allerdings ging sie nicht nach Deutschland, sondern blieb als Korrespondentin der Frankfurter Zeitung für England und Amerika in Lissabon. Erst nach dem Verbot der FZ im August 1943 und einem kurzen Zwischenspiel an der deutschen Botschaft in Madrid trat sie endgültig den Heimweg an.
Sie tat das sehenden Auges, weil sie den Untergang – nicht nur des Regimes, sondern Berlins und Preußens – als Zeugin miterleben wollte. Allerdings war mit der Frankfurter Zeitung die letzte jener journalistischen „Enklaven“ verschwunden, in denen sie bis dahin gelebt hatte. Seit dem März 1944 arbeitete Margret Boveri deshalb nur noch als freie Mitarbeiterin für verschiedene Blätter, unter anderem für Das Reich. Joseph Goebbels hatte sie von Anfang an für dieses Prestigeobjekt des Propagandaministeriums, eine Qualitätszeitung ohne allzu enge ideologische Bindung, zu gewinnen versucht, allerdings ohne Erfolg. Jetzt erst sah sie in dem Spielraum, den Das Reich bot, eine Zufluchtsmöglichkeit. Illusionen über den Fortgang der Dinge erlaubte sie sich nicht, aber gerade das Wissen um die bevorstehende Katastrophe hat zum Gefühl einer besonderen Verbundenheit mit dem Schicksal Deutschlands beigetragen.

Es wiederholte sich bei Margret Boveri in gewisser Weise derselbe Vorgang wie nach der Niederlage von 1918. In einem patriotischen Reflex hatte sie sich damals dem „Deutschnationalen Jugendbund“ angeschlossen; sie bedauerte den Schritt kurz darauf wegen des Antisemitismus auf der Rechten, aber an der prinzipiellen Richtigkeit ihrer Entscheidung zweifelte sie nicht. Noch im Desinteresse an innenpolitischen Fragen und der prinzipiellen Skepsis gegenüber der Weimarer Republik, schließlich in der vorsichtigen Sympathie für den Kommunismus – sie sprach von einem „Sog“, den diese Ideologie seit Beginn der dreißiger Jahre ausgeübt habe – blieb immer die Vorstellung selbstverständlich, daß die Nation die staatliche Ordnung vorgebe. Ihre Einstellung gegenüber Hitler war denn auch maßgeblich davon mitbestimmt, daß sie ihn für unfähig hielt, die Deutsche Frage zu lösen. Es fehlte aus ihrer Sicht an Maß und historischer Orientierung. Darum rechnete sie seit dem Beginn der vierziger Jahre, vor allem nach der Wendung gegen die Sowjetunion, mit einer Katastrophe. Allerdings erschien ihr die Entwicklung nicht als Ergebnis eines kollektiv schuldhaften Handelns, sondern als Folge tragischer Verstrickung, fehlerhafter Entscheidungen und inkompetenter Führung.
Seit ihrer Rückkehr beschäftigte Margret Boveri vor allem das Problem, wie Deutschland nach dem Zusammenbruch wieder aufgebaut werden könnte. Dabei suchte sie die Lösung in einer Richtung, die man kaum als naheliegend betrachten wird. Sie selbst hat später davon gesprochen, daß sie in dieser Zeit mit dem „Liberalismus“ gebrochen habe. Entscheidend dafür war die Lektüre von Ernst Jüngers Arbeiter: „eine ungeheuerliche, in Erfüllung gegangene Prophetie“. Die Beschäftigung mit Jünger, aber auch der Kontakt zu Männern aus dem Kreisauer Kreis und der jüngeren Generation der Verschwörer des 20. Juli führten bei ihr – nachträglich – zur Begegnung mit dem Gedankengut der Konservativen Revolution. Es war eine Annäherung, die vor allem auf intellektueller Affinität beruhte, Konsequenz der Feindschaft gegenüber der Massengesellschaft, die auch Hitler hervorgebracht hatte, Ergebnis der Orientierung an der Nation und deren Identität sowie der Vorstellung von einem deutschen Weg zwischen Ost und West.
