Sezession
1. Januar 2004

Institution und Subjektivität – Die Tragik Gehlens und der Marxisten

Gastbeitrag

Institutionen – im Gehlenschen Sinn – gehören ontologisch der Sphäre des objektiven Geistes an, der, wie Nicolai Hartmann trocken definierte, Individualität, nicht jedoch Bewußtsein hat. Eliten sind entweder die Vorkämpfer ihrer Institutionen – oder die anderer, seien diese räumlich anderswo oder aber zeitlich künftige. Leo Koflers Befund über die herrschende, also bürgerliche, Elite der BRD als nihilistisch und dekadent, war von Gehlens Einschätzung nicht weit entfernt. Allerdings setzte der unverbesserliche Optimist Kofler dem eine „progressive Elite“ entgegen, geprägt von allgemein-menschlichen Tugenden wie humanistischer Bildung, Askese und Opferbereitschaft; reale Zahlenverhältnisse konnten ihn dabei kaum irritieren. Kurz vor seinem Tod, um 1990, gab er jedoch in Gesprächen Gehlen recht und isolierte sich in der Linken durch dort als schockierend empfundene Aussagen: nichts bedeute der Tod von einigen konsumgierigen, US-Fähnchen-schwingenden, auf künftige gute Jobs im „Gelobten Land“ schielenden Studenten am Platz des Himmlischen Friedens in Peking gegenüber den realen Bedürfnissen eines Milliardenvolks, das zumindest weit weniger hungere als das indische. Außerdem gäbe es nur eine zwingende Konsequenz, wenn die Parteiprogramme nicht mehr unterscheidbar seien, nämlich die sofortige ersatzlose Streichung des allgemeinen Wahlrechts.
Mit dieser Kälte im analytischen Blick ist Kofler ein enger Verwandter von Gehlen. Gehlen selbst hätte sicherlich die Vorgänge um den 11. September 2001 und dessen Folgen über seine Institutionenlehre interpretieren können. Gehlen hat immer das Verschwinden kriegerischer Tugenden bei den neuen Führungseliten beklagt. Er hat damit die Führungseliten des „alten Europa“ gemeint. Und es wäre ihm nicht entgangen, daß sich andernorts neue kriegerische Eliten bilden. Die Institutionen sind keineswegs „unglaubwürdig“ geworden, sie sind in Auflösung oder sogar schon aufgelöst. Ihre Ordnungsfunktionen sind an nicht-legitimierte und nichtlegitime, ja kaum legale „Ordnungskräfte“ übergegangen. Diese jedoch können nicht entlasten. Daneben bestehen (ethnisch und religiös) minoritäre Parallel-Institutionen, deren Ordnungsfunktionen evident sind, deren Entlastungsfunktionen jedoch zumeist übersehen werden. Dies ist fatal.
Soziologisch gesehen: Die ausführenden Terroristen der RAF waren ebenso gebildete upper middleclass-Söhne wie die der Al-Kaida, die Planungsstäbe waren hier und sind dort zweite oder dritte Söhne der upper class. Im Gegensatz zur RAF haben die neuen kriegerischen Eliten kein bestimmtes Kriegsziel. Während ihr Institutionalisierungsgrad beständig wächst, nimmt der ihrer Gegner ab, was wiederum Perspektiven auf ein doch nicht ereignisloses post-histoire eröffnet.


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