Sezession
1. Juli 2003

Kontinentalblock Eurasien

Gastbeitrag

Allianzen setzen ein Motiv, einen bestimmten Zweck voraus, der eine gewisse Konformität der Interessen erhält. Der Sinn der Nato lag im Antikommunismus. Ihre Auflösung war programmiert. Das Bündnis verlor seine Daseinsberechtigung, sobald die Furcht vor dem Kommunismus und der Sowjetunion nachließ. Schon vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion hielten US-Amerikaner wie David P. Calleo 1987 die Nato für eine überholte Konstruktion, was bedeutete, den transatlantischen Beziehungen eine neue Interpretation zu geben. Calleo, auch ein europäisch-historischer Kopf, beklagte, daß die USA nicht zuletzt von den Europäern in eine hegemoniale Rolle gedrängt worden waren, die eben nicht mehr in freier Partnerschaft sich äußerte, sondern zunehmend in einseitiger Dominanz. Die USA hätten die Welt nach dem Kriege pluralistisch erneuert und dann nach und nach ein Verständnis für dies Pluriversum verloren, das sie immer entschiedener mit ihrem Willen harmonisieren, gleichschalten wollten. Das überfordere endlich ihre Möglichkeiten.
Jenseits von einer unverhohlenen Hegemonie im Beziehungsgeflecht mehrer Großmächte oder Staatenvereinigungen, die, wie Europa, zum Rang einer Weltmacht aufsteigen, müßten die USA zu neuen Übereinkünften gelangen, nicht unähnlich dem früheren Konzert der Mächte, jetzt einem Ensemble der Weltmächte, die über den Weltfrieden wachen. Der Kalte Krieg und der Rüstungswettlauf hatten, wie alsbald auch Paul Kennedy zu bedenken gab, die USA überanstrengt. Calleo sprach nicht vom Rückgang amerikanischer Macht. Er verwies darauf, daß andere aufstiegen, sich den amerikanischen Möglichkeiten näherten, daß die Welt sich nicht in ein Universum unter amerikanischer Führung wandele, sondern als Pluriversum zu einer neuen „Verfassung“ fände. Diese Entwicklung werde es den US-Amerikanern gerade leichter machen, ihren Einfluß wohltätig zur Geltung zu bringen. Die USA müßten es nur lernen, sich in der multipolaren Welt, die sie selber geschaffen hatten, wieder einzuleben.
Das waren sehr vernünftige Überlegungen, nicht zuletzt zum Vorteil der USA, deren ökonomische Basis nicht mehr stabil genug war, um die Hegemonie, die Anführung eines Bundesgenossenverbandes, gar zu effektiver Weltherrschaft, zu imperialer Weltdurchdringung zu erweitern. Der Zusammenbruch der Sowjetunion wurde aber nicht als Warnung verstanden, die eigenen Überanstrengungen zu bedenken. Die USA verstanden sich als Sieger im Kalten Krieg und glaubten kurzfristig sogar daran, das Ende der Geschichte sei erreicht in einer Welt, die nur noch ein Ziel kennt, in alle Ewigkeit mit den USA zu verschmelzen. Ein Triumphalismus überwältigte selbst klug-zurückhaltende US-Amerikaner. Die USA, die einzige Super - oder Hypermacht, ließen sich nach und nach von den Verfechtern ihres imperialen Auftrages suggerieren, die unentbehrlichen Nation zu sein, die überall für Ordnung zu sorgen hat. Die einzige Nation, die zu den Waffen greifen darf, weil sie genau weiß, wann die Stunde gekommen ist, wann alles schweigen muß, um den Waffen als Argument Gehör und Überzeugungskraft zu verleihen.
Das Ende der Geschichte ist nicht erreicht. Ganz im Gegenteil, der unbefangene Imperialismus der USA weckt diffuseste Tendenzen, sich US-amerikanischer Begehrlichkeiten oder Verworrenheiten zu erwehren, was die Geschichte als unbestimmte Summe mannigfacher Bestrebungen und Tätlichkeiten ungemein belebt. Zu den großen Lebenslügen der Gegenwart gehört die Legende vom Niedergang der Nationen. Die USA, die unentbehrliche Nation, um mit Madeleine Albright zu reden, veranschaulichen überschwenglich die Selbstgenügsamkeit der Nation und des Nationalen Gedankens, die pralle Gegenwart des Nationalismus. Die USA beschäftigen sich mit der Welt nur insoweit, als es notwendig ist, die eigene Sicherheit und Unverletzlichkeit vor jeder Bedrohung zu schützen. Die USA verhalten sich nicht, wie Kennan es hoffte, im Bewußtsein ihrer Stärke überlegt und überlegen. So stark und unverletzlich wie sie sind, zeigen diese „göttlichsten Götter“, um mit Wagners Loge zu reden, Angst und Furcht. Sie wollen absolut sicher auf ihrer „glücklichen Insel“ sein. Allein ihre Sicherheit interessiert diese Weltmacht, die es mittlerweile als selbstverständlich voraussetzt, daß sich die Welt insgesamt unsicher fühlen muß, sobald ein Schweißausbruch die USA überfällt.


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