Sezession
1. Januar 2004

Institution und Subjektivität – Die Tragik Gehlens und der Marxisten

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 4 / Januar 2004

sez_nr_4von Reinhard Pitsch

Wenn es darum geht, die Rezeption Arnold Gehlens durch die „Linke“ darzustellen, ist es notwendig, eine Grenze zu ziehen und das Uninteressante vom Interessanten zu scheiden: Es soll hier nur die Rezeption beziehungsweise die Diskussion Gehlens durch die „Lukács-Schule“ vorgestellt werden. Daß die Schulmarxisten der DDR, getrieben von der Erfordernis der Popularität im 68er –Milieu, Gehlens NS-Vergangenheit demagogisch nutzten, daß die „Frankfurter Schule“, ungeachtet der angestrebten Nähe ihres Cheftheoretikers Adorno zum Nationalsozialismus („unbeschreiblich erbärmlich“ – Hannah Arendt an Jaspers), dieselbe Demagogie betrieb, kann hier nur am Rande vermerkt werden. Im Wesentlichen also geht es um die Gehlen-Rezeption durch Lukács, Kofler und Harich.

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Georg Lukács (1885 – 1971), der wohl bedeutendste marxistische Philosoph des 20. Jahrhunderts, Jugendfreund von Paul Ernst, war mit seiner Theorie des Romans früh hervorgetreten. 1918 zum Marxismus konvertiert, 1923 Autor von Geschichte und Klassenbewußtsein, Ästhetiker und Philosoph des Marxismus, ist er vor allem durch sein Spätwerk wichtig: die Ästhetik (1963) und die postume Ontologie des gesellschaftlichen Seins. Die beiden letztgenannten Werke waren als Grundlegung einer Ethik gedacht und sind dem Zeitgeist entgegenlaufende Fundamentalwerke. Nach dem Versuch, „die deutsche Arbeiterbewegung“ mit Engels als die „Erbin der deutschen klassischen Philosophie“ – vor allem Hegels – zu identifizieren (Geschichte und Klassenbewußtsein, 1923) und nach der Idee, den Irrationalismus in der deutschen Philosophie von Schelling bis Heidegger aufzudecken (Die Zerstörung der Vernunft, 1954), entwikkelte Lukacs in seinem Spätwerk schließlich das eigene System: Ontologie und Ethik als Ergänzung der Ästhetik.
Leo Kofler (1907 – 1995), „marxistischer Einzelgänger“, so seine Selbstbeschreibung, beschäftigte sich seit seiner Studienzeit beim Austromarxisten Max Adler mit Anthropologie. Im Juli 1938 emigrierte er in die Schweiz, von wo er im September 1947 in die Sowjetische Besatzungszone übersiedelte und dort eine Lehrtätigkeit an der Universität Halle aufnahm. Im Zuge der Stalinisierung von SED und DDR geriet Kofler mit seinem antibürokratischen Marxismusverständnis ab 1949 ins Kreuzfeuer der Parteiinstanzen. Nach öffentlicher Kritik und demonstrativem Austritt aus der SED wurde er Anfang 1950 beurlaubt und zum „ideologischen Schädling“ erklärt. Nach Berufsverbot und Verhaftungsdrohungen floh er Ende 1950 über Westberlin nach Köln. In den sechziger Jahren übte Kofler zunehmende Kritik am „Marxo-Nihilismus“ der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas. Adorno verhinderte engagiert eine Professur Koflers, der von 1972 bis 1991 eine Lehrtätigkeit an der Ruhr-Universität Bochum ausübte. In der Arbeit Koflers ergaben sich über den jahrzehntelang andauernden Kontakt zu Günter Maschke auch Berührungspunkte zum deutschen Neokonservatismus.

