Sezession
1. Oktober 2003

Die Ursprünge des Faschismus

Gastbeitrag

Die kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft des uneingeschränkten Egoismus zerreißt alle geselligen Bande. Das sagten Fourier, Proudhon, die Sozialisten, das sagte Karl Marx, das sagten Konservative oder Reaktionäre wie de Maistre, Bonald oder Paul de Lagarde und Langbehn, der „Rembrandtdeutsche“. Die kapitalistische Internationale veräußerlicht alle sittlichen, natürlichen oder künstlerischen Verhältnisse und Eigenheiten. Um seine „Menschheit“ zurückzugewinnen, muß sich der Bourgeois zusammen mit dem Juden von der kapitalistischen Gesinnung und Praxis befreien. Beide müssen sich gemeinsam durch Vernichtung ihrer Bürgerlichkeit zum Menschen befreien. Der häßliche Bürger und der häßliche Jude als Diener des häßlichen Kapitals verschmolzen für Sozialästheten, zu denen Proudhon, Marx und Wagner gehörten, zu einer möglichst zu überwindenden Figur. Zu überwinden durch ästhetische Erziehung im Sinne Schillers, der zuerst die entsetzliche Entfremdung des Menschen in der geistlosen, mechanischen Welt staatlicher und kapitalistischer Routine beschrieb.
Die Rettung kann nur von der Kunst, von dem Künstler kommen, der die Stimmen der Natur und der Götter versteht und deren Botschaft zu übersetzen vermag. Pierre-Joseph Proudhon hoffte auf diesen Künstler. Richard Wagner beanspruchte, der Ersehnte zu sein. Für die meisten antibürgerlichen, antikapitalistischen und antijüdischen oder schon antisemitischen Europäer war er der „Meister“, der den Weg ins Freie wies, in eine „unbürgerliche“ Welt der Schönheit, in der jeder als „Vollmensch“ zur „Lebenstotalität“ gelangt, seinem freien Instinkte folgt, die ihn in Übereinstimmung mit der Regelmäßigkeit einer wohlproportionierten Ordnung halten, die kein jüdisch-christliches Erbe mit seiner Lebensfeindlichkeit aus dem Gleichgewicht zu bringen vermag.
Die Zukunft tritt erst in ihr Recht, sobald die schreckliche Vergangenheit vernichtet worden ist, also nach der Götterdämmerung. Nach der „schöpferischen Zerstörung“ Brünhildes, die Wagners Freund Bakunin wortprunkend feierte. Denn neues Leben blüht nur aus Ruinen. Und der Lebende hat Recht, woran Schiller und seine dankbaren Leser Marx und Wagner, wie deren europäische, schönheitstrunkene Gefolgschaften, nicht zweifelten. „Schöpferische Zerstörung“ meint die Vernichtung der bürgerlichen Welt, der Welt der Lüge, der ideologisch-historischen Kostümierung von Ausbeutung und von ihr ablenkender Kunst- und Unterhaltungsindustrie. Der Liberalismus und der Parlamentarismus sind unter solchen Voraussetzungen nur ein großer Vorwand, um den bürgerlichen Egoismus zu kaschieren, der für seine Vorteile einer in sich uneinigen Gesellschaft bedarf, darum bemüht, die Bündelung aller Kräfte unbedingt zu verhindern und einen élan vital der Gesellschaft zu ersticken, die sich als Volk erkennt und als Volksgemeinschaft lebt und handelt.


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