Weltfremdes Politisieren

dürfte wohl die geringste Gefahr sein für jemanden, der hauptberuflich mit Kindererziehung betraut ist.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Den­noch ist´s ja kei­nes­wegs so, daß alle Eltern und das mit­wir­ken­de päd­ago­gi­sche Per­so­nal aus den Nie­de­run­gen des All­tags die glei­chen erzie­he­ri­schen Schlüs­se zögen. Seit Jah­ren, even­tu­ell seit Jahr­zehn­ten, kla­gen Leh­rer, daß sie von Eltern kei­ner­lei Rücken­de­ckung erfah­ren. Im Gegenteil:

Wenn sich Eltern über­haupt enga­gie­ren, tun sie das als Anwäl­te ihrer Zög­lin­ge, und wo das nicht aus­reicht, ver­meint­li­che Schü­ler­rech­te durch­zu­set­zen, wird immer häu­fi­ger juris­ti­scher Bei­stand ein­ge­holt. Trau­ri­ge Zustände!

Ja, es wär schön, wenn in Fra­gen der Bil­dung an einem Strang gezo­gen wer­den könn­te. Wenn die Auto­ri­tät des Leh­rers unhin­ter­frag­bar wäre. Man­che Eltern füh­len sich sau­wohl in der Rol­le des Que­ru­lan­ten (ein Phä­no­men, das es nahe­zu aus­schließ­lich in west­deut­schen Groß­städ­ten gibt), ande­re has­sen es. Ich zum Bei­spiel. Mir erscheints güns­tig, ein paar Bil­dungs­auf­ga­ben an fach­lich aus­ge­bil­de­te Kräf­te dele­gie­ren zu kön­nen. Metho­den und Inhal­te, die mir ver­quast erschei­nen, schluck ich gern mal, weil ich weiß, daß unse­re Kin­der (also: die älte­ren; und die Grund­schu­le ist hier ohne­hin mus­ter­gül­tig) in der Lage sind, Fehl­in­for­ma­tio­nen oder Quatsch als sol­chen ein­zu­ord­nen. Das wird beim Abend­brot dann süf­fi­sant berich­tet, und alle lachen herzlich.

Gele­gent­lich ver­siegt das Lachen, dann herrscht ech­ter Kum­mer. Jüngst war bei der 13jährigen in Musik wie­der Vor­sin­gen nach Noten ange­sagt, heißt: Beno­te­tes Sin­gen. Daß San­ges­kunst über­haupt noch zen­sur­fä­hig ist, hat uns schon frü­her ver­blüfft – gut, soll sein! Das Lied­chen darf aus­ge­wählt wer­den, aller­dings: seit Jah­ren aus dem glei­chen Vorsing-Repertoire.

Die Toch­ter mecker­te: „So ein Kitsch! So ein Schmu! Ich ver­sin­ke in den Boden, wenn ich das sing!“ Und die Mit­schü­ler? Ver­sin­ken die auch? „Nee, nur teils. Die ande­ren wackeln lus­tig mit den Hüf­ten dazu.”

Zur Wahl stan­den: Mam­ma mia, I will fol­low him, Won­derful World und Sum­mer Loving.

War­um eigent­lich die­ser obli­ga­to­ri­sche Bezug auf das immer­glei­che Lied­gut, frag­te ich die Leh­re­rin, wo wäre denn da der Plu­ra­lis­mus? Oder sei der ame­ri­ka­ni­sche Pop­song seit Jah­ren Lehrstoff?

Die Frau ver­nein­te und sprach ihren Text (den ich wie­der­um ein­ser­mä­ßig vor­tra­gen könn­te) vom „die Schü­ler dort abho­len, wo sie ste­hen“. Herr­je, also steht unser­eins wie­der allein rum und wird dort stehengelassen.

Und, nein, Unter­richts­the­ma der­zeit sei Barock.

In der Musik­stun­de drauf wur­de wie­der gesun­gen. Und zwar deut­scher Sang – soll man tri­um­phie­ren? Sogar was „Baro­ckes“, näm­lich der Rap Ba-ba-ba-ba-ba-Rock! Eine Textpassage:

Bach-Vival­di-Bach-Vival­di- Bach-ach!
Claudi-Claudi-Claudio-Monteverdi-oh!

Jaja, sehr hübsch, das. Kunst­voll ist neben den all­fäl­li­gen Beat­box­ge­räu­schen (tst­st­sts…, bum­bumt­schak) am Ende mit eh eh eh eh eh noch der Gitar­ren­sound von Smo­ke on the water ein­ge­baut. Punkt­sieg für die Musik­päd­ago­gin. War eh´ klar, böse Men­schen ken­nen kei­ne Lieder.

Und natür­lich hat sie vol­le Rücken­de­ckung aus dem Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um. Das näm­lich nennt auf der Netz­sei­te sei­ner Behör­de Bun­des­prüf­stel­le etli­che Grün­de, war­um bes­ser nicht nur in Musik, son­dern auch in Reli­gi­on und Deutsch los­ge­rapt wer­den sollte.

Prompt liegt mir zu die­ser staat­li­chen Hand­rei­chung ein fei­ner, schmut­zi­ger Rap auf der Zun­ge. Aber den ver­kneif ich mir lieber.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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