Wolfgang Harich (1923 – 1995) promovierte 1951 mit einer Arbeit über Johann Gottfried Herder, lehrte im Anschluß an der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin bis 1956 das Fach Geschichte der Philosophie und nahm zeitweilig (1951-1954) eine Professur wahr. Zusammen mit Arthur Baumgarten, Ernst Bloch und Karl Schröter rief er 1952 die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ins Leben, deren Mitherausgeber und Chefredakteur er bis 1956 war. Angesichts der Situation Deutschlands nach dem verlorenen Krieg betonte er, daß Nationen nicht willkürlich geteilt werden könnten. Harich wurde am 29. November 1956 – kurz nach dem Ungarn-Aufstand – verhaftet. Am 9. März 1957 verurteilte ihn der Oberste Gerichtshof der DDR wegen „Bildung einer konspirativen, staatsfeindlichen Gruppe“ zu zehn Jahren Zuchthaus. Er verbüßte bei Anrechnung der Untersuchungshaft mehr als acht Jahre in Haftanstalten in Berlin und Bautzen, davon sieben Jahre in Einzelhaft. Harich, der sich immer und bis zu seinem Tode eindeutig zum Marxismus bekannte, blieb auch nach seiner Haft mit der Geschichte der Philosophie befaßt, war um eine großangelegte marxistische Würdigung Nicolai Hartmanns bemüht, wollte die Gedanken von Georg Lukacs weiterführen sowie verteidigen und veröffentlichte 1987 einen vehementen Beitrag gegen das Umsichgreifen der „Nietzsche-Renaissance“. 1991 erhielt Harich für ein Semester einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der FU Berlin und gründete im Oktober 1992 eine „Alternative Enquetekommission Deutsche Zeitgeschichte“ mit dem Ziel, die „falsch laufende“ Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit zu korrigieren und so die „nationale Aussöhnung“ zu fördern.
Neben den drei genannten können auch andere Denker, Peter Ludz etwa oder Wolfgang Abendroth, dieser „Lukács-Schule“ zugerechnet werden. Sie alle zeichnet aus, daß ihnen billiger Konsens ebenso fern lag wie politische Korrektheit, mehrheitsfähiger Antifaschismus, Lobpreis von freedom and democracy oder gar Amerikanismus. Die vorurteilslose Untersuchung von Fakten, unabhängig davon, ob sie zu den Schemata oder zu den Wünschen der „Ideologie“ paßten, sowie ein solider Materialismus, die Bevorzugung des Seienden gegenüber dem Gewünschten, dem Sein-Sollenden, der Utopie – sind ihre differentiae specificae gegenüber der ethisch, kulturell und intellektuell entgrenzten Mafia des „Fortschritts“. Stets auf das „Erbe“ bedacht, Homer, Dante, Goethe gegenüber Proust, Kafka und Joyce verteidigend, mußten sie nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch innerhalb des Marxismus anecken. Es ist kein Zufall, daß Arnold Gehlen ihr bevorzugter Widerpart war – und das Verhältnis war keineswegs einseitig.
Wolfgang Harich hat die Gehlen-Rezeption der Lukács-Schule initiiert. Während seiner Gasthörerzeit bis 1942 an der Universität Berlin bei Nicolai Hartmann wurde er mit all dessen Schriften bekannt, somit auch mit der 1941 in den Blättern für deutsche Philosophie erschienenen positiven Rezension von Der Mensch. Er wies seinen Lehrer Georg Lukács auf Gehlen hin. Bereits in seinem zweiten Brief an Lukács vom 20. September 1952 kündigte er die Übersendung einer eigens für diesen angefertigten, 15 Schreibmachinenseiten umfassenden Information über Gehlens Mensch an. „Nach meiner Meinung ist dieses Buch die bei weitem talentvollste Leistung, die ein bürgerlicher Philosoph in unserer Zeit vollbracht hat. Merkwürdigerweise war Gehlen (der sich in letzter Zeit uns nähert und sich seit Kriegsende sehr ehrenhaft verhält) seit den Weimarer Tagen politisch ein strammer Nazi – aus fehlgeleiteter Aversion gegen bürgerliche Demokratie und Liberalismus, machte aber in seiner Philosophie wiederum vom Nazitum kaum Gebrauch.“

Gerade im Zusammenhang mit dem soeben vollendeten „Irrationalismus-Buch“, der Zerstörung der Vernunft, sei Gehlens Leistung für Lukács interessant: „Denn hier haben wir ein Beispiel dafür, daß man an die von den Irrationalisten so verhimmelten Instinkte auch ganz anders herangehen kann. Gehlen zeigt nämlich, daß unsere Instinktschwäche Resultat und Voraussetzung alles eigentlich Menschlichen, vor allem der Handlung ist, die die zentrale Kategorie seines anthropologischen Ansatzes darstellt.“ Bereits am 13. Oktober desselben Jahres erfolgte die vorerst zurückhaltende Antwort: „Ich werde selbstverständlich ihren Bericht über das Buch von Gehlen mit Interesse lesen. Da ich aber sehr beschäftigt bin, glaube ich nicht, daß ich jetzt Zeit haben werde, das Buch selbst durchzunehmen.“
Dennoch blieb Harich „lästig“ und insistierte am 24. Oktober, er würde ein Exemplar übersenden. „Wenn Sie Ihr Vorhaben, eine Ethik zu schreiben, verwirklichen werden, wird Ihnen das darin enthaltene Forschungsmaterial über die Zusammenhänge Arbeit-Praxis-Handlung-Motivation des Handelns und so weiter sicher nützlich sein. Denn – nicht wahr? – bei der bloßen Beteuerung, daß Menschen `zweifellos Handelnde´ sind, kann man es doch nicht bewenden lassen. Da ist doch auch auf seiten des Subjekts eine Menge ethisch Qualifizierbares mitgesetzt.“ Die Nähe der Zentralkategorie der Gehlenschen Anthropologie, „Handlung“, zur marxistischen Zentralkategorie „Arbeit“ wird nun nicht bloß von Harich behauptet. Ein halbes Jahr vor der Korrespondenz mit Lukács bestätigte Gehlen in einem Brief an Harich vom 13. März 1952 ausdrücklich diese Nähe: „Hier sehen Sie nun, wie nahe ich inhaltlich einer These von Ihnen komme, denn gefragt, was ‚Handlung‘ sei, habe ich oft geantwortet: Arbeit.“
Es gelang Harich, Lukács‘ Interesse zu wecken: „Daß Sie mir das Buch von Gehlen schicken, ist mir sehr angenehm; bei der Arbeit an der Ästhetik werde ich es sicher lesen“, schreibt er am 18. November 1952. Und tatsächlich findet sich in seiner Bibliothek der Mensch, in vierter Auflage, neben den Erstausgaben von Urmensch und Spätkultur, Anthropologische Forschung und Studien zur Anthropologie und Soziologie.
Scheinbar unabhängig von all dem verfaßte Leo Kofler in Schmollers Jahrbuch 1958 einen programmatisch betitelten Aufsatz über Das Prinzip der Arbeit in der Marxschen und in der Gehlenschen Anthropologie. Tatsächlich liegt die Vermutung nahe, daß der als „ideologischer Schädling“ enttarnte Inhaber des Leipziger Lehrstuhls für Historischen Materialismus, der Anfang der fünfziger Jahre in die BRD gehen mußte, bereits in der DDR von Harich, dem Jungstar der Berliner Philosophenszene, auf Gehlen aufmerksam gemacht wurde. Kofler versuchte hauptsächlich, den in der westdeutschen Soziologie diskreditierten Arbeitsbegriff unter Berufung auf die – damals freilich kaum gegebene – Autorität Gehlens zur Geltung zu bringen. Dieser definiert, der Mensch „bewältigt tätig die Wirklichkeit um ihn herum, indem er sie ins Lebensdienliche verändert“. Kofler hob hervor, daß Gehlen die den gesamten deutschen Konservatismus prägende Entgegenstellung von Kultur und Zivilisation ablehne.

An dieser Stelle sind weitere Ausführungen Gehlens aus dem oben genannen Brief aufschlußreich: „Was Sie nun zur Arbeit ... sagen: Kulturmilieu als die Zuchtwahl ausschaltend, Arbeit als Gruppenerscheinung, Arbeit als teleologische Struktur und Willen, als Askese implizierend und als Vehikel zur Einsicht in Naturgesetze (zu diesem letzten Punkt habe ich gefunden, daß dabei zur Arbeit noch die Kategorie Spiel dazutreten muß) – das alles gefällt mir gut und ich könnte mich da weitgehend mit Ihnen einigen, einige Korrekturen vorbehalten (Arbeit ist nämlich auch einsamer Prozeß des Erfindens).“
Gerade der von Nicolai Hartmann kommende Begriff der teleologischen Setzung, daß also jedwede Handlung ihr Ziel, télos, zuerst ins Auge faßt, sodann in „rückläufiger Analyse“ die einzelnen Etappen der notwendigen Erreichung analysiert und zuletzt in geradläufiger Anwendung der Kausalgesetze in der realen Welt „realisiert“, den Gehlen hier „weitgehend“ akzeptiert, ist in der Lukács’schen Arbeitsontologie zentral.
Und tatsächlich griff Lukács in seiner großen Ästhetik von 1963 oft auf Gehlens Mensch zurück. „So sagt Gehlen...“, „Gehlen bemerkt richtig...“, „gibt Gehlen nun hervorragende und außerordentlich fruchtbare Beobachtungen und Beschreibungen...“: Dies sind oft zu findende Formulierungen, unabhängig vom stets gesehenen „idealistischen“ Fundament Gehlens. Bloß in der Frage des Übergangs von der „magischen Periode“ zur differenzierteren Religiosität in Ackerbau- und Viehzuchtkulturen, diskutiert anläßlich der steinzeitlichen Höhlenmalerei, wird die Rede von der „Metaphysik der Magie“ schroff kritisiert: mit Kategorien der „Metaphysik“, Bewußtseinskategorien also, sei der Übergang von „primitiven“ Produktionsweisen zu komplexeren ebensowenig zu erklären wie die damit verbundenen, marxistisch: davon bedingten, Änderungen gesellschaftlicher Strukturen. Dies sei eine Konsequenz von Gehlens „verzweifeltem romantischen Antikapitalismus“.
Gehlen interessierte sich stets für Lukács Auffassungen; öfter schreibt er von der „Zerstörung der Vernünftigkeit“, ein kenntliches indirektes Zitat von Lukács‘ allgemein angefeindeter Zerstörung der Vernunft, wobei er sichtlich der Diagnose des Ungarn im Wesentlichen zustimmt. Lukács seinerseits hat Gehlen für einen der ganz wenigen nicht irrationalistischen Vertreter des ihm aus seiner Jugend so wohlvertrauten „romantischen“, also bürgerlichen Antikapitalismus gehalten.
Unabhängig davon hat sich Peter Ludz, in den sechziger Jahren nach Wolfgang Harich Lektor und Herausgeber von Lukács, 1962 mit dem Verhältnis von Gehlen zum Marxismus befaßt. „Historisch hat Gehlen ja gleichsam jene Seite des Hegelschen Denkens wieder aufgenommen, gegen die Feuerbach, die Junghegelianer und Marx sich so erbittert gewendet hatten: den objektiven Geist...Gehlens Lehre von den Institutionen ist deshalb auch aus der historischen Tradition des marxistischen Denkens heraus für das Verständnis einer im Ausbau begriffenen bolschewistischen Gesellschaftsordnung von Belang.“ Institution sei für die „Problematik“, marxistisch: Dialektik, von Spontaneität und Organisation wesentlich. „Die Tragik, die in der nicht versöhnten (vielleicht nicht zu versöhnenden) Spannung von ‚Subjektivität‘ und ‚Institution‘ liegt, trifft die Marxisten wie Gehlen.“

Weder Gehlen noch Lukács nahmen die in den siebziger Jahren aufkommende ökologische Frage bewußt auf – nur Harich sah sich veranlaßt, 1975 in Kommunismus ohne Wachstum den Marx’schen Kommunismusbegriff (Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen) als falsch zu kritisieren. Menschliche Bedürfnisse seien als solche unendlich, die Ressourcen endlich. Statt „Überflußgesellschaft“ wäre also eine – wie immer – gerechte Verteilungsgesellschaft anzustreben, die freilich auch antisoziale und andere Bedürfnisse rigoros zu unterdrücken hätte: wachstumsloser, homöostatischer Kommunismus. Die Empörung war allgemein, noch dazu berief sich Harich auf Gehlen, damals in der gesamten politisch noch nicht so korrekten Linken einer der erklärten Hauptfeinde: „Ohne Gehlens Befunde hingen die Marxschen Erkenntnisse, die Erzeugung des Bedürfnisses durch die gesellschaftliche Produktion betreffend, nach der biologischen und psychologischen Seite hin in der Luft, wären unerklärlich.“ Wieweit dieser homöostatische Kommunismus als – mutatis mutandis – marxistisches „Ende der Geschichte“ mit Gehlenschen Befunden über Kristallisation und post-histoire sich trifft, dies zu untersuchen, ist Desiderat nicht nur marxistischer Theorie. Doch ist letztlich nur die Lukács-Schule marxistisch genug, um mitnichten an zwanghaften Fortschritt zu glauben, sondern stets die im Kommunistischen Manifest genannte Möglichkeit des gemeinsamen Untergangs der kämpfenden Hauptklassen ins Auge zu fassen.
Nicht so die Pseudo-Linke: Die Arbeit sei ein jahrtausendealter Denkfehler, mit „Zorn und Ekel“ müsse man sich „vom geistigen Gesamtmüll des Abendlands“ abwenden, Hoffnung vermittle einzig die Perspektive eines „globalen Kibbuz“ – so einer ihrer populärsten Theoretiker, Robert Kurz. Noch populärer, global erfolgreich ist Toni Negri; in seinem Bestseller Empire wird unter der Bedingung, daß „die Schranken niedergerissen werden, die wir zwischen Mensch, Tier und Maschine errichtet haben“, die aus diesen Elementen bestehende „theurgische Menge“ den Kommunismus herbeiführen.
Gehlen – und mit ihm Lukács – würde das als „Maulburschentum“ bezeichnen. Ernsthaft hingegen wäre die Frage zu stellen, wie weit die Auflösung der Institutionen (Gehlen) beziehungsweise die „Zerstörung der Vernunft“ (Lukács) gesamtgesellschaftlich vorangeschritten ist.

Institutionen – im Gehlenschen Sinn – gehören ontologisch der Sphäre des objektiven Geistes an, der, wie Nicolai Hartmann trocken definierte, Individualität, nicht jedoch Bewußtsein hat. Eliten sind entweder die Vorkämpfer ihrer Institutionen – oder die anderer, seien diese räumlich anderswo oder aber zeitlich künftige. Leo Koflers Befund über die herrschende, also bürgerliche, Elite der BRD als nihilistisch und dekadent, war von Gehlens Einschätzung nicht weit entfernt. Allerdings setzte der unverbesserliche Optimist Kofler dem eine „progressive Elite“ entgegen, geprägt von allgemein-menschlichen Tugenden wie humanistischer Bildung, Askese und Opferbereitschaft; reale Zahlenverhältnisse konnten ihn dabei kaum irritieren. Kurz vor seinem Tod, um 1990, gab er jedoch in Gesprächen Gehlen recht und isolierte sich in der Linken durch dort als schockierend empfundene Aussagen: nichts bedeute der Tod von einigen konsumgierigen, US-Fähnchen-schwingenden, auf künftige gute Jobs im „Gelobten Land“ schielenden Studenten am Platz des Himmlischen Friedens in Peking gegenüber den realen Bedürfnissen eines Milliardenvolks, das zumindest weit weniger hungere als das indische. Außerdem gäbe es nur eine zwingende Konsequenz, wenn die Parteiprogramme nicht mehr unterscheidbar seien, nämlich die sofortige ersatzlose Streichung des allgemeinen Wahlrechts.
Mit dieser Kälte im analytischen Blick ist Kofler ein enger Verwandter von Gehlen. Gehlen selbst hätte sicherlich die Vorgänge um den 11. September 2001 und dessen Folgen über seine Institutionenlehre interpretieren können. Gehlen hat immer das Verschwinden kriegerischer Tugenden bei den neuen Führungseliten beklagt. Er hat damit die Führungseliten des „alten Europa“ gemeint. Und es wäre ihm nicht entgangen, daß sich andernorts neue kriegerische Eliten bilden. Die Institutionen sind keineswegs „unglaubwürdig“ geworden, sie sind in Auflösung oder sogar schon aufgelöst. Ihre Ordnungsfunktionen sind an nicht-legitimierte und nichtlegitime, ja kaum legale „Ordnungskräfte“ übergegangen. Diese jedoch können nicht entlasten. Daneben bestehen (ethnisch und religiös) minoritäre Parallel-Institutionen, deren Ordnungsfunktionen evident sind, deren Entlastungsfunktionen jedoch zumeist übersehen werden. Dies ist fatal.
Soziologisch gesehen: Die ausführenden Terroristen der RAF waren ebenso gebildete upper middleclass-Söhne wie die der Al-Kaida, die Planungsstäbe waren hier und sind dort zweite oder dritte Söhne der upper class. Im Gegensatz zur RAF haben die neuen kriegerischen Eliten kein bestimmtes Kriegsziel. Während ihr Institutionalisierungsgrad beständig wächst, nimmt der ihrer Gegner ab, was wiederum Perspektiven auf ein doch nicht ereignisloses post-histoire eröffnet.


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