Sezession
1. Oktober 2003

Die Ursprünge des Faschismus

Gastbeitrag

Wie in der verlöschenden Spätantike, beim Untergang Roms, ließen sich dennoch köstliche Nuancen dem unabwendbaren Geschick abgewinnen: etwa noch einmal am Ende allmählichen Verfalls goldprunkend ein Akrostichon zu dichten, während am Horizont die weißen Barbaren auftauchen. Die großen Dichter der Décadence – von Baudelaire bis Verlaine und hin zu Stefan George – fanden in ihrer „Spätantike“ zu neuen Worten und Klängen, die in raffinierte, hermetische „Ausdruckswelten“ hineinführten und das Treibhaus, den Sumpf oder die lagunenfeuchte Schwüle bürgerlicher Zustände für Augenblicke vergessen machten. Die „schöne Décadence“ war freilich auch nur ein hilfloses Mittel verworrener Bürgerlichkeit, der Unsicherheit einen Reiz abzugewinnen und das Dasein wenigstens ästhetisch rechtfertigen zu können. Die Décadents, Richard Wagner, den sie als ihren Gott feierten, und Nietzsche, der abgefallene Erzengel des Meisters, der Luzifer ästhetischer Weltbezwingung, wollten allerdings über das Schöne in die authentische Welt leiten, auf geistige Substanzen hinlenken, die kaum noch zu ahnen waren unter dem pompösen Zierat, mit dem die Bourgeoisie ihre Nichtigkeit feierlich umhüllte.
Wer immer die Welt ästhetisch rechtfertigte und die Befreiung des Menschen nicht zuletzt als Emanzipation vom schlechten, alles Edle erstickenden Geschmack verstand, mußte sich konsequenterweise gegen den häßlichen Bürger und seine die Welt entzaubernden und entstellenden, häßlich machenden Absichten wehren. Der Bürger ist der Egoist, der nur seine Geschäfte kennt, seinen Erfolg darin sieht, andere zu übervorteilen, um selber nicht benachteiligt zu werden. Der bürgerliche Kapitalist, der das Geld, dessen Macht ihn umtreibt, endlich über den ganzen Globus jagt, kennt nur eine Freiheit: ungehemmt mit den Geldströmen mitfließen zu können. Das Vaterland, die Nation, gebraucht er als feierlichen Vorwand, sobald beides seinen Geschäften nutzt. Stehen sie seinen Interessen im Wege, dann beschwört er als Kosmopolit die allgemeine Menschlichkeit, die der Menschheit dienende Handels-, Wettbewerbs- und Marktfreiheit.
Das Geld ist der allgemeine Wert aller Dinge. Es hat die Menschen, die Einrichtungen ihres Zusammenlebens, die Natur, die Kultur ihres eigenen Sinnes beraubt und verwandelt alles zu verwertbarer und konsumierend bewertbarer Ware in den Zusammenhängen rein ökonomischer Zweckmäßigkeit. In einer veräußerlichten Umwelt, in der der Mensch den Menschen und die Natur nur als Fremdes und Befremdendes erlebt, muß unweigerlich die Kunst gleichsam sprachlos werden und sich der Jargons der Unterhaltungsindustrie bedienen, um die entfremdeten Kunden oder Verbraucher erfolgreich abzulenken und blendend zu amüsieren. Das war die Sorge Wagners. Das war früher schon die Sorge Pierre-Joseph Proudhons, seines freiheitlich-antikapitalistischen Lehrers. Das war die Sorge des jungen Karl Marx. Karl Marx hielt den Bürger für antisozial wie den Juden. Der Bourgeois wie der Jude vermögen nichts Neues zu schaffen. Sie ziehen die Weltverhältnisse in den Bereich ihrer Betriebsamkeit zum Zwecke egoistischer Gewinnmaximierung. Darüber erweist sich der Jude als kein besonderes, von der bürgerlichen Gesellschaft unterschiedenes Glied. Vielmehr ist er, wie Karl Marx lakonisch bemerkte, der typische Ausdruck „von dem Judentum der bürgerlichen Gesellschaft“.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.