Margret Boveri glaubte nicht, daß eine selbstbestimmte deutsche Politik in nächster Zukunft möglich sein werde, aber sie dachte in langen Fristen. Sie blieb ganz bewußt in Berlin und hat von den letzten Kämpfen, dem Zusammenbruch und den Umständen der sowjetischen Besetzung in ihrem Buch Tage des Überlebens beredtes Zeugnis abgelegt. Es fehlt der Darstellung nicht an Skurrilitäten, manchmal wird auch ein merkwürdiges Genießen des Ausnahmezustands spürbar, aber es dominiert doch das Furchtbare, der Schrecken, der Hunger, die Vergewaltigungen. In vielem ist ihre Darstellung vergleichbar dem Tagebuch einer anderen Berlinerin, der Anonyma, deren Erinnerungen Hans Magnus Enzensberger herausgegeben hat.

Margret Boveri zögerte lange mit der Veröffentlichung von Tage des Überlebens – das Buch erschien erst 1968 – weil sie sich Sorgen um die politische Wirkung machte. Ihrer Meinung nach mußte eine weitere Verschärfung des Kalten Krieges verhindert werden. Sie vertrat diese Auffassung nicht, weil sie ein zu positives Bild der Sowjetunion hatte oder eine Entspannung zwischen den Blöcken um jeden Preis wünschte, sondern weil sie befürchtete, daß jede Eskalation der Feindseligkeiten zwischen Ost und West für das geteilte Deutschland nachteilige Folgen haben würde. Dem relativen Wohlwollen gegenüber der Sowjetunion entsprach eine außerordentlich kritische Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten. Diese Reserve hatte Tradition, war schon in dem Verhältnis zur Mutter spürbar gewesen, dann in der wiederholten Ablehnung des Vorschlags, in die USA zu übersiedeln und schließlich auch in der Berichterstattung über amerikanische Politik zu Beginn der vierziger Jahre, die zwar nicht auf NS-Linie lag, aber erhebliche Vorbehalte gegenüber Washington deutlich werden ließ.
Margret Boveri hat die Gründe ihres „Antiamerikanismus“ auf durchaus amüsante Weise in einer Amerika-Fibel zusammengefaßt. Daß das Büchlein 1946 in der französischen Zone erscheinen mußte und in der amerikanischen verboten wurde, konnte keine Überraschung sein. Denn ihr „Versuch Unverstandenes zu erklären“, enthielt so viele offene und versteckte Angriffe, daß sich die US-Militärverwaltung provoziert fühlen mußte. Margret Boveri zeichnete einen bestimmten Typus, nicht ohne Einfühlung, aber mit deutlicher Reserve. Sie präsentierte ihn dem deutschen Publikum vor erfolgreicher Verwestlichung und baute darauf, daß nur übernommen werde, was sich lohne. Sie warnte vor der Neigung des Amerikaners, den raschen Wechsel zu feiern, analysierte die Ursache seines Selbst- und Sendungsbewußtseins, das den Optimismus einerseits, den Glauben an die unbegrenzte Erzieh- und Umerziehbarkeit der Menschen andererseits speise. Im abschließenden Kapitel begründete sie noch einmal ihre prinzipiellen Vorbehalte, die im Verhältnis zum „Ding“ begründet lägen. Ihrer Auffassung nach war die Welt für die Amerikaner voll und übervoll mit Dingen, die sie als Sachen verstanden, die Reichtum ausmachten, sich nützlich oder unnütz erwiesen. Man löste sich von ihnen schnell. Anders die europäische, vor allem die deutsche Sichtweise, die dem Besitz immer auch eine geistige Dimension abzugewinnen suchte. Das betraf vor allem das Haus, das von einer Generation auf die andere vererbt wurde, während der Amerikaner eine Art komfortables Nomadentum bevorzuge und das Haus ebenso schnell wieder aufgebe wie er es bezogen habe. Margret Boveri zitierte in dem Zusammenhang Oswald Spengler und Rainer Maria Rilke, aber sie verharrte nicht in kulturkritischem Pessimismus. Sie glaubte an die Möglichkeit eines neuen Anfangs, auch bewirkt durch die „Regenerationskraft der werttragenden Dinge“.

