Sezession
1. Juni 2009

Der Typ Heydrich

Gastbeitrag

Dabei war nichts von alldem dieser »Supernova« in die Wiege gelegt. Reinhard Tristan Eugen Heydrich war ein Kind der Musik. Am 7. März 1904 wurde er in Halle an der Saale geboren. Er lernte virtuos Violine spielen, besuchte neben dem Gymnasium die Konservatoriumsklassen für Klavier, Cello und Komposition – aber dem ewig musizierenden, zum Katholizismus konvertierten und frömmelnden Elternhaus entfloh der 18-jährige Abiturient in seine erste Karriere: Er wurde Seekadett in der ersten Nachkriegscrew der kleinen Kriegsmarine der Weimarer Republik. Fast zehn Jahre träumte er den Traum vom Admiral. Dann gab die ehrpusselige Marine dem Oberleutnant zur See Reinhard Heydrich wegen einer Mädchengeschichte, auch nach damaligen Ehrbegriffen eine Lappalie, den »schlichten Abschied«. Im April 1931, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, war er arbeitslos.
Durch familiäre Beziehungen kam er in Kontakt zu den Nationalsozialisten, von denen er bis dahin keine gute Meinung hatte. Die Bewegung schien ihm politisch wirr, die Parteimiliz, die SA, war ihm zu plebejisch. Doch der Sohn von Heydrichs Patentante, Freiherr Karl von Eberstein, Nationalsozialist der ersten Stunde und bereits »SA-Oberführer von München-Oberbayern«, kannte den Stabschef der SA, Ernst Röhm, und den diesem unterstellten »Reichsführer« der noch jungen SS, Heinrich Himmler. Die SA, machte er Heydrich klar, sei »die Linie«, doch in der SS werde »die Garde« aufgebaut, »eine absolute Elite, in der auch Akademiker, Intellektuelle, Ex-Offiziere und Adlige« gut aufgehoben seien.
So wurde der arbeitslose Heydrich überredet, sich bei Himmler vorzustellen. Der hatte von Hitler gerade den Auftrag erhalten, einen geheimen Nachrichtendienst aufzubauen, dessen Aufgabe es sein sollte, die zahlreichen Agenten der politischen Polizeien Weimars aufzuspüren sowie Strukturen gegnerischer Organisationen und besonders gefährliche Personen »aufzuklären«.
Himmler war beeindruckt von Heydrich. Der Marineoffizier a. D. wirkte auf den »Reichsführer« wie ein Diamant unter Glasperlen, »ein Mann aus einem Guß«. Er repräsentierte das germanische Ideal, wie es Himmler vorschwebte: hochgewachsen, blond, leistungsbereit und leistungsfähig – und er hatte jenen metallischen Zug im Wesen, der als Ausweis besonderer rassischer Begnadung galt. Heydrich nahm die Stelle an und baute – mit wenig Geld und aus kleinsten Anfängen heraus – einen schlagkräftigen Sicherheitsdienst (SD) auf.
Nach 1933, nach der Machtergreifung, wurden die Dimensionen sprunghaft größer: Heydrich blieb Chef des SD und wurde zusätzlich nacheinander Chef der Bayerischen Politischen Polizei, dann der Geheimen Staatspolizei und der gesamten deutschen Kripo, 1939 schließlich des Reichssicherheitshauptamts. Bei der Auswahl seiner engsten Mitarbeiter setzte er von Anfang an auf Fachleute, eine handverlesene Elite. Er warb Einser-Juristen an, »Summa-cum-laude«-Historiker, Volkswirte, Ingenieure und Pädagogen. Eine stramme NS-Gesinnung war ihm weniger wichtig als herausragendes fachliches Können. Was darunter zu verstehen war, verdeutlicht beispielhaft die Figur eines Theologen, dem er die Leitung des Referats zur Überwachung des »Politischen Katholizismus« anvertraute: Dr. Dr. Wilhelm Patin. Ihn ließ Heydrich die klerikale »Gegnergruppe « ausforschen und analysieren, die er für noch gefährlicher hielt als die Kommunisten. Patin, aus »bester Familie«, hatte Theologie studiert und war zum Priester geweiht worden. Nach Zwischenstationen als Religionslehrer und Bayerischer Hofstiftskanonikus hatte er nach dem Dr. theol. noch den Dr. jur. erworben. Er hatte ein Buch über Niceta, den Bischof von Remesiana, und eine Studie über das bayerische Religionsedikt von 1818 veröffentlicht und war Inhaber hoher bayerischer ziviler und kirchlicher Auszeichnungen. Wie er erlagen viele glänzende akademische Erscheinungen und herausragende Kenner ihres Fachs den Verlockungen von Heydrichs SD.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.