Sezession
1. Juli 2003

Kontinentalblock Eurasien

Gastbeitrag

Europa kann nur zusammen mit Rußland zu einem neuen Selbstbewußtsein finden, zu einer Großmacht werden, die den Mut hat, eine solche zu sein. Hier aber ergeben sich sofort Schwierigkeiten. Die USA wünschen keinen handlungsfähigen, selbständigen europäischen Rivalen, einen Kontinentalblock unter Einschluß Rußlands. Befangen in ihrem Nationalismus fürchten sie ein Wiedererwachen des russischen Nationalismus, den sie wie jeden Nationalismus als Gefahr einschätzen. Die USA wollen, wie im Kalten Krieg, Rußland möglichst „eindämmen“, eingekreist, in seiner Bewegungsfreiheit eingeengt wissen. Für die Europäer hingegen eröffnet Rußland wieder Räume, von denen sie zeitweise abgeschnitten waren, und die mit Europa zusammen einem Großraum bilden, wie ihn die Geschichte als Geographie in Bewegung, um mit Herder zu sprechen, vorbereitet hat.
Geopolitik und das Denken in Großräumen gewinnen unter dem Eindruck der Mondialisierung, der Weltzusammenfassung als Beziehung von Räumen, eine neue Bedeutung. Die Europäer sind darauf insofern unzulänglich vorbereitet, als sie über eine Freihandelszone hinaus kaum eine Idee von Europa als geistigem Raum besitzen, der sich historisch vertieft als eine politische Einheit zu erkennen gibt. Die militärische und außenpolitische Uneinigkeit und Konzeptionslosigkeit der Europäer ist ihnen während der angelsächsischen Vorbereitungen zum Irakkrieg besonders deutlich geworden. Ein uneiniges Europa behindert allerdings den Weg zu Emanzipation und Selbständigkeit, das Ziel sämtlicher Bemühungen um Europäische Einigkeit und Eintracht.
Die Verständigung zwischen Paris, Berlin und Moskau war zuerst einmal ungewohnt für viele Europäer. Außerdem bewirkt sie unweigerlich die Sorge, unter die Hegemonie der drei großen Mächte innerhalb Europas zu geraten. Dieser Verdacht ist, ungeachtet einige Taktlosigkeiten Chiracs, nicht unbegründet. Denn es ist, bei dem Mangel an europäischer Koordination, unvermeidlich, daß die wichtigsten Staaten Europas sich verabreden und zusammenwirken. Entsprechend ihrer Bedeutung innerhalb Europas wird ihr Beispiel die anderen nach und nach beeinflussen. Im Deutschen Bund des 19. Jahrhunderts, einer Konstruktion nicht unähnlich der EU, blieb den anderen deutschen Staaten wenig anderes übrig, als sich in die Ratschläge Preußens und Österreichs zu fügen, sobald beide einig waren.
Deutschland und Frankreich sind der Kern Europas. Widerwillg wird das von den übrigen Europäern anerkannt. Ein Kerneuropa ist seit Otto Hintze in der verfassungs - und sozialgeschichtlichen Diskussion ein geläufiger Begriff. In dem Raum, den das fränkische Reich der Karolinger umfaßte, machten sich über mehr als ein Jahrtausend bis heute immer wieder die verändernden, die dynamischen Kräfte bemerkbar. Eine enge Übereinstimmung zwischen Paris und Berlin entwickelt wie eh und je eine Sogkraft, der sich allmählich auch die Widerstrebenden nicht werden entziehen können. Es gilt alle Absichten, die einmal mit dem Elysée-Vertrag verknüpft waren, zu revitalisieren, tatsächlich eine deutsch-französische Einigkeit herzustellen, die gar keiner umständlich organisierten Einheit bedarf. Einmütigkeit genügt, um zumindest den Kern Europas zu einer selbständigen Kraft auszubilden. Rußland von Randeuropa her, kann diese Entwicklung am nachhaltigsten unterstützen. Rußland sucht den Wiederanschluß an Europa, die „Eingemeindung“ in unterbrochene Zusammenhänge. Es bedarf bei den ungewißen Ehrgeiz der Völker und Mächte im asiatischen Raum unbedingt freundlicher Beziehungen zu Europa. Zusammen mit Europa kann die wichtigste Atommmacht nach den USA wieder ihrer Funktion als Weltmacht gerecht werden, gerade zum Vorteil Europas bei Konflikten im eurasischen Raum oder bei der Bemühung, sie erst gar nicht aufkommen zu lassen.


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