Ähnliches Vertrauen setzte sie in die politischen Möglichkeiten. Dabei blieb sie unbeirrt der eingeschlagenen Richtung treu, obwohl die große Entwicklung bald eine ganz andere Tendenz zeigte, gegen „ein Drittes, Eigenes“. Allgemein gilt die Berlin-Krise als Beginn der Annäherung zwischen westdeutscher Bevölkerung und westlichen Alliierten. Unter dem Eindruck des gemeinsamen Widerstands gegen die sowjetische Bedrohung wuchs das Gefühl der Solidarität, trat die Wahrnehmung der USA, Großbritanniens und Frankreichs als Siegermächte zurück hinter der Vorstellung, es handele sich um die gegebenen Verbündeten gegen den Feind Stalin. Wie man den erhaltenen Briefen entnehmen kann, die Margret Boveri mit Ernst Reuter, dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister von Berlin, wechselte, schätzte sie die Lage anders als die meisten ein. Sie fürchtete, daß eine wachsende Konfrontation der Großmächte in Europa die Teilung Deutschlands verewigen werde. Aus diesem Grund lehnte sie auch die Gründung der Bundesrepublik und überhaupt die Politik der Westbindung ab.
Bis Mitte der fünfziger Jahre nahm Margret Boveri immer wieder gegen Adenauer Stellung. Ihre Position wäre sachlich als „nationalneutralistisch“ zu bezeichnen, aber sie schloß sich keiner der verschiedenen Organisationen an, die damals der Idee eines „dritten Wegs“ zwischen den Blöcken Gehör zu verschaffen suchten. Ihre Sache war das Schreiben und schreibend versuchte sie schon bei der Debatte um die „Stalin-Note“ und dann noch einmal im Vorfeld der Pariser Außenministerkonferenz von 1954, die nach dem Scheitern der „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ den NATO-Beitritt der Bundesrepublik vorbereitete, die Entwicklung zu beeinflussen. Es erschien damals ein Aufsatz von ihr, der mit den Sätzen endete: „Das Schicksal, zwischen den Westen und den Osten gestellt zu sein, ist unentrinnbar. Darin liegt der Aufruf, sich ihm zu stellen.“ Die Überschrift „Der Teig geht auf“ wirkt etwas kryptisch. Das liegt daran, daß der Text Antwort und Ergänzung zu einem Zeitungsartikel des schweizerischen Journalisten Hans Fleig war. Fleig hatte in der Zürcher Tat einen Beitrag mit dem Titel „Der deutsche Teig“ geschrieben, in dem er das Desinteresse der Deutschen an ihrer nationalen Frage kritisierte. Die Politik Adenauers habe nur kurzfristig Erfolg, biete aber keine Lösung für die zentralen Probleme deutscher Existenz: „Das kann man Bonner Realismus nennen, oder biopolitische Anpassung an erschwerte Lebensbedingungen, oder gesunden Lebenswillen; oder kalten Egoismus, Feigheit, Flucht vor der größten Aufgabe, Kollektivverrat am eigenen Volk. Wie man will. Bloß einen Gedanken kann man kaum unterdrücken: ob die Bundesrepublikaner, wenn sie sich für die deutsche Einheit ebenso entschlossen ins Zeug gelegt hätten wie für ihr Wirtschaftswunder, es nicht auch schon längst zustande gebracht hätten, aus dem geteilten Deutschland eines zu machen?“

Hans Fleig gehörte zu den engsten Freunden Armin Mohlers, der als Verfasser des Buches über Die konservative Revolution in Deutschland die Aufmerksamkeit Margret Boveris geweckt hatte. Sie trat zu ihm wie zu Ernst Jünger, Gottfried Benn und Carl Schmitt in Kontakt, ganz offensichtlich bemüht, bestimmte Gedankengänge der Konservativen Revolution unter anderen Umständen und in anderen Zeiten fortzusetzen. Das ist in den fünfziger Jahren vor allem ihrem Hauptwerk Der Verrat im XX. Jahrhundert (1956 – 60) anzumerken. Sie skizzierte hier die „Landschaft des Verrats“ im Weltbürgerkrieg, bedingt durch den Zerfall der religiös begründeten Treuepflichten gegenüber Fürst und Staat einerseits und den Aufstieg neuartiger Ideologien andererseits, die ihr Zentrum zwar in einem Land und Volk haben mochten, aber jenseits der Grenzen „fünfte Kolonnen“ warben, so daß im Konflikt alle Loyalitäten unsicher waren. Aber im Mittelpunkt stand die Deutung des Widerstands im nationalsozialistischen Deutschland. Für Margret Boveris Interpretation war dabei weniger der ethische Aspekt von Bedeutung als vielmehr die weltanschauliche Prägung und soziologische Struktur der Opposition. Sie hob nicht nur den Generationenkonflikt innerhalb des Verschwörerkreises vom 20. Juli hervor, sie wies auch auf dessen Beeinflussung durch das Gedankengut der Konservativen Revolution hin.
Das hat ihr scharfe Kritik eingetragen. Der Historiker Gerhard Ritter, der selbst zum Umkreis des Widerstands gehört hatte, warf ihr vor, die Bedeutung der Jungen übertrieben zu haben und einer vitalistischen Philosophie anzuhängen, und Jürgen Habermas verdächtigte sie, die Konservative Revolution insgesamt rehabilitieren zu wollen. Im einen wie im anderen steckte ein Körnchen Wahrheit, aber Margret Boveri war viel zu wenig Ideologin und viel zu sehr Journalistin, um zu verkennen, wie gering die Aussichten seit Mitte der fünfziger Jahre waren, einen prinzipiellen Kurswechsel in der Deutschlandpolitik oder eine weltanschauliche Lösung von den Gesetzmäßigkeiten des Ost-West-Konflikts zu erreichen. Sie hatte 1956 den Eintritt in die FAZ-Redaktion wegen deren Nähe zu Adenauer abgelehnt, blieb dem Blatt aber verbunden; sie publizierte außerdem in anderen Zeitungen und eine größere Zahl von Essays im Merkur, wahrscheinlich der einflußreichsten Zeitschrift dieser Jahre. Ihre geistige Unabhängigkeit erwarb ihr auf vielen Seiten Respekt und schützte sie vor Isolation. Nach dem Abschluß der Tetralogie über den Verrat erschien noch ein Bändchen Indisches Kaleidoskop (1961), mit dem sie an ihre ersten Reisebücher anknüpfte, dann die erwähnte Arbeit über die Geschichte des Berliner Tageblatts im Dritten Reich und Tage des Überlebens. Das Ende ihrer journalistischen Tätigkeit markierte 1974 ein Sammelband mit dem Titel Die Deutschen und der Status quo.
Er enthielt eine Reihe von Aufsätzen, in denen Margret Boveri zu deutschlandpolitischen Fragen Stellung genommen hatte, und es ließ sich ihm eine Tendenz entnehmen, die von vielen Zeitgenossen als Schritt nach links wahrgenommen wurde. Der hatte sicher zu tun mit der Hoffnung, es werde eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung die Erstarrung zwischen Bundesrepublik und DDR aufbrechen und deutsche Politik treiben, es ging aber auch um die besondere Art und Weise, in der sie die aufsässige Jugend der sechziger Jahre als eine Reprise der Jugendbewegung deutete. So viel Wunschdenken und Fehlinterpretation im einen wie im anderen enthalten war, es hatte doch zu tun mit der Neigung zum „Kreisen der Elementarteilchen“ und der besonderen Liebe Margret Boveris zu Deutschland und den Deutschen. In der posthum, zwei Jahre nach ihrem Tod am 6. Juli 1975, erschienenen, aus langen Gesprächen mit dem Schriftsteller Uwe Johnson entstandenen, Autobiographie antwortete sie auf die Frage, warum sie, die so oft Möglichkeit und Ursache zur Emigration gehabt hatte, geblieben sei: „das ist mein Land. Hier gehöre ich hin“.

Margret Boveri – Eine WiederentdeckungDie „große Dame des politischen Journalismus“ hat Karl Korn Margret Boveri in einem Nachruf genannt. Seither ist es still um sie geworden, auch wenn die schöne Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2000 erheblichen Zulauf erlebte. Vielleicht liegt das daran, daß die Fragen – vor allem die Deutsche Frage – die Margret Boveri zeitlebens umgetrieben haben, aus der Mode gekommen waren und alles andere, was sie beschäftigte – etwa das Reisen vor den Zeiten des Massentourismus – nicht mehr den exotischen Reiz von einst versprach.
Daß sich diesbezüglich etwas ändert, scheint man im Wolf Jobst Siedler Verlag zu vermuten, der eine Neuausgabe des Buches Wüsten, Minarette und Moscheen. Im Auto durch den alten Orient (ca. 280 S., geb, 22.00 €) angekündigt hat und auch plant, die Amerika-Fibel noch einmal herauszugeben. Bereits vorgelegt wurde, pünktlich zum Jahrestag des Kriegsendes, der berühmte Band Tage des Überlebens (327 S., geb, 22.00 €). Ergänzt hat man den ursprünglichen Text um ein Vorwort von Egon Bahr, der wahrscheinlich zu den wenigen zählt, die überhaupt noch eine lebendige Erinnerung an Margret Boveri haben. Allerdings erfährt man auf den zwanzig Seiten mehr über die – gar nicht uninteressanten – Eindrücke Bahrs im Berlin von 1945, als über die Autorin. Ihre ganze irritierende Neigung zu besonderen deutschen Wegen ist ihm entweder entgangen oder soll vergessen werden, zu Gunsten der späten Bekehrung zu Willy Brandts Ostpolitik, die ihr noch einmal als Möglichkeit erschien, Bewegung in die Deutschlandpolitik zu bringen.
Den Vorwurf, bezüglich der politischen Margret Boveri einen blinden Fleck zu haben, kann man der ersten wissenschaftlichen Biographie über ihre Person nicht machen. Das Buch Boveri – Ein deutsches Leben von Heide Görtemaker (München: Beck, 416 S., geb, 26.90 €) ist aus einer Dissertation entstanden und bietet einen gründlichen Überblick zu Leben und Denken. Dabei interessiert sich die Autorin vor allem für die Rolle Margret Boveris in der NS-Zeit. Ihr Schwanken, ihre Probleme, sich hinreichend von der Führung abzusetzen und gleichzeitig gegenüber dem Vaterland loyal zu bleiben, werden unter Einbeziehung vieler neuer Aspekte deutlich gemacht. Im Hinblick auf die Nachkriegszeit kommt auch das eigentlich irritierende Moment – die nachlaufende Orientierung an der Konservativen Revolution – ausreichend zur Geltung. Die Verfasserin erklärt mit erheblichem Einfühlungsvermögen, wie schwer es Margret Boveri angesichts ihres „liberalen Hintergrunds“ wurde, dem Werben Armin Mohlers um die Einheitsfront der Adenauerkritiker nachzukommen. Die „konservative Revolution“ mit kleinem „k“ war aus ihrer Perspektive nicht „rechts“, sondern stand für eine unabhängige Position, jenseits der Parteigrenzen, die sie immer gesucht und mit Zähigkeit verteidigt hat.


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