Sezession
1. Januar 2004

Phasen der Geschichtspolitik

Gastbeitrag

Es ist zu Recht auf die Rolle hingewiesen worden, die in diesem Zusammenhang Privatdozenten und Hochschulassistenten spielten, die durch Studienaufenthalte in den USA entscheidend geprägt worden waren. Soweit es sich um Historiker oder Politikwissenschaftler handelte, leiteten sie jenes „Umschreiben der Geschichte unter dem Gesichtspunkt der demokratisch verfaßten Gesellschaftsordnungen des Westens“ (Wolfgang Mommsen) ein, dem auf unterer Ebene die Durchsetzung einer Ideologie entsprach, die als Substrat der reeducation die Vorstellung enthielt, die ganze deutsche Geschichte sei ein Irrweg gewesen, der am gegebenen Ziel – einer Gesellschaftsordnung nach westlichem Muster – vorbei stracks in die Vernichtungslager führte. Daß die Universitäten von Berlin, Frankfurt und Heidelberg von der amerikanischen Besatzungsmacht als Stätten der „Umorientierung“ geplant waren und dann zu Ausgangspunkten der radikalen Studentenbewegung wurden, war insofern kein Zufall, das eine hing mit dem anderen zusammen. Die Übertragung von Versatzstücken des amerikanischen Hochschulsystems trug dazu ebenso bei wie die Implantation einer bestimmten Art des politischen Denkens, das sich durch den Glauben an die Machbarkeit auszeichnete und durch die Fremdheit gegenüber historischen Bedingungen. Bereits 1948 hatte die britische Seite vor den Folgen jener „übereifrigen Reform“ gewarnt: sie schädige „... in erster Linie die Gesellschaft selbst. Der Schaden ist um so gefährlicher, als er erst nach Ablauf einer Generation ganz zum Vorschein kommt und dann kaum mehr zu beheben ist“ (Blaues Gutachten zur Neugestaltung des deutschen Hochschulwesens).
Man darf die große gesellschaftliche Umwälzung, die Mitte der sechziger Jahre begann, nicht als einen Prozeß vorstellen, der sich ohne Widerstand vollzog. Soweit die neue Vergangenheitspolitik offen antipatriotisch war oder auf dem fußte, „was der rote Großvater erzählt“, blieb sie ohne Aussicht auf breitere Zustimmung. Anders war das mit dem Vorschlag, die deutsche Geschichte zu „demokratisieren“, den sich vor allem der aus der SPD hervorgegangene Bundespräsident Gustav Heinemann zu eigen machte und mit der Autorität seines Amtes durchzusetzen suchte. In einer Ansprache zum hundertsten Jahrestag der Reichsgründung schlug er eine Reihe alternativer Erinnerungsdaten vor: den Bauernkrieg an Stelle der Reformation, Blum an Stelle von Bismarck, 1919 an Stelle von 1871, den Widerstand des Proletariats an Stelle desjenigen der Offiziere. Aber auch das traf noch auf wohlbegründeten Einspruch. Für die Opposition gab der CDU-Abgeordnete Richard von Weizsäcker eine Stellungnahme ab, der zu Folge das Bismarckreich die einzige Form des deutschen Nationalstaats war und dessen Wiederherstellung durch das Grundgesetz geboten sei.
In seiner Rede zum 8. Mai 1985 unterwarf sich derselbe Richard von Weizsäcker, nun seinerseits als Bundespräsident, einem Geschichtsdenken, das er in Person, aber eigentlich das ganze bürgerliche Lager, bis dahin als falsch und feindlich bekämpft hatte. Mit der Anerkennung, daß man 1945 keinen „Zusammenbruch“, sondern eine „Befreiung“ erlebt habe, war die entscheidende Kehre der deutschen Vergangenheitspolitik vollzogen. Alles, was bis in die sechziger Jahre unbestritten gewesen war und danach im Konflikt behauptet werden konnte, wurde beiseite geschoben. An die Stelle der alten traten neue Axiome zur Deutung der deutschen Geschichte: dieser wohnt insgesamt eine negative Tendenz inne, ihre traditionell als wertvoll betrachteten Aspekte (etwa die Zeit der sächsischen oder der staufischen Kaiser, die Reformation, der Aufstieg Preußens, die Romantik, die Freiheitskriege, die nationale Einigung) sind wertlos, wenn überhaupt, dann kann man sich nur an den – allerdings regelmäßig gescheiterten – progressiven Ansätzen orientieren, im Grunde wäre es sowieso besser, die deutsche Geschichte auf zwei Epochen zu reduzieren: die vor 1945 (Schreckbild) und die nach 1945 / 1968 (Vorbild); von den Deutschen als „Volk“ ist nur dann zu sprechen, wenn sie als Schuld- oder Haftungsgemeinschaft auftreten.


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