Sezession
1. April 2005

Der Tenno und der General

Gastbeitrag

Die ersten amerikanischen Truppen, die zwei Wochen nach der Kapitulation eintrafen, betraten ein völlig verwüstetes Land: drei Millionen Japaner waren umgekommen, neun Millionen obdachlos, ein Drittel der nationalen Ressourcen zerstört. Die Japaner hungerten, waren erschöpft und verzweifelt. Sie machten die Militärs für die katastrophale Lage verantwortlich und sehnten sich nach einem Neubeginn. Insbesondere die Vertreter der Linken begrüßten die Amerikaner als Befreier.
Die Strategie der amerikanischen Besatzungspolitik beruhte auf zwei Grundannahmen: 1. Die Japaner sind ein orientalisches Volk. Sie handeln gruppenorientiert und sind autoritätsabhängig. Deshalb muß eine Reform von oben her erfolgen. Um den amerikanischen Reformbemühungen Legitimität zu verleihen, müssen diese im Einklang mit der obersten Autorität Japans, dem Kaiser, stehen. Um die Autorität des Kaisers zu bewahren, setzte der amerikanische Oberbefehlshaber MacArthur alles daran, die Frage nach der Kriegsschuld des Tenno zu unterbinden. 2. Im Gegensatz zur alliierten Kriegspropaganda und der Auffassung zuhause hielten die Besatzer den japanischen Volkscharakter nicht für grundsätzlich verderbt. Vielmehr sah man die Ursache des Krieges in den archaisch-feudalen Residuen und den Machenschaften des militärisch-industriellen Komplexes. Durch die Beseitigung dieser strukturellen Faktoren glaubte man den Reformen zum Erfolg verhelfen zu können. Diese beiden Annahmen – Schutz des Kaisers und Schuldzuweisung an eine durch die Niederlage sowieso schon diskreditierte Gruppe – kamen den Erwartungen und dem Selbstbild der Japaner entgegen, weshalb sie die Besatzungspolitik nicht nur widerstandslos akzeptierten, sondern sogar aktiv an der Umgestaltung mitarbeiteten. So hatte man beispielsweise schon vor dem Eintreffen der Amerikaner die Schulbücher von allen „ultranationalistischen“ Passagen gesäubert. Täglich gingen Reformentwürfe bei den Besatzungsbehörden ein. Den Bewußtseinswandel illustriert in besonders eindrücklicher Weise, daß ein Gesetzentwurf für ein arbeitnehmerfreundliches Arbeitsschutzgesetz von einem früheren Geheimpolizeichef eingebracht wurde. Das Zusammenspiel von Besatzern und Besiegten nahm teilweise sogar groteske Züge an. Im Tokyoter Kriegsverbrecherprozeß hatten beide Seiten sich auf die Sprachregelung geeinigt, daß der Kaiser von allen militärischen Vorgängen nur unzureichend unterrichtet gewesen sei und darum keine Verantwortung trüge. Als der Hauptangeklagte, Expremier Tojo Hideki bekannte, „keiner von uns hätte es gewagt, gegen den Willens des Kaisers zu handeln“, wirkte der US-Chefankläger auf einen Vertreter des Hofes ein, General Tojo zum Widerruf zu bewegen.
Im Gegensatz zu Deutschland wurde die amtierende Regierung nicht abgesetzt. Zwar wurden einige der besonders belasteten Politiker verhaftet und auch verurteilt und extreme Elemente durch gemäßigte Vorkriegspolitiker ersetzt, aber die Kontinuität der Führungsschicht und der Staatsbürokratie blieben erhalten. Diese Rücksichtnahme hat aber nichts damit zu tun, daß die Amerikaner nur die schlimmsten militaristischen Auswüchse beseitigen und ansonsten alles beim alten lassen wollten. General MacArthur, der über eine Machtfülle verfügte, von der ein amerikanischer Präsident nicht einmal zu träumen wagte, zögerte nicht, einen radikalen Umbau der japanischen Gesellschaft ins Werk zu setzen. Dies mußte die japanische Regierung erfahren, als ihr zögerlicher Verfassungsentwurf, der nur einige kosmetische Korrekturen der bestehenden Meji-Verfassung vorsah, von MacArthur vom Tisch gefegt wurde. Die neue Verfassung wurde innerhalb einer Woche komplett von amerikanischen Experten erstellt. Diese sah folgende einschneidende Veränderungen vor:

(1) Der Tenno wurde seiner gottgleichen Stellung beraubt und auf eine rein repräsentative Funktion als „Symbol der Einheit des Landes“ beschränkt.

(2) Der Adel und das adlige Oberhaus wurden abgeschafft.

(3) Ein Grundrechtskatalog, der den der amerikanischen Verfassung übertrifft, wurde eingeführt.

(4) Die großen wirtschaftlichen Konzerne (zaibatsu) wurden zerschlagen.

(5) Eine umfassende Landreform, die feudalen Großgrundbesitz auflöste und den Landbesitz auf ein Hektar reduzierte, wurde durchgeführt.

(6) Die Lage der Arbeitnehmer wurde dramatisch verbessert.

(7) Das Erziehungswesen wurde grundlegend modernisiert.

(8) Als besonderes Novum verzichtete Japan in dem berühmten Artikel 9 auf das Recht zur Kriegführung, wodurch sich Japan zu einem radikalen Pazifismus verpflichtete